Leopold Schefer

(*30. Juli 1784 - †16. Februar 1862)

Der Kuss des Engels

Der Waldbrand


Quebec, am 1. März 1826.

Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte. Woher es stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandem ein; Alles war nur, was es im Augenblick schien; heiß oder kalt, trüb oder hell, das war, was uns rührte! Die fünf himmlischen großen Rubinen schmolzen zuletzt und zerflossen in unbeschreiblich herrlichem Farbenspiel; und nach einer halben Stunde schien der Himmel ein Spiegel geworden, in dem sich die goldgelbe Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende Bild in dem Spiegel sehen, und sie selber zugleich.

D’Issaly kam, setzte sich zu mir und sprach: »Es herrscht eine Wahrsagung hier unter dem Volke, daß, wann die blinde Frau den blinden Hirsch fängt, sein Leben am Ende sei!«

Das Leben des Hirsches, oder des Volkes? frug ich ihn. »Umgeben vom Waldbrande sind wir,« antwortete er. »Der feurige Kreis ist geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und glühen noch hin und her. Das Feuer überspringt sich selbst. Wollen Sie den blinden Hirsch nun sehen? Er steht dort mitten in dem dichten Kreis der erstaunten Indianer leicht angebunden. Er ist matt bis auf den Tod, ein blindes Weib hat ihn am Geweih gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen. Viele machen ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen! Einige behaupten, sie sehe noch, oder werde wieder sehen, und bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen herzustellen; Andere versuchen, den alten Hirsch wieder sehend zu machen, damit die Alte keinen blinden Hirsch gegriffen! Gläubigere behaupten: der Hirsch sei doch blind gewesen, wenn er auch wieder sehe. Vor Allen brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude über das Eintreten des vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als Angst über den dadurch angedeuteten Untergang. So sind die Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich erprobte Wahrhaftigkeit der alten Thoren giebt ihnen neue Würde, die doch nun am Ende wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu Tode umarmen zu lassen.« Wir traten zu der Scene. Und der Anblick der Menge war wirklich wunderbar, welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem zackigen Geweih als ein Gesandter vom großen Geist erschien. Wer es auch hätte wagen können, ihn zu tödten, der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm Mais aus seiner magern Hand zu fressen und blickte dabei zu den zwei goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in den Augen. Alle waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab. Gerade jetzt trug das Mädchen – sie hieß Ayana – meinen Okki eilig nach einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da trat ein Algonkine hervor, schnell gab sie ihn dem auf den Arm, eilte hinein und verbarg sich.

Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch: »Du bist doch meiner Eoo Mann? Nein, Du bist es eben nicht, das wissen wir schon, darum ist der Knabe nun mein! Mein Blut rinnt in seinen Adern. Aber Ayana hat Unrecht gethan, ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir abzufordern. Du bist als ein Gast zu uns genaht, selber in Noth, darum gehe Du unberührt von hinnen!«<

Er wollte hinein gehen. Ich hielt ihn an Okki’s Arme, der schrie. Er stand. Es war Eoo’s Vater! Seine schwarzen Augen funkelten, die Nüstern seiner schön gebogenen Nase bewegte Zorn, seine Lippen schwellte Verachtung, und mit seiner hohen Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir herrlich und unbegreiflich da. Und doch regte sich eine heimliche schwere Schuld in mir, eine Schuld am Mutterherzen. – Aber ein Wort ist den Indianern ein Schwur, es ist Wahrheit der Gefühle – und Okki war mir verloren, wenn ich ihn ließ. Das Kind konnt’ ich nicht fassen, wir hätten es zerrissen; Eoo’s Vater konnt’ ich, ihretwillen und meines Dankes wegen, nicht tödtlich, nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht’ ich klar. Aber mich befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr die Folgen erwogT noch das Gelingen von dem, was ich that. Ich faßte den Vater, ich rang mit ihm – während daß – ihm Ayana den Knaben wegriß. Meine Kraft war furchtbar gespannt, und doch wollt’ ich so eben dem Manne, in Thränen ausbrechend, an die Brust fallen und vor Verehrung der Liebe zu seiner und meiner Eoo ihn an mich drücken – da riß mich d’Issaly rücklings von ihm weg. Er selber half mich mit Baststricken binden und trug mich mit anderen Männern in seine Hütte. Er selber ging von mir weg und ließ sich nicht sehen.
Nach einer Stunde kam Ayana, setzte sich in scheuer Entfernung von mir und schien mich mit Antheil, ja mit Neigung zu bewachen.

