P a l m e r i o.


16.Ali und Weli


Mein Palamedy, hub sie an, ist in Kreta geboren. Die Türken lassen alle ihre Unterthanen leidlich, ja behaglich, wie sie selber, leben, die sich nicht ihrer Macht entziehen wollen; die andern aber beugen sie fürchterlich in ein eisernes Joch. In diesem seufzt das freigesinnte, tapfere Kreta. Der türkische Kinder-Einnehmer nimmt, als Geisseln ihrer Knechtschaft, von Zeit zu Zeit ihre Kinder, wie einen Zoll ein, und beraubt so das Land seiner schönsten Blüthen.

Palamedy's Vater hatte einen reichen Nachbar, Diomedy, mit dem er in bitterem Hasse lebte; denn einst hatte ihm dieser im Streit seinen Bruder erschlagen, und war durch seinen Reichthum frei von Strafe ausgegangen. Diomedy lachte; Palamedy ergrimmte; und jeder that dem andern alles ordentliche Herzeleid mit Freuden an. Auch ihre Kinder fielen sich, wie junge Wölfe an, wo sie sich sahen. Diomedy bestach den Kinder-Einnehmer, des alten Palamedy schönen Knaben mit einzufordern. Palamedy konnte ihn nicht los kaufen, nicht verbergen, nicht entfliehen; sein Weib lag krank. In Wuth und Verzweiflung versprach er ihn zu geben, wenn auch Diomedy den seinen gäbe, sonst würde er ihn lieber an den Felsen zerschmettern. Auch droht' er dem Kinder-Einnehmer, ihn der Bestechung anzuklagen; anzuklagen, daß er Diomedy's schönen Knaben nicht einmal verlangt, noch bemerkt habe.

So wurden beide Knaben unter Thränen und Flüchen ihrer Aeltern an Ein Palmbastseil gebunden und fortgeschleppt. Jeder wußte, daß er des Andern wegen Vater und Mutter, seine Gespielen, sein Vaterland, und seinen Himmel verlor. Einer hatte den Andern, auf der Fahrt nach Constantinopel, vom Schiffe ins Meer gerissen, um ihn zu ersäufen; und die schrecklichsten Schläge auf die Fußsohlen achtete keiner, denn der Andere hatte sie auch gefühlt, und seinetwegen! Die schönen Knaben sahen sich kaum mehr ähnlich, als sie zur Stadt kamen. Sie wurden unter die Azamoglans*) aufgenommen, zu Türken gemacht und erzogen. Diomedy bekam den Namen Ali; Palamedy den Namen Weli. Alle drei Jahre werden die schönsten, geistreichsten Knaben unter den Azamoglans ausgewählt; Ali und Weli kamen unter die Idschoglans, aber Weh war vom Sultan besonders ausgezeichnet worden: er erhielt den Beinamen Melakeh, der Engel, und ward von ihm mit den Jahren, ja  v o r  den Jahren, erhoben, denn er ward Seligdar-Aga, Säbelträger und Juwelen-Aufseher aller im Gebrauch sich befindenden Diamanten, Perlen und kostbaren Steine im Harem, im Serai und den Ställen, an Zäumen, Sätteln und Decken des Sultans. Ali ward Bujuk-Imrahor, Groß-Stallmeister.

Nun wäre ihr alter Haß vielleicht nie wieder ausgebrochen; wie denn so viele Menschen, die sich feind sind, zu träg oder zu beschäftigt, oder von Umständen verhindert, ruhig neben einander fortleben, bald Trennung oder Tod Einen oder den Andern wegführt, und das Herz mit seinen verschlossenen Leidenschaften zur Erde zerfällt, wie die verdorrte Knospe der Abs. Allein ich Unglückliche hauchte den schlafenden Funken zur Flamme, die Beide verzehrte! — Ich war in eines Mädchenhändlers Klauen gefallen; Beide sahen, Beide begehrten mich. Der Ghellabi überließ mich dem reichem, mächtigem Weli. Ah schwur dem Weh Untergang und Tod auf seinen Bart. Auch der Sclavenhändler fühlte seine Rache, er verschwand. Ali konnte keinen Azamoglan erkaufen, den Weli zu ermorden, wenn er außer dem Serai ging; er ließ ihn bestehlen, er machte ihn verdächtig. Weli konnte kaum ersetzen; er fiel. Aus Gnade behielt er seinen Kopf. Ali's Betrug aber wurde ihm von einem sterbenden Juden verrathen. Ah wurde verwiesen, und aller seiner Habe beraubt. Er schäumte. Aber Gerechtigkeit geschahe meinem Weli nicht. Er durfte sich nur nach Chio zurückziehn.

