P a l m e r i o.


14. Der Mensch betrübt; die Natur versöhnt.


Dießmal ging Palmerio, auf ein Aeußerstes gefaßt, ja bewaffnet nach der Thür der bekannten Gartenmauer. Er verwünschte sich selbst. Aber wie schämt' er sich erst, als er hineingetreten war! Seine Elisabeth saß unter den Cypressen, wo er sie zum ersten Male gesehn, auf demselben Teppich; aber wie blaß jetzt, wie schmachtend! Als sie ihn erblickte, erheiterte sich ihr Gesicht; sie wollte aufstehn, aber ihre Schwäche gestattete es nicht. Er kniete zu ihr, er hing an ihrem Halse, sie an seinem; sie war wieder ganz seine Elisabeth. Wie erröthete er aber, wie fühlt' er auf einmal sein Inneres verwandelt, sein Wesen reif, bedingt, sterblich und unsterblich zugleich, als die Mutter ein Kind, sein Kind, in überbuntem Putz, im blendenden Frühling auf ihren Armen ihm entgegentrug, hingab an sein Herz! Der Knabe schlief ruhig an seinem unruhigen Herzen. Elisabeth hing mit Entzücken an seiner Freude, und Alles war gut. Denn sie hatte Etwas zu lieben, das all' ihrer Liebe bedurfte, sie alle lächelnd annahm.

Es gibt Augenblicke für den Menschen, wo er nicht sein gehört, wo Alles, was er gelitten, genossen, je verbrochen, ausgelöscht, wie von einem heiligem Sturm aus seiner Seele weggeweht ist, und nur die Kraft, der Friede und die Freude der ewigen Natur wie Himmelsduft sie rein und ganz erfüllt. Solche Augenblicke erleuchten, reinigen, erheben und stärken; sie nehmen die Seele für eine unbekannte, aber tief empfundene heilige Macht in Besitz. Auch Palmerio's Seele war erquickt und geweiht. Elisabeth begehrte das Kind, und still gab er es ihr hin, wo es hingehört, wo es selig noch alle Gnüge findet. Palamedy hatte sich von dem Blumennamen aufrichtend, hergesehn; aber er bückte sich wieder, und besserte an den blühenden Buchstaben fort, hier herausnehmend, dort noch hinpflanzend; und die holden unwissenden Blumen blühten ihm gern, ihm wie der Ceres, jede Frühlings-Wiederkehr die verlorne Tochter bedeutend. Palmerio begriff nun erst des Vaters Schmerz, Hoffnung und Liebe ganz, und störte ihn nicht durch sein glückleuchtendes Antlitz.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006