P a l m e r i o.


9. Die Inseln. Macht des Beispiels.


Palmerio kehrte zurück; er schiffte wieder nach andern Häfen, und berührte beinahe während eines Jahres nur Balten und auf einige Tage seine neue Heimath Athen. Tausend Gedanken macht sich ein liebendes Herz in der Abwesenheit des Geliebten; es versenkt sich in bittersüße Träume von Gefahren, Untreue und Tod, um desto schöner sich selbst zu erwecken. Aber auch der Traum ist Leben, und läßt wie alles Leben, alle innere und äußere Thätigkeit eine Wirkung im Gemüthe zurück. Und wenn Elisabeth nach ihrem eignen Herzen schloß, wie gern, wie frei und schnell sie sich dem schönen Manne ergeben, so zitterte sie, daß ihn andere Mädchen oder Frauen erblickten! Aber sie bedachte nicht so ganz, wie die Welt voll Liebe ist; daß jedes Auge überall schon feine Fäden an andere angesponnen, jedes Herz schon sanft verwickelt ist; und, selbst goldentreu mit jedem Gedanken, jedem Blütstropfen, bedachte sie nicht einmal, wie unmöglich doch irgend ein    A n d e r e r   nur ein Haar von ihr gewinnen würde: Denn sie   l i e b t e !   Und liebte Palmerio nicht auch sie? Und die Liebe ist das einzige, aber allein auch sichere Mittel gegen Untreue. Denn das Herz des Liebenden ist von dem Wesen des Geliebten wie vom Mond erleuchtet und erfüllt, die Wellen des Blutes von ihm streng zusammen gehalten. Und wie der Liebende, die Geliebte schauend, oder nur denkend, kaum Speise zu sich nehmen kann, als sei ihm die Brust zugeschnürt: also findet er auch keine andern Reize so lockend, um sie zu genießen; er verschmäht sie; sie widerstehen ihm sogar. Das ist die Eigenheit, das Kennzeichen der Liebe, und der Grund der Treue. Nur wenn das innere, vollkommene Bild des geliebten Wesens abnimmt, wie der Vollmond, dann ist kein Halten der Wellen mehr, dann stürzen sie nach den Ufern, tosend um alle Buchten, sich selber durch ihre Gewalt zerschellend. —

Kam Palmerio fröhlich zurück, dann wähnte Elisabeth, es sey ihm besonders wohl gegangen, und schlug ihre Augen nieder; kam er verdrossen wieder, dann argwöhnte sie, er habe Etwas ungern verlassen, und forschte in seinen Augen. Wie sollte er wieder kommen? Am besten freilich, er reiste nicht mehr; doch das konnte nicht seyn. Indeß beging Palmerio die Unvorsichtigkeit, Vieles von den Inseln, von den Mädchen und den schönen Mädchen, die er mit Verwunderung und Bewunderung fast überall gesehen, zu erzählen, was Alles nur ihm neu war, aber von ihr, die das Alles kannte, ihm nachtheilig ausgelegt wurde. Nicht weniger pries er die gute Aufnahme, deren er in allen Häusern, wo er hingekommen, sich erfreut hatte; er zeigte von freundlichen Geberinnen, deren er sich gern erinnerte, allerhand kleine Geschenke vor; feine geschnitzte, Münzenähnliche Heiligenbilder in Holz, deren unvergleichliche Arbeit er lobte, oder andere holde Kleinigkeiten, die jene selbst mit geschickten Händen gefertigt hatten, und welche er nur mit brachte, sie seiner Elisabeth zu schenken, die sie aber scheel ansah, sie oft in den Fingern, wie spielend zerbrach, oder sonst verdarb, was ihn billig verdrießen mußte.

Ohne untreu zu seyn, hätte er damit zurück halten können, wenn er weniger offen und eitel gewesen wäre, und das Gemüth der Frauen besser gekannt hätte, deren Jede ihre Schwächen, oder doch Eine, hat, die, gleich einem Feinde, geschont, bewacht und gegängelt seyn will. Palmerio's Freimüthigkeit, der nicht einsah, nicht ahnete, warum er nicht erzählen, nicht zeigen solle, wobei er nichts empfunden, noch Besonderes gedacht, hätte Elisabeth gerade beruhigen mögen, Statt daß sie eine unbestimmte Eifersucht empfand, ja durchblicken ließ, um ihn zu warnen, zu mahnen, sich seiner fester zu versichern. — Eifersucht nähren, im Geheimen wachen, vorbauen - aber unmerklich! geht noch hin, und hilft vielleicht; aber sie   z e i g e n ,  thut die entgegengesetzte Wirkung; denn sie verräth Mißtrauen, sie reißt einen Spalt auf, wo der Boden felsen schien; sie stößt dem Beargwöhnten den Gedanken ein, es sey doch möglich, daß er wanken könne. An diesen Gedanken, dieses Fädchen hängen sich, wie an den Fuß eines Vogels, alle fliegenden Gespinste, wo er hinkommt, verwirren ihn zuletzt, und wer will oder darf, erhascht ihn leicht.

