Leopold Schefer

(*30. Juli 1784 - †16. Februar 1862)

Der Kuss des Engels

Der Waldbrand


Quebec, am 1. März 1826.

Und welches Wunder war schon nur Ein Baum! Gerad aufgeschossen aus der fruchtbaren Erde wie eine grüne Flamme! thurmhoch, zweigevoll, vom Wipfel bis an den Boden; und die Zweige blüthenvoll an allen Spitzen wie von göttlichem Feuer angeglommen. Ein luftiger duftiger Pallast für ein Vögelpaar, ja geräumig genug für eine ganze Familie. Was für den Menschen eine Reise auf den Chimborasso ist, das war für eine Ameise ein Ersteigen des wie an die Wolken rührenden Gipfels. Ich beneidete manchmal das kleine Thier, das herabkam! denn so Etwas giebt es für Menschen nicht! So wohnt kein König, wie der Papagei in diesen tausend Schattenhallen! Und daß ich größer in Gedanken war, um das zu überschauen und klein zu finden – das machte mich klein, und man sage mir nicht, daß der Mensch alle Genüsse der Erde erschöpfen kann, daß die Natur nicht andere eigene Geschlechter gebildet, denen sie nicht eigene unnachträumbare Freude vorbehalten, ihnen andere Brunnen der Wonne geweiht, unverstanden und unverständlich ihrem Menschen, geheimnißvoll selig neben und um ihn, im Meer, Fluß, im Wald, in der Rose! im Wassertropfen! Ja, wenn ich das ahnte, sah ich die Gestalten des Wolkenzugs mit Erstaunen an, ich hörte mit stiller Bewunderung die Flamme im Holz auf dem Herde sausen und hielt die schimmernde Taubenfeder, die sich wie furchtsam noch vor der Adlerfeder krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte Samenkorn des Zuckerahorns, und den befruchtenden Blüthenstaub, ja die elastische Nadel der Sprusselfichte auf meinem Handteller – und nun erschien mir der unermeßliche Wald erst ein göttlicher Zauberpallast voll geheimen seligen Lebens, ein Wunderwerk der Fee Natur voll eigener Kraft und Herrlichkeit! Und dieß ahnen, dieß träumen – war meine – die menschliche Wonne. Und dieß Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerstören – vielleicht ihrem Menschen zu Nutz und Frommen! Was sollt’ ich denken? Denn nur durch Gedanken war diese Feuersündfluth zu beherrschen, zu deuten, wenn auch der Geist nicht erliegen, erblinden sollte, wie Leib und wie Auge!

Zu Noah kamen Engel, die ihm den Untergang alles Lebendigen, um sich zu retten, verkündeten. Wer kam zu uns in die Wüste des Waldes? Doch nein, die Boten des Herrn kamen auch zu uns. Ein Komet! ein Zweiter! ein Dritter! – Wir Menschen verstanden sie nicht!

Es ward Sommer; es war Trockene, Dürre, erstickende Hitze. Meine Pfirsiche, meine Apfelbäume hatten umsonst geblüht! Umsonst der ganze, königreichgroße Wald. Aber zum lelzten Male, wie war er schön! Wer wird das hier wiedersehen? – vielleicht selber die Sonne nicht! die ihr Auge nicht zuthun muß wie der Mensch, vielleicht wie das Menschengeschlecht! das Auge, das sie vor ihm aufgethan! Wir konnten das Unheil uns denken! denn die von Gott uns gegebene Vernunft ist gewiß und wenigstens, dem mächtigsten immer uns gegenwärtigen, mit uns lebenden, schauenden, uns leitenden Engel ähnlich. Und so hat Jeder Einen, den Seinen! Das Getreide war vor der Zeit – ohne Körner gereift; die Brunnen versiegten, die Bäche vertrockneten ganz, die Flüsse rannen nur sparsam, das Wasser des Weihers war breit vom Rande zur Mitte gewichen. Die Natur lechzte und schmachtete. Selbst der die Nächte, wie Regen, sonst fallende Thau, der bis auf die Haut näßt, daß die Blätter der Bäume wie nach dem stärksten Gewitterregen perlen und tröpfeln, daß es im Walde des Morgens rauscht – er erquickte die Bäume nicht mehr. Die Stämme waren heiß, selbst des Morgens noch warm, die Zweige matt, die Nadeln bleich und welk, das Laub verfärbt wie im Herbst, fahl und kraftlos, es fiel ohne Herbststurm, ohne Lufthauch! Die Tannen, Fichten und Pechkiefern schwitzten Harz wie vor Angst; der Honig floß aus den hohen natürlichen Bauten zur Freude der Ameisen. Das hohe Gras raschelte dürr, wenn ein Hauch es bewegte, wie Stroh. Ein Blitz konnte den Wald entzünden! ein Sturm die Wälder entflammen. Sollten wir ruhig sitzen in dem beschränkten Wahne: »Uns wird ja kein Unglück treffen! Wir, wir vor Allen, sind ja Gottes Kinder« wie manche fromme Frau sagt – (auch meine!) wenn ein Gewitter am Himmel wüthet, und – den Nachbar todtschlägt, der auch so gesagt, und auch Gottes Kind war. – Sollten wir unser Leben dem Wahne vertrauen: kein Hauch werde vom Himmel wehen? Denn nur von dem Hauche und der Kohle eines Indianers hing unser Leben, das Leben von Millionen Waldbewohnern, das Dasein der Wälder ab, die zu Schatten, zu Staube wurden durch ihn. Aber der Mensch, jeden Augenblick von des Himmels Huld abhängend, vertraut ihm auch, wo er ihn warnte, so leicht, so sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum äußersten Augenblick! Er kam.