So lag ich und starrte hinaus auf den offenen Platz in die Savanne und zum Himmel.

Der Oberwind war herunter gestiegen und brachte die Flamme. Vor ihr den heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch. Ich sahe, die Indianer rissen ihren Schmuck aus den Ohren, die Tai’s warfen ihre rothen und blauen Federhüte von sich und zogen die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel unbekleidet erschienen sie nun bemalt mit Farben und Strichen, und selbst bei den Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das den Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, deren langsam steigende Töne das Herz zerrissen und, bebend in der Tiefe gehalten, das Innerste erschütterten. Das Feuer vertrieb sie aus dem Walde, wie die Otter die Vögel aus dem Neste. Ihr Geschlecht war ins Land der Geister gestiegen; nun war an ihnen die Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr folgte. Sie waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. »Die Bäume machte der große Geist – nun zerstört’ er sie wieder. Das blinde Weib hat den blinden Hirsch gefangen, die Hirsche und wir verschwinden aus den Wäldern mit den Wäldern, und Alles war ein Bild im See, ein Bild, bis die Nacht ihm erspart, zu sein!«

Das, wähnt’ ich, müßten sie jetzt da vor mir singen. Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel in dieser höchsten Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort Grabgesänge, als Nachklänge der Stimmung des vorigen Tages und aller Tage! Das unendliche reiche, und bis in die innerste Tiefe aufgeregte Gemüth des Menschen schien noch für die Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren Lebens – wie ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages gedrängt und schnell wiederholt – eine kurze Minute in Anspruch zu nehmen, ja alle seine Freuden und Leiden noch einmal ganz ausschütten zu wollen, zu müssen! Der Tabak, den sie in kleinen Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn berauschen. Dann hielten sie einen Rath. Das Calumet, die Riesentabakspfeife, ging umher, und jeder rauchte daraus so entsetzlich, so entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein großer Entschluß! Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.

So nahe, so nahend hatt’ ich das Feuer bisher nicht gesehen. Jetzt knisterte es nicht weit von uns am Boden dahin; es knackerte, prasselte tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten, stiebten nun erst müde Schnepfen und Kragenfasanen und anderes Geflügel auf, wie Phönixe neu aus den Flammen belebt. Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder eine Gesellschaft wasserberaubter Kraniche. Dem Abbrennen des Grases und des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme Aschenwolken, die aufstiegen und niederfielen und wieder aufstiegen; glühende Kohlen flogen empor, die wuchtenden Flammen dobberten und sausten, nur mit sich selbst zu vergleichen. Ihre Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos. Hier konnte Niemand retten als Einer. Alles, was ich sah, war mir nur noch eine Erscheinung, ich selbst eine Erscheinung auf der Erde. Ich nahm eine Hand voll Sand auf, betrachtete ihn, und der Staub war mir unbegreiflich! woher ewig, ewig wozu? unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber er war mir kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir liegen wie ganz etwas Fremdes, nicht mein, auch jetzt nicht, oder nicht mehr. Der Lebensglanz war selbst von den Gedankenbildern meiner Frau und meiner Kinder abgefallen, die Liebe gesunken wie eine Flamme, so schien auch der Tod nun nicht Tod mehr! Also auch Jene vor mir dort anzusehen, so aufgegeben in der leuchtenden Wüste der Welt – war nur ein reines Zuschauen, rein – wie Eis. Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder Wahrsager, die gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem Himmel gepriesen, gelangten jetzt auch dafür zu der Ehre, »als Gesandte zu dem großen Geiste« zu wandeln. Sie dankten feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den Hals tanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte wieder und sprach während alle schwiegen: »Bittet nur, daß der Hase möge weiß sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das schon verstehen; und es ist ihm so leicht wie einen schwarzen Adler aus weißem Eie zu machen!« – »Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen daran so lang, als Er will!« rieth ihnen die Menge; »Er kann es auf einmal so gut, als nach und nach! Dieß Alles thun nur die Untergötter – vielleicht die Manitto’s – die bösen; doch Er ist der Herr des Lebens. Zeigt eure angesengten Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten! Er wird euch glauben, wenn Er euch sieht, und uns helfen, wenn Er euch glaubt. Sagt Ihm: Wir würden Ihm helfen, wenn Wir Alle droben große Geister wären, und Er allein hier unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das muß Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!«

