Leopold Schefer

(*30. Juli 1784 - †16. Februar 1862)

Der Kuss des Engels

Der Waldbrand


Quebec, am 1. März 1826.

Am Mittag traten wir wider Vermuthen in einen Eichen- und Buchenwald, der ausgebrannt war. Abgebrannt ließ sich nicht sagen; denn die Bäume standen noch, aber die Stämme schwarz, unabsehbar, ein Anblick wie ein Trauergefolge aus Millionen Trauernden. Aller Unterwuchs war verschwunden; Kräuter, Gerank und Gesträuch; der Wald war eine schwarz-graue Wüste. Nur die Wurzeln oder die Rinde der Bäume glühte noch auf, wenn der Wind daherfuhr. Dann leuchtete und knisterte es tausendfältig. Auch das Laub der Kronen war verbrannt; manches geschwärzt, nur gebräunt, aber Alles versengt und dahin; und nur hin und her erschien eine jüngere Eiche noch mit einigem Grün, wie der Wind die Flammen getrieben und sie verschont, zu andrer Verderben. Graue Eichhörnchen, Füchse und Luchse hatten auf diese verschonten Bäume sich scheinbar gerettet, aber sie saßen still, als wir nahten – sie waren todt, von der Hitze darunter erstickt. Sie hatten die Augen zu – sie schliefen! Ja von dem äußersten Ast einer der Buchen hing, mit der Klapper angewickelt, verkehrt mit dem Kopfe nach unten, eine Klapperschlange herab; ihre schaukelnde Bewegung war nur vom Winde, und sie glänzte und troff von ihrem Fett. Weiterhin fanden wir ein auf dem weißen Gesicht liegendes Opossum, das sich todt gestellt, in der tödlichen Gefahr; aber die Glut war an dem, seinem rettenden Triebe getreuen, Thier nicht vorüber gezogen, ohn’ es mit ihrem Hauche zu tödten! Eins seiner Jungen hatte Athem schöpfen wollen, aber glühenden Tod geschöpft. Der Anblick der treuen Mutter, des armen Opossum-Kindes ergriff Eoo. Sie stand; sie blickte zum Himmel, der nicht zu erblicken war. Hierzu kamen die Fragen des Kindes, dem wir von allem Auskunft geben sollten, oder das uns bat, nach Hause zu kehren, es habe genug gesehen und sei so müde! Dann nahm ihn die Mutter vom Thier und trug ihn, bis er einschlief, und trug den Schlafenden; und wenn ich ihn nehmen wollte, wehrte sie still mir mit ihrer Hand und lächelte mich an. Fühllos aber sprang der kleine Esel mit seinem großen Kopfe tölpisch hinter uns drein. Ich gönnt’ ihm sein Glück.

