P a l m e r i o.



5. Unsere Augen öffnet der Tod.



Der Morgen war schön. Purpur und Gold quoll scheinbar aus dem Hymettus, wie aus einen Vulkan herauf; aber der lohende, sausende Lavastrom floß nicht den Berghang herab - er strömte breit und breiter hinauf, und überwälzte den Himmel; die Wölkchen schienen glühend, schmelzend, als müßten goldene Tropfen davon herabfallen, aber es perlten nur kühle große Tropfen Thaues in das Thal.

Bathori mußte den Palmerio wecken; er war erst gegen Morgen eingeschlafen. Alles war fertig. Noch Eins, sprach Bathori, da Palmerio schon auf den Pferde saß, noch Eins, was Du gestern nicht hören wolltest. Der Capitain von Palamedy's Schiffen ist gestorben, und weit lieber würde er einen Schwiegersohn. . . . . .

Palmerio hört' ihn nicht aus; er sprengte fort. — Die schlanke, goldene Spitzte des Moscheenthurmes des geliebten Dörfchens Kephissiä stach ruhig, wie eine vom Winde unbewegte Königskerze gelbglimmend sich aus den Blumen erhebt, aus den blühenden Bäumen, in heitrer Morgensonne flimmernd hervor. Er wußte nicht, wie er ihr nahe gekommen, nicht wo er gewesen; und schon hielt er an dem Thore der Gartenmauer. Er nahm sich zusammen, und suchte Zweifel und Zutrauen, Liebe und Gelassenheit bei sich ins Gleichgewicht zu bringen. Elisabeth betete noch, hingekniet vor ihren Heiligen, dem Weihrauch duftete, und die Lampe brannte. Er konnte sie in Nebenzimmer sehen. Wie sollte der Himmel seine Engel nicht erhören! sprach er zur Mutter. Mir ist zu bange, erwiederte diese; ich gehe hinaus. Endlich kam Elisabeth, in das wohlbekannte Zimmer still sich herfühlend. Obschon Palmerio alle Handreichung verweigerte, blieb doch der Vater so lange gegenwärtig, bis der Stich in die Augen geschehen sollte, dann schlich auch er sich leise hinweg. Palmerio war nun allein mit ihr; ihre Wange ruhte fest in seiner Hand, und, wie die Sicherheit der Lage verlangte, hielt sie ihn geduldig und zutrauensvoll mit sanften Armen umfaßt. Er fing an zu zittern; er ließ sie allein, ging in den Garten auf und ab, sein Blut zu beruhigen, stand zuweilen, und hielt den Arm in die Höhe, wie ein Jäger, der einen sichern Schuß thun will. Jetzt kam er wieder in das Zimmer, wo das geduldige Mädchen noch wie er sie verlassen, nur mit gefalteten Händen saß. Er verdunkelte das Zimmer, und ließ nur durch die Jalousieen einen Lichtstrahl auf ihr Gesicht fallen. Er nahm eine feste Stellung; er bat sie flehentlich, nur einem Augenblick ganz ruhig zu seyn. Ich bin ja ruhig; sagte sie leise. — Ein Stich, ein Ach! — Gelungen! sprach er bei sich, als er nachgesehn. Er verband ihr das Auge; er wollte, er mußte ihr auch noch das andere geben; und eben so sicher gelang ihm auch das. Jetzt öffnete er die Fenster, machte Tag, nahm ihr die Binde ab, und fragte sie zärtlich, was sie sehe? — Dich! rief sie erschrocken, ja bestürzt, noch blässer als zuvor. Sie schwankte, sie sank; er legte sie ruhig auf den Divan, band das Tuch wieder vor ihre Augen, und rief den Aeltern. Sieht sie? fragten Beide frohbeklommen. Sie sieht! sprach er; gönnet ihr Ruhe! Nichts weiter." Er eilte in den Garten. Elisabeth lag dem Anscheine nach ruhig. Aber was sie euch Schöne's, Reizendes von der Welt, Traumgestalten gleich, in Innern sich vorgebildet; mit welcher Gluth sie auch, heranwachsend und zur Jungfrau erblühend, sich nach dem gesehnt hatte, was ihr verborgen-unbekannt, und doch mit ihrem innersten Wesen so süß und tief vertraut, in ihrem Herzen wie in einen dunkeln Krystalle heimlich angeschossen war, das hatte der Anblick des schönen Palmerio's ihr gezeigt, erfüllt, übertroffen! Und wie sollt' er nicht? Was von der Erde tausend und tausenderlei Gebilden konnte sie Göttlicheres zuerst erblicken, als einen Menschen! einen Mann, in aller seiner Schönheit! leuchtend von Liebe, und von Liebe zu ihr! — Die Mutter fiel ihr weinend um den Hals; der Vater wünschte ihr Glück; und in seinen lauten, und in ihren stillen Sinne nahm sie den Wunsch zagend und freundlich an, und reichte, auf Beyde hoffend, jedem eine Hand. Auch das Hausgesinde, weiß und schwarz von Farbe, kam ungerufen, und wollte gesehen seyn; aber noch war es verboten, und weil sie nicht sehen durfte, sprachen Alle leise, als wenn ihr auch zu   h ö r e n   schade.

Palmerio blieb nun längere Zeit in Palamedy's Hause; aus Pflicht, aus Neigung, und auf Aller Bitten. Er beobachtete täglich Elisabeths Augen, und die Herstellung derselben ging allmälig, aber sicher von Statten. Während dieser Tage und Abende wurden sie mit einander bekannt; Palamedy erkundigte sich nach Palmerio's Vaterstadt, seinem und seiner Aeltern Schicksal. Mit Vergnügen schien er von Palmerio zu vernehmen, daß er in der Schiffahrt und der Abendländer kundig sey. Wenn er denkend und genau davon erzählte, sah Palamedy ihn manchmal lange wie befemdet an, und schien Gedanken seiner Seele mit des jungen Mannes Gestalt und Gegenwart innerlich vertraut zu machen und zu vereinigen; er selbst sprach wenig; über sich und die Seinigen gar nicht. Noch freundlich gewogener sprach die Mutter mit ihm, und fragte einst, nachdem sie lange still auf den Vater hingesehn, auf einmal: welcher Kirche er zugethan sey. – „Zugethan? wiederholte Palmerio. Erzogen bin ich in der Römischen.“ Diese Antwort nahm sie schweigend auf. Palamedy drohte seinem Weibe mit dem Finger.



Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006