P a l m e r i o.


12. Uebermuth und Neid hat Engel gestürzt.


Das Kind ward kränker und kränker; es kam in einigen Tagen dem Tode nahe, und die gute Basiliky wäre vor Angst beinahe noch vor dem Kinde gestorben. Palmerio übernahm dessen Heilung, und kam somit täglich in das Haus. Er stellte es her, und der Dank der Großmutter insbesondere kannte keine Grenzen. Ihrem klugen Blikke war das Verhältniß zwischen ihm und Angery nicht entgangen, Palmerio sahe in Angery eine zweite, ja nur verdoppelte Elisabeth in frischer Liebe und Schönheit, und darum gleich von ihr befangen, zog er, Beide verwechselnd, die Nahe, Gegenwärtige, dem schwächern Bild der Andern, Fernen, getäuscht und sich täuschend sogar vor. Es schien ihm selbst Untreue, Unmöglichkeit sie dem Meneda zu überlassen; Rettung, nicht Neid, sie ihm zu entreißen. So hing auch Angery an Palmerio's Gestalt, wundersam gefesselt; und er sah so jung, ja so jungfräulich aus, daß keiner, der ihn wahrnahm, ihn für vermählt ansprach; was ihm Verläugnung und manches Bedenken ersparte. Sein stilles Sinnen, seine Unruhe Angery's Antlitz gegenüber, wie die eines Schmetterlinges, der vor einem Spiegel sich abängstet, erklärte sich die anfangs dazu lächelnde, aber zuletzt dadurch verstimmte Alte, sichtig und genügend, wie sie meinte, aus Angery's schon so weit gediehener Verwickelung. Aber daß diese mit Leib und Seele Palmerio’s war, sprach jeder Blick, jedes Lächeln, und ihre schmachtende Blässe deutlicher alle Morgen. Angery und Palmerio' Beide bekümmerten die dankbar besorgte Mutter des Hauses. Sie beschloß, die peinliche Lage zu endigen; und sie glaubt' es zu können, zu müssen. Sie fragte ihn daher unverhalten, ob er wohl das Mädchen zur Frau nehmen wolle? Meneda davon abzubringen, sey  i h r e  Sache. Angery sey von guten, unglücklichen Aeltern nachgeblieben, ein armes, aber gutes Kind. — Wer fragt nach den Muschelschaalen, der ihre Perle besitzt; lächelte Palmerio zu ihrer Frage. Das war der Alten genug.

Palmerio hatte nun die Kühnheit des Reichen, welcher sicher, Strafen zu entgehn, Alles für erlaubt, ja für gut hält, was er für gut hält, sich zu erlauben. Und aus solchem Gesichtspunkte erscheinen Armuth und Sehnsucht, Arbeit und Hoffnung als die einzig wünschenswerthen Güter des Menschen, der gern ein wahrer Mensch bleiben will. Und wie treu hat die Natur, die meisten ihrer Kinder in diese unschätzbare Lage versetzend, ihnen ihr wahres Glück an die Hand gegeben, wie sehr es ihnen erschwert, sich daraus los zu winden, indeß aus falschen Streben jeder unaufhörlich danach ringt, und sich für unglücklich hält, so lang er seinen Wunsch verfehlt! -

So ward Angery Palmerio's Braut. —

Die Alte hatte nur einmal allein mit Meneda gesprochen, und willig, ja fröhlich, schien er abzutreten. Deßwegen glaubte Palmerio, die Alte wisse um Meneda's Verhältnisse; sonst wußte er nicht, sich dessen Benehmen zu erklären.

Meneda segelte mit seinem Schiffe fort, um nicht bei der Hochzeit zu esyn. Er raunte beim Abschiede dem Palmerio nur warnend ins Ohr: Bruder, nimm Du sie auch nicht! —

Warum nicht? fragte dieser. Des Himmels wegen! mehr darf ich nicht sagen, bedeutete ihn Menede. Palmerio verstand die Worte in seinem Sinne; aber seine berauschte Liebe war zu seiner Vernunft geworden. Er schickte seine Schiffe zuvor nach ihrer Bestimmung, er kaufte Haus und Garten in den köstlichen Gefilden gegen Mittag, in den Mastixfeldern von Chio. Dorthin nahm er sein Weib, den hinkenden guten Karalambi mit seiner Krücke, die Alte, ihre Tochter Basiliky, und den kleinen Koko mit.

So war nun Chio seine zweite Heimath, die wunderschöne Angery seine zweite Frau, die nichts sah, nichts fühlte, nichts erwiederte, als seine Liebe mit tausendfältiger Zärtlichkeit; denn in der Männer Brust zu schaun, ist selbst dem durchdringenden Auge des Weibes verwehrt. — Ruhig geht der Mensch im Menschengewühl an seinem Mörder vorüber, wie der Bergmann oft in dunklem Schacht an Felsenwänden, hinter denen Fluthen schleichen, die ihn einst ertränken. —

Nachdem ihm hinter dem grau-röthlichen Felsengebirge der Insel, die alle Schönheiten der Erde, nur keinen Anblick des Sonnenuntergangs, keine Abendröthen, nur den Widerschein derselben im Morgen hat, dreißig Sonnen verschwunden waren, fuhr Palmerio seinen Schiffen in einem kleinen Kai’k mit rothen Segeln nach. Wie er hineinstieg, sang ihm seine Angery noch den Anfang eines Liedes:

Alle Schiffe segeln mit Leinwand —
Deines segle mit Engelsflügeln!



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006