P a l m e r i o.



4. Orakel aus dem Wein.



Ruinen waren dem Palmerio immer reizender vorgekommen, als neue, noch so prächtige Gebäude. Jetzt segnete er, auf seinem Heimritte nach Athen, die Burg, den Theseustempel und die ganze heilige Vorwelt, in die er sich so oft gewünscht hatte; aber leider hatte ihn keiner von allen den gangbaren Pfaden in sie zurückgeführt. "Wären das keine Ruinen, wäre nicht jede Rose der alten Welt verblüht; o so wäre Elisabeth nicht aus der verborgenen, reichen Tiefe der Natur in diesen Frühlingen aufgestiegen, so schlüge mein Herz mir nicht so hoch von Liebe. Ewige Liebe! so deckst du auch die Gräber in Frieden zu, und webst neue, köstliche Schleier über eine versunkene Welt!" So sprach er bei sich, und gestand sich selbst, er liebe das Mädchen, und hoffe, wenn sie Augen hätte, daß sie ihn wieder lieben werde. Was weiter werden sollte, dafür ließ er den Eros sorgen, den einzigen noch übrigen, statt Aller mächtigen Gott der Hellenen, den Gebieter der Griechen und Türken, den alleinigen Erben, Beschützer und Wohlthäter des Landes. Er grüßte heute auch freundlich die begegnenden Türken, als unschuldig daran, daß die Zeit ein Strom ist, der auch sie trägt und hinwegführt.

Als er nach Hause gekommen, gab er seinem erfreuten Bathori, dem er unterweges Alles erzählt hatte, Geld und den Auftrag, sich nach Palamedy unauffällig, doch genau, zu erkundigen. Er selbst besorgte seine Kranken indeß auf mehrere Tage, um beruhigter abwesend seyn zu können. Indem er noch seine Nadeln sorgfältiger putzte, trat Bathori ein, und berichtete. Palamedy, sprach er fröhlich erwärmt und schelmisch, soll eine Million Piaster schwer esyn! Er hat zwei große Schiffe beständig in See. Wo er her ist, weiß Niemand recht; seiner Aussprache nach, könnt' er von Kreta stammen. Obschon ein Grieche, der willig zu Allem seine Beisteuer gibt, soll er sich wenig um ihren Aberglauben kümmern. Ich sage auch: Er soll! Ich rede als Römer! Er lebt eingezogen mit seiner Frau und Deiner Elisabeth. Etwas scheint er mit Hoffnung zu bedauern oder zu betrauern, und ein Anderes mit Muthe zu fürchten. So viel, und so wenig haben die feinen Atheniensischen Nasen in den vier Jahren, die er hier ist, ihm abgemerkt. Wenn Du seiner Tochter Augen gibst, so ist Dein Glück gemacht! Gedenke des armen Bathori! Ich rede als Römer!

Du denkst zu weit, wie die Römer! sprach Palmerio. Bathori fuhr fort: Zu weit? Noch nicht weit genug! Sieh doch zum Fenster hinaus; sieh, wo wir leben! In dem weiten Gebiete der Erde ist kein Land, wo es so einfach zugeht, als in der Türkei. Die Schönheit ist die Göttin der Türken, wie einst der Griechen; eine schöne Augenbraue erwirbt hier heute noch einen Beinamen, wie Sonst. Und ein Volk, das die Schönheit schätzt, das Weiber und Kinder liebt, mit Erlaubniß zu sagen, das schätz' ich wieder, denn es hat den Keim aller guten Dinge in sich. Ich rede als Römer! Wo sind die Frauen mehr geachtet, als bei den Türken? Wo sind sie besser? Ich rede als Römer! Wer ehrt den Menschen mehr als Menschen, und bloßen gesunden Menschenverstand, ohne nach hoher Geburt, Vermögen und einer gewissen Gelehrsamkeit zu fragen, die uns nicht eben gerechter, weiser, oder gar wohl glücklicher macht, und das Reich besser verwaltet, als die Türkei? Ich rede als Römer!

