Leopold Schefer

(*30. Juli 1784 - †16. Februar 1862)

Der Kuss des Engels

Der Waldbrand


Quebec, am 1. März 1826.

Mir war klar – das Mutterherz hatte Eoo nach ihrer Tochter gezogen.
Ich konnte in wachem Traume mir immer wechselnde Bilder malen. Bald sah ich Eoo verirrt! – bald erlag sie! – bald weinte sie nach mir zurück! – bald stürzte sie froh in die Arme der Tochter, sie war bei ihr, bei ihrem Kinde, denn das Kind in Noth, ja in ungekannter Noth, ist das einzige Kind, das liebste Kind dem Mutterherzen, so viel glückliche außer ihm hat! Ihre strebende hülfreiche Seele schien mir glücklich, das linderte meinen Gram. Ihre Liebe sah keine Schrecken. Und was vermag denn also die so gefürchtete Natur mit all’ ihren drohenden Werken und Wirkungen über die innere Gewalt der Seele des Menschen? – Nichts! Sie erhebt ihn nur himmlisch und stärkt ihn: sie selbst nicht zu achten! – Die Gefahr zog mein Weib zu dem Kinde; ihr Anwachsen trieb sie – zur Eil! die Flammen erleuchteten nur – ihr Kind in der Ferne. Aber was Eoo gethan, das that kein Weib, das that – eine Mutter. Denn von dem vielgetadelten, hoch gepriesenen, und oft mit Recht seit Sirach und Euripides mit harten Sprüchen bela-denen weiblichen Geschlecht ist nur Etwas ehrbar – die Mutter! Nichts darüber! Nichts weiter! – Aber hab’ ich das übrige Geschlecht nun verurtheilt?
Nein, erkannt! hoch, himmlisch hoch gestellt!

– Jeder, der lebt, hatt’ er nicht eine Mutter?
Will und soll jegliche Jungfrau nicht eine Mutter werden? Lebt die Matrone von etwas Holderem als den Gedanken, wo sie in der Lichtsäule des Lebens wandelte? Woher stammt die Liebe? in allen! wohin führt sie alle? Und so ist alle andere Liebe nur Vorklang, Nachklang und kindisches Wesen gegen Kinderliebe und Kindesliebe! Und sie, die durch mich in Eoo’s Herzen gestockt – wie brach sie nun aus! O was litt’ ich! Ich war in keinem brennenden Walde mehr – mir brannte die thörichte Schuld im Busen.

Ich war spät erwacht – Eoo war schon weit! doch sie war nicht allein, der treue Hund begleitete sie. Mir fehlte kaum eine Hand voll Lebensmittel. Okki begehrte nach der Mutter. »Sie holt Deine Schwester,« sagt’ ich ihm lächelnd, ihn herzend und küssend – weinen durft’ ich ja nicht – und das machte ihn lächeln und in die Hände klopfen!

Mein erster Entschluß war, ihr schnell zu folgen. Aber war sie mir nicht durch irgend einen anderen Unglücksfall verloren? Ach, mein Herz zweifelte nicht, nur mein kühler Verstand. Mein zweiter Entschluß war, zu warten, bis sie wiederkehre. Aber ich mußte einen dritten ergreifen, denn von der rechten Seite herein ging der Wald jetzt in Feuer auf, und der Weg war mir abgeschnitten. Wie breit er brannte, wie schnell das Feuer an der Erde im Grase hinlief, an den erhitzten, Harz schwitzenden Bäumen hinauf leckte, wie lange es verweilte, um feuchte Stellen auszutrocknen und dann doch noch mit seiner Gewalt zu entzünden, wie weit Eoo schon eilte, war nicht zu berechnen! Ueber ihren Weg hinaus blickend, athmet’ ich tiefe Züge ein, als wollt’ ich den Wind zurückziehen und die Luft einathmen und halten, damit sie sicher eile! Ja, wie der Mensch ist, mich beruhigte fast der Qualm – weil er Alles verhüllte! Kein Anzeichen der kranken Natur forderte mich auf, ich durfte Alles dem göttlichen Walten – getrost überlassen.

