P a l m e r i o.


20. Unselige Übereilung. Bezahlung für das Begräbnis.


Der Widerschein der Abendröthe war kaum verglommen, der Mond mit seinem Lichte noch nicht zu voller Kraft gelangt; da kam auf dem, an die Mauer gespülten Laube, das einen schmalen, trockenen Fußsteig bildete, eine ihm nicht fremde Gestalt gewandert. Es war Bathori. Er schien um vieles älter, und gebeugt. Er stolperte, er fiel, so daß er zum Sitzen kam, und den Rücken an die Mauer lehnte. „Auch gut! sprach er für sich; eine Mühe erspart! So brauch' ich mich nicht zu setzen.“

Er langte eine beflochtene Flasche heraus; er befühlte sie, sie war ganz; er freute sich. — „Ein Haus, ein Weib, ein Bett, einen Tisch hab' ich doch nirgends in dieser Welt! Dieser Wein soll mein Abendbrot seyn; ist doch Brot lange genug auch Wein gewesen, mag endlich einmal Wein auch Brot bedeuten! Ich rede als Römer;“ sprach der Arme recht zufrieden. Wie er den Kopf zurückbeugte, um zu trinken, gewahrte er die Palme mit ihrem Schirm über sich in dem Garten; und aus treuer dankbarer Seele rief er, Palmerio's sich erinnernd: Ich wünsche Dir heut' einen guten Abend, Palmerio!

Palmerio, von ihm unbemerkt, war gerührt; denn es freut uns, einen alten Freund wiederzusehen, der uns in Ruh' und Glück gekannt und geliebt. Er konnte die gute Seele nicht ziehen lassen; er rief: Bathori! sprang eine kleine Treppe hinunter, öffnete die Thür, und führte ihn, ohne an sich zu denken, herauf. Hast Du Dich doch über das Meer gewagt? fragt' er ihn warnend. Den Katzensprung von Tschesé herüber! antwortete Bathori; ich denke ihn nicht zu bereuen; mich reizte das Mastixfeld und die Flora von Chio! Ich habe einen guten Fund gemacht, sprach er, auf sein Täschchen klopfend.

Also geht es Dir gut! freute sich Palmerio. — „Es geht mir, was andre Leute, Gott verzeih' es ihnen! so zu sagen: erbärmlich nennen; erwiederte Bathori lächelnd. Ich sehne mich recht nach Hause, und will mich für meine Reise bezahlt machen; Rom ist doch Rom! Ich redne als Römer.“

Indessen kam Angery, Basiliky, und hinter ihnen der lahme Karalambi in den Garten, auf sie zu. Palmerio fiel seine Unbesonnenheit, Bathori herauf geführt zu haben, dadurch erst schwer aufs Herz. Die hohe blasse Gestalt des Mondbeglänzten Alten stand jetzt wie eine fürchterliche Erscheinung in seinem Kreise. Nun erst schauderte ihm vor dem unschuldigen Bathori. Zwar an seinem eignen Leben und Glück, ja an seiner Seele, war ihn nichts mehr gelegen; das war Alles verwüstet und der Rache verfallen, — aber Angery's Frieden und Liebe, sie waren ihm einzig theuer; deßwegen entsetzte er sich davor, zu erscheinen, was er war! Sie konnt' er, sie mußt' er retten! Und wen hatte er heraufgeführt? Den Bathori, der um alles wußte, von dem ein Wort die Hölle aufschließen mußte, über der Angery wandelte! Denn Worte sind, auch aus des Unschuldigen Munde, oft Thaten, ja Dolchen gleich. Er gerieth in fürchterliche Angst, in tödtliche Verwirrung. Er wollte ihn fortziehn, ihn hinuntertreiben. Wo wohnst Du? fragte er ihn hastig; ich besuche Dich morgen! — Bathori begriff ihn nicht, stand überrascht und zauderte. Da trat Angery dazu, grüßte Bathori freundlich, und lehnte sich an Palmerio. Er bog ihr sanft mit der Schulter aus; sie schmiegte sich erst recht fest an ihn. Palmerio schwindelte. — „Du wohnst nun hier?“ fragte Bathori; „was machen die Augen, liebe Elisabeth?“ —