Auch wir schienen jetzt im Sichern. Nur der Boden war heiß, und uns war, als zögen wir unter scheitelrechter Sonne. Die Richtung des Windes hatte uns gestern gerettet! Ach, die Menschen wünschen sich so unbedenkend »guten Morgen!« – »guten Tag«. Das ist eine große, nicht verstandene Erinnerung an die Natur, die all’ unser Leben regulirt! Eine unerkannte Ahnung von dem Wetter, was sein könnte! von den Stürmen der Natur, die in ihren uranfänglichen Tagen brausten – die heut noch herein brausen können über die Welt! Und so sagen die Menschen unbewußt froh: wir haben heut schönes Wetter! und freuen sich der Natur, die so ruhig, so freundlich um sie leuchtet wie ein Stilleben! Und wer bedenkt genug, daß wir Alle vom Wetter leben! Ein Regen bestimmt und ändert der Menschen Geschäfte; ein Sonntag versetzt’ uns so recht ins menschliche Dasein; ein blauer Himmel macht uns heiter; am trüben Tage stockt das Leben in uns. Eine Wolke macht reich und arm; ein Hauch kann uns verderben! Ein anderer Wind bringt allemal anderes Wetter. – Uns stürmt’ es zur Rettung vor uns dahin, und wir wandelten wie auf einem gewonnenen Schlachtfeld, traurig, aber froh des eigenen Lebens! Wir ruhten, schon im Abenddämmern, auf dem hohen Felsenufer eines dampfenden, wahrscheinlich jetzt heißen Sees. Denn die noch wenigen Bäche führten fast siedendes Wasser ihm zu. Um seine Ränder und Buchten hatte die Waldung gebrannt. Die Sümpfe umher waren sehr eingetrocknet, ihr Wasser hatte sich bis tief in den Grund erhitzt. Die Fische hatten nicht entfliehen können, aber … Wir hörten jetzt von Ferne es brüllen, wie dumpf eine Heerde Büffel brüllt; nur klang es ängstlicher, und ängstlicher vom Echo wiederholt. Es näherte sich uns. Wir saßen still. Ich hatte das Feuergewehr auf dem Knie. Indeß fürchtet’ ich nicht so sehr, denn vor eigener Angst schonte der Todfeind jetzt den Todfeind. Jetzt sahen wir es springen wie Kälber von Kälbern, mit tölpischem Sprunge, dann ruhte, dann brüllte, dann sprang es wieder! Und so eine Reihe entlang, wie Gespenster, die sich kauernd und springend nahte. –»Ochsenfrösche!« sagte mein Weib mit Lächeln erst, dann mit Thränen im Auge; »sie suchen frisches Wasser!« – Aber sie irrten entsetzlich! Denn durch unser lautes Anrufen »ho! – ho!« das sie zurückscheuchen sollte, machten sie nur einen Bogen – und nicht weit von uns sprang die grünliche Schar desto schneller vom Fels in den See, und das Brüllen verstummte – aber sie schwammen nach und nach aufgetaucht, alle ausgestreckt, von dem heißen Wasser verbrüht, auf der Fläche umher. So hatte ihr Trieb sie doch nicht ganz getäuscht – sie waren nun ohne Qual und ruhig. Jetzt sahen wir erst: – bräunliche Biber saßen, aus ihren glühenden Bauen vertrieben, auf den Felsen umher und schienen auf die Fläche des Sees zu starren, die von zahllosen Fischen bedeckt war, die auf der Seite lagen und schimmerten. Große gelbliche Wasserratten krochen darauf umher, und Wasserschlangen suchten matt und mit halbem Leben an den erhitzten Felsen empor zu klimmen und stürzten im Falle geringelt zurück.

Ein Flug von Wasservögeln wollte sich an einer freien Stelle in den See stürzen; aber die klugen Führer versuchten das Wasser und schrieen kläglich über die Verwandlung ihres Elements und schwirrten weiter hinauf im Dampfe dahin. Wir aber brachen auf, die Höhe des Berges zu erreichen. Eoo trieb. Denn von droben war die hoch und frei gelegene Meierei meines Freundes, gleichsam meines Kindes Stiefvater, meiner Frau zweiter Mann, von Ferne – eine Tagereise weit – zu sehen, wo unsere Tochter lebte. Lebte? –

Wir fanden die Felsengrotte, die wir schon auf der Heimreise als Gasthaus benutzt. Eoo bettete das Kind weich auf Laub und Tücher, wies den müden Hund bei ihm an, zu wachen, der sich ihm zu Füßen legte; Esel, Mutter und Sohn, mit Klingeln um den Hals und dem Rufe gehorchend, weideten indeß zum dürftigen Abendbrot, und wir stiegen zum Felsengipfel.

Welch ein Blick in das Land umher, so weit das Auge trug! Heftiger Unterwind herrschte; uns gegenüber am ganzen Horizont hatte er eine Rauchwand aufgethürmt, riesengroß, schwarz wie die Nacht! Ein breiter Strich des Himmels war offen. Aus der schweren Decke, die über unsrer Heimath lag, fuhren Blitze wie geschleuderte Feuerschlangen empor. Denn die Wälder darunter brannten. Und wie aus dem Becher des Vesuvs in der Nacht nur eine schmale Flammensäule und Feuergarbe emporloht, so schlug hier eine feurige blendende Flammengischt, breit von Süd bis West, aus dem ganzen Lande in den Aether hinauf und stand, in der Ferne schweigend und unbewegt, wie ein göttlicher Nordschein. Aber über den näheren Wäldern bewegte der Sturm die wallenden Flammen wie Saaten der Hölle, und sie wogten wie Wogen des Meeres.