Eh’ wir noch Etwas sahen, verbreitete sich in der Nacht ein eigener Wohlgeruch; nach einigen Tagen zu herb, zu bitter, zuletzt brandig. Die Augen fühlten sich gedrückt, ja einige weinten, ohne zu wissen worüber, und lachten! Unabsehbare Züge der Tauben flogen, den Himmel verfinsternd und auf der Erde einen flirrenden, wie dahin rauschenden Schatten werfend, über uns weg. Und sie kamen doch sonst erst im Herbste auf unsere reifenden Felder zurück! »Wo ist denn ihr Taubenschlag?« fragte Okki, der sie zum ersten Mal sah. Wilde, schwere Truthühner folgten ihnen tiefer; sie waren so müde, daß sie in unsre Gehöfte fielen, und die Menschen sie fangen konnten; sie duckten die rothen Köpfe an den langen schwarzen Hälsen auf die Erde und zogen vor der sie fassenden Hand nur das weiße Augenlied über das Auge. Jetzt war in Westen ein Rauch wie Hegerauch zu sehen, der in der Morgensonne erschreckend glühte. Lange, lange weiße Streifen flossen davon wie Ströme in die Thäler. Dünner, dann dichter, und dichterer Rauch überzog das Gewölbe des Himmels; die Sonne schien roth, dann düster und matter hindurch, bis sie ganz aus den Tagen verschwand.

Der Rauch, schwerer und schwerer, senkte sich tiefer und tiefer, bis er wie ein Nebel über uns fiel, Alles ausfüllte wie eine Flut und jedem nachwallte, der in ihm schritt. Alles Leben stockte; ein jeder ging müßig, und nichts mehr wurde gethan als noch gekocht.

Und Ich war der Mann, dem die Sorge für dieses verlorene Dorf anvertraut war! Aber gerade die Erfahrensten beruhigten mich. Neue Ansiedler konnten sich, wie alle Jahre geschieht, Plätze zu Wohnungen, Gärten und Feldern leer brennen, und brenne die Flamme auch weiter als ihr Gebiet sei, wen kümmere das? Zuletzt stehe der Brand an baumleeren Savannen, an Seen, Flüssen, Felsengebirgen; oder Regen und Frost lösche ihn endlich aus. Einer trage des Anderen Last!

Als aber nicht allein Hasen und Rehe, selbst am Tage, vor uns in der Rauchdämmerung wie Schatten vorüber flohen, sondern Hirsche, wilde Ochsen und Büffel; als die Bären brummten, die Wölfe heulten, als selber die schlauen Füchse kamen: da mußte der Waldbrand uns nahe sein, denn Feuer war nicht zu sehen. Als aber ein Elenthier sich gezeigt, aus dem nördlich gelegenen Wald; als Jemand einen Caguar, oder eine Tigerkatze, aus dem südlichen wollte gesehen haben: da mußte der Waldbrand groß sein! Als aber die Menschen aus dem westlich gelegenen Kirchspiel kamen, mit andern noch ferner von ihnen Wohnenden – als sie Menschen begegneten, die aus dem nächsten östlichen Kirchspiel geflohen: da schien es, als habe der Waldbrand uns schon umringt.

