Laienbrevier
Dreiundzwanzigster September

XXIII.


Ein großes Wort tönt durch die Himmelshallen
Und Tag' und Werke, Sonne, Mond und Erde,
Sie sprechen aus das lebensfrohe Wort:
"Das Schaffen hat nur Werth, nicht das Geschaffene;
"Was wird, das lebt! Gewordenes ist todt."
So glaubt der Mensch: Das All ist nicht geschaffen,
Sonst wär' es todt. Es lebt und wirkt und währt;
So ist denn keine Schöpfung: Ein Erschaffen,
Ein unaufhörlich Schöpfen ohn' Erschöpfen
Nur ist: es giebt nur eine große Werkstatt,
Drin alle Hämmer leben, alle Zangen,
Die Blasebälge, Feuer, Wasser, Amboss',
Und mit dem einen großen Meister leben
D i e   k l e i n e n    K ü n s t l e r ;   aber   I h r e    W e r k e Vollenden sie, und fertig sind sie todt,
Sie werden Staub — und mit der Welt vergessen.
Der große Meister aber   e n d e t    n i e ,
Und Alles, was er macht, wird nimmer fertig.
Schon Millionen Jahr schafft er —und
Noch keine Blume hat er fertig! nicht
Das Veilchen, nich die Rose, nicht den Klee,
Die Palme, nicht den kleinen Gundermann!
Den Mond, das Gras, nicht das Johanniswürmchen!
In jedem Jahre schafft er eifrig dran.
So schafft er eifrig auch am Menschen fort;
Und da er götterhaft zu seinen Werken
Geworden, sie mit seinem Geist beseelt,
Sich in die Heil'gen heilig sich verwandelt,
Um Alles Selbst zu sein, und selbst zu kennen,
So helfen alle Werke hold ihm schaffen,
Ein jedes Veilchen hilft ihm Veilchen schaffen,
Ein Oelbaum hilft am Oelbaum schaffen,
Die Nelken helfen an der Nelke schaffen,
Die Menschen helfen an dem Menschen schaffen,
Jedwedes hilft an seinem eignen Werden,
Die Muschel und die Bäume — und das Meer!
Denn auch die Werkstatt hilft der Werkstatt selbst
Erschaffen, neu ihm machen, blank erhalten
Als wär' sie erst heut Morgen aufgethan.
So hilft das Eine treu das Andre schaffen!
Das Meer die Wolken; und der Wind den Regen,
Der Regen das Gras, das Gras die Lämmer —und
So wird er selbst nicht fertig, nicht die schöne Aster,
Die Abendröthe nicht, und nicht der Herbst,
Die Traube! nicht der Mensch und seine Freude
Und in dem ew'gen Werden wird er ewig,
Und ruhig und verständig spricht er selbst:
"Das Schaffen hat nur Werth, nicht das Geschaffne;
"Was wird, das lebt; Gewordenes ist todt. —
"Das Große Wort tönt durch des Himmels Hallen."