Leopold Schefer — Laienbrevier — März XVIII.    
 
Ein vergessener deutscher Dichter neu entdeckt.


Korruption




  Das allgemeinste Laster ist Bestechung,
          der Sinnen,
          und der Meinung, 
          und des Willens:
 Bestochen werden, allgemeines Unglück.

  Durch Gold bestochen werden arme Seelen,
     und geistesarme Reiche geben Gold.

  Doch nicht nur Gaben sind es, die befesseln,
          und die der Hohe,  Geizige  und Schlaue
                 anwendet, um die Menschen nur zu Sachen
                        zu stempeln und zu Dienern seiner Frevel; —
  Sich Dienste leisten lassen,
           auch gewinnt
                 den Tätigen, Ehrgeizigen und Niedern.

  Durch Schönheit wird das Weib schon oft bestochen,
           ja,
                durch Fordern und Nehmen Ihrer Gunst;
                         wer sie nicht mag, der ist ihr ärgster Feind.

  Durch Anerkennung wird der Weise selbst
          geblendet, oft durch angethane Ehre
                ihm unbewußt zu Schmachtat hingeführt,
                       und glaubt den eignen rechten Weg zu gehn.

  Die Güte reißt am weitesten den Guten,
          die Freundschaft treibt den Freund sogar
                       zur Feindschaft  mit Andern.

  Selbst die edlen Gängelbänder
           mißbraucht der Schlaue, Schlechte, reiche Sünder,
                 die Toren zu betören,
                       und er lacht sie aus,
                             wenn sie mit ihrem Willen eifrig,
                                     selbst wider Willen seinen Zweck erfüllen.

  Vor solch schändlichem Betruge rettet
           die Schönen, Weisen und die Guten
                nur ein wahrer Geist, Selbständigkeit und Vorsatz:
                    Geheime Dinge nie an dir zu dulden,
                        noch zuzugeben oder einzuleiten,
                            daß sie geheim an anderen geschehn!

  Gelassenheit, ganz frei von falschem Eifer,
            und Widerstand nur gegen Menschenwerk,
                    gestützt auf eigne gründliche Verbindung,
                           mit Gott, der Herz und Geist auch dir erhellt;

  Das Wissen und die klare Überzeugung:
            Das große, kleine, kleinliche Bestecher
                   in Großem und in Kleinem schmählich walten und schaden.

  Dich beschützt der feste Sinn,
            in allen Dingen keines Menschen Wort zu thun,
                   noch ihm zu glauben,
                          den du nicht geprüft.

  Wer Andere betrogen hat,
            will dich gewiß betrügen, wenn's ihm dient.

Dann lebst du selbst, was dich der Gott geheißen.

Ein elend Wesen — ein bestochner Mensch!

Bedauernswürdig die bestochne Welt!


Die Orginalfassung dieses Gedichts