Wir hielten einen Rath. Die Notglocke erscholl. Wir versammelten uns auf dem freien Platz vor der Kirche. Die Fremden saßen und ruhten, manche selbst ohne ihre Bürden abzulegen, oder ihre Bündel aufzumachen. Unsre Weiber und Kinder vertheilten indeß still Speise und Trank an die Flüchtigen. Niemand dankte; so natürlich war Geben und Empfangen. Andere schlichen in die geöffnete Kirche, den Himmel anzuflehen, und knieten ermüdet, sanken hin und schliefen hart und fest. In den trennenden Wald können wir nicht! sprach Einer. Aber nur ein Adler, oder ein Mann im Luftball könnte uns führen, wo er nicht brennt! O es giebt einen Ausweg, hundert – gewiß – aber wir wissen sie nicht und fehlen sie! –

Haben wir Lebensmittel genug, rieth ein Anderer, so suchen wir gerade den abgebrannten Wald auf! Die Stämme stehen, wie Ihr wißt, nach dem Waldbrand noch; alle Millionen Schlangen, alle wilden Thiere, alles Ungeziefer der Erde ist dort vertilgt, und nur die Baumstürze sind dort zu fürchten, denn die Wurzeln der Bäume sind mit verkohlt. Aber wie wissen wir den schwarzen Wald! »Auf die Savannen!« rief eine Stimme. – »Führe uns!« erscholl’s aus der Menge. »Wer an den Lorenzostrom gelangte! Das war’ ein gefüllter Wallgraben der Natur! Das Meer ist zu weit! Und selber die Städte sind vor solcher Feuergewalt nicht sicher. Man hat nicht genug gesengt und gebrannt – nun thut es der Himmel!«

Neue Klagen! alte Rathlosigkeit! Menschliches Wissen und Verstand war blind geworden, Klugheit verschwunden, wie es keine Wolken mehr gab. Und so folgte die ängstliche Menge nur Eingebungen, ja wahren Täuschungen – ihrem Glauben.

Ein Häuflein ließ sich von einem lichten Streifen am Himmel, vom Winde dort aufgedeckt – nach Norden hin ziehen. »Dort ist es feuchter!« trösteten sie sich. Sie nahmen kaum Abschied. Niemand sah ihnen nach. – Andre beschlossen, der Richtung der wilden Thiere nachzuziehen. – »Aber die begegnen sich ja!« warfen Einige ein. »Das ist albernes Vieh!« riefen Andre. So zogen sie fort. Ja die Meisten folgten einem alten Manne – bloß weil er Noah hieß! als führe er seine Söhne und sie und alles Vieh in die bergende Arche! – Und doch lachte Niemand. Das war wohl entsetzlich! Nun hatt’ ich bloß für mich nur zu sorgen, das heißt für die Meinen. Eoo saß zu Hause und weinte um ihre Tochter Alaska. Aber sie befolgte eilig, was ich rieth: Jagdkleider, wo möglich Alles von Leder, anzuziehen. Auch Hüte sollten uns gut thun. Wie sollten wir fortkommen, hätten wir viele Lebensrnittel zu tragen? Fanden wir überall Wasser! – So war beschlossen, die milchende Eselin nur mit dem Nöthigsten schnell zu beladen. Alle Dienstbarkeit hatte aufgehört; kein Mädchen, kein Diener war mehr im Hause zu finden. »Ich gehe fort!« meldete Eine, nur in die Thür tretend. »Geh’ mit Gott,« sprachen wir. Eoo ließ die Kühe los, sie machte den Hühnern und Tauben den Vorrathsboden auf, den Papageien das Fenster. Ja sie ordnete Alles und stellt’ es an seinen Ort, als sollten hohe himmlische Gäste das Haus betreten! Und als sie nun Alles besorgt, was ihr Pflicht schien, trug sie uns zur letzten Mahlzeit den großen gebratenen Truthahn auf, dessen rother Kopf noch glänzte.

