P a l m e r i o.


11. Der Ring und der Kuß..


Nun ist es gefährlich, eine schöne Geliebte zu zeigen, um sie sehen zu lassen, und sey sie auch keine schöne Chiotin; gefährlich sein Weib zu zeigen, und sey sie eine Lukrezia; einem Jünglinge zu zeigen, und sey er auch kein schöner Palmerio, welcher jetzt in Mädchenreizen gleichsam gebadet und erwärmt, in allen Adern glühte.

Meneda führte ihn bei der Scala vorbei, immer am Hafen hinunter, rechts in die Gasse, Lambrinusina, bog links um eine Ecke, und führte ihn nun gerade in ein kleines Haus, welches queer vor stand, und den Ausgang verschloß. Er eilte voran, die Treppe hinauf. Palmerio fand sich nicht so schnell; das Haus war dunkel. Da trat, mit einer Lampe in der Hand, eine weiße weibliche Gestalt, mit schwarzem aufgelösten Haar, welches um das blasse Gesicht in vollen Locken hing, plötzlich aus einem finstern Gange hervor. Palmerio glaubte eine Erscheinung zu haben, er sah seine Elisabeth. — Wo kommst Du her? fragte er bestürzt, im Wahn, sie sey ihm erschienen, ihn zu warnen. - Wein bring' ich! sprach sie verwundert stillstehend. Es war auch Elisaheths Stimme. Er wollte sie anfassen; sie trat zurück; sie sah ihn an, sie beleuchtete ihn; sein Anblick mußte wunderbar seyn! Sie schlug die Augen nieder. Er erkannte seinen Irrthum.

Menede rief von oben: Amery! - Gleich! antwortete sie, eilte hinauf, und ließ die Lampe oben an der Treppe vor einem Heiligenbilde stehn. Palmerio wollte fort gehn; er hatte sie ja gesehn! Sie war ja schon eines Andern! Aber Meneda rief: Palmerio! Wo bleibst Du denn? - So ging er hinauf. Meneda nannte seinen Namen: mein Freund Palmerio aus Athen; ein junger Crösus! Er will hier ein Weib nehmen, und sich hier niederlassen, Setzte er schalkhaft hinzu. Und zu Palmerio sprach er, auf einen hinkenden Mann weisend: das ist mein guter Wirth, mein Landsmann aus Kephalonia, Karalambi, und sein Weib, meine Basiliky; indem er auf ein junges sanftes Weib zeigte; und wer diese ist, weiß ich noch nicht recht; sprach er, die schöne Angery bei der Hand fassend, die sie ihm entzog. Palmerio bot ihr eine kleine, wilde Rose mit drei Knospen an; sie schlug sie aus; er legte sie ihr hin. „Nimm sie doch, liebe Thörin, Du hast ja so keine Blumen, und ich habe keine mitgebracht;“ sprach Meneda, und steckte die Rosenknospen wohlgefällig und langsam damit zu Stande kommend, an ihre Brust. Palmerio sahe fast wehmüthig zu, und Angery schaute ihn indeß freundlich lächelnd an. „Nun reich ihm auch noch Deine Hand zum Danke dafür!“ fuhr Menede fort. Angery gab sie nicht; Palmerio nahm sie nicht, Und Menede mußte sie selbst in Palmerio's Hand legen, der leis die ihre drückte; denn Angery's Aehnlichkeit mit seiner Elisabeth gab ihm ein Zutrauen in Blick, Ausdruck und Benehmen gegen sie, dessen Einfluß sie nicht begriff, aber dem sie auch nicht widerstehn, aus ihm sich nicht loswickeln konnte. Der feurige Muskatwein, der jetzt herum ging, erregte Menede; er betrug sich freier gegen Angery, aber desto mehr suchte sie ihm auszuweichen. Denn Palmerio's höchst anständige, vornehme, ja götterhafte Gegenwart, die gleichsam das Zimmer erleuchtete, forderte ihr Scheu, ja Ehrfurcht ab, und machte ihr Herz beklommen. Er sehe wie ein Gott darein, voll ruhiger Kraft und Sicherheit, bescheiden sein Wesen mehr verhüllend, als entfaltend. So liegt der Diamant neben dem Kiesel, und es bedarf nur Augen, nicht Seele, um zu wählen; und selbst das neugierig-lüsterne Rothkehlchen pickt nach dem Wasserhellen Diamant im Ringe, wie nach einem Wassertropfen. Jetzt kasm die Mutter der Basiliky, eine schlaue, feine, charaktervolle Alte, ihrenkleinen zweijährigen kranken Enkel Koko*) auf dem Arm. Der Arzt war nach Smyrna gereiset, um seine Braut mit ihrem Vater nach Chio zu holen. Die Mutter war ängstlich, nahm das Kind, und trug es kosend umher. Mit der Alten war eine Schmuckhändlerin aus Constantinopel heraufgekommen. Sie schien bestellt, oder geholt zu seyn. Sie grüße, und legte den Frauen, besonders aber Angery Halsbänder, Nadeln, Ringe und andern Schmuck in den Schooß. Meneda wählte, handelte ängstlich, und kaufte. Angery hätte gern noch ein Halsband zu ihrem Brautstaat gehabt; Menede konnte oder wollte nicht verstehn. Sie holte ein kleines rothgefüttertes Schmuckkästchen, worin nur noch Ein Ring war; die andern Futter desselben waren leer. Sie wurde mit der Alten Handels eins, die ihn annahm. Angery küßte den Ring, im Innern eine schmerzliche Vergangenheit anschauend und nachempfindend, und gab ihr dann denselben sammt denkleinen Kästchen gelassen hin. Palmerio kaufte von der Alten den Ring, ohne von ihrem Gebote zu handeln, steckte ihn an seinen Finger, und das Kästchen zu sich; was Angery erröthend bemerkte. Auch wechselte er noch eine Anzahl große blanke Genuesische Dublonen, welche die Chiotinnen um den Hals zu tragen lieben, von der Alten ein, und gab sie Menede. Du giebst mir's einmal oder keinmal wieder; sagte er zu ihm. Meneda mußte sie nehmen, und was konnte er anders, als sie Angery geben? Sie sahe Palmerio dafür wie recht ernstlich erzürnt an; aber ihr Blick endete, als sie ihn langsam von ihm wandte, wie eine schwarze Nacht in Morgenröthe, in einem zerschmelzenden Feuer.

*) ein Schmeichelname, aus Nikolao gebildet.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006