P a l m e r i o.



3. Die schöne Athenienserin und der Blumenname.



Ein Arzt ist in der Türkei überall willkommen. Auch die Türken sind Menschen, und das Leben ist überall süß; am meisten, wo es so viele Gefahren bedrohn, und wo so wenig Hülfe und Rettung ist. Jeder Reisende, der einen Stock trägt, das dortige Zeichen eines Arztes, wird gewiß in jeder Straße vielfach angerufen, für irgend einen Kranken ein Mittel zu sagen; und wenn er keines sagt, keines weiß, wird er für hart und unbarmherzig gehalten. Palmerio hatte sich in Athen freundlich eingerichtet, einen armen, herumreisenden ältlichen Apotheker, Namens Bathori, einen verunglückten Cardinalssohn aus Rom, der zwar dem Weine freundschaftlichst ergeben, aber sonst geschickt und die treueste Seele von der Welt war, zu sich ins Haus genommen, und befand sich wohl. Obgleich Palmerio seine Kunst nicht als Zweck, sondern nur als Mittel betrachtete, so hatte ihm doch sein Eifer und sein glückliches Talent zu vieler Einsicht und Geschicklichkeit verholfen. Der gelehrte und vortreffliche Arzt, Abraamoty war alt, und reich; und Athen, welches an sybaritischem Leben keiner andern noch so schwelgerischem Stadt der Erde nachzustehen Lust hat, gewährte ihm reichliche Ernte und bedeutenden Ruf. Auch die Gewohnheit dortiger Aerzte, mehrere Städte und Dörfer zu durchreisen, und für einige Tage ihren Aufenthalt zu nehmen, wo ihre Hülfe erforderlich ist, diese eben so wohlthätige, als einträgliche Sitte ahmte Palmerio nach.

Eines Tages kam er von Marathon den Penthelikus herab in das schönste Dorf von Attika, nach Kephissiä, vom Ursprunge des Kephissus so genannt. Viele Türken und reiche Griechen haben dort ihre Landhäuser und Gärten von hohen Cypressen und Oliven. In der offenen Thür einer Gartenmauer, worüber in einger Entfernung ein freundliches Haus halb sichtbar emporragte, stand ein wohlgekleideter Mann von ungefähr vierzig Jahren, von eben culminirender, aber auffallender Schönheit, mit einem vornehmen, noch blühenden, jedoch schon Fülle ansetzenden Weibe von nur höchstens dreißig Jahren, redend, fragend und hörend, indeß Beide, Etwas erwägend, ihre Blicke nach ihm richteten, wie er von seinem lieben Haus- und Land-Apotheker Bathori begleitet, ruhig auf seinen Pferde des Weges hergeritten kam. Jetzt war er ihnen gegenüber. Er grüßte. Ein Wink; er hielt. Sie warteten; er stieg ab. Bathori hielt die Pferde. Sie gingen hinein; er folgte. Die Thür verschloß sich. Indem sie tiefer in den Garten gingen, sagte ihm der Eigenthümer leicht, doch ein hinlängliches Gewicht auf seinen Namen legend: ,,Ich heiße Palamedy; meine Tochter ist krank, Du sollst sagen, was ihr fehlt und ihr helfen. Palmerio bemerkte wenig Unruhe und Eil an den Aeltern; die Tochter konnte nicht gefährlich krank seyn. — Da sitzt sie! sprach die Mutter; siehe was ihr fehlt. Palmerio, der in Gedanken gegangen war, blickte auf. Ein Mädchen, in das Alter der Jungfrau übergehend, saß auf einem persischen Teppich, der über den grünen Rasen gebreitet war. Ihr Anzug war der einer Athenienserin, ihr Ueberkleid von veilchenblauer Seide, mit Gold besetzt; um den Leib wand sich ihr ein bunter, blumendurchwirkter Lachuri. Ihr langes schwarzes Haar, in dem Nacken getheilt, hing in losen, von eigener Feinheit und von Rosenöl schimmernden Massen, links und rechts des Gesichtes über ihre Brust herab; ein goldenes Tuch war leicht um ihren Kopf geschlungen, und blitzte in der Sonne, die zwischen Cypressen auf sie herab schien. An dem weißen Marmorrande eines Springbrunnens, der in einem Netz, dem Kinde gleich, mit seinem hohlen Balle unaufhörlich spielte, lagen Gold und Silberfasanen sich sonnend, die glänzenden Flügel ruhig über den kleinen rothen Fuß hingebreitet. Dahinter lag ein sauber gehaltenes Blumenbeet, worauf einzig und allein fünf Menschengroße, wehende und duftende Buchstaben von dichten Blumen gepflanzt waren; ein blaues M. ein weißes A. ein rothes R. ein gelbes I. und wie zu Anfang am Schluß ein blaues A.