Dort lebten wir ruhig; die Trümmer unserer Schätze machten uns noch reich. Ich blieb sein  e i n z i g e s  Weib; denn er liebte mich, und auch der, hierin glückliche, Türke heirathet meist nur so lange, bis er die Rechte findet; die andern Frauen sinken dann bei ihm im Werth. Wir hatten zwei Töchter, ach zwei! Eine hast nun Du! Maria war damals zwölf Jahr' alt; Elisabeth zehn, und blind.

In Chio sind die Türkinnen freier im Umgang, Du darfst sie sogar auf der Straße anreden, Maria führte ihre blinde Schwester oft zu unserer Nachbarin, der schönen Witwe Wedella, die selbst von allen Weibern auf Chio als Krone der Schönheit anerkannt wurde, und römischer Religion war. Darum gingen in ihrem Hause täglich die Pfaffen aus dem Kloster zur neuen Einsamkeit, die Franziskaner, aus und ein. Wedella half meine Tochter bekehren; denn der Eifer der Priester ruhst nimmer, selbst den Aeltern ihre Kinder, den Männern ihre Weiber zu entfremden, zu entreissen, ohne Rücksicht auf Unglück, Gram und Tod, wenn sie nur dem Himmel Seelen verkaufen. Zwei Pfaffen, welche vielleicht noch andere Absichten hatten (denn in den Kutten staken junge Männer, und Itahäner), sollten sie heimlich nach Odessa führen; Wedella gab das Geld dazu.

Mein Mann hatte Geschäfte, und argwöhnte so wenig, als ich etwas, wenn meine Kinder nach Maria, Christus, und den Engeln fragten; im Gegentheil unterrichtete ich sie freudig in meinem Glauben, den mich Weli nie gezwungen, abzulegen, und den ich nimmer abgelegt hätte, nicht um mein Leben; vielmehr beschwor ich oft meinen Weh, um ihn im Himmel wieder zu finden, den Glauben seiner Väter wieder anzunehmen. So spielte ich unwissend meine Kinder in die Krallen der Pfaffen!

Die Nacht zur Abfahrt war bestimmt. Wedella hatte meine Kinder mit ihrem Schmuck, der kostbar war, — denn der Vater liebte die Kinder prächtig gekleidet zu sehen — in den Garten gelockt. Hier mußten sie ein wenig verweilen, und sich dann heimlich zu unserer Nachbarin schleichen. Wedella zog ihnen fränkische Kleider an, die sie selbst für sie gemacht hatte. So flohen sie mit den Räubern fort.

