P a l m e r i o.


6. Sonnenaufgang. Die Capelle auf dem Anchesmus.


Jetzt schien es Palmerio Zeit, seine schöne stille Elisabeth an das Licht und die Kunst des Sehens, und somit an das Leben der anderen Menschen zu gewöhnen. Mit Entzücken bemerkt' er an ihr zwei große schwarze Augen, funkelnd, ja blitzend, wie große schwarze Korallen. Ihre Mutter und ihren Vater ließ er sie zuerst sehen. - Du bist meine Mutter? fragte sie, immer wieder sie bewundernd und ihr um den Hals fallend. Du bist mein Vater? Du! Dieser gütige Mann ist der, den ich so kränkte? Ach, ich kannte Dich ja nicht recht, nicht s o ! - Sie wollte weinen; der Vater beruhigte sie; und es kostete ihr Mühe, alle ihre Erinnerungen, ihre genossene Liebe, ihre Worte an diese schönen, neuen Gebilde der nun offen vor ihr liegenden Welt zu knüpfen. Immer mußten die Aeltern reden, und ihr Alles wiedererzählen, ihr wieder thun, was sie der Blinden sonst gethan. Sie schloß die Augen, und schlug sie dann plötzlich wieder auf, um ihre Phantasiegebilde als fortschwebende Morgenträuume zu ertappen, oder lieber nun zu vertreiben; und sie bestand lange einen zarten innern Kampf. Ihre Perlen und Edelsteine, ihre Kleider und Blumen, ja sich selbst, alles besahe, bestaunte sie nun, indem sie es zugleich befühlte, - selbst ihr Haar; sie nahm alles in einen neuen, deutlichen Besitz. - Und nicht ihren Palmerio? - An einen Vollmondabend führte er Sie zuerst in den Garten. Dann früh bis zu Sonnenaufgang; dann nach Sonnenuntergang, bis die Gestirne herauf zogen. Nach fernen Cypressen griff sie, wie nach naher Myrthe; nahe, hochschwebende Zweige mit blühenden Rosen, erschienen ihr bis über die Gestirne gezogen, als sey der Himmel nur eine Rosenlaube, und die Rosen viele duftende sanfte Monde. Vor der Biene, die vor ihrem Auge summte, oder auf ihrer Hand ausruhen wollte, erschrak sie wie vor einem Adler; wehte der Wind ein Blüthenblatt hin, so rief sie: wie schnell die Wolke schifft! und die weißen Wolkenstreifen wollte sie wegziehen wie Schleier. Sie war in einer Feenwelt. Diese Lehrstunden der Fernen und Nähen gewährten Palmerio fast kindische Freude, die heiterste Belohnung. Jetzt sollte sie auch die Mutter des Lichts, die Sonne sehn, und man wählte dazu den felsigen Gipfel des Anchesmus, die natürliche Pyramide von Attika. Den nächsten Sonntag in heiliger Frühe trugen die Maulthiere sie, ihren Vater, Palmerio und zwei Diener mit Erfrischungen zu dem Berge, so hoch hinauf, als die Thiere sicher gehen konnten. Dort blieben die Diener mit den Maulthieren; Palamedy folgte langsam, denn Elisabeth und Palmerio eilten mit klopfendem Herzen auf den Gipfel. Die Morgenröthe blühte wie ein unermeßliches Krokusfeld; das Meer erröthete, und die Küsten und die Berge. Jetzt verlosch der Himmel, als wollt' es, statt Morgen, Abend werden - doch, ein Blitz! und die Sonne zuckte empor, und schien zu rücken, und ward halb, und ward ganz, und nun schwebte sie frei, mildleuchtend und anschaubar; und mit Flügeln des Morgenwindes schwebten unsichtbare Geister herzu, und baueten ihr mit Blitzeschnelle eine glänzende Silberbrücke über das Meer bis an das Ufer, als sollten die Menschen darauf in die Sonne wandeln, oder die Sonne daher zu ihnen; aber sie schwang sich lächelnd in ihren Himmel hinauf, ihn rosig erleuchtend, und die Warten der Berge wurden hell, und hell alle Buchten und Felsen, als fingen sie an zu glimmen. Auch Palmerio's Gesicht leuchtete; Elisabeth schaute ihn an; sie ließ seine Hand gehen, die sie bisher gehalten, aber nur um ihn an das Herz zu sinken. Da hielt er sie umarmt. Kein Laut, kein Schwur - sie war sein, und wie ein Herrscher fühlt' er sich über die heilige Welt. Dann erhob sie ihr Gesicht zu ihn, er senkte seines; und wie die frühe Biene schon die Granathblüthe kostet, aber mit bethauetem Flügel davon schwebt, so berührt' er ihre Lippen, so schwebte sie von seinen zurück. Dann standen beide gesondert von einander. Da wendete sich der Vater um das letzte Felsenriff; Elisabeth lief ihm entgegen, zog ihn herauf, und küßte und drückte ihn unbeschreiblich. Der feine Mann kannte zu wohl der Liebe Art, als daß er die Gluth der Küsse, die Gewalt der Umarmungen sich hatte annehmen sollen; er errieth, und lächelte, um die Kinder nicht zu beschämen, eine Zeit lang nach den Hafen hinab. Dort liegen meine Schiffe; sprach er. Deine? fragte die Tochter. -Ja, mein Kind; und einst auch Deine. - O Vater, dieß Einst ist schrecklich! Ich bitte Dich! ich bin so froh! - Gutes Kind, sagte er, sie an sich ziehend, wir halten die Welt nicht auf! Versüße mir die Tage, da Du mich noch hast. Ich habe für Dich gesorgt. Dieses „ich habe für Dich gesorgt“ nicht ohne Bedeutung gesprochen, durchbebte Palmerio, aber zerschneidend, trennend, wehmüthig - die entgegengesetzte Wirkung, die der Vater gewünscht. Entsagend und kalt fragte er: wo ziehen die Schiffe hin? –„Morgen nach der Stadt.“ - Du meinst Constantinopel; fuhr Palmerio fort. Erlaubst Du, daß sie mich mit nehmen? – „Gern! - aber willst Du fort?“ - Ja, auf immer! sprach Palmerio leiser; ich bin, ach schon zu lange hier gewesen. Elisabeth erblaßte. Palamedy faßte seine Hand, und fragte ernst, doch freundlich: „warum willst Du gehen?“ - Er schwieg. – „Weil Du nicht bleiben zu können wähnst? Weil Nichts Dich hält?" Palmerio schloß seine Augen, um die aufquellenden Thränen zu unterdrücken. Elisabeth ging in die offene Kapelle. – „Meine Tochter weint, sprach Palamedy; auch Du! Ich kenne Dich und sie; ich habe Euch beobachtet; auch die Mutter! Auch Schweigen der Liebenden redet dem Erfahrnen deutlich. Ich bin offen, und liebe nicht viele Worte: liebe sie, wie sie Dich, so seyd ihr Beide glücklich, und wir durch Euch. Bist Du mein?“ fragte er, indem er ihn die Hand darreichte. Deiner Tochter! und mit ihr Dein! antwortete Palmerio, und drückte fest des Vaters Hand. – „Sie ist mein einziges Kind! Halte sie wohl! Sonst“ -- zittere Franke! wollte er hinzusetzen, und in seinem Gesicht blitzte ein fürchterlicher Geist. Aber er faßte sich, und schien bewegt. Meine Maria hab' ich verloren! Maria blüht nur noch in Blumen! sprach er, und ging schweigend und langsam den Berg hinunter.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006