P a l m e r i o.


15. Sieh da! sieh da! Timotheus!


Unterdessen hatte die Mutter Palmerio's blitzenden Ring, den Angery vertauscht, und den er der Alten wiederum abgekauft hatte, bemerkt, betrachtet, ihm vom Finger gezogen, und ging aus dem Schatten damit in die Sonne, hinter Elisabeths Rücken. Sie erblaßte, sie zitterte, sie wollte reden, und konnte nicht. Sie winkte Palmerio zu der entferntern Myrthenlaube. Er folgte. — „Wo hast Du den Ring her?“ — fragte sie leis' und hastig. Ein Schauer durchrieselte ihn, er blieb lautlos. Doch er begriff nicht, wie sie wissen könne, wie und wo er ihn erworben, und fragte nur verlegen: diesen Ring? — „Ja! meinen Ring,“ fuhr sie noch erregter fort, „meiner Maria Ring!“ — Deiner Maria? fragte er, und ihm war, als würd' es Nacht um ihn her, und blitzend schossen Gedanken, wie vergiftete Pfeile, durch sein Gehirn. Sie hatte den Ring geküßt — er bebte! Aber sie, Angery, hatte ihn geküßt, besann er sich; keine Maria. Er athmete auf, er schämte sich der Furcht seines Gewissens, er hatte Muth zu sagen: ich habe ihn gekauft. — „Von wem? Wo? Wann? Sahst Du sie? Lebt sie? O Gott, sie lebt!“ rief sie, fiel an sein Herz, küßte, drückte, umschlang ihn, und brach in einen Strom von Thränen aus. Sie wollte dann fort eilen; Palmerio hielt sie mit Gewalt zurück. Er zwang sie nieder auf den Divan, er setzte sich zu ihr, hielt sie umschlungen, er bat, er flehte: so höre mich nur! Umsonst, sie fuhr fort zu fragen: Ging sie türkisch gekleidet? Sahe sie blaß aus? O wo war sie, wo ist sie? Rede doch! rede, Du Versteinerter, sprich! — Du lässest mich ja nicht zum Worte kommen, sprach Palmerio, selbst ganz bestürzt. — „Erkanntest Du sie gleich?“ drängte die Mutter. Wie wähnst Du denn, daß ich sie sah? antwortete er, und erschrak vor seiner Frage: denn er gedachte jetzt Angery's erster Erscheinung, als er geglaubt, Elisabeth stehe vor ihm, und warne ihn! — ,,Ging sie türkisch gekleidet?" wiederholte sie. — Türkisch? fragte Palmerio verworren. — „Ja! Wir sind Türken!“ sprach sie leiser; „Du siehst mich an? Nein, wir waren Türken. Was red' ich? nein! Ich war immer eine Griechin“; sprach sie, segnete sich mit dem griechischen Kreuz, und behielt die flache Hand auf dem Herzen. Sie verfiel darauf in ein düstres Nachsinnen, und kam nur allmälig aus der Verwirrung zu sich selbst zurück, in welche sie der freudige Schreck über die Erkennung des Ringes versetzt hatte.

Palmerio's peinliche Verlegenheit war ihr dadurch zugleich entgangen; er erholte sich ebenfalls, er sah keinen Zusammenhang, und zitterte doch, und fragte mit einem erzwungenen Lächeln:
Aber Mutter, wie hast Du denn Deine Tochter verloren? und wann? Du hast mir nie davon erzählt, und selbst von Todten erzählt man doch zuweilen! Gabst Du ihr den Ring? Ist es auch gewiß der Deinige? Irrst Du nicht? denn ich kauft' ihn von einer Alten aus der Stadt! „Was hab' ich Dir gesagt? sprach sie, in seinem Augen lesend. Doch warum soll ich Dir nicht Alles sagen, mein Sohn! Du bist ja unser! Und ein Unglück, was Deine Elisabeth, und ihre Aeltern beträfe, ware ja auch das Deinige!“ —

Freilich! sprach er aus dem Innersten seiner Seele. — „Vielleicht treibst Du die Alte wieder auf, vielleicht forschest Du unsre Marias. aus! O Palmerio, Reichthümer können wir Dir nicht mehr geben; aber glücklich, glücklich kannst Du uns Alle machen, wenn Du sie bringst! Doch kann Dich dieß nicht bewegen, und wenn Dir an unserm Vermögen liegt, so soll sie Nichts erhalten, Nichts soll sie erben, als was Du   s e l b s t   ihr geben willst. Deine Armuth, will ich zu ihr sagen, ist der Preis, um den wir Dich besitzen; um den Du Vater und Mutter und Schwester wieder empfangen hast! Und sollte sie sich nicht auch Deiner freuen? O, sie wird gern arm, aber glücklich seyn! Ich will Dir erzählen!“

Palmerio wendete sich unwillig hinweg, lehnte sich an einem Olivenstamm, schlang seine Arme in einander, schloß seine Augen, und nahm sich vor, still und unbewegt zu hören, was sie auch immer erzählen, wie es sich immer lösen möge.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006