Palmerio mußte lachen. – Bathori fuhr fort aus seinem weichen, furchtsamen und scherzenden Gemüth im Zuge der Gedanken zu fragen: Und wo ist noch ein Land für Abenteuer, wie dieses? Wo ein Land für Mord und Brand, Raub und Entführung, Gift und Pest, Todtengräber und Erbschaften, Gold und Ehrenstellen, für Perlen und Juwelen? Wo ein Land für Kraft und Muth, Geduld und Stille, für Herz und Liebe, wie hier? Wer wird ein solches lieblich verworrenes Paradies je wieder schaffen, wenn man einmal sündigt, und es zerstört, das heißt, zu einem ordentlichen Lande macht, wo alles hübsch sauber und mit Ketten gemessen zugeht, wie bei uns in Italien? Ich frage wer? Wer, so lange die Welt steht? Umsonst werden Dichter und Reisende, Türken und Christen danach seufzen, besonders die handelnden Christen, die Juden!

Scherze nicht! sprach Palmerio; mir ist ernst zu Muthe und düster! — "Der Himmel ist hier heiter, die Herzen und die Liebe: Alles feurig und schnell. Ich scherze nicht, ich will Dir's beweisen;" entgegnete ihm Bathori. "Ich seh's in Geiste: Du wirst Palamedy's Schwiegersohn! Und ob es gleich kein solches Land für Doctor und Apotheker weiter giebt, so ist Dir doch Deine Handapotheke nun unnütz; wir wollen einen Geldkasten daraus machen!" —

Und ehe Palmerio es sich versah, hatte Bathori mit der Mörderkeule, die er in Feuer der Rede gefaßt, mit großem Geklirr alle Gläser der Handapotheke zerschlagen, so daß das Zimmer von Specereien und Rooben ganz durchduftet war. Bathori erschrak selbst darüber, und stand mit geschlossenen Augen, wie ein Kind seine Strafe erwartend, Stumm und still; dann bückt' er sich, und wollte die Scherben auflesen, aber er setzte sich dazu. Palmerio merkte jetzt erst, daß sein Special, um Andere zum Reden zu bringen, ihnen vielen Zeawein zugetrunken, aber dabei selbst zuviel davon abgetrunken, und jetzt durch das Sprechen sich noch mehr berauscht hatte. Er schob ihn unsanft zur Thür hinaus. Aber Bathori küßte ihm die Hände, weinte, wollte sich entschuldigen, ihn um Verzeihung bitten, ihn bedeuten, ihm noch Etwas anvertrauen; doch Palmerio hörte nicht, und hieß ihn unfreundlich zu Bette gehen.

Der Schlag in die Gläser hatte ihm jedoch sonderbar genug, wie ein laut oder vorlaut, ja derb ausgesprochenes Orakel, ein festes Zutrauen in Bathori's letzte Worte gegeben, und seine Wünsche ließen ihn über seinen unbedeutenden Verlust nicht zürnen. Er ging gedankenvoll im Zimmer umher. Es war Nacht geworden; er trat an das offene Fenster; die Sterne glänzten silbern und klar. Seine Blicke schwelgten in der unaussprechlichen Pracht und Schönheit der unbegreiflichen, und doch jedem Auge, so oft und lange es will, holdgegenwärtigen Fülle der Gestirne, „Morgen sollst Du diese Pracht schauen, arme Elisabeth! diese Wonne will ich Dir schenken! ich will Dir diesen Himmel schaffen, schaffe Du mir den meinen!“ — So seufzt' er. Singen konnt' er nicht; aber ein Lied rieselte, wie aus einem Quell, leis' aus seinem Innern herauf, und stieg über seine Lippen; und er dachte mehr, als er sprach, die schmachtenden Worte;

O Liebe, Liebe! Wo bist Du her?
Ich frage die Nacht, und die Erd', und das Meer —
Sie schweigen! — und ach, ich weiß es ja nicht allein!
Doch nach der Hoffnung, die Du mich lehrst,
Und nach dem Himmel, den Du gewährst,
Must Du aus den Lande der Hoffnung: vom Himmel Sein!





Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006