Mich hatte eine Furcht befallen vor der Natur, die – natürlich war und schmerzlich an Wehmuth grenzte; noch mehr aber bannte mich Staunen und Kummer, den tiefer Verdruß mir bitter machte. War mein Okki, mein einziges Kind nicht verloren, wenn ich mich opferte? War das Leben mir irgend noch werth, wenn ich ihn auch nun verlor, nur beschädigte! Ich saß auf dem Berge und wiegte ihn fast den ganzen Tag auf meinen Knieen, mocht’ er nun wachen, oder schlummern an meiner Brust umarmt, seine Händchen um meinen Hals geschlungen. Ich schien mir kein Mensch mehr – denn um mich war nicht mehr die gewohnte Natur und das Leben, das uns zu Menschen macht. Speise und Trank war vergessen. So saßen wir. Mir dämmerte es nur im Sinn, ich empfand mich nur in der Liebe zu diesem Kinde, wenn es mich Vater nannte. Wie wenig ein Vater, ein Mensch ist, wie wenig er leisten kann – das drückte mich nieder. Ja, soll ich mein Herz ausschütten, so sag’ ich: Der gewöhnliche alte, uralte Gebrauch der Welt, der immer und allen in Unglück und Tod schließende Lauf des Lebens war mir jetzt doppelt verhaßt; die Trennung von unseren Lieben, die es seinem alten Gesetz nach gewiß mit sich bringt. Die Eltern sterben, wenn die Natur dieß Gesetz nicht noch schrecklicher umkehrt, eher als ihre Kinder, also von ihren Kindern; – alle Kinder verlieren die Eltern, wenn es noch gut geht! und in derselben Stunde verliert jeder, jeder Vater zugleich sein Kind, denn auch der Sterbende kann noch verlieren, nicht der Lebende allein – er sieht sie in ihren eigenen einsamen künftigen Tagen nicht, er überläßt sie der weiten, gefahrvollen Welt, jedem Schicksal, zuletzt auch dem Tode! Sein liebendes Auge möchte bei allem dabei sein, sein Herz es wissen! Und so wünscht’ ich jetzt mir in diesem gefährlichen Zustand bethört die verkehrte Freude, daß wir Alle zusammen umkämen in einer Stunde! in demselben beglückenden Augenblick! Doch auch der Wunsch war nun vergebens. Sollt’ ich hier harren, bis uns die Lebensmittel ausgegangen? wo selbst keine Beere im Walde mehr zu finden war? Und dennoch häuften sich in der Nacht die wilden Thiere im verödeten Walde. Ihr Geheul verrieth noch Angst; die Mächtigen schonten der Kleinen, Rehe liefen unverfolgt von Wölfen, der Albatros flog vor dem Adler sicher. Aber das mußte bald anders werden und schrecklich! Auch für uns! Beim ersten Dämmer des Tagscheines brach ich denn auf und richtete mich nach dem Compaß, um den großen Strom, den Cataragui, bald zu erreichen.

Ein beschwerlicher Weg! eine fast hoffnungslose Flucht! Kleine Bäche von Theer und Harz, halberstarrt, waren hier; Hügel von Asche, vom Winde zusammen gewirbelt. Feuchte, quellige Stellen dampften noch. Nur aus Felsenadern ein frischer Trunk. Brach ein Sonnenblick durch die wie niederhangende Wolkendecke, und sah ich unsern Schatten an der Erde hinziehen – dann konnt’ ich weinen. Da verschwand er wieder, aber die Thränen blieben stehen im Auge.

