P a l m e r i o.


22. Palmerio begießet Blumen. Das Mohnhaupt.


Palmerio blieb nun über Ein Jahr ununterbrochen in Athen. Er war seelenkrenk, und so mußte seine feste, sichtbare Gestalt für die nur einmal entweihte Flamme seines unsichtbaren Wesens leiden, welches nur noch wie ein Traum unter seinen schwarzen Locken weilte, und fort zu schweben drohte.

Die Nachrichten, die er von Maria brachte, die er nur durch mühsames Forschen eingezogen haben wollte, konnten natürlich den Ihrigen nicht genügen. Sie lebte! Vielleicht! Sie lebte vielleicht in Ali's Händen; das war aller Trost für sie, wenn es nicht vielmehr ihr Kummer war. "Nur einmal den Ali vor meinen Dolch!" knirschte Palamedy, wenn er je zu den tausend Vermutungen und Klagen der Mutter und Schwester ein Wort laut werden ließ.

Palmerio lernte jetzt die schwerste Kunst: die eigne Schuld verschweigen; und bestand die härtesten Prüfungen. Durch manche Vorwürfe von Palamedy gequält, kränkelte die Mutter, und blieb zuletzt hilflos. — Könnt' ich nur meine Maria wiedersehen, so würde ich gesund — seufzte Sie — so kehrte Ruh' und Glück in unser Haus! — Palmerio mußte sie erblassen, in ihren letzten Träumen ihre Hände ausstrecken sehen, ihren geisterhaften leisen Ruf: Maria! Maria! vernehmen; er mußte sie sterben, begraben sehn, die Blumen um ihr Grab im Garten, die nun doppelt geliebten Blumen-Buchstaben auf dem Beet begießen helfen; denn der Name ihrer ältern Tochter Maria wer auch der Mutter Name; er mußte die Tränen seiner Elisabeth, die zornige Fassung des Vaters sehn — und schweigen.

"Hat ein Verbrechen denn kein Ende, und die Buße keinen Erlöser? Kann ein Mensch denn mehr ertragen, als je ein Gott zu tragen hat?" Das waren im Stillen seine Fragen; aber: "ein Gott lebt heilig; der Mensch sündigt und irrt, und hat den Tod," war seine Antwort.

Wie alle feine Wurzeln des Mohns bis in sein blasses Haupt sich hineufziehn, und dieses verschlossen, in sich daraus den betäubenden Saft bereitet: also sog er aus dem Schicksal seiner Lieben, der nahen, fernen, ja der Toten, allen Schmerz, so litt er für Alle, so war sein Haupt betäubt, vergiftet, und doch von Außen so lieblich — MARIA blühte ihm nur noch in Blumen.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006