P a l m e r i o.


24. Die Burg von Athen; der Areopag.


Dadurch, daß Palmerio von Venedig wieder nach Athen kam, ging in ihm eine heilsame Täuschung vor. Er hoffte wieder, wie das erste Mal eine unbekannte Seligkeit; und was er erlebt, ja mit Augen geschaut, lag zurückgestellt nur als ein Traum, eine düstre Ahnung in seiner Seele.

Palamedy wohnte, da der Frühling erst gekommen, in seinem geräumigem Hause am Fuße der Burg, in malerischem Abstande davon. Jedes offene Fenster der nach ihr zu gelegenen Zimmer, war dem köstlichsten Gemälde gleich; es übertraf jedes. Denn dieses Gemälde säuselte, hauchte, strahlte; aus ihren schönsten lebendig-ruhigen Stoffen hatte es die Natur selbst, zartgedacht, wohlgeordnet und rosig-beleuchtet in dem blauen Himmel aufgestellt. Die vier Architecten, welche Palmerio freundlich und gastfrei bei sich aufgenommen, konnten sich nicht satt daran sehn.

Der kleine Palmerino rief jetzt schon laut und deutlich das erste Wort der Griechischen Kinder: Ekklesia! das A. lang aushaltend und in unschuldigen Kindergesang verziehend. Elisabeth, die seiner so lange entbehrt, hatte ihn fast den ganzen Tag auf ihrem Schoße, oder trug ihm umher. Die Wiederkunft dieser Tochter erregte dem Vater auch den heißen Wunsch nach seiner Maria. — ,,Nur sie noch einmal sehn, dann will ich gern sterben!" sprach er. — Sind wir denn Nichts? fragte ihn Elisabeth. — Viel! aber nicht Alles; antwortete er sie tröstend und stiller sehnend.

Von diesen Worten tief getroffen und bang erinnert, bedünkt' es Palmerio die Nacht darauf im Schlafe, als nahe seinem Bette die blasse, bekümmerte Angery mit verweinten Augen, und reiße die Vorhänge auf. Ihm war, als sei er unsichtbar geworden; aber er konnte sie doch sehen und hören. Sie streute Blumen über sein Bett, und besprengte sie mit Tau aus andern Blumenkelchen. Sie stellte eine rotflammende Lampe zu seinen Füßen, die immer heller und blendender brannte. Leuchte bis ich komme! sprach sie, und verschwand. Er erwachte. Der rosige Schein der Morgensonne lag auf seinem Gesicht. Er hatte seine Angery wiedergesehn, ohn' es zu wollen, ohn' eine Sünde zu begehen; denn am Tage verscheuchte er streng ihr nahendes Bild, wie des Todesengels.

An demselben Morgen wollten Alle im Hause, den Fremden zu Liebe, die Burg besuchen. Ein neuer Disdar derselben war aus Aegripo gekommen. Man schickte ihm das gebührende Geschenk. Alle gingen hinauf, still, gleich einer frommen Wallfahrt. Die Architecten standen droben mit klopfendem Herzen, gefalteten Händen,und Tränen in den Augen. Aber unbefangener, umherschauend, erstaunten sie, so viel, so viel des Schönsten, die unschätzbarsten Denkmale der alten Welt zu finden, jetzt noch ein Königreich wert. Langsam nahten sie, berührten fromm die Säulen, untersuchten hie und da, und verloren sich in den heiligen Räumen, wo jeden sein Herz hinzog. Palamedy umging die Moschee, die mitten in dem dachlosen Tempel steht, mit wiederkehrenden Gedanken. Elisabeth pflückte ihrem Kinde Blumen rechts drunten auf dem engen, grünen Platze über dem Bacchustheater. Palmerio suchte das Freie, und ging die dunkle Treppe hinauf auf das ungeheure Marmorgebälk des Tempels, welches von der Mauer nach dem Giebelfeld hinüberstrotzt. Dazwischen ist Kluft; denn es fehlt die Decke, und in der bedeutenden Tiefe unten erscheint der getäfelte Fußboden zwischen der großen Haupttür und den Säulen. Er setzte sich auf einen Marmorblock, schaute in die Ferne, sahe die rotflügligen Ka'íks über das Meer schweben, und schwebte mit um Akrokorinth, den beschneiten Helikon, und den Olivenhain; er sah die Menschen von der Stadt nach dem Hafen hin, vom Hafen nach der Stadt auf ihren Maultieren hereilen, und seufzte: Was soll mir das Alles? und ward doch nicht satt, die schöne Gottgeordnete Welt zu schaun. Und er hatte wahr gesagt, daß er sie Gottgeordnet genannt. —