Endlich gelangt’ ich in frischen Wald von Weimuthsund Pechkiefern und Sprusselfichten, voll zahlloser großer Heuschrecken und Schmetterlinge. Es zirpte und schwirrte wunderlich und flirrte, wie Schnee flirrt. Ich hörte das an; es war unerforschlich, geisterhaft und verschwand nicht und hörte nicht auf! Ich zog wie im Schattenreich. Noch zwei Stunden, unheimlich – ich möchte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt – und wir waren auf einer baumleeren Savanne. Ein raschelndes Grasmeer voll blühender, aber gewelkter Pflanzen in weiten Waldufern, und hin und her nur Gebüschgruppen, die wie kleine Fahrzeuge darauf zu schweben schienen. Aus einer beträchtlich großen Vertiefung sah ich Rauch aufsteigen; der Wind führte mir Laute aus Gesängen zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch der Nacht erreicht’ ich Ermüdeter ihren Rettungsort.

Ich glaubte Flüchtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen Dörfern zu finden, und, sonderbar hier, ich sah eine weiße Friedensfahne auf einem der ersten Bäume ausgesteckt! Sie war im Glanze der Feuer sichtbar. Alles schwieg.

Ich hielt. Mein Esel schrie lauter, als ein stürmender Nachtwächter bläst. Mir that es leid um die Ruhe der armen müden Menschen. Während meiner verständlichen Verweise raschelte es in der Krone des Baumes. Eine Gestalt wie ein Bär kam am Stamme heruntergegleitet. Sie nahm von frischem die Decke um die Schultern und reichte mir eine Hand und hieß mich herzlich willkommen. Des Mannes Gesicht schien röthlich im Glanze der Flamme, doch seine Züge waren europäisch. Er nannte sich mir Monsieur d’Issaly, und, hier in der Fremde, seinen Landsmann! Auch ich that so.

»Ich beobachte den Wind!« sagte der ziemlich bejahrte Mann mir erklärend. »Denn jene Indianer haben ihre Rechnung geschlossen, und schlafen in Frieden, das Haupt vertrauend auf die mütterliche Erde gelegt. Sehen Sie da den letzten Rest des ganzen Volkes der Algonkinen!« – Schauer überlief mich. –

»Wir mögen ihrer noch gegen 600 Mann sein, Weiber und Kinder mit eingerechnet, wie bei Xerxes Heer. Ein bejammernswürdiges Ende so vieler herrlichen Tage, im Schooße der Natur verlebt! Aber einzeln und völkerweise – hinter dem Jäger steht der Bettler – sie mußten auch so vergehen!«

– Ich dachte nur an Eoo’s Vater, an ihre Schwester! – Und betrübter sprach er, einen gebildeten Sinn verrathend: »Auf jenen armen Köpfen, in jenen schlafenden Herzen ruht das Wissen, Leben und Streben eines ganzen uralten Volkes. Sehr besonders! wahrhaftig unerklärbar! So viele Geschlechter von ihnen gelebt – sie sind nur von allen noch übrig. Uebrig, wie abgenommene Aepfel von einem alten Apfelbaum, wie der Apfelbaum von den frühern Tausenden seiner Sorte. Und von jenen Menschen allen, die aus ihnen, wie aus den Aepfelkernen, noch kommen sollen, stehen nur sie erst da! Eltern und Kinder! Niemand weiter! einsam schauerlich, dem schrecklichsten Elemente, nur einem Hauche bloß gestellt!«
Er seufzte, sein eigenes Schicksal bedenkend.
Und ich tröstete ihn: Das ist das Heilig-Anschauernde jeder Blume, jeder Pflanze, die so hergebracht in die Gegenwart hineinblühen, so einzig, so wichtig, als Ahnen der Zukünftigen, als Träger der Zeit, nur sie selbst – und so schutzlos, so schutzbedürftig und doch so kindlich unbesorgt. Und mit Recht.

