Kommentar zum Laienbrevier

Erklärungen heute

Brevier - Gebetsbuch... Lehrgedicht... Laienbrevier — Gebetsbuch fürs Volk. Hier findet man aber keine religiöse Indoktrination, keine konfessionellen Bindungen. Hier spürt man den Geist eines Mannes mit hohem ethischen Bewußtsein und Gerechtigkeitssinn, der aus der gesamten Erfahrung seines Lebens geschöpft, sich gewissermaßen spirtuell entäußert. Er möchte seinen Zeitgenossen einiges mit auf den Weg geben. Die Gedanken Leopold Schefers sind eigentlich so universell menschlich, daß sie heute und auch fürderhin Menschen sehr hilfreich und nützlich seien können, Leben und Unbilden des Lebens zu bewältigen. Die moderne medizinische Psychologie würde das unter den Begriff Coping einordnen.

Es ist aber mehr. Diese menschliche Erfahrung ist im Laufe des Lebens gereift in einem empfindsam ehrlichen Gemüt, in einem  nicht korumpierbaren, charaktervollen Manne. Es verschmelzen Emotionalität, die geistige Kraft zur Widerspiegelung und zum Bewerten von seit Kindheit und Jugend Erlebtem, hohes ethisches Bewußtsein und Spiritualität und Fähigkeit zur literarischen Entäußerung, die gleichzeitig Grundhaltung von Leopold Schefer Lebens ist: Etwas über dem Menschen stehendes. Nichts konfessionell - religiös präformiertes, sondern das was Schefer selbst als Pantheismus bezeichnet. Das Werk: Ein pantheistisches Andachtsbüchlein. Ein Bekenntnis zu einem ganz menschlichen Pantheismus, ein Bekenntnis zur Göttlichkeit der Natur und des Alls. Ein "Schefer-Spinozismus", eine Vermenschlichung / Vergöttlichung der Natur und des menschlichen Seins ohne "Neues Jerusalem", ohne "Neuen Himmel und neue Erde", ohne "Neu-Kanaan".

Das Besondere ist: Dieser Pantheismus — ist selbst errungen — in schwerer Auseinandersetzung mit sich selbst, mit seinem EGO, mit der Welt, wie er sie sah und erlebte und studierte. Eine Weltanschauung aus dem eigenen ICH gewachsen, über Jahre gereift, — errungen — bis zur Vollkommenheit im ICH gewachsen — nicht gelehrt bekommen . . .
Das Wertvolle des Schefer'schen Pantheismus ist das "Selbstfinden als Mensch" in dieser komplizierten und komplizierter werdenden Welt. . .

An dieser Stelle sei auf eine Rezension von Wilhelm Wolfsohn zu Schefers Werk "Weltpriester" verwiesen [Blätter für literarische Unterhaltung Nr. 91 und 92, April 1847]. Wie kaum ein Anderer hat Wolfsohn noch zu Lebzeiten Leopold Schefers eine hervorragende Wertung dieses Schriftstellers und Dichters veröffentlicht.

In den letzten Jahren wird die spirituelle Dimension zunehmend in der Medizin diskutiert, erforscht und in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Zahlreiche wissenschaftliche Studien wurden dazu veröffentlicht.
Das Andachtsbüchlein "Laienbrevier" von Leopold Schefer würde auch hier seinen Platz finden: . . . . .  geeignet auch für unsere Tage ! 

Welche Lebensabschnitte Leopold Schefers und Besonderheiten des Lebens geben eine Erklärung für diese Grundhaltung?

Herzens- und Gemütsbildung verdankt er seiner Mutter Hanna Sophie.

Er war der Sohn eines Arztes und sicherlich allein dadurch frühzeitig mit Geburt, Leid, Sterben und Tod, mit Hoffnung, Kommen und Gehen auf dieser Welt vertraut. Spielt sich doch die Kindheit in dem kleinen Muskau ab, welches damals gerade 1000 Einwohner hatte und in der näheren Umgebung. Dort kannte jeder jeden, und jeder nahm am Schicksal des anderen Anteil.

