P a l m e r i o.


10. Die Mädchen in Chio.


Mit solchem ununterschiedenen Wissen im Herzen war Palmerio zu seiner Frau nach Athen zurückgekehrt; mit einer nicht zu unterdrückenden Unzufriedenheit ging er jetzt von ihr weg. Er hatte Chio, das Paradies der Türken und Griechen, noch nicht gesehen, sein Beruf führte ihn jetzt daran vorbei, denn er schiffte nach Smyrna; und Fastnacht nahte! Palamedy, der alle Ursache hatte, mit ihm zufrieden zu seyn, zeigte ihm die Rechnung, und zahlte ihm den halben Gewinn des Jahres in neuen blinkenden Zechinen aus. Er wußte nicht warum, aber er nahm die Röllchen mit. — In zwei Tagen war er in Chio. Sonnabend gegen Sonnenuntergang kam er an; Sonntag Vormittags nach zehn Uhr ging er in seiner reichsten griechischen Tracht, die ihn überaus schön kleidete, auf den Epanoiallo, den reinlichen Platz vor der niedrigen, aber großen türkischen Vestung, wo fast alle junge und schöne Chiotische Jungfrauen, auf das Eigenthümlichste geputzt, Hand in Hand, heiter und seelenvergnügt bis gegen Mittagszeit lust-wandeln.

Er setzte sich an den türkischen viereckigen Brunnen, in den Schatten seines farbigen Ueberdachs, voll Hoffnung seinen Freund Meneda zu sehen, dessen Schiff er im Hafen bemerkt hatte, und ließ den lebendigen Zug an sich vorüber schweben. Aber, o Himmel, wie ward' ihm? Wie von Engelflügeln fühlt' er sich getragen! So groß, so stolz, so edel war ihm nie zu Muthe gewesen; er hatte keine Ahnung von einem solchen erhobenen Gefühle gehabt. Der Strom schöner Mädchen legte seinem Daseyn eine so leuchtende Folie unter, er trug sein Leben so himmlisch hoch empor, er schwellte sein Herz mit überschwenglicher Gnüge der Götter an, füllt' es mit aller Größe und Schönheit aus, und hielt es also schwebend auf dem seligen Gipfel der Welt, daß er eines Mannes, ja eines Menschen Wesen kaum mehr begriff. Einige schienen ihm so schön zu seyn, daß er vor Erstaunen gar nicht faßte, wie selbst der kindliche Vater der Blumen durch die gemeinen, vor ihm zerstreut ruhenden, oder tosenden Elemente dergleichen Wundergebilde haben hervorbringen mögen. Es schien ihm über allen Glauben, alle Liebe, alles Wünschen. Er hielt sich eine Warnungsrede. Jeder thut Unrecht, sprach er zu sich selbst, indem er jedoch kein Auge verwandte, jeder, der durch eine noch so süße, aber bedingende Leidenschaft sein Herz und seine Augen verhindert, hier die Natur in ihren lieblichsten Erscheinungen und Wirkungen tief und fromm zu empfinden. Himmel, Sonne, Meer, Regenbogen, Berg und Thal, Bäume und Blumen, Alles ist hier schön, wie die Menschen. Asien scheint die Insel Chio als eine Probe auszulegen, welche Kostbarkeiten es in seinen reichen Gefilden bewahre. Nachdem ich so viele Lande gesehen, muß ich hier wieder zum Kinde werden! Und was von besonderer Leidenschaft sich etwa noch in meinem Herzen regte, das verklingt vor der Göttlichkeit der Natur; sie gießt einen Strom reiner Schönheit über mich aus, und ich empfinde überselig die vielen Schönen, wie einst die Eine, die Erste! und jede weckt mir die Erinnerung all' meines frühern Liebens und Verehrens. Hier sich verlieben, rechn' ich zu dem größten Unglück, was einem Menschen, der zur Natur strebt, begegnen kann; aber Alle, wie einen Himmel Sterne, unbegehrt, aber liebevoll am Auge lassen vorüber ziehn, das viele Schöne zu   E i n e m   Bilde des Weibes verschmelzen, wie der heilige Vater der Welt ihr Urbild in seiner Seele getragen, vor der Welt, und noch gestern trug, noch heute trägt, das ißt eine Seligkeit, die zu empfinden, den Menschen zu Gott erhebt. Wie viel ist doch Ein Mensch! und wie Viel sind der Menschen! Ists die Erde, aus der so viel Wonne, wie Duft im die Blumenhäupter steigt, oder ist es der Aether, der sich wie Thau über alle senkt? - Ich erstaune! Prüfe, wer es will; begreif' es, wer es kann! Ich will selig seyn in dem, was    i s t ,   was ich schaue, was ich fühle! —

Er nahm eine von den reinlichen metallnen Schaalen, die an einer dünnen Kette an dem Brunnen hängen, drehte den Hahn, füllte sie und trank, sein wogendes Blut zu kühlen.

Eins aber hatte er noch nicht empfunden: die Rede der Mädchen, ihr kindliches, offenes, herziges Wesen; das Leuchten und Versengen ihrer Gefühle; ihren zarten Schönheitssinn und Drang. Denn wer schön ist, der komme hierher! kein Quell, kein Spiegelsaal kann es ihm so himmlisch sagen, als die Augenflur der Mädchen, ihre heitergeständige Lippe.

Er war den Mädchen aufgefallen, und mehrere blieben vor ihm stehn, sahen ihn, und sahen sich unter einander an. Eine lispelte ihm dann zu: Weißt Du, Du bist schön! - Eine andere: meine Freundin würde sich viel Mühe um Dich geben! Noch eine nahm ihm eine Nelke aus der Hand, und sagte: Nicht wahr, Du machst mich zu Deiner Liebsten? — Eine Bescheidenere sang, um es ihm nicht zu sagen: Wie wollt' ich Dich lieben, Dich an mein Herz drücken, wenn ich Dein Weib wäre! — Indeß kam eine alte Frau nach Wasser, rührte ihn freundlich an die Schulter, und forderte ihn auf: Nicht wahr, Du nimmst uns ein Mädchen weg? Andere traten hinzu und fragten ihn: welche ist wohl die Schönste von uns? — Er getraute sich nicht zu antworten. Eine sang: Wenn ich Dir gefalle, so lach' ich!

Palmerio wußte nicht mehr, ob er träume oder wache, in eine bezauberte Insel, oder in die Vorwelt, nach Cythere versetzt sey? — Freue Dich in Chio! rief ihn erweckend eine männliche Stimme zu. Er erkannte seinen Freund Menede, den Schiffscapitän. Dieser bot ihm die Hand, und ohne eben weiter auf die Mädchen zu achten, führte er ihn fort. Komm! sagte er; das sind Feldtauben! Wiesenblumen! Ich will mein Versprechen halten! Meine Angery sollst Du sehen! Komm, komm!



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006