Unser verlorenes Dorf war dahin, und die andern mit ihm. Das Fernrohr that keine Dienste, durch dazwischen schwebenden Dampf und Qualm vernebelt.
Aber jenseits drüben glänzten die Fenster des Hauses unseres alten Freundes wie in der untergehenden Sonne. Deutlich brannte dahinter der Wald; der Weg von uns bis dahin schien noch frei; aber schon stachen lange, brennende oder dampfende Zungen einzeln aus dem dunkelgrünen Walddach-Teppich! Wie der Wind sich richtete, vereinigt’ er sie – vielleicht – und überzog ihn dann ganz mit Feuer und Purpur.

»Sollt’ ich noch wagen, dahin zu eilen, die Tochter zu holen, zu retten?« getraut’ ich mich zu sprechen. Kannst Du es nicht thun? frug mich Eoo.
»Sehen sie nicht dort die Gefahr? wie wir unsere sahen? «
– Wird sie uns nicht verzweifeln? – frug Eoo.
– »Wird der alte Mann von den Seinen verlassen sein, wie die unsern uns flohen? Er war so gut! Sie waren so treu.« –
– Alaska wird ihn nicht verlassen! so kommen sie Beide um! –
»Lebt nicht Gott da drüben und waltet und rettet, wie er hier lebt und gerettet?«
O wohl! o gewiß! sprach sie; aber soll ich nicht retten, nicht eilen, nicht wissen! Ach, davon spricht er die Mutter nicht frei! Ich soll mir die Tochterliebe verdienen – nicht schmachvoll sie tragen!
»So wollen wir umkommen? und Okki?« frug ich Eoo. Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riß in den Wurzeln verbrannte, gelöste Bäume im Thale auf einmal zu zwanzig, zu hunderten um. Sie krachten am Boden, sich wild in einander zerschlagend. Qualm stieg auf. Es leuchtete wieder. Dann brach das Gekrach als Nachhall in den Schluchten der Berge erst los! – Andere Sturze! Neuer Donner, Qualm und Funkensprühen – und neuer Nachdonner umher bis hinaus. – Furchtbare Schlacht der Natur mit sich selbst. –

Eoo hörte das unerschrocken, doch düsterer als zuvor. Ein unaussprechliches Lächeln, und in dem Lächeln ein heiliges himmlisches Lieben sprach aus ihr in mich! Sie zog sanft ihre Augenlieder über ihre Augensterne, und so stand das schöne sehnsüchtige Antlitz hinüber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie schien mit dahin gerichtetem Ohre zu horchen: »ob sie ihr rufe?« Sie hielt die Hand halb erhoben und abgewendet von sich, mir Schweigen anzudeuten, als höre sie wirklich das hülflose Kind, und nicht das Flüstern der eigenen Angst um sie.

Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur Höhle gekommen, war es, als habe sie ihren Okki verloren gehabt und nun wiedergefunden, so freudig erschreckt von seinem Anblick, kniete sie zu ihm und küßte ihn munter und hörte ihn reden und drückte ihn an sich und zog mich mit in des Kindes und ihre Umarmung. Das verstand ich nicht!

Noch im Finstern, als ich glaubte, sie schlafe schon lange, drückte sie mir noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser. Ich fühlt’ es noch, schlafend.

– Am Morgen war sie verschwunden.
Ich stand erschüttert mit gefalteten Händen – ich betete – aber die Lippen bebten mir nur. Okki war da – er freute mich kaum! Ich holte kaum Athem! Vor meiner Phantasie war ein Abgrund aufgethan.

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