Die Himmelsboten versprachen das Alles; dann tanzten sie wieder; die Lieder erschollen, die Männer tanzten, die sie an den Stricken hielten und, auf den Wink eines Häuptlings, die Schlingen um die Hälse der Himmelsgesandten zuzuziehen, mit begierigen Augen harrten. –

Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl – ich weiß nicht vor Was; ich drückte sie zu – ich weiß nicht vor Wem. Meine Seele hatte sich verloren in den Wüsten des Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es flammte in mir wie ein goldener feuriger Schein! und in dem inneren Meteor erblickte ich auch Deine Gestalt, mein Bruder, die Gestalt des Vaters, der Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath. Wunderlich tauchten die früheren Erscheinungen vor mir auf und verschwanden verdrängend und wieder verdrängt. Mir fiel ein Mann ein, ein sehr hoher Mann – und ich mußte sarkastisch laut auflachen! Ein herzlicher Mensch frug ihn einst, um ihm durch eine auf die Spitze gestellte Alternative zwischen Selbstsucht und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein mitleidloses Herz zu geben, er frug ihn: »ob er lieber wolle alle Tage seines Lebens alle guten Braten essen, alle edlen Weine trinken, und so fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk sammt seiner Insel im stillen Ocean versinken und umkommen solle?« Da der sehr hohe Mann vorgab, das Volk nicht zu kennen, blieb er bei gutem Braten und edlem Wein – und ließ das Volk verderben.

Hier war nun zu sehen, was Mitleid sei, oder nur Wohlwollen, und was Selbstsucht! Hier stand ein Volk am Rande des Abgrunds – und wie der unbarmherzige Mann aus meinen Augen im Geiste jetzt hier das ansah, wie seine Stimme, gleich sonst, auch jetzt in mir sprach: »alle mein Lebtag Braten und Wein« – da faßt’ ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich besann mich! Warum haben die Wilden kein Mitleid? – Sie haben keine Phantasie, sie fühlen nur sich, nur den Schein der Natur wie die Kinder, sie können ihr Ich nicht in Andre versetzen – und Menschen ohne Mitleid sind eben – Wilde Ueberall! Aber der große Geist empfindet jedes Herz, jede Freude und jedes Leid aller Menschen in seiner Brust wie wir, und mir schaudert zu sagen, als wir. –

Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon. – sie schienen nicht mehr auf der Erde. – Die Noth stieg am höchsten. Eben sollten sie erwürgt – gesandt werden. – Da ward plötzliche Windstille!

Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr war im Säuseln. Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er zog empor. Das Feuer strich wahrscheinlich an dem graslosen Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es wehte nicht über die Savanne blieb weiter unberührt – in mildem Glanze stand nur Eine Sonne am Himmel, die Freude war unaussprechlich. Die halbtodten alten Gesandten wurden mit goldgelben Ginseng erquickt. Die verständliche Aufführung des Sprichwortes: »Dieses Glas dem großen Geist« war jetzt zu sehen; ja das Calumet ward ihm zu Ehren geraucht, und der Dampf war das Opfer. Denn die armen Indianer, zum Erwerb des Lebens zu ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig, haben keinen andern Gottesdienst, zu dessen Ausbildung erst beharrende Völker gelangen.

Monsieur d’Issaly kam und umarmte mich voll Freuden. – »Das war eine große Lehre!« sprach er; »Gott-Lob! sie hat mich klug gemacht! Auch Sie sind zum Glücke hierher gekommen. Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr Heidenbegräbniß in eigener Asche!«
Ich blieb düster sitzen, ja zornig.

»Aber auf wen sind Sie böse?« fuhr er freundlich fort; »Sie zürnen? – Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre wohl jetzt ein Augenblick, zu vergeben! Aber mischt’ ich mich nicht darein, so sah ich, spielten Andre voll Erbitterung Ihnen leicht übler mit als ich – zum Schein that. Sie haben sich noch nicht losgebunden? Doch Sie konnten mich noch nicht kennen!«

Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und sprach: »Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vater vergeben! Er erfuhr ja Alles! Er ist der Vater! und ist ein Algonkine! Bei den Söhnen der Natur gelten nur große Tugenden, nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern sie dringend fast jeden Tag!