Der Vater kam nach Hause; er fragte nach den Kindern. Ich lief in den Garten, ich lief zu Wedella. Sie hatte sie nicht gesehn. Ich traute mich kaum nun selber heim. — Weli tobte, machte Lärm, ja Aufruhr. Die Türken rannten umher mit gezogenen Säbeln. Nur ein altes Weib hatte zwei Franziskaner, und zwei Mädchen gehen sehn, die sich führten und ihnen schüchtern nachfolgten, dem Meere zu. Weli stürmte in den Hafen; Niemand war abgesegelt; nur oberhalb desselben war ein Schiff nach Lesbos zu gesteuert. Er ras'te. Der Disdar der Vestung gab ihm ein mit braven Türken wohlbemanntes Schiff. Er verfolgte denselben Weg. Sie waren indessen aus dem Gesicht. Sturm erhob sich, als sie Lesbos vorüber kamen. Sie erblickten das Schiff; sie zogen im Sturm noch alle Segel auf. Es war nach Sonnenuntergang des andern Tages; sie hatten das Schiff auf Kanonenschußweite ereilt. Weli steckte die schwarze Flagge aus, zum Zeichen der Uebergabe oder des Todes. Das Schiff floh. Die Türken wütheten; Weli konnte nicht verhindern, daß sie auf die Gizuren feuerten! Die Kugeln trafen, aber das Schiff floh davon; der Sturm war ihm günstig. Die Nacht brach herein, finster und grausenvoll. Das Schiff der Räuber hatte gelitten, sie pumpten; die Kugeln hatten getroffen, man warf Leichen ins Meer: das hatten die Türken noch beim letzten Abendschimmer gesehn. Das Schiff schoß jetzt erst wieder; ob sich zu wehren? ob die letzten Nothschüsse, wer wußte das! Weli war außer sich; er weinte, er beschwor die rasenden Winde, einzuhalten, daß seine Kinder, wenn sie noch lebten, nicht untergingen. Er betete verwirrt zu zweierlei Göttern! Zuletzt that er, aufgeregt bis in den Grund seiner Seele, ein Gelübde. Der Himmel erhörte ihn: der Sturm ließ nach; der schwarze Mantel der Nacht zerriß. Der Morgen goß Feuer in die Wolken, das Meer ging hoch, aber es verwälzte nur noch den Sturm. Tenedos, der Ida lag vor ihm — das Schiff war verschwunden! Weli sank zu Boden. Zuletzt ermunterten ihn die Männer: „Steh' auf! Sieh! auf dem kleinen begrünten Felsen zwischen Tenedos und der Küste von Eiki-Stambul sind Menschen! Sie sind's! Sie nahmen uns wahr, und erhoben aufschreiend ihre Hände!“

Weli blickte zum Himmel, dann zog er den Säbel. „Schont meine Kinder! rief er; die Kutten knebelt Euch zu Mahomets Opfer; alles andere Fleisch spaltet in Stücken!“ — Sie setzten das Boot aus. Sie erstiegen den Felsen mit wildem Geschrei. Um ihr Leben flehend, stürzten die Gestrandeten auf ihre Kniee. Weh schaute nach seinen Töchtern. Er rannte auf Elisabeth, ergriff sie bei den Haaren, riß sie auf und schleuderte sie wieder lang ausgestreckt zur Erde; aber er war Vater! Sie war sein Kind, sein   b l i n d e s   Kind, sie war die Verführte. — Wo ist Maria? schrie er, und tobte umher. Aber umsonst; er sah nur Leichen und Blut. Alles war von den Türken zusammengehauen; nur die zwei Pfaffen lagen geknebelt am Boden. Er wälzte sie um mit dem Fuße, er kniete zu ihnen, er setzte ihnen das Pistol auf die Augen, und donnerte sie an: wo ist Maria? Wir wissen es nicht, war ihre bebende Antwort. Mit Mühe erfuhr er von ihnen, daß einige sich ins Boot gerettet; daß ein Türke verwegen zuerst in das Boot gesprungen, und Maria mit hinuntergerissen. Wie hieß der Türke? fragte Weh, und stach den Einen mit seinem Säbel in die Kehle. „Ah!“ erpreßte er ihm keuchend. — knirschte Weli; „Ah! Ah!“ und schaute zornwüthend in die See. Er spähte nach dem Boote. Es war auch jetzt nirgends zu sehen; kein Fahrzeug, so weit das Auge reichte. Der Sturm hatte alle verscheucht. Nur Trümmer des gestrandeten Schiffes trieben umher; — ob das Boot auch untergegangen — wer wußt' es!