Der kurzen Sicherheit froh, aßen wir still und hätten gern das Mahl noch Jahre wo möglich verlängert! Mich hieß die Wehmuth: den schönen menschlichen Zustand, im eigenen Hause, umgeben von meinen Lieben, ganz mir bewußt, noch recht zu genießen und zu erschöpfen! Aber es mußte geschieden sein. Eoo sprach mit Thränen ein inbrünstiges Dankgebet nach Tische. Sie fiel mir um den Hals. »Gott geb’ uns das wieder!« fleht’ ich; »wieder so zu sitzen wie heut – nach überstandener Angst!«

Uns sahe ein Gott, er sahe selbst, wie der kleine Okki die Händchen erhob und weinte, weil er Thränen in unsern Augen sah – aber, ich hatte gefehlt – mein Gebet erhörte er nicht.

Ach, es fehlt uns Jemand! seufzte Eoo. Nur das treibt mich fort. Wir fänden den Tod hier so gut wie da draußen! Wir nährten hier die verlassen zurückgebliebenen Alten! wir pflegten die Kranken – o Gott, sie bleiben! Sie bleiben mit sich und mit Gott allein. Doch ich – ich muß fort!

Und so geschahe nun eilig. Die Eselin war mit Tüchern für die Nacht, einem kleinen Bett unter Okki’s Kopf, und mit Bouillon-Tafeln, wie ich sonst mit auf Reisen nahm, und mit wenig anderem Geräthe beladen. Eoo war wie ein Jäger gekleidet – und schien gleichsam von sich selber Abschied zu nehmen; denn sie sah in den Spiegel, und sah über ihre Achsel mich; ihre Augen füllten sich – ich sahe das wohl. Doch Fassung war nöthig. Wir sahen im Zimmer umher – vergessen war nichts, als Alles. Okki freute sich zu reiten, und Eoo konnte dem kleinen eingeborenen amerikanischen Esel nicht wehren, der Mutter zu folgen, besonders da er schon abgewöhnt war, da beide, wo sie leben konnten, auch leicht ihr Futter fanden, und für Okki gesorgt war. Laufen konnte uns doch nicht retten!

Als wir nun schieden, trat ich noch einmal dicht an ein Fenster, hielt die Hände neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um nicht geblendet zu sein, und übersahe noch flüchtig das Zimmer, den Aufenthalt von Menschen, die lange darin so glücklich gewesen! In der Mitte stand der Tisch von gesprenkeltem Ahorn! am Kamin der verlassene – Sorgenstuhl! Dort Eoo’s kleines Mahagonitischchen, darauf lag der halbfertige kleine Strumpf! Am Kamin stand Okki’s braungemaltes Wiegenpferd und machte ein schweigendes finstres Gesicht! und im Spiegel sah Jemand, mir gegenüber, herein – der Ich war, und der wunderliche Geist sah mich selber an und äffte mich still. O Unerforschlichkeit des Stillebens! des Scheidens! – Ich schied.

Aber nun selbst wohin in dem Labyrinth der Wälder? Nur nach Umständen konnt’ ich mich richten; sonst hatt’ ich den Compaß. Aber wie Jene dem Allvater Noah gefolgt, so folgten wir jetzt – Ariadne, dem Hunde, der glaubte: wir reisen wieder zu unsrer Alaska!

Wer nun die Scencn dieses großen Naturschauspiels beschreiben könnte, der muß es nicht gesehen haben! Denn wer es erlebt hat, der konnt’ es nicht fassen, nicht überschauen, vor Größe, vor Schrecken, vor eigenem Jammer oder vor Mitleid; wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und Glied gekämpft.
So zogen wir hin! Und als der Weg ausging; als die Laschen und Mahle an den Stämmen sich auch verloren; als der Bach eine Wendung machte, war der Hund unser Wegweiser auf der Fährte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an. Es war ein tiefes Schweigen im Walde, und nur aus der Ferne hörten wir zu Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden, die sich anriefen, um sich nicht zu verlieren im Nebel des Rauches.
So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun Tücher, hing Tücher über Zweige, und unsere Hütte war fertig. Wir aßen, wir schliefen, oder glaubten zu schlafen, wir wachten – und glaubten zu träumen, so verworren war unser Bewußtsein. Furcht jagte vielleicht uns schon in der Nacht auf, denn durch den Nebel brach ein sanfter Feuerschein und Glanz, wie wenn man im Flusse unter dem Wasser die Augen aufthut, wenn brennendes Abendroth auf ihm liegt. Nur oben rauscht’ es leis in den Wipfeln; drunten war schauernde Stille.

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