Und von Jedem werden sie leicht geleistet – wie man in Europa einem guten Freunde wohl einen Ducaten – auf dreifaches Pfand borgt. Wer hier ein musterhaftes Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber wer es unterläßt, wird verachtet. Ich sage nur so. Hier darf ein Mann sein Weib nie verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch mir, daß ich nur solche Anhänglichkeit noch bewundere! Hier ist auch die leichtsinnigste Verbindung goldenfest; denn das ganze Herz, die volle Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann in dieser Art nichts Anderes mehr, nichts Besseres mehr, und was sie besitzen, daran besitzen sie gleichsam ihre sichtbar gewordene Seele, sich selbst! ein zweites, liebreicheres Mal. Und darin nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die Unsern, ›die Unsern‹ sind, daß es außer ihnen keine mehr für uns giebt – wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend, todt – dann sind wir dahin! Was ist dann das Leben noch? – Dem Wilden: Nichts! Er schlägt sich selbst nicht so hoch an, nicht höher als seine Neigung und Liebe, die er in seine Lieben versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher achten? Aber Ihr – ach – Wir halten nichts für einzig, nichts einzig werth für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer wieder die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß und erhaben über uns selbst! – Und so forderte jetzt der Vater den Sohn seiner Tochter dem Manne ab, der –« Sie irren, d’Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete über und über. Ich schwieg, schuldig – zwar aber anders. Ich war mir jetzt klar geworden: Weil ich unsere Tochter mit entfremdet, liebt’ ich meinen und meiner Eoo Sohn, Okki, nun doppelt, und doch einseitig. Eoo aber liebte die hingegebene Tochter nur mehr, ja mit voller heftig erregter Mutterliebe, seit sie sie wieder gesehen. Ihr Schmerz entflammte die Liebe nur mehr. So war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen. Und ich liebte Eoo gewiß, ja gewiß über Alles! – Leider! Aber verstand ich sie auch zu lieben, wie mir es Pflicht gegen sie war? Ach, ich mußte auch Das am höchsten halten, was sie liebte, mit heiligem Rechte so liebte – dann erst liebt’ ich sie wirklich: ihre Seele, und all’ ihre Neigung! Das sind keine Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller unverstimmten Menschen im Leben, und gerade der Aermsten, selber der Wilden, wie d’Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist der einfachste Mensch. Aber Vorliebe zu Okki – verschuldete Vorliebe hatte mich gebannt. Ihn opfern – die schöne, geliebte Eoo opfern, nur wagen – ich war es nicht fähig! und sollt’ es doch! Und wahrlich ich dachte an mich nicht. Das sahe Eoo so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem Berge mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete: Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände leise des Nachts – ich liebte ja sie und ihr anderes Kind, und sie liebte mich noch. – Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d’Issaly, auch wenn der Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr ihn wieder – – es ist nur eine Tagereise zum Strom, der Weg ist rein, ihr wißt, wie die Indianer schlafen, ihr wißt die Hütte, morgen ist Fest, der blinde Hirsch wird geopfert, wir essen nicht ohne zu trinken, und was! und wie lange! – Nun wißt Ihr genug. Ich faßte schweigend meinen Entschluß.

Mein bedenkender Freund streckte sich hin, und halb mit mir, halb mit sich selbst, redet’ er fort. »Der Mensch sollte ein Bär sein!« sprach er über sich selbst unwillig; »nicht der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! Nackt bin ich auf die Welt gekommen, nackt muß ich wieder dahinfahren – das Wort ist auch in Hinsicht des Vaterlandes – traurig. Wahrhaftig! Wer Federn wie der Kolibri hat, oder eine zarte Haut wie die Feuerschlange, der kann nicht auswandern zum Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und der Eisbär müßte sich auf St. Helena zu Tode schwitzen, und in Cayenne – Pfeffer! die glückseligen, von der Natur gekleideten Bewohner der Erde, sie müssen ihr Vaterland bewohnen, und nur ausgestopft kann man sie in einer andern Zone sehen, denn sie sehen uns nicht mit ihren Glasaugen. Aber Homo – der Mensch hat das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene große Modenpuppe, sich anzuziehen in leichten Nanking, wenn er nach Sumatra ziehen will, in Zobelpelze, wenn ihm Kamtschatka gefällt. Als Herr des Eisens baut er Hütten, wie sie ihm überall recht sind, Sommer- und Winterpalais – oder näht Pelze! und das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall seine Stube auf – Stubenwärme! Und nun denkt der – Fahrenheit, wo er wohnen kann als Leib, sei sein Vaterland, und wird ein laufender Jude wie ich.

O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß Du verloren gingst! O Vernunft, daß Du das nicht einsiehst wie – ich! O Verstand, du glaubst der Erfahrung wie ich! Nur kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es mit auszustehen und ausgestanden zu haben. Ins Vaterland wiederzukehren, ist Niemand zu alt. Das macht wieder jung! Und so lange nur noch das Licht der Augen, bis sie den Mont-Ventoux gesehen! dann zieht Monsieur d’Issaly die Decke sich lächelnd über den Kopf – und schläft wie ein todter Urson!
Und so that der Ausgewanderte, der reuige brave Mann wirklich und schnarchte wenige Augenblicke darauf. Ich aber hatte keine Kühe. Ich wartete die völlige Nacht und Stille in den Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst dem großen Geist, dessen Sterne durch eine Lücke der Wolken mir wieder schienen, und schlich mich außerhalb des Kreises – nach meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief vor dem Wigwam mit ihm. Er war im Schlafe ihrem ausgestreckten Arm entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt’ ich weinen, eh’ ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt ich ihm in das holde Gesicht sehen – das Herz pochte mir ungestüm – er redete leis und unverständlich im Schlafe. Ayana zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst, bald wieder los. Ich wartete das ab; eine peinliche Weile. Ich wand meine Hand unter seine Schulter, die andere unter seine Kniekehlen – ich hob ihn sanft – ich fühlte die süße Last wieder – ich kniete schon nur auf einem Knie, ich wollte auch dieß erheben – da schlug Ayana die Augen auf; ich stand wie angewurzelt; sie setzte sich auf, sie sah mich an, oder schien mich anzusehen; ich hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß die Augenlieder, als schlaf ich; sie sank wieder hin, sie wandte sich ab und bettete sich auf der eigenen Brust – nun holt’ ich erst Athem, nun schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind wieder mein! Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die Nacht, vom fernen rothen Feuerscheine erleuchtet; ich hatte nicht Steg noch Weg, nur die Richtung nach dem Flusse; und als der Morgen erschien, verbarg ich mich, weit von der leeren Savanne schon, wieder im Walde mit meinem geliebten Kinde. –

Sein Erwachen, seine erste Rede – o Gott, welch’ Entzücken! Ich kosete mit ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank ich ermüdet in stärkenden Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so glücklich ein Vater sein kann im Umkreis der Erde. Mir war hier der Himmel – denn ich sahe im Traume mein Weib und mein anderes Kind. Sie lebten also – in mir, und ich lebte mit ihnen – in mir. Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D’Issaly’s Wort »das war eine große Lehre« trug ich beständig im Sinn. Ich war schon krank, und es machte mich kränker und spannte die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt’ es nicht ungern, wie Jemand, der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich fühlt. Je näher er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder ist ihm unwillkommen, der ihn wieder in das vergessene Leben stört. Denn Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer nur den ersten Tag ermüdet, den zweiten und dritten Schmerzen leidet und dann sich nach und nach erholt, bis er unermüdlich geht wie eine Uhr. So hatt’ ich mich an den neuen Zustand gewöhnt, als habe die ganze Welt von meiner Jugend an gebrannt und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder. Denn hätt’ ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns, dann war die Mutter auch bei uns – und wenn ich das dachte, erschien mir Eoo vor Augen und sah mir lächelnd und froh ins Gesicht, und ich stand, als halte mich ihr Gebild wirklich auf im Weitergehen! Darum eilt’ ich, nach Quebec zu kommen, denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen zu gelangen. Ich hatte dort Freunde, Geld, und dort war alles Verlorene wieder zu ersetzen und anzuschaffen.

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