Denn die Maultiere, die Palmerio gesehn, trugen Angery daher, und Menede. — Angery war fast vergangen vor Sehnsucht nach ihm, dem verbrecherischen Geliebten. Die Kraniche waren zwei Mal fortgezogen, zwei Mal gekommen — ihr Palmerio nicht! Karalambi hatte umsonst alle Schiffer nach ihm gefragt; keiner hatte ihn mehr auf der See gesehn. Sie glaubte ihn tot; Henede aber, der ihn ihr zuerst gebracht, und den Karalambi jetzt wieder in ihr Haus holen mußte, machte es ihr wahrscheinlich, er sey in Athen. Karalambi fielen Bathori's Worte ein, und er bekräftigte diese Vermutung. Er konnte krank, wahnsinnig, die Briefe verloren sein -- sie hatte keine Ruhe mehr. — Meneda, wissend oder unwissend, aus Rache oder Liebe, führte sie endlich nach Athen.
— Sie kam in die Stadt, sie forschte mir Herzklopfen nach einem gewissen Palmerio. Ein Knabe zeigte ihr das Haus. Sie gingen hinein, sie fragte nach ihm. Eine Mohrin antwortete ihr, er sei auf der Burg. — Sie schickte nach ihm; es verging eine Stunde, es vergingen zwei; Niemand kam. — Die Mohrin mußte sie hinaufführen, und trug ihr Kind. Angery trat durch die hohe Thür in den offenen Tempelraum; sie forschte mit den Augen nach Palmerio. — Dort ist der Vater! sprach die Mohrin, und wies auf Palamedy. Er kam auf Sie zu. Angery schaute hin, — sie erblaßte vor Schreck, und wieder vor Freude schoß ihr das Blut ins Gesicht. Palamedy hatte sie nahend betrachtet; jetzt vor ihr stehend, erkannt' er seine Maria.

Sie war's; was lag sie sonst auf den Knieen vor ihm? Er riß sie empor. Sie hing an seinem Halse, er preßte sie selig an sein Herz. — Die Mohrin rufte Elisabeth herzu. Die Schwestern hatten sich wieder, der Vater hatte seine Kinder wieder, die Tochter den Vater. Die kleinen Knaben langten hold nach einander.

Palmerio hatte von oben eine Chiotin herauf kommen, und hineintreten sehn, er hatte freudige Stimmen gehört; sein Herz schlug laut. Jetzt hört' er dumpf und vielfach, wie von einem Chor, Seinen Namen rufen, und erschrak, jetzt deutlich bewußt, davor, wie damals auf Euripides' Grabe. Schüchtern trat er auf das Gebälk hinaus; er bog sich hinunter. — Palmerio! Palmerio! rief Angery ihn erblickend, und streckte die Hände nach ihm herauf; sie lief ihm entgegen, sie irrte taumelnd umher die Treppe zu finden. Da stürzt' er mit schrecklichem Falle zur ihren Füßen herab auf den Marmor. Er zuckte nicht; er war tot. Ob ihn Schwindel gefaßt, ein Windstoß herabgedrückt, ob er sich selber hinunter gestürzt? Wer konnte das sagen!

Sie schriee den Vater, die Schwester herzu; die Verwirrung war allgemein. Es ward Lärm auf der Burg; Janitscharen liefen. Der Disdar kam, und sah den Toten. — Ein verworfener Ungläubiger! Sprach er, und wandte verächtlich den Rücken.

Da trat ihm Palamedy entgegen, glotzte ihn an, maß ihm, die rechte Hand von sich abhaltend, und schrie: Ali! — Weli! schrie jener. — Beide rissen an ihrem Gürtel in schweigender Eile, und fast zu gleicher Zeit stieß jeder dem Andern seinen Dolch in die Brust. — So standen sie, mit ausgestreckten Armen, wild die Dolche bis an den Heft nachbohrend, jeder an des andern Brust gestützt, wutkeuchend nach Seinem Leben wühlend und grimmig sich anstarrend. Alle um sie her bebten voll stummen Grausens, mit auf sie gebannten Blicken; doch Keiner wagte den Todschnaubendem zu nahen, geschweige die Gräßlichen anzurühren. — Blutbespritzt standen sie über den Toten hinübergedehnt sich tötend. Allmähg verloschem ihre flammenden Augen, ihre Gesichter verbleichten, ihre Kniee zitterten, sie trieften von Blut; und stolz noch lange sich haltend, sanken dann Beide lautlos zu Boden, und ihre Leiber kreuzten sich noch im Tode.

Beide Schwestern schrieen, die Hände windend über den Vater, Beide warfen sich auf ihren Gatten, seine erkaltende Lippe zu küssen. — 0 mein Palmerio! riefen Beide, sich wegdrängend. — Er ist mein! rief Jede der Andern. — Sie hörten, sie richteten sich auf, Sie starrten sich an voll Entsetzen. —
Zwei Witwen durch Einen Mann! seufzte Meneda. —
Da fielen sich Beide erschöpft in die Arme.

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Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006