Mit fünf Jahren konnte er Lesen Und Schreiben. Als Kind war er ein "Widerspruchsgeist". Der Vater wollte nicht, daß er sich mit den "Jungen", seinen Kameraden abgebe. "Er sollte nicht verdorben werden." So blieb er in häuslicher Isolation (in Sozialer Deprivation!), die er sie schließlich selber suchte: " . . . .ich lebte fast absolut einsam . . . ."

"Der Vater verbot mir immer viel. Ich sagte gut! Aber sagen Sie mir warum? Und sagen Sie mir dann auch, was ich im Gegenteil thun soll? Er schwieg." "Was ein Mensch nicht darf oder soll, das verlernt er zu können. Also ist Verbieten der Tod für Können und Wollen." (Tb.LXXIX)

(Tb. XVII.S.80), "zwei Jahre, sagte er, habe er sein Zimmer nicht verlassen." (Zit. Bettina Clausen, 1984 S.233). Im Ergebnis: Eine gewisse Weltabgewandtheit in jungen Jahren. Er endeckte bewußt oder unbewußt an sich eine Fähigkeit, über sich und die Welt zu reflektieren (nicht nur nachzudenken, sondern auch zu meditieren und zu visualisieren): "ich ging in der Stube auf und ab und aß nicht, um mich nicht zu stören — ich legte mich ins Bett und träumte und ging wieder, oder stand viertelstundenlang auf einer Stelle, oder lehnte mich über das Klavier, oder über den Tisch wo auf der gewürgten Decke der Globus aufgerollt liegt  . . . . " (Tb.XIV, S. 52).

 Väterliche Freunde und der Umgang im Hause des Grafen Callenberg formten die Vorstellungswelt und Sehnsüchte des Jungen.

Mit 15 Jahren, im Jahre 1799 besuchte er das Gymnasium in Bautzen. Seine Bildung war hier vordergründig musisch orientiert. Sprachen, Kultur, Musik, Mathematik spielten eine besondere Rolle. Während der fünfjährigen Schulbildung am Gymnasium Bautzen begannen seine ersten dichterischen Versuche und die Tagebuchaufzeichnungen. In seinen ersten Tagebüchern notierte er vorwiegend Literaturhinweise und Bezugsquellen. Seine Fähigkeit zur Reflexion seiner selbst mit großem Fleiße nutzend, kamen zunehmend Gedichte, Sinnsprüche, Standpunktdarlegungen hinzu. Er nutzte seine Tagebücher für Excerpte, eigene Annotationen, zur Verständigung mit sich selbst, zur Selbstreflexion . . . .

Eine Introvertiertheit, Egozentrismus, "Ich-Autonomie" in jungen Jahren, die fast an Paranoia denken läßt. Im 18. Lebensjahr - 1804 - beginnt er diese Situation zu überwinden - er findet sich - „ Das LEBEN hub mich selbst wieder aus dem Abgrund, in den es mich gestürzt hatte “ schreibt er in sein Tagebuch in einem zutiefst philosophischen Aufsatz. Seine Psychoaktivität begann ihn zu retten.

Der plötzliche Tod seiner Mutter am 7. November 1808 traf ihn als schwerster Schlag. Lange und demonstrativ in tiefster Trauer verharrend suchte er nach Trost. Tief sinnierend saß er oft und lange Zeit auf einer Steinbank, dort wo er dann später sein Haus baute, gegenüber dem Friedhof an der Jakobskirche, wo nun die Mutter lag. Er dachte über Leben und Tod und den Lauf von Zeit und Welt nach. Zuspruch fand er in allen Schichten der Muskauer Bevölkerung.

Interessant sind seine damaligen Auffasungen über die "Jesus-Schule", gemeint ist die christliche Kirche, die konfessionelle Gebundenheit: "...nichts ist so zum Brechen zuwider wie das Christenthum!" Er meint damit die schulmeisterliche religiöse Indoktrinierung durch die Kirchliche Institution — Staat und Kirche waren nicht getrennt — ! Für Leopold Schefer ist die Bibel das Buch der Bücher, aber eben eine Dichtung, die aus der Phantasie und der Erlebniswelt über das Weltall und das Schicksal der Menschheit und der Welt reflektierender und träumender Menschen entstanden ist.(TB XXVI /XXVII). Er will so wenig Christ sein wie Jesus selbst einer war: 
Jesus verkörpert für Schefer die Möglichkeit, sich selbst, ja jeden Menschen als etwas ewig Bedeutungsvolles, ewig Geliebtes anzunehmen, als etwas ewig Angenommenes zu verstehen, das ohne Vorleistungen moralischer oder religiöser Art: Menschenliebe, Naturliebe, Achtsamkeit.

