P a l m e r i o.


21. Der Arme spart umsonst.


Palmerio brachte sie langsam wieder zu sich. Sie weinte1 und verbarg ihr Gesicht vor ihm in die Kissen. Er flehte, er beschwor Sie, er entschuldigte sich mit einer auf den unschuldigen Bathon erdichteten, grausenvollen Geschichte, die er mit Blicken zum Himmel seiner hinüberschwebenden Seele jammernd abbat. Sie reichte ihm die Hand; er hob sie daran empor, Sie umschlang ihn fest, drückte ihn fast schmerzlich, und weinte noch lange an seinem Halse, bis sie still ward. Er lehnte sie leise zurück, und sie entschlief. Am Morgen sprach sie kein Wort von gestern; sie war nur äußerst blaß, sie duldete für ihn, und bezwang ihren Schmerz. — Die Liebe sagt das Wort "Vergebung" nicht einmal! sie vergibt nur  s t i l l !   sprach Palmerio bei sich, und stärkte sich recht an ihrem himmlischen Wesen.

Bathori aber war dennoch gefunden worden, und saß, an einen umgestürzten Kahn gelehnt, tot und in der warmen Sonne trocknend, ja dampfend, unter der gaffenden Menge. Sein dürftiges, unscheinbares Gewand war schaumig, in seinen Haaren hing welkes Meergras, und nur Seine Hände waren vom Sande aufgescheuert und geritzt. Palmerio erblickt' ihn unvermutet, als er nach der Stadt ritt, und konnte einen Schrei nur halb durch Besonnenheit dämpfen, aber nicht zurückrufen. Und so mußte er den lächelnden Toten noch eine Zeit lang gleichgültig anzusehen scheinen, bis er unauffällig vorüber reiten konnte, ohne ihm sein eigenes, sich abgedarbtes Goldstück zu einem Begräbniß hinwerfen zu dürfen. — Es brannte ihn, er schenkt' es dem nächsten Bettler.

Jetzt trieb ihn sein Gewissem und seine Furcht zu dem Entschluß aus Chio zu fliehen. Er ließ seinem Weibe alles Geld, was er hatte, und beschenkte auch Karalambi reichlich. Seiner und des ganzen Hauses war er sicher; sie lebten bei ihm und lebten seiner Gnade, und sie liebten ihre Amgery. Das Geschenk nahmen sie als Kaufgeld des Schweigens.

Um Angery mit anderen Gedanken, Hoffnungen und Gefühlen zu beschäftigen, sagte er ihr eines Abends: "Deine Eltern leben! auch Deine Schwester; ich bin ihnen auf der Spur. Vielleicht führt ums der Himmel noch Alle zusammen!" Er lachte aber in seinen Innern schrecklich darüber, zu welchem Reden und Taten den Menschen der Leichtsinn führt. — So trieb ihn Angery nun selbst zum Scheiden, die ihn Sonst so gerne behielt, deren Liebe es unmöglich geschienen, daß er auf immer von ihr gehe.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006