P a l m e r i o.


19. Wer sagt das Wort: Vergebung?


Aus dem Unglück geht doch wohl  e i n  Weg; aus dem Unrecht führt keiner! Verlorne Schätze sind selbst aus dem Meere wieder herauf zu holen; verbrannte Mauser werden schöner wieder aufgebaut; Weib und Kind kannst du wieder bekommen, ja selbst Vater und Mutter, doch dem Namen nach — aber nach gethanem Unrecht ist nichts wieder zu erlangen; — es ist etwas abzuwerfen! ein Unabwerfliches, eine Schlangenhaut, die mit den alten Flecken sich immer wieder neu erzeugt; so ist etwas auszulöschen, was schon eine Welt in Brand gesteckt hat; eine Narbe zu heilen, die keines irdischen Arztes Kunst, kein Mittel der ganzen Erde mehr zu heilen fähig ist. Unglück geschieht nur in der äußern Welt; Unrecht nur in der Seele; doch selbst um die Welt, ja um die Seele ist es nicht mehr gut zu machen; nur die eigene Reue kann es büßen, nur die Liebe des Andern kann es bedecken, aufheben, und als ein Gutes fromm hinnehmend, vernichten. Deine Sünden sind Dir vergeben, das kann nur die Liebe sagen; und sie sagt es!

Palmerio stand über die Gartenmauer hingebeugt, die nach Außen tief hinunter reichend, wohlbegründet, und mit großen Steinen bewälzt, längs des Meeres hinlief. Er dachte die Gedanken, die wir eben eingeschaltet haben.

Was sollt' er thun? was lassen? — Angery ihren Aeltern, ihrer Schwester wiederbringen, das gab ihm sein, sonst gutes, Herz zuerst auf. Aber es war von Allem das Entsetzlichste. Sollte das geschehen, so war er verloren. Er dachte an Palamedy auf dem Gipfel der Pyramide an jenem seligen Morgen. — Sie ihnen senden, mit seinem Schiffe so weit segeln, als es ihn trüge, und alle Beide seiner glücklichen Weiber verlassen — er fühlte, das heiße  B e i d e   unglücklich machen. Das Rechte schien ihm, Eine fliehen, Eine behalten, und das reine Verhältniß wieder herstellen, von dessen Verletzung ihm allein nur alles Unglück gekommen. Aber welche verlassen? Elisabeth und seinen Knaben? Unmöglich! — Angery? — Die Orange fiel ihm ein, ihre seligen Worte: es will sie Jemand haben! — Er hoffte noch.

Er starrte hinunter über die Mauer, und wußte nicht, welche verlassen. Das Schicksal entschied es.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006