»O diese Einsamkeit der Geschlechter!« seufzt’ er; »und jetzt dieß Volk – Schatten möcht’ ich es nennen! Ich kann Ihnen sagen, es graust mich an. Jean Jaques würde weinen! Aber was kommen mir Thränen ins Auge? – die Mutter hat mir gar zu wenig Ehrfurcht vor ihren herrlichsten Werken. Sehr besonders! Wahrhaftig unerklärbar! Geduld ist die Tugend der Wilden. Aber Er würde doch weinen!«

Wir müssen glauben, erwiederte ich, wenn nur Zwei von ihnen übrig bleiben, so ist, wie Sie sagen – die Sorte gerettet! Wenn nur Einer dereinst in späten Tagen ein vollständig gebildeter Mensch wird, so ist des Stammes Zweck erreicht. Die Spitze des Pfeils hat getroffen! Ja, wenn nur Ein Mensch von allen Geschlechtern wie ein einsamer Engel auf Erden dieß Ziel erreicht und dann über Wolken verschwebt: so muß das verklärte Menschengeschlecht sich selig preisen. Denn das Paradies zwar liegt uns Menschen allen zurück, aber das tausendjährige Reich – vor uns, und das Himmelreich ist inwendig in uns zu aller Zeit. – Ich mußte vor Schmerz des eigenen Verlustes stöhnen und setzte hinzu: Das war der Irrthum des guten Jean Jaques.

»Unser Schicksal treibt mich, das bald zu glauben!« sprach er. »Indeß – wenn mich Etwas tröstet, so ist es die untrügliche Berechnung, daß in ganz Amerika nicht viele Ureinwohner gelebt – daß also nicht schon so viele umgekommen! ›Wie viel Hirsche stehen auf der Quadratmeile?‹ das ist die Basis zu dem Exempel, wie viel hier jemals Wilde gehaust, denn das heißt ja nur – Jäger.« Diese Bemerkung hätte mich sonst getröstet. Jetzt schwieg ich. Die Augen fielen mir zu. Ich lehnte mich an den Esel; er wankte auch.

»Kann ich Ihnen dienen,« sprach er da freundlich, »mit Allem, was wir haben – und wir haben Alles, was wir immer haben, jetzt in Ueberfluß, so kommen Sie zu dem Wigwam, diesmal von Schilf. Ach, das schöne Paris!« Er blickte noch zu seinem Tuch auf, beobachtete den Himmel und sprach: »Der Unterwind wäre gut! aber das ist immer der, dem der Athem ausgeht. Fällt aber der Oberwind, der Neugeborene, herab, und das kann morgen geschehen, dann weht er von dort – dann bringt er die Flammen! Doch eine Mahlzeit war immer erlaubt und ehrenvoll, selbst dem Leonidas. So wollen wir uns nicht schämen! Mein Bärenrücken wird gar sein. –« Ich band den Esel an den Baum; Monsieur d’Issaly half mir, ihm dürftiges Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein Kind, und wir traten in den herzbeklemmenden stillen Kreis.

Wir stiegen in eine Vertiefung hinein, offenbar in den untersten Kessel eines von Sommerhitze ausgetrockneten mäßigen Sees. Der Ort war weislich gewählt, schützte vor Wind und Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer anzuzünden. Wir mußten an dem großen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte brannte, vorüber. Ich stand einen Augenblick. »Die betagten Frauen hier brauen Arznei für die Kranken, die Hustenden und Halbblinden,« sprach d’Issaly. »Nur die Häuptlinge, die Tai’s, führten, für die Anderen sehend, lange Reihen der Männer und Weiber, die sich leicht an einander anhielten und mit zugeschlossenen Augen hinter einander, wie blinde Enten, folgten. Glaubt’ es oder nicht, unser allergrößter Schmerz ist in den Schläfen und Kinnbackenmuskeln vom beständigen Aufblasen der Backen, um den Rauch zu verscheuchen. Andere sehen kaum mehr. Die Todten haben wir heut mit Gesang bestattet. Die jungen Leute aber haben heut alle nur möglichen Hochzeiten gemacht! Da ruhen sie nun in den Hütten umher!«

