Am 7. November 1821 heiratete Leopold Schefer  — er ist 35 Jahre alt  —seine Kindheitsfreundin Johanne Friederike Lupke (geboren am 8. 9. 1798), die jüngste Tochter des Johann Gottlieb Lupke, des Meisters und Öberältesten des Schuhmacherhandwerks in Muskau. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor: 
           Marianne Schefer (* 06.10. 1822),
           Alexander Schefer (* 08.02.1824),
           Salianne (Sally) Schefer (* 26.04. 1828),
           Hilda Schefer (* 31.10. 1832),
           Thekla Schefer (* 27.12. 1834).
Am 1. September 1831 bezog die Familie Schefer das neue Haus am Köbelner Tor.  — Schefer ist 45 Lahre alt. —
Leopold Schefer durchlebte in dem ca. 4000 Einwohner zählenden Kleinstädtchen Muskau, in seinem selbsterbautem Hause, mit seiner Familie eine Zeit des großen musischen Schaffens und Schöpfertums. Er war gegenüber der Welt keineswegs verschlossen. Ihm stand nach wie vor die reichhaltige Callenberg-Pückler'sche Bibliothek im Schloß Muskau zur Verfügung. Die Korrespondenzen gingen in Schefer's Haus rege ein und aus!  Wahr ist, daß er keine "Weltreisen" mehr unternahm.
Es war kein Eremitendasein wie ihm oft nachgesagt wurde, sondern eine Zeit eines liebevollen Vaterseins in einer großen Familie und eine Zeit großen Schöpfertums. Man ahnt hier, welch große Bedeutung Ehefrau Friederike für Leopold und sein Schaffen haben mußte.
— Schefer ist 59 Jahre alt — da stirbt seine Frau Friederike.

Bettina und Lars Clausen schreiben:
Zitatanfang:
. . . „Doch bereits an der großen und von ihm herzhaft begrüßten Wendemarke — dem 48er Jahr — bewegte sich ihm schon alles im Aschenlicht: 1845 starb seine Frau. Das schlug nach einem Vierteljahrhundert, den Stützpfeiler seines Lebenswerkes weg, auf den alles gebaut war. Er hörte nie mehr zu trauern auf, er hielt mit sinkender Kraft sein Haus zusammen, die Kinder verpaßten, nach und nach, durchaus entgegen seinen Wünschen, die eigene Familiengründung; niemand baut weiter.„
Zitatende.

Leopold Schefer widmet sein Werk seiner Frau Friederike. In der 1845er Ausgabe seiner ausgwählten Werke — 12. Bände — lesen wir in Band I. :

 

               



               

Friederike

Liebes Weib

Erröte nicht, überrascht in Deiner bescheidenen Seele, daß ich Dir Alles widme, was ich im Herzen und Geiste getragen. Kann ich weniger Dein nennen, so wenig es sei, da Du mir Alles geweiht und geschenkt: Dein Liebe, Dein Leben, Jugend und Schönheit, alle die Tage, die Frühlinge, jeden Gedanken, jedes Gefühl — Dich selbst! und auf welche Dauer!  Denn selbst nach dem vollständigsten Weltuntergange soll ja niemand mehr freien noch sich freien lassen — und so bist Du und bleibst Du denn  m e i n e   e i n z i g e   F r a u seit aller Zeit und auf alle Ewigkeit. Allen ist Alles einzig, jede Freude jeder Schmerz. Und, liebe Seele, das wußten wir Beide, so haben wir gelebt, so uns geliebt, so ruhig, ja fast verborgen und ungekannt gestrebt: das einfach-schönste Glück aller Menschen aller Zeiten in unserem Hause an uns und durch uns wahr zu machen. Und fast ein Vierteljahrhundert ist uns das gelungen in Gnüge und Frieden.  Dir gegenüber, mitten unter den Kindern ist alles geschrieben. Und wenn Du mich einst begraben hast, dann bewahre das arme kleine Lämpchen, das mir leuchtete, wärend ihr schliefet.  O, unseres schönen, trotz so mancher Versagung, köstliches Leben!  Machte ich Dir die Welt klarer, so lehrtest Du mich: das gute fleißige Weib! die treue, immer sorgsamen Mutter!  Und wenn ich denn Frauen in ihrer Ehrenhaftigkeit, Herzinnigkeit, in ihrem unschätzbaren Werte dargestellt — von Wem konnte Ich das lernen?  Wer ist die Christel in der Osternacht?  Woher quoll der Frieden und die Zufriedenheit in unserem Laienbrevier  —  als aus dem Genuß meines Menschenglückes zumeist nur durch Dich.  Du duldest nur die Wahrheit, erlaube sie auch nur einmal zu sagen.

†                †


          Diese angefangenen Worte blieben so liegen —

D a   s t i r b s t   D u   m i r !   M i r   u n d    d e n   K i n d e n !
 Mein Leben hat Dein Tod beschlossen! ganz!