Nach langem, sorgsamen, aber vergeblichen Forschem an Tenedos und an Troja's Küsten kam er zurück. So bracht' er das blinde Kind allein mir wieder.  N u r  das!  D o c h  das! — Die Pfaffen wußten oder gestanden nichts von Ali; denn ihr Tod war so schon gewiß, nur die Todesart war es nicht. Weli übergab sie dem Disdar, der sie in Ketten warf und streng verwahrte. Es wurde ins Serai’ berichtet. Vom Mufti kam ein Befehl: das Kloster zu zerstören, und die Römischen aus Chio zu verbannen. Sie zitterten; das Kloster stand leer, die Pfaffen waren geflohen. Aber sie sorgten auch jetzt; denn um hundert Beutel, die ungeheure Summe, welche im Geheimen zusammengelegt, zum Theil auf Rom geborgt, der Sultanin geliefert ward, der Chio gehört für den ersten Sohn, retteten sie das Kloster und die Ihrigen; aber nicht die zwei Mädchemräuber, nicht Wedella! Aus spottender Rache wurden jene in ihren Kutten ans Kreuz geschlagen; die schöne, schöne Wedella, der Engel von Ansehn, aber die falsche, abscheuliche Freundin, hing, nur einen Schurz um den Leib, sonst nackend, im ihrer Mitte. — Ich sah sie selbst, und nie wird dieser fürchterliche Anblick, das schöne blasse Weib, die jammervoll zu mir herab schmachtete, zu mir redete mit brechender Stimme — nie wird dieß Bild aus meiner Seele verschwinden! —

Die Mutter schwieg lange still, schloß ihre Augen, drückte sie fest in die Hände und stieß ein lautes, herzzereissemdes Ach aus, schlug dann ihre Blicke groß wieder auf, und verscheuchte das Bild, was vor ihr zu schweben schien, wie jemand, der in die blutig untergehende Sonne geschaut; Thränen füllten ihre Augen. Dann fuhr sie gelaßner fort: Was soll ich Dir noch sagen? Wir betrauerten unser Kind ohn' Aufhören, wie noch heut ihr Vater dort. Und lieber mag sie im Meere ertrunken seyn, als in die Hände dessen gefallen, der Leib und Seele verdirbt. — In Chio konnten wir nicht bleiben. Unser Haus war beschimpft, unglücklich und unselig bekannt, Weli gestand mir sein Gelübde; es war das: seiner Väter Glauben wieder anzunehmen. Ich fiel ihm um den Hals. Auch Elisabeth brachte ich durch sanfte Wendung ihrer Gefühle wieder zu dem Griechischen Bekenntniß; wie Du jemanden, der des Landes unkundig nach einer Hütte fragt, wo er nur eine Nacht bleibe, in die Heimath, in sein Vaterhaus weisest. Wir machten unsre Besitzungen, alle unsere Geräthe und Habe zu Geld; wir schifften, wie wir den Leuten sagten, nach Aegypten; aber wir gingen nur bis Patmos. Dort auf der hohen Felsenstadt, in deren Mitte sich Johannes des Theologen Tempel erhebt, unter welchem die Höhle ist, wo er ruhte, wo er nach langem, tiefem Forschem und Schweigen zuletzt in die Worte ausbrach: im Anfang war das Wort; wo er sie schrieb, beim Schein des Felsenepaltes, wo ihn die Tropfen des sparsamem Quelles labten, die durch die Risse hindurch sickern: dort ward meine Elisabeth, mein Weli in der Stille getauft, und nannten sich wieder Palamedy, um von allen Namen unter diesem am besten verborgen zu seyn, Wir schickten alle Mannschaft des Schiffes zurück, damit Niemand wisse, wohin wir uns wendeten, und schifften mit Patmioten nach Kreta. Alle Lieben waren todt, alles öd geworden; selbst kein Grab war mehr zu sehn! Auch dort dankten wir unsere Leute ab, die sich zurück nach Patmos einschifften. Selbst unser Schiff verkauften wir hier; - schon von Patmos aus trugen wir andere Kleidungen — dann erst, mit Kretern, wandten wir ums hinauf nach Hydra. Dort kaufte mein Mann neue Schiffe, wir zogen mach Athen. Hier lebten wir, fast verborgen auf dem Lande; hier hast Du uns gefunden, Du unser guter Engel!


*) Oder Azem-oglans. Der Name bedeutet fremde Kinder, die man im Serail zum Dienst des Sultans erzieht. Die Idsch-oglans sind Pagen des Sultans, welche zugleich zu höhern Staatsämtern erzogen werden. Anm. d. Red. [1822]



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006