Palmerio las den leuchtenden, lebendigen Namen MARIA mit sonderbar angeregten Gedanken. —

Es ist der Arzt, Elisabeth; sprach die Mutter. Palamedy winkte. Palmerio kniete zu ihr auf den Teppich, wollte ihr Handgelenk aus Bescheidenheit mit einem seidenen Tuche bedecken, um nach der Bewegung des Pulses zu fühlen. Wir sind keine Türken, sprach Palamedy lächelnd; prüfe sie, was ihr fehlt, Du mußt es ihr selbst abfragen! Palmerio fühlte an Elisabeth ein leichtes Beben; ihr Blut ging schneller und schneller, sie ward blaß, sie ward roth — doch ein Fieber war es nicht. Er fragte sie, ob sie Schmerzen fühle? und wo? Nirgend, antwortete sie. Daß sie mit Gedeihen aß, trank und schlief, las er an ihrem blühenden Gesicht; - er fragte es also nicht erst. Alle schwiegen, einen Ausspruch von ihm erwartend. Verlegen sah er in ihre Hand, die er noch hielt, und bewunderte das feine Geflecht der Linien und das ganze zarte Gebild der Natur, für dessen Wesen und himmlische Erscheinung sein Gefühl jetzt keinen Namen hatte; denn die ganze Landschaft mit Bergen und Bäumen, Wolken und Sonne schien ihm außer aller Zeit schwebend, in unbekannte selige Ferne entrückt. Er sah nur sie, er fühlte nur sein Herz schlagen; aber nach seinem eigenen Namen hätte ihn Jeder jetzt umsonst gefragt. Palamedy unterbrach die Stille mit einem: Nun? Er besann sich, er durchblätterte in Gedanken die ganze Krankheitszeichenlehre, und fragte fast alphabetisch nach Allem. Sie senkte ihre Augen, und verneinte ihm alle mit Lächeln.

Halb unwillig stand er auf, wandte sich zu dem Vater und sagte an sich haltend: Haben Sie mir Ihre Bekanntschaft gönnen wollen, die ich über Alles schätze, so sey des Scherzes jetzt genug; Ihrer Tochter ist wohl. Palamedy lächelte. Palmerio, halb verdrießlich, halb verlegen, wollte Abschied nehmen, und sah noch einmal nach Elisabeth. Auch s i e hatte ihr schönes Gesicht nach ihm hinauf gewendet, so daß es die Sonne nun mit vollem Strahlenwurfe beleuchtete; sie aber sah, von allem dem Glanze ungeblendet, irr nach ihm hin. Er bemerkte dies, sah näher, kniete hin, sah nach, und sprach erschrocken und bang vor Wehmuth von ihr abgewendet: sie ist blind! — Elisabeth ward roth bis an die Stirn, und drückte ihr Gesicht schaam- und leidvoll in ihre Hände.

Ja! blind, seit ihrem dritten Jahre, Seit einer Krankheit; seufzte die Mutter. - Hülflos? frug Palamedy.

Palmerio lehnte Elisabeths Hände sanft von ihrem Gesicht zur Seite, und prüfte die Augen, die sich leise mit Thränen füllten. Er trocknete sie ihr sanft ab, erkannte die Krystalllinse vom reifen grauen Staare verdunkelt, und rief: Morgen soll sie sehen!

Die Mutter küßte ihm die Hände, der Vater steckte ihm einen Ring mit einem kostbaren Onyx, auf welchem ein Asklepios mit seinem Schlangenstabe erhoben gearbeitet stand, an den Finger.
— So komme Morgen! sprach er.

Palmerio verordnete das Nöthigste wegen des Verhaltens; denn es hinderte nichts, sogleich die Operation vorzunehmen, wenn er seine Nadeln bei sich gehabt.

Um den Engel noch einmal recht zu sehen und ihren Athem zu fühlen, sah er zum Scheine noch einmal nach ihren Augen. Sie war vor Freuden aufgestanden, und ihre schlanke Gestalt schien ihm so reizend, daß ihm der Athem stockte. Sie fühlte nach ihrer Mutter, und faßte seine Hand. Sie bemerkte, daß es die seinige war, aber sie behielt sie. Als er sich satt gesehen, und seine Seele ganz berauscht hatte, schied er schnell. Die Mutter führte Elisabeth in das Haus; Palamedy begleitete ihn. In der Thür blickt' er noch einmal zurück, aber der grüne Platz war leer; nur der Blumenname MARIA leuchtete ihm seitwärts unleserlich noch einmal in die Augen.




Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006