P a l m e r i o.



18. Engelszüchtigung


Zerschneide die Orange

Und gieb die Hälfte mir!,

Es will sie Jemand haben,

Ich wett’ er gleichet Dir!

Dieses kleine Lied junger, sehnsüchtiger Frauen auf Chio sang ihm Angery, als er in Chio mit ihr in seinem Garten ging, und gedankenlos eine Orange von den überladenen Zweigen brach. Die Worte: „Es will sie Jemand haben“ — sang sie so süß-geheimnißvoll, so ahnend-bewußt; und den Schluß: „Ich wett'! er gleichst Dir!“ so treu, so zärtlich ihn anblickend, küssend und umschlingend, daß er es kaum ertrug vor Wonn' und Schmerz. Er drückte sie still an sich, lehnte sein lockiges Haupt auf ihre Schulter und dachte: die frohe, treue Seele sollst du kränken? — Er hörte Tritte, er gewahrte die Großmutter des kleinen Koko, der sich ihr an Einen Finger hielt und sprang. Und nun wußte er, wie er sie schonen konnte! Er ward heiter; er zerschnitt die Saft-triefende Orange, gab Angery die eine Hälfte, und aß die andere, ihr zum Zeichen. Darauf hatte sie eigentlich, ohne dergleichen zu thun, gewartet. — Meine Wette ist gewonnen! aber ich wette noch einmal, noch zehnmal, ich wette! rief sie, in die Hände schlagend, und sprang wie ein Reh fort. — Sie will gewiß ein schönes Wochengeschenk gewinnen! lächelte die Alte, die es gemerkt. — Palmerio lächelte auch zu diesen Zügen holder Weiblichkeit, in denen Jungfrau und Mutter, noch kaum gertrennt, anmuthig wechseln, — wie die Blüthe noch die schwellende Granate krönt.

Wie glücklich war' ich, wenn meine Aelterm mein Glück sdhen! sprach Palmerio. — Wenn sie Aeltern hätte! setzte er gegen die Alte gewendet hinzu, und leitete so ein Gespräch mit ihr ein, vor dem er bebte. Es ist leicht dem Andern ein Geheimniß abzulocken, wenn sich der Fragende stellt, als fragt' er nicht, als habe er den Schlüssel, und wolle nur Einiges nacher wissen, ja es ihm selbst erzahlen. Doch gern wollt' er die ungeheure Schuld, die ihn bedrohte, noch zu seinem Verbrechen bedrohte, von sich wälzen, und fragte, wie eifersüchtig: wer seiner Angery den Ring geschenkt? „Geschenke sind nie umsonst!“ droht' er ihr vorwerfend. Desto hitziger regt' er die Alte auf, Angery zu entschuldigen, und ihn zu beschwören, der Ring sey der letzte Schatz von ihren Aeltern gewesen. — Sie sind also todt; sprach er gleichgültig. „Sie sind in Aegypten,“ antwortete sie. „Angery fand sie nicht mehr.“

So war sie je getrennt von ihnen? fragte Palmerio wieder. Und nun erzählte sie ihm, so wie das Volk Begebenheiten weiß, nach seinem Sinne sich ausschmückt, nach seiner Ansicht beurtheilt, die in Chio damals allgemein besprochene Geschichte, wie er sie von Elisabeths Mutter gehört. — Sein Fehl, seine Schuld, sein Unglück war entschieden. Was wollt' er weiter? Er war tief in sich versunken.

Die Alte ward bestürzt über seine Blässe, sein Schweigen, seine Unempfindlichkeit. Er hörte es an, wie sie ihn mit Thränen fragte: Willst Du sie auch verlassen, wie Menede? Ich sagte ihm damals, bloß Dir zu dienen, daß Angery eine geborene Türkin sey. Das schied ohn von ihr ohne Weitres. Ich entdeckte ihr das; sie stutzte, und deßhalb verschwieg sie es Dir, nur aus Liebe zu Dir, wie wir Alle. Denn jeder Grieche verschmäht die schönste, die reichste Türkin, aus Abscheu und Furcht, die Hölle mit seinem theuer erkauften Blut zu bevölkern. Aber sie ist doch jetzt eine Griechin, mein Palmerio! ich selbst habe sie, nachdem sie durch jene Priester, ja durch ihre Mutter selbst dazu vorbereitet worden war, lieber heimlich zu unserer Taufe geführt, ihr meinen Namen Angery gegeben, und also sie zum wahren Glauben bekehrt, den alle Christen haben werden, wenn alle Menschen Christen sind, dem anfänglichen, den ersten.

Ich bekenne den Römischen; vergaß sich Palmerio. —

Wenn es also das nicht ist, versetzte die Alte, so glaubst Du wohl, der Türke habe sie verführt, der sie ins Boot gerissen, und unterhalb Tenedos herum, nach Imbros geschleppt, und habe selber die Pfaffen betrogen, indeß er nur auf Weli's Töchter lauerte? Ach, Maria war ja so jung! Sie entfloh ja seiner Tyrannei! und suchte, gern die Strafe zu leiden, bekümmert ihre Aeltern wieder! Sie lebte so still, so fleißig, so verborgen in unserem Hause, und nur aus Armuth, nachdem sie Alles hergegeben, aus gutem Herzen, uns armen Leuten nicht langer zur Last zu seyn, und, ohne uns, doch Einen Beschützer zu haben, hätte sie dem Menede die hand gereicht! Da sehe sie Dich! — Und nun! — Das arme Kind! Die Alte schwieg, verhüllte sich und weinte; der kleine Koko fing an mit ihr zu weinen, und schlug nach Palmerio.

Palmerio fühlte die Schläge der kleinen Hand, die ihn nicht einmal trafen, nur in die Luft sich verloren, wie Engelszüchtigung. Er lächelte lange vor sich hin; dann sprach er zu der Alten: bedaure sie nicht! Sey ruhig! Sie ist glücklich, sie soll glücklich bleiben. Ich dachte nur an mich, daß ich fort muß von ihr, daß ich lange von ihr und Euch soll abwesend seyn.

„Die gute Seele!“ tröstete ihn, wie sie meinte, die Alte, und trocknete sich die Thränen. „Scheiden ist nicht verlieren; das sind ja die Mädchen in Chio gewohnt!“

Sie ging hinein. Er legte den Finger auf den Mund, sie zu bedeuten. Sie nickte beruhigend. Er blieb sitzen; er weinte mit geschlossenen Augen und schlief ein. Der aufgehende Mond leuchtate ihm ins Gesicht, er lächelte im Traum; er erwachte, besann sich, und den Blick zum Himmel erhebend, und wieder senkend, sprach er in seinem Innern die Worte:

Götter, hab' ich auch gefehlet,

Nehmt mein Unglück für die Strafe!

Zürnt nicht, wenn Geduld mich stählet,

Daß ich lächle, wenn ich schlafe!

Straf' ist Eure Sach' alleine,

Und sie dulden — ist nun meine.





Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006