"Ich bin kein Christ, aber diesen Göttlichen verehr' ich am meisten".

Diesem CHRISTUS stellte Schefer sein ICH gegenüber.

So war Leopold Schefer kein Anhänger einer Konfession oder eines bestimmten Glaubensbekenntnisses.
" . . . . die Natur ist mein Paradigma"  . . . ."



Zu seinen Kindheits- und Jugendfreunden gehörte der nahezu gleichaltrige "wilde" Grafensohn Hermann von Pückler (*1785 — †1871) .

Die unglückliche Liebe zu Agnes von Pückler. Standesschranken waren damals unüberwindlich. Die Leiden des jungen Leopold Schefer waren groß. Das spiegelt sich in seinen Werken wider.

 Am 19. Januar im Jahre 1811 wird der 26-jährige Reichsgraf Hermann von Pückler Standesherr der Grafschaft Muskau.

 Im Jahre 1812 bestellt er seinen um 1 Jahr älteren Jugendfreund Leopold Schefer zum Generalinspektor ( "Vicegraf" ) der Grafschaft Muskau.

Und das während der grausamen Wirrnisse, welche die Napoleonische Zeit mit ihren Durchmärschen, Einquartierungen, Requirierungen und Plünderungen über Muskau und Umgebung brachte  - und eine verheerende Flecktyhusepidemie.  Die schwierigste Zeit, die Muskau je durchlebte, mußte durch ihn in dieser verantwortungsvollen Funktion ("Junger Vater") bewältigt und verarbeitet werden. — Nun wurde es erkennbar: Eine positive Selbstwahrnehmung, tiefe psychisch-spirituelle Durchdringung des Erlebten und Gedachten, hohe Bildung und der nachhaltige Einfluß von Freunden haben schließlich aus den jungen Leopold Schefer einen sozial aktiven Menschen gemacht. ("Nur leben ist das Leben!"; LB-April-XIX)

Leopold Schefers Aufenthalt in Wien (1816) geht mit Krankheit einher. Eine Kur in Baden bei Wien bringt nicht viel. Diagnose des berühmten Dr. Johann Peter Frank: Hypochondrie. Heute würden wir sagen Reaktive Neurose oder Psycho-vegetatives Syndrom.

  Persönlich gereift durch Reisen nach England, Östereich, Italien, Griechenland, Ägypten, Palästina, Syrien, Anatolien, Istambul sammelte er  Eindrücke, die ihn zu zahlreichen Dichtungen inspirierten:

  • Der Kuß des Engels,1816,(Liebe, Herz und Schmerz, Aglaia Wien)

  • Palmerio, 1823 (Novelle über eine Bigamie in Griechenland)

  • Die Deportirten, 1824 (Novelle über eine australische   Sträflingskolonie)

  • Die Osternacht, 1826 (Novelle über ein Hochwasser)

  • Der Waldbrand, 1827 (Novelle mit dem Schauplatz Kanada)

  • Künstlerehe, 1828 (Novelle über Albrecht Dürers Ehe)

  • Die Gräfin Ulfeld, 1834
    (2 Bde., Roman über die lebenslange Einkerkerung der Frau eines dänischen Rebellen)


  • Laienbrevier, 1834/35
    (Gedichtzyklus, pantheistisches Brevier zu jedem Tag im Jahr)

  • Das große deutsche Musikfest, 1837 (Novelle über ein vormärzliches Riesentreffen)

  • Das Volk ohne Magen, 1837 (Reise zur See... Kleine Romane Bd.5)

  • Der Gekreuzigte oder Nichts Altes unter der Sonne, 1839
    (Novelle über den Genozid an einer Sekte im Osmanischen Reich)

  • Göttliche Komödie in Rom, 1841 (Novelle über Giordano Bruno)

  • Achtzehn Töchter. Eine Frauen-Novelle, 1847

  • Hafis in Hellas, 1853 (Liebesgedichte; anonym: Von einem Hadschi)

  • Homer’s Apotheose, 1858 (hexametrisches Epos über Homer)