Er ist rasend, dachte Palmerio; und alle seine Kraft zog nach dem Herzen. — „Ist Palamedy todt?“ fuhr Bathori fort; „aber Deine Schwiegermutter ist doch hier?“ Kein Mensch antwortete; aber Palmerio's Blut siedete, Zorn ergriff ihn, er sah gespannt auf Angery, er athmete mit offenem Munde, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Angery öffnete schon die Lippen, um zu fragen; er faßte krampfhaft nach ihrer Kehle. Bathori, der keine Ahnung von der Wirkung seiner gutmüthigen Fragen hatte, sprach, theilnehmend näher getreten, nun sogar die Worte: Also Dein Schwiegervater ist gestorben! in dem Jahre! So schnell ergreift das Schicksal und der Tod die Menschen! Gefiel es in Athen Deiner jungen — Frau nicht länger? sprach er schon halb aus.
Aber in Palmerio schlug die Flamme der Schuld, die sein Innres verbrannte, jetzt tödlich gereizt nach außen, gegen den, der ein Schreckliches so freundlich offenbarend, sein Todfeind, der Mörder seiner Angery erschien, und betäubt, in Todesangst und halb von Sinnen — das für die einzige Rettung haltend — stieß er, mit einem gräßlichen Seufzer plötzlich dem armen Bathori seinen Dolch in den Leib. — Er sank rücklings, und fiel.
— Auch gut! sprach er dann mit halber Stimme, nun brauche ich nicht nach Hause zu reisen, ich bin gleich heim!

Die Frauen flohen mit Entsetzen. — Apotheker! rief Palmerio, sich auf ihn stürzend; arme, treue Seele!

Ich bin Apotheker gewesen! sprach Bathori, gleich und leicht, als stürb' er zur Carnevalszeit in Rom auf dem Corso nur als Maske. — O, Du weißt nicht, was Du sprachst! redete ihm Palmerio angstvoll ins Ohr; ich weiß nicht, was ich that! Elisabeth ist in Athen, ihre Schwester Maria hier ist zugleich mit ihr mein Weib! — Armer Palmerio, seufzte Bathori, und reichte ihn die Hand; ich sterbe, Du mußt leben! Mein Tod bedecke Deine Sünden!

Es war bald aus mit ihm. Karalambi richtete ihm bald auf, nahm sanft den Kopf im seinen Schooß, und betete über ihm. — Maria, heilige Mutter Gottes, bitte für mich! lächelte Bathori freundlich. Palmerio war einige Schritte von ihr zur Seite hingestürzt, mit dem Gesichte auf die Erde; seine Hände griffen krampfhaft in die Blumen. —

Palmerio! rief Bathori mit angestrengter, und doch nur leiser Stimme, Palmerio! —

Palmerio kam. Sey ja nicht böse auf mich! hörst Du! Ich wußte ja nichts, armer Freund! sprach Bathori fast ängstlich; sorge für Dich! Fasse Dir ein Herz, wirf mich in die See! Niemand kennt mich hier. Niemand hält Dich für meinen  – – –

Er ist todt; segnete sich weinend Karalanbi.

Mörder! schlug sich Palmerio vor die Brust, und lag neben dem Todten, wie todt.

Karalambi untersuchte sein Täschchen und seine Taschen. Einige Blumen, zierlich ausgespreitet, jede in weißes Papier sorgfältig eingeschlagen; einige Wurzeln, gleichfalls eingewickelt; auf der Brust, an einer Schnur eine vom heiligen Vater, als Schutzmittel gegen alle Gefahren der Reisenden, geweihte röthliche Paste; wenige Paras; und in einem kleinen Beutel eine Goldmünze, noch besonders in Papier dreimal eingewickelt, und auf Arabisch, Griechisch und Italienisch sehr deutlich darauf geschrieben: „Mich zu begraben!“ Auf Italienisch, welches zuerst stand, sprachen die Worte auch: „Für mein Begräbniß!“
– Das war Alles, was Karalembi fand. –

Palmerio fuhr auf. Karalambi wollte ihm die arme kleine Habe zeigen. — Es ist gut! sprach er, faßte still den Todten, hob ihn auf, und mit Herzzerschneidenden Gefühlen stürzt' er ihn über die Mauer hinab ins Meer.
Karalambi gab ihm jetzt die Verlassenschaft, und das Goldstück mit der Schrift. Palmerio las, und brachte sie endlich im Schein des hellen Mondenlichts zusammen. — Du bist ein Teufel! donnerte er den zitternden Keralambi an. Basiliky kam gelaufen, und schrie Palmerio schon vom weitem zu: hilf Deinem Weibe; sie stirbt!



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006