Palmerio war Anfangs dadurch betrübt, darauf düster, dann zurückhaltend, zurückweisend, ja abstoßend. Jede Stufe dieser Veränderung, die mit ihm vorging, war gleichsam das Feld eines Stammbaums, welches auf Elisabeths Seite wieder neue Wurzeln schlug, neue Kinder der Eris hervorbrachte. Aber die' Ruhe und Sicherheit der Mutter, so wie die Gewalt des Vaters, der über dem Hause schwebte, wie ein fürchterlicher Adler, machte, daß diese ausgebrüteten kleinen Basilisken sich still und furchtsam an die Erde duckten, wie die kleinen Goldfasanen, die unter der Mutter Flügel sich verbargen, wenn in dem Hofe nur der Schatten eines Falken schwebte.

Indeß wußte Palmerio selbst nicht, wie auflösend, wie nachtheilig die mit eigenen Augen gescheute, in die Seele aufgenommene Vermischung, ja Verwirrung der armenischen, griechischen, jüdischen und muhamedanischen Religion, und die Gebräuche, Sitten und Gewohnheiten der wunderlich durch einander geworfenen Völker auf ihn gewirkt hatten. Er sah Gesetze und menschliche Verbindungen von der Natur an Diesen gesegnet, die Andere verdammten; er sah himmlische Kinder, Halbgeschwister von zwei, drei und vier Frauen; er sah in diesen Einrichtungen fröhlich alt gewordene Männer und Weiber; Gartenähnliche Kirchhöfe, die viele Menschengeschlechter bedeckten, welche alle ruhig und glücklich danach gelebt, selig danach gestorben waren, und die Blumen blühten um ihre Gräber, die Sonne überleuchtete sie gleich mütterlich, wie die Ruhestätte der frommen Einsiedler auf dem heiligen Berge. Obwohl nun Palmerio in die, kein Gesetz haltende Lebensart der andern Schiffscapitäne nicht gefallen war; so hatte ihn doch die vertrauliche Mittheilung eines seekundigen Mannes von kaum mittlem Alter, — eines gewissen Meneda, zu dessen Umgang ihn eine besondere Neigung zog, — einen zwar schönen, aber falschen und brennenden Medes-Schleier über sein reines Herz geworfen. Er war mit ihm zugleich in Kephalonien gewesen, hatte dort sein Haus, sein Weib und seine Kinder gesehen. Sie waren zusammen nach Mikony gefahren — in welcher Insel die Mädchem und Weiber, mit wenigen Ausnahmen, wirklich sind, was sie in Chio nur scheinen: höchst leichtgesinnt in der Liebe; — dort führte ihn sein Freund, die Gärten hinauf, wieder in ein Haus, wo ihm zwei Knaben entgegen sprangen; Vater! Vater! — Mutter, der Vater ist da! — Und ein Weib, ein Engel trat heraus, die den Freund umarmte, an ihr Herz drückte, küßte, fragte: wo bist so lange gewesen? Du Lieber! Du Einziger! — Palmerio sahe den Mann an, die Kinder; er sehe das Weib an, das so hold, so lieb, so unschuldig war, unwidersprechlich es war, daß er übär diesem sichtbaren Paradies in des Freundes Brust zu lesen vergaß, und wenn er drin: ,,Betrug!" lesen wollte, der Neid ihm das schwarze Wort weglöschte, und ihm täuschend mit Gold hinein schrieb: ,,beglückt!"

Menede hatte ihn schon vorher um Verschwiegenheit gebeten; Palmerio hatte die Hand darauf gegeben. Als jener nun die Kinder mit den ihnen mitgebrachten Gaben beschenkt, und Allen versprochen hatte, zur Nacht wieder dazuseyn, und sie darauf wieder zum Hafen hinab gingen, sah Palmerio, erst in einiger Entfernung von dem Garten seinen ihm früher werth erschienen Freund an, und aus Schonung, oder heimlichem Neid, drohte er ihm nur: „Schelm!“              — Du wunderst Dich? entgegnete Meneda. Ich bin jeder von meinen Frauen Mann, angetrauter Mann; denn anders sind die guten Wesen nicht leicht zu erwerben, und anders möchte ich sie auch nicht! Denn ich meine es ehrlich, und lebe brav. Ich bin allen meinen Kindern Vater und Versorger. Mein Leben ist auf den Gewässern, hier und da; so habe ich überall eine Heimath, Frau und Kinder! — „Wenn sie aber je zusammen kämen, oder es ihnen verrathen würde?“ warf Palmerio ein. — Das wird nicht geschehen; entgegnete Jener.    — „Ein Geheimniß, das bestimmt ist, immer geheim gehalten zu werden, ist nie etwas Gutes;“ murmelte Palmerio. — Kein Papas hat mir in seinen Büchern über mein Verhältniß  e i n e  verbietende Stelle zeigen können; bedeutete ihm Menede zuversichtlich: und haben die Söhne des weiber-seligen Salomo hier zu Lande, wo es die Türken ihnen nicht verbieten, nicht auch noch, wie einst in und um Jerusalem, Zwei, Drei Weiber? Und wie viele Griechen! Doch bekräftige mir nur das Einzige: ist nicht der Umgang mit der Frau eines Andern mehr Sünde, als die doppelte und dreifache Ehe.
Ich — ich   h a l t e   Z w e i .   Wenn wir nach Chio kommen, will ich Dir meine dritte Braut zeigen! — Fastnacht halt' ich dort.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006