P a l m e r i o.


13. Der liebende Janus und die Eule.


In Geschäften war Palmerio eben so gewandt, als glücklich; denn zur rechten Zeit thätig seyn ist die kürzeste Arbeit, und erspart alle Mühseligkeit des Nachholens, allen Verdruß oft vergeblich verdoppelter Mühe. Hat doch ohnehin jede Arbeit ihre Plage! Thätig seyn, wenn es nöthig ist, scheint keine Arbeit; in dem Feuer des Drangs ist eine Lust, ein Beweisen der Kraft, und ehe der Mensch recht an die Arbeit gedacht, hält er den Lohn in Händen. Und an diese Thätigkeit zur rechten Zeit hatte er sich als Arzt gewöhnt, der sie am nöthigsten braucht, so wie der Kaufmann. Arbeit ist die Mutter freier Zeit, wie des Frohsinne; und wer Palmerio's frische Weise nicht kannte, glaubte, er gehe immer müßig, und seine Fröhlichkeit sey die Tochter des Reichthums; als wenn der Reiche nicht gerade am meisten eines Geschäftes bedürfe, um sich nicht zur Last zu seyn, wie der Unglückliche. Der Reiche wählt sich sein Geschäft; dem Armen theilen es die Götter zu. Dem Reichen genügt die Wahl; dem Armen gibt die Noth göttliche Kraft und Ruhe. Was aber genügt dem Unglücklichen? und was gibt ihm Kraft?

Palmerio'a Ruhe war jetzt entflohn. Er hatte ein zweischneidiges, in Nektar getauchtes Schwert in seine Brust gestoßen. Sein Herz war gespalten. Wo die Ruhe flieht, da kommt die Furcht, wie die Nacht auf den stillen Abend. Er schaute nicht mehr gern nach dem Himmel, nicht mehr froh nach den Sternen; und wenn der Steuermann nur Regen aus den Streifen am Horizont vermuthete, prophezeihte er Sturm und Donner. Er war nie vergnügt, als wenn er seiner selbst vergaß; indem des reinen Herzens schönstes Gefühl ist, klar alle seine Verhältnisae zu überschauen, die es an Erd' und Himmel binden.   E i n e n   Trost hatte er sich gleichsam ausgedacht: daß auch der böse Mensch noch andern Wesen Glück bereiten, ihnen theuer seyn kann, weil sie ihn lieben! Mit dem Gedanken in der Seele, suchte sein Auge zuweilen am Himmel zu haften. — Er nannte sich böse; deßwegen wollen wir ihn gut nennen! Denn der Menach ist auch das heilige Wesen in ihm, das sein Leben verdammt, — wie ein Maler, glücklicher, seine falsche  Z e i c h n u n g   auslöscht.

Palmerio hatte sich den Flug der Raue nicht so schnell vorgestellt, — als wenn die  E u l e  nicht erst durch die  N a c h t  hervorgelockt, ächzte, — er hatte sich keine vermuthet! Denn was so schön war, konnte das nun so häßlich seyn? Er hatte die Schönheit der Seele vergessen! Er war wie aus einem Traum erwacht. — Ein Brief in unbestimmten Ausdrücken rief ihn nach Athen.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006