Aber noch stehen die Pforten der stillen Behausung der Todten mir offen; mir schwebt die Sonne wie ein Traumbild am Himmel, der Frühling hat keine Kraft, und wenn die Erde versänke, mich wun-dert' es nicht. Und auch Du, die Gestorbene, stehst schimmernd vor mir, wie meine Klage zu hören, und ich will Dir erzählen, wie alles geschah. —  Also wie Alle vor uns zuletzt, so hatte auch uns  „ d i e   h e i l i g e   Z e i t “  beschlichen,  u n s e r e   Leidenswochen. Meine Liebe zählte in langer Todesangst um Dich, Dir Deine Tage, viellecht bis zu den Veilchen . . .  zu den Rosen nicht mehr! Daß du keine Schmerzen littest, das täuschte mich und Dich, — das gesegnete Glück. Und so vollbrachtest Du Deinen unerkannten   l e t z t e n  Tag so ruhevoll, so glückselig, wie jenen zuvor, in den Armen Deiner Schwester, die Dir von eurer Kindheit erzählte, von Vater und Mutter; und auch von mir, ja wieder auch von dem Fremden bei uns, der gemeint: ich habe Dich  aus Griechenland Deiner Schönheit willen mitgebracht. Und Du lächeltest noch einmal über das vergängliche Leben. So sank über Dich und die Deinen, um Dich versammelt, der letzte Abend, die letzte Nacht. So schliefest Du lange sanft. So schliefen wir. Doch das weißt Du wohl; aber das weißt Du nicht . . .  Du   s t a r b s t   in der heiligen Frühe (bei Menschen: der heiligen  Frühe zum dritten Mai; bei den Himmlischen: in ihrem zeitlosen Tage).  D u   w a r s t   s o   r a s c h   u n d   s a n f t   e n t s c h l a f e n   w i e   e i n   K i n d !   zum himmlischen Lohn,   o Du Gute! Denn wie der Mensch gelebt, so geht er aus der Welt. Und meine Hand lag leis auf Deinem Haupte und mein Geist segnete Dich.  O da, da mußte Ich aufhören zu klagen; ich mußte die Töchter trösten, denen die Seele gern auch entflohen wäre! Nur Dein Sohn kam erst aus der Ferne und fand seine Mutter im Leichentuch. Welche Klagen hast Du nicht gehört! Welche Thränen nicht gesehn! Nicht gesehn, wie darauf alle Deine Kinder von Dir am Sarge Abschied nahmen, (nur die Kleinste, Deine Thekla nicht, die vor Geschrei: „meine Mutter! meine Mutter!“ nicht zu Dir zu tragen war) —  wie Dein Bruder Dir dankte für Deine treue Schwesternliebe — wie die Freundinnen Dich beweinten — wie ich schluchzend Dir dankte für all Deine Liebe, ja für Dein Leben!  Wäre Ich Dir gestorben, Du hättest es nicht überstanden! Darum bestatte ich Dich lieber! Und so trugen Dich Bergleute, wie Erdgeister, in hoch und frei schwebendem blumenbekränztem Sarge fort aus Deinem in Segen stehendem Hause, aus Deinem Garten fort unter Blüthenbäumen, begleitet von mir und dem Sohne. — Du kennst die bittere Klage der Andromache  — Du bist nicht Wittwe geworden! —  Am Ausgange der heitern Jahre scheidend, ward Dir das einsame traurige Alter erlassen! —  Dir ist kein Kind gestorben! —  Du nicht mich, ich sehe Dich in die Gruft zur Seite meiner Mutter setzen — ach . . . . nicht in die Gruft . . . .  nicht in die Erde, sondern in das Geheimnis des All's! in das schaudernde Wunder des Daseins. Unzählige Menschen umstanden schweigend und weinend Dein Grab — der Abendhimmel ward plötzlich heiter und schön und flammte in Purpur, daß alle betroffen aufschauten. —  Und Du warst verschwunden! Ja, da erst ging meine Liebe mir gar   i n   d a s   H e i l i g e   auf; in das Erstaunen, die Ehrfurcht und göttliche Scheu: Wer der gute Geist war in Deiner schönen Gestalt, der uns wohlgethan, uns gesegnet!  Alle Wunder wurden mir wahr, alle Geheimnisse klar. Denn Niemand durchschaut sie, wenn nicht der Liebende.  Und auch ein Wort ließest Du uns zu Deinem heiligen Angedenken: „Sei ruhig — ich sterbe nicht!“ Das sprach Er aus Dir, aus Du zu uns.
      Und so ist unser Trost — : der welttiefe Schmerz; und unsere Stärkung — : die weltalte Klage und die Thränen,  „Denn das ist die Ehre der Todten.“  Die Würdigung Deines Werthes, die Unvergeßbarkeit Deiner uns immer gegenwärtigen Gestalt.
 

Das nimm zum Todtenopfer!


Geschrieben  Muskau im Mai 1845



Leopold Schefer