Im Vorwort zur Reclam-Ausgabe des Laienbrevier (um 1900) schreibt Dr. Adolph Kohut:

Zitatanfang:
„Wenden wir uns nun dem Hauptwerk des Verfassers, dem
„L a i e n b r e v i e r“, zu. Durch diese Dichtung hat er sich für immer Sitz und Stimme auf dem Parnaß erworben und einen außerordentlichen Erfolg erzielt, der selbst denjenigen von Rückerts: “Weisheit des Brahmanen“ in den Schatten stellte.
Derselbe erschien 1834 im Verlage von Veit & Comp. In Berlin und hat bis jetzt achtzehn Auflagen erlebt. Das Ganze umfasst nicht weniger wie siebenhundertdreizehn Seiten. Das Werk ist wie ein Brevier eingerichtet; jedem einzelnen Tage des Jahres ist eine sinnig-poetische Betrachtung gewidmet, doch hat sich der Dichter dabei nicht an die Jahreszeiten gebunden. In allen diesen Reflexionen belauscht er … in allem Lebendigen das Göttliche und lässt in der Andacht, die er gegen das Einzelne hegt, die allgemeinen Ideen untergehen. Er belauscht die Tiere, die Pflanzen, ja selbst die Steine in ihrer geheimen und dem profanen Auge verschlossenen Geschichte und dehnt Seele, Leben und Individualität, die man sonst nur im Menschen suchte, über den ganzen Himmel und die Erde aus. Nichts in der Natur ist dem Dichter gleichgültig, unbedeutend und Beziehungslos. Sein sinniges und poetisches Gemüt weiß an das Kleinste im Weltall das Höchste anzuknüpfen, an jedem Rosenstrauch am Wege entzündet sich seine Andacht, mit jedem Vogel steht er in Sympathie. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle seine Ergüsse der Gedanke, dass man in allen Legen des Lebens zunächst darauf bedacht sein müsse, Mensch zu bleiben, und dass der Mensch seine Höchste und innigste Freude nur im Genusse der Natur suchen müsse. Die Sünde ist dem Dichter nichts als ein Irrtum. Zur Begründung seinen orientalisch-pantheisteischen Glaubensansicht entfaltet Schefer einen oft berückenden, blendenden Gedanken- und Bilderreichtum und nicht selten einen geradezu fascinierenden Glanz der Sprache. Bisweilen wird er jedoch auch redselig und unklar, woran das bequeme Versmaß – reimlose Jamben – gewiß zum großen Teil schuld ist.

Das „Laienbrevier“ enthält 366 Gedichte, eines für jeden Tag im Jahr, und ist nach Monaten geordnet. Die Sprüche sind von verschiedener Länge. Die große Auflage beweist, dass die Dichtung von den Zeitgenossen mit lebhaften Interesse begrüßt wurde. Wenn auch heutzutage das Werk ein wenig in Vergessenheit geraten ist, so sind doch einige Gedichte desselben, wie z.B. „Lebe rein, mein Kind, dies schöne leben“, „Du hörst von einem Gott, du sprichst von ihm“, „Das Kind ist göttlicher Natur“ u.a.m. noch immer unvergessen geblieben. Beim Erscheinen des „Laienbrevier“ wurde ihm in überschwänglicher Weise gehuldigt. So äußerte sich z.B. Lüdemann in Theodor Hells „Blättern für Literatur“ u.a. in nachstehender begeisterter Weise:
„Wir begreifen die Kritik nicht, die über Schefer mit Gleichgültigkeit sprechen kann! Ist er ein Meteor, so zeiget auch mit Fingern auf ihn, wie auf einen Meteor! Er ist mehr, er ist ein deutscher Dichter, und nie hatte Deutschland einen, der mehr war als er. Sein „Laienbrevier“ ist ein Geschenk an sein Volk. Wohl dem Volke, das im allgemeinen Umsturz des Menschlich-Herkömmlichen, im Zusammenbruch des sonst Gedachten noch solche Stimmen vernimmt, noch solche Heimatrufe zu Gott und Natur vernehmen kann!“

Die evangelische Orthodoxie freilich nahm Anstoß an dem Pantheismus des „Laienbrevier“ und griff ihn rücksichtslos an; so z.B.Hengstenberg in seiner „Evangelischen Kirchenzeitung“ (1836,Nr.91 bis 94).
Schefer bemerkte zu dieser Kritik: “Ich habe Hengstenbergs Kritik mit Enthaltsamkeit gelesen. Gott helfe dem Menschen zu seiner Erkenntnis! Ich ehre Jesum als einen herrlichen, edlen Mann, aber die Sache ist umgekehrt. Kurz es fehlt der Welt der Glaube an Gott, seinen Geist und sein Alleinsein.“

Gleich den indische Philosophen und Arthur Schopenhauer preist Schefer im „Laienbrevier“ die Geduld als die seligste der Tugenden, die man durch Leiden, Ertragen, Hoffen und Verzeihen erwerben könne. Selbst dem Bösen müsse man hilfreich begegnen, denn man kann sich kaum denken, welch schmähliches Dasein er führe und wie viel Kraft er veschwende, um sich in der Fülle der Edleren aufrecht zu erhalten. Man müsse jedes Geschöpf nach der Lehre der Bedas: „Das bis Du“ lieben.
So ist das „Laienbrevier“ zugleich das Brevier der allumfassenden, reinsten, edelsten Menschenliebe.

Zitatende



Leopold Schefer 1844