Auf einmal hob sich das Feuer empor, fast mannshoch, und der Boden mit ihm, wie ein umgestürztes Boot. Das brennende Holz und die Kohlen rollten auf beiden Seiten herab und fielen uns fast auf die Füße; dann borst die Erdrinde, von einer unsichtbaren Gewalt gesprengt, die alten Weiber flohen und schrieen die Männer auf. Und ein weit geöffneter, nach Luft schnappender Rachen eines Alligators streckte sich aus der Gruft, dann brach er, noch Brände auf seinem Rücken, mit einem Sprunge hervor. Aber er ruhte halb schlaftrunken und lag geblendet von auflodernden Flammen. Das gewaltige Feuer über seinem Rücken hatte ihn aufgeweckt aus der Tiefe des Schlammes und Mergels, worin er sich hier in der Hitze des Sommers vergraben, und der getrocknete Mergel hatte eine feste Kruste über ihn hingewölbt.

Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen einen brennenden Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden Rachen, der sich vor Schmerz noch weiter öffnete. Herbeigeeilte Männer halfen uns stark und schnell, selbst Knaben griffen an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast auf dem Rücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die glühenden Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe, war er schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die große Krokodilgestalt schrumpfte zusammen und hob, wie um Erbarmen bittend, die Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum Himmel! Die berauschten Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck, die berauschten Begräbnißfeirer schlichen wieder fort; nur einige Knaben blieben, und die alten Weiber stellten ihre Arzneien wieder in die Kohlen.

Mein Okki war, mit dem Gesichte auf der Schulter des Mädchens, eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar. Selbst die Mutter hatt’ er vergessen. Wir gingen vor Hitze glühend. Ich bettete ihn in d’Issaly’s Hütte. Der Kleine fühlte nicht Hunger und Durst – er schlief. Ich aber aß, mehr um dem Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für die bevorstehenden Beschwerden, als aus Lust an Speise, die Schnitte von d’Issaly’s Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann streckten wir uns hin auf die Decken, die Flasche mit Rum stand zwischen uns, und die Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen Zuge im Dunkeln auf.

Da erst fragte mich mein Wirth nach meinem Namen, woher und weß Landes ich sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover, Lüneburg – meinen Namen: Hagen. Ach, und diese Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem Elend auszusprechen, kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd und unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom göttlichen Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector wie vom Himmel dabei herunterrief: »Troja ist heut zu Tage türkisch!« Ich theilte ihm meine Schicksale mit, ich erzählte ihm unsere Flucht, – meiner Eoo That und Verlust – vielleicht ihr Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf das Herz! Selbst das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu weinen, ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in der Dämmerung verschwinden.

Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes Gesicht. Ich war im Traum am Gestade von Tauris, ich hörte den Sturm, den Donner, und der Chor der Priesterinnen sang ihr verzagendes:

O welche Nacht! Tod droht uns Armen!
Welch banges Grau’n, welch Traumgesicht!
Ihr Götter schenket uns Erbarmen,
Erhört dieß Fleh’n, und zürnet länger nicht!

Ich mußte im Schlafe die Worte vernehmlich sogar gesungen haben, denn mir war, als hörte ich d’Issaly einstimmen, oder als sang’ er wunderlich selbst gegenwärtig unter jenen Priesterinnen:

Wann trocknen unsre Thränen ab?
Drückt Leiden ewig unser Leben?
Ach, soll allein das stille Grab
Die lang entfloh’ne Ruh’ uns wiedergeben?
Spät machte meine schwerträumende Seele Tag.

D’Issaly war schon fort. Der Nachmorgen hatte etwas Zauberhaftes, als sei die Erde unter andre Gestirne versetzt. Fünf Sonnen standen am rauchumzogenen Himmel, roth wie ein Licht durch Rubinglas.

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