Leopold Schefer

(*30. Juli 1784 - †16. Februar 1862)

Der Kuss des Engels

Der Waldbrand


Quebec, am 1. März 1826.

Und in der Sehnsucht nach der Tochter verlosch der Schmerz um den kleinen Sohn, densie nur wenige Monde gekannt und, wie der Seidenwurm um die Knospe, nur wenige Fäden der Liebe erst um das kleine Geschöpf gesponnen, wenige Blicke in das holde Blau seiner Augen versenkt! Der Schlag war mir unerwartet. Auf das Leben des Sohnes hatt’ ich gezählt in meiner – Rechnung. Mein Wort konnt’ ich nicht zurücknehmen! Mein edlerer Trost war, daß doch dort drüben ein Vater glücklich sei, glücklich durch unser Kind! Unsere Jugend versprach uns bald einen neuen kleinen Schutzgeist des häuslichen Glücks. Aber ich betete umsonst zu dem Himmel um ihn. Denn Eoo hatte ein tiefer Mißmuth durchdrungen; sie wünschte sich nicht mehr, vielleicht zu neuem Verluste, ein Kind – und so lebten wir denn ohne Ehesegen! Sieben langer Jahre lang! Ich vermied, mein Weib in ein kindervolles Haus zu führen, und sie schien es mir zu Liebe von selbst zu meiden, denn das Haus mit Kindern, nur mit einem Mädchen machte ja ihr Leid. So liebte sie mich! so glaubte sie sich von mir geliebt, und mit Recht. Ich rieth meinem alten Freunde, uns nicht mit Alaska zu besuchen! Wir reisten nicht hin. – Eoo ließ mich nichts entgelten! höchstens seufzte sie: »wenn unser Okki lebte!« Sie ließ sich nichts merken, ja sie bestrebte sich selber, nichts zu empfinden, um immer mir heiter ins Auge zu sehen, immer freundlich-begnügt zu sein, auch wenn sie allein war. Solche Geschöpfe heißt man nun »Wilde« – aber das Weib ist überall der Liebe fähig, und Liebe bildet es überall.

Für solche Ueberwindung belohnte sie endlich der Himmel mit einem neuen Schutzgeist. Der Knabe wurde wiederum Okki genannt, als sei er der Erste, Wiedergeschenkte! Mit Thränen ward er begrüßt – zur Freude wuchs er uns auf. Er war zwei Jahre alt, als die Mutter es nicht mehr ertrug, daß Okki nicht sein Schwesterchen sehe! Alaska nicht den lieblichen Bruder! Nun reisten wir durch den alten jungfräulichen Wald. Gleichwohl bestrafte Eoo mich hart! sehr hart! zu hart! – aus Wohlwollen und Gutmüthigkeit, muß ich denken und kann ich glauben von Ihr! Sie nahm mir nämlich, erst kurz vor dem Eintritt in das Gehöft, das Gelöbniß mit feuchten Augen und bebender drängender Stimme ab: Uns dem Töchterchen nicht zu erkennen zu geben! Sie, nicht als Mutter! Ich, nicht als Vater! – Als Vater! Wir wollten unser Kind ja nur sehen, nur besuchen; es sollte nicht mit uns zurück in die Heimath, ins Vaterhaus! Und würde es bleiben, wenn es uns – seine wahren Eltern erkannt? gern bleiben, wenn allmächtige Erinnerungen der Kindheit über das arme Mädchen wie stille, selige Sonnen vom Himmel hereinbrachen und ihre spätem Tage alle bis zu diesem, zu diesem ersten seligen Tage wieder an der Mutter Brust, in des Vaters Armen – umnachteten! und, so schön und lieb sie ihr vielleicht, ja gewiß gewesen, nun zu beweinenswürdigen machten! – Oder soll man, sollen Eltern selbst ihre Kinder – ich muß schrecklich reden – nur als Vieh ansehen, