P a l m e r i o.


2. Der Herzog von Athen.


So eben war Palmerio singend in Porto-Leone vor Athen gelandet; seine Sachen lagen ausgeschifft und zusammengehauft am Strande; er wartete auf Pferde. Voll Ungeduld ging er den Weg hinauf, und setzte sich an Euripides Grabmal, das die Engländer, wie so manches, thöricht bis auf den Grund ausgewühlt, nicht wissend oder nicht glaubend, daß es leer sey. Wenn er sonst seinen geliebten Alfieri las, in dem wunderbaren Zauberspiegel der Welt die schönen ätherischen Gebilde wandeln sah, die im Glücke selig, in ihren Verwickelungen reizend, in der Klage noch süß, im Unglück, ja im Tode noch ihm beneidenswerth erschienen, so wünschte er nie ein Dichter zu seyn, aber, eines Dichters werth, ein Leben zu leben, das in seine Farben getaucht, in das stille unzugangbar-selige Reich der Dichtung erhoben, Andre entzücke, wie ihn die Geschicke Andrer oft so unaussprechlich gereizt und entzückt. Gedankenvoll hing sein Auge an der Burg von Athen; Frühlingsregen hatte des Parthenon Säulen, gleich rosigen Töchtern, mit frischem Himmelsthau gebadet, und die Sonne trocknete sie jetzt, mit vollem Lichte darauf wärmend. Ein Schauer fuhr durch seine Seele, wie des Todes, und eine Begebenheit, deren er sich lange nicht erinnert, trat ihm jetzt lebhaft vor die Seele.

Einer seiner Vorfahren, Piedro Palmerio, war Herzog von Athen. Als armer, junger, aber schöner Kaufmann kam er dahin von Venedig, wo er sein gutes Weib indeß nach Kräften versorgt. Der vorige Herzog, Nerio Acciajoli, gleichfalls ein Venezianer, war gestorben, und hatte einen kleinen Sohn und ein schönes Weib verlassen. Letztere war jung und feurig; und da sie Alles hatte, was der Reichste und Verwöhnteste selbst zum Leben für nothwendig hält, schien ihr nur das zu ihrem vollen Glück zu mangeln, was dem Weibe das Leben einzig schmückt: die Liebe, und männliche Schönheit. Ehe sie wußte, daß Piedro Palmerio verheirathet sey, hatte sie schon die heftigste Liebe zu ihm gefaßt. Daß er schon eine Frau beglücke, erfüllte sie mit Neid und Haß gegen dieselbe. Ihre Leidenschaft ging so weit, daß sie, uneingedenk des Knabens, den sie als Erben ihrem ersten Gemahl geboren, dem unentbehrlichen Geliebten versprach, sein Weib zu werden und ihn zum Herzog von Athen zu erheben, wenn er sein Weib verstieße und zum Schweigen brächte, damit sie Beide ohne Rache sicher lebten. Palmerio, stolz und ehrgeizig genug, Herzog zu werden, schönheitssüchtig genug, die schöne Frau sein zu nennen, die er gleich heftig, ja womöglich noch unbesonnener, noch rücksichtsloser liebte, als sie ihn - scheute den langen Weg nicht, scheute nicht seinem der Rückkehr frohen Weibe Gift zu mischen, und  a l s o  sich von ihr scheidend,  a l s o  Sie zum Schweigen bringend, seine Hand frei zu machen. Gleichviel für ihn, mit welchem Herzen, kehrte er zurück; gleichviel, um welches Opfer, heirathete er die Herzogin, und ward Fürst von Athen; denn seine Gemahlin hatte großen Einfluß an Mahomet des Zweiten Hofe, schon dadurch, daß sie als schön berühmt war. Aber ein Verwandter des verstorbenen Herzogs, Frenco Acciajoli, der selbst das schönste Herzogthum und das schönste Weib gehofft, den sie aber, als häßlich, verschmäht hatte, entdeckte die That nach ihrem wahren Hergange den Mahomet. Und da der neue Herzog Piedro Palmerio sich gegen seine Unterthanen hart, ja grausam erzeigte, so ließ ihn Mahomet fallen, und gab das Herzogthum dem Franco, dessen erste That als Herzog war, die Prinzessin in den Kerker zu werfen und ermorden zu lassen. Dafür nahm Omar, Feldherr Mahomets, endlich für diesen Athen in Besitz, welches er lange gewünscht, da er es längst bewundert hatte. Franco aber hielt die Burg, wie sein Leben, fest; und um ihrer zu schonen, tauschte sie ihn Mahomet für Theben ab. Denn Einer muß aufhören zu rächen, Einer muß die alten Gewebe vom Webstuhl der Zeit schneiden, wenn Raum für neue werden soll; und gewöhnlich thut es der Starke, weil er nicht etwa der Bessere - sondern der Sichere ist. —

„Palmerio! die Pferde kommen!“ hörte Palmerio einen Matrosen rufen, und er erschrak vor seinen eignen Namen.


Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006