Der Kuss des Engels


Civita Lavinia, Weihnachten 1825.

Die kleine Pilgerin

Ach, mein Freund! ich hörte wieder Osterstimmen! ich bin dahin, mein Herz zergeht in heiliger Wehmuth. –
Ein neues Jahr haben wir angetreten, es öffnet sich still vor uns und läßt eine unabsehliche Reihe von Jahren schauen; die Ungewißheit aller menschlichen Dinge läßt uns den Ungeheuern leeren Raum der Zeit, die uns noch in unserem Leben und allen, allen spätem Geschlechtern bevorsteht, mit Leiden und Sorgen und Arbeit und Freuden erfüllt erblicken, und wir mögen kaum hinausschauen in die unendliche, betäubende und vernichtende Ferne. Und das Alles wird einmal vorüber sein! – Horch! da schallen Ostergesänge! – horch! nach so vielen Jahren, die wir erlebt, nach so vielen Frühlingen, nach so vielen Begrabenen und Allem, was uns das Herz schwer und froh macht – nun soll es erst wieder Ostern werden! Ja unserer Phantasie soll das Alte, Vergangene noch ein Mal geschehen, und das Schöne, Süßbekannte, tritt uns als ein Neues, Nahes, Unaussprechliches entgegen! – o mein Freund! Nur so ertragen wir das Leben, daß ein Gesetz, eine Form es umfaßt! Haben die Menschen thöricht – wenn auch nach ihrer Thorheit einseitig, und gewiß nicht für immer und unhaltbar – gehandelt, die das reine untaufbare Jahr in einen Kreislauf hoher, geschichtlicher, heiliger Dinge von erster und ernster Wichtigkeit für das Herz des Menschen eingetheilt zu vermeinter beständiger Wiederkehr? Haben sie es nicht der Natur abgesehen, die auch unendliche, fremde, neue Jahre der Erde hernieder zu schütten scheint – aber doch jedes wieder mit Lerchengesang und Veilchen beginnt! und in jedem fortfährt mit Nachtigall, Wachtel und blühendem Weizen, mit blauen durchsichtigen Trauben und rothwangigen Früchten, und mit Schwalbengeschwirr und mit Schneegeflöck’ es wieder beschließt? Es ward neu – aber es war alt – es ward alt, aber es war neu: nur andere Menschen gingen durch denselben Saal voll ihrer Wunder. Es wäre vollends unbegreiflich, daß wir Greise sähen mit dem Silberhaupt; wir würden nicht wissen, woher sie sind, sie selbst würden nicht mehr errathen, wo sie sind, indem sie nun unter Jünglingen, unter Kindern stehen, wenn die Natur nicht Kinder und Greise vereinte durch das Ewigliche!
durch das Zusammenleben in demselben Zauberpalast wie zusammen geboren! So begrenzt schon der Himmel die Menschheit mit dem Umwandelbaren von Oben, mit dem Umwandelbaren von Drunten aus der Erde. Und so soll mit noch viel höherer Gewalt und Bedeutung auch das Heilige, das in der Welt erschienen, alle Herzen verknüpfen, wie es alle erfüllt, und auch die Geister sollen in einer ewigen Gegenwart leben, in einem Himmel, wie sie wandeln unter einer Sonne, wie Alle essen von immer sich gleichenden Erdbeeren, Weintrauben und Früchten, verjüngt und doch dieselben. Darum lob’ ich die Jahresfeste, die scheinbare Wiederkehr, den wiederkehrenden Wandel zu einem dauernden Wesen. Nimm Weihnachten, Ostern, Pfingsten – nur den Michaelistag aus unserm Leben, und es wird finster vor unsern Augen! wir schwindeln. Nimm den Türken nur ihren Ramadan, und sie sind es gewesen! Die Götter heißen anders hier und anders dort, sagt schon Homer; und alle Namen löschen aus. Dieses Geschlecht wird die Farbe der Zeit nicht los. – Das dacht’ ich Charfreitag in der Sixtinischen Capelle unter dem Gesang wie von Engelschören, verborgen hinter dem Gitter. Ja die Zukunft wandelte mich nicht an, und Buonarotti’s Weltgericht schwebte nur wie ein Traum, wunderlich sichtbar vor meinen Augen. Darauf ging ich in die Capella Paulina, wo jetzt die 40 Stunden gefeiert wurden, und von dem Castrum Doloris mit der Leiche Jesu mir ein Glanz von tausend Wachskerzen entgegen strahlte, den das Auge kaum ertrug. Ich schlug die Blicke nieder vor dem, was einst gewesen und hier so wunderbar wieder zu sehen war; fast zu schmerzlich. Da erblickt’ ich ein junges Mädchen von ungefähr zehn Jahren, die hingekniet war und um den Todten weinte, betete und weinte, wie ich es nie gehört. Vielleicht waren ihr Vater und Mutter gestorben, aber das schien doch keine Erinnerung! das war ein gegenwärtiger Schmerz, wie um den ersten Todten und alle Todten der Erde zugleich – und das Kind war untröstlich. Aber Niemand tröstete es! Alle Andern standen neugierig und schaulustig daneben, denn die Feierlichkeit war den Fremden neu, und selbst den Malern die Bilder von Buonarotti: die Kreuzigung des heil. Petrus, und Paulus Bekehrung auf den Seitenwänden; auch die Uebrigen von Lorenzo von Bologna waren nie so zu sehen als jetzt in der Lichtgluth der Kerzen! Nur die Gemälde von Zuccheri am Gewölbe waren, wie billig, gleichsam von wohlmeinendem und kunstverständigem Dampfe verhüllt.
So blieb es die längste Weile in der feierlichen Stille. Das Mädchen erhob zuletzt ihr Gesicht und schien sich zu wundern, daß Niemand weinte als sie; und es schwebte ein Ausdruck des Erstaunens, ja der Verachtung in ihren Zügen, daß irgend ein Menschenherz ungerührt zu bleiben vermöge bei diesem Leid! bei dieser That des Todes! bei ihren Thränen! Ich sah es deutlich, sie war erschöpft, sie war krank und bedurfte des Beistandes oder vielleicht nur des Trostes. Aber um keinen Preis in der Welt hätte ich dem engelgleichen Kinde seinen Wahn benehmen und sagen können: weine nicht, mein Kind, jenes Gleichbild stellt den Todten nur vor, es soll nur erinnern; hier ist Niemand todt – als der Ungläubige, und Niemand wehmuthselig als der Gläubige. Das sagt’ ich mir selber und hatte Recht.
Als aber die nächtliche Stunde gekommen, wo die Priester allein um das Todtenmahl wachen, und Männer und Frauen sich entfernten, ging auch das Mädchen nothgedrungen mit gesenktem Kopfe und gefalteten Händen. Kein Bekannter begleitete sie; sie war fremd, das sah ich an ihrer Kleidung; und erst, als sie sich vor dem Vatican in eine Wandvertiefung hinsetzte, anlehnte, als wolle sie da übernachten, trat ich zu ihr, faßte sie bei der Hand und fragte sie, ob sie nicht lieber mit mir kommen wolle? –
Sie erhob sich und folgte mir ohn’ ein Wort. Ich aber führte sie alle die Treppen und Gänge rechts und dann durch die Halle hinein in die Peterskirche, in deren Mitte von der Kuppel herab das große, vergoldete, hell von Lampen erleuchtete Kreuz hing, einzig und allein Licht verbreitend in dem ungeheuren Räume, und einzig und allein Schatten werfend; denn die Lampen über den Gräbern der Apostel St. Petrus und Paulus dürfen nicht brennen, so lange ihr Herr und Meister im Grabe ruht. Ich bewunderte die schöne Erfindung der Kreuzeserleuchtung, die, von den Griechen aus der Sophienkirche zu Constantinopel stammend, Michael Angelo hier für Rom so schön und überraschend nachgeahmt, ja erhalten, da das Kreuz dort verloschen ist. Viele tausend Menschen standen, drängten und schauten und sahen sich nicht satt an der einfachen, majestätischen Erscheinung, wunderbar an sich, erstaunend in ihren Wirkungen in dem immer, aber dann über Alles erhabenen Tempel, an Macht und Schauer dem düstern Gewölbe des Himmels gleich, als wenn von ihm nur ein einziges Sternbild funkelnd strahlte, in welches alle Gestirne zusammengeschmolzen! Der goldene Glanz von dem blendenden Kreuze lag auf jedem Gesichte und weihte, verklärte es gleichsam, daß kein schönes Weib, kein schöner Jüngling, nur ein menschliches sterbliches Wesen erschien; das dicht an einander gedrängte Volk war nicht wie aus Rom, aus Italien, nicht von der Erde hierher gewandelt – sondern es war wie von den Sternen, oder aus wunderbaren Gefilden hierher gezaubert, fremd, eigen und doch der Erde und sich verwandt, wie aus andern, ätherischen Stollen gebildet, unbegreiflich, Niemand konnte sagen woher, und doch war es da! und richtete lichtglänzende Augen und helle Stirnen und Wangen, wie golden, hin auf die Quelle des Lichts und des Goldes. Aber das Geräusch der Füße auf dem Marmorboden, das Geflüster des Einen zu dem Andern von so unzähligen Menschen zugleich, verbreitete ein so starkes dumpfes Getöse in den Hallen, daß jeder zuletzt laut sprechen mußte, um von seinem Nachbar verstanden zu werden; aber auch der Lautsprechende glaubte nur leise zu reden in dem schwebenden Gesurr, und so erhielt sich Jeder in seinem Sinn die Heiligkeit des Ortes, so sprach Jeder wirklich nur leise, wenn es gilt, was das Ohr hört, und was die Seele will. Auch daß hie und da ein Maler auf seinem Malerstuhle saß, die Tafel vor sich auf seinen Knieen, that Niemandes Andacht Eintrag. Denn die Baumeister und die Maler hatten dieß ganze Werk so schön gemacht für lange Jahrhunderte, sollte die Kunst nicht wiederum Vortheil zurückziehen aus ihrem Gebildeten? Das fördert ja wieder Werke zum Frommen der Menschen! Ich bin auch ein Maler; aber da keiner, selbst Raphael nicht den Gerardino delle Notte erreichen, oder Lanfranco nur übertreffen könnte, da zu aller Kunst Muth gehört, und in so vielen Fächern unserer Kunst fast Jeder in unserer Zeit mit der Verzweiflung anfangen muß, wie wenn ein Bettler eine Königin liebt: so bleib’ ich in meinem Fach, worin noch Hoffnung ist. Denn gab es schon einen Raphael, als der Knabe Sanzio der schönen Benedetta die irdenen Gefäße malte, so hätten wir nichts von diesem neuen Raphael vernommen – denn er war schon. Da er aber nicht war, ward er es. Das bedenken alle wir lieben Künstler nicht oft, nicht genügend genug! das ist der Hauptschlüssel zur neueren – Kunst.
In diesem Gewirre rief Jemand »Rosalia!« – Mein Mädchen sahe sich um; und ob man gleichwohl nicht ihr gerufen, so wußt’ ich doch nun ihren Namen! Sie hielt das Tuch vor die Augen, sie konnte nicht mehr sehen. Sie glaubte auch hier, was sie sah, und ich will ihre Worte nicht wiederholen aus Furcht vor Euerem Lächeln. –
Komm Rosalia! bat ich sie jetzt. Sie folgte. Nur auf dem freien Platze sah sie noch ein Mal zurück, kniete noch ein Mal hin, und das goldene Zauberwerk flimmerte durch die offenen Thore heraus und glänzte weit und weiter uns nach, und das Innere des Tempels war gleichsam außerhalb desselben sichtbar und herausgetreten, wie wenn ein Kind den inneren Kelch einer Lilie herauf- und hinauskehrt, daß die an den Staubfäden wie glimmenden feuerfarbenen Stäbchen nun außer ihm stehen. Und so empfand man sich im Freien auch wieder wie in dem Tempel – und nun war der gedämpfte blaue Himmel und der strahlende Vollmond darin; und die Phantasie wollte und konnte die holde Täuschung nicht lösen. Ich gab Rosalien mein bestes Zimmer, erquickte sie mit Wein und Speisen, hörte sie reizend erzählen; warum sie gekommen, was sie gesehen, sahe mich satt an dem schönen Gesicht und sagte mit schwerem Herzen ihr gute Nacht. Wie allmächtig doch wenige Jahre sind! wie die nichtige Zeit doch Menschen trennt, als lebten sie nicht mit einander!




Bearbeitung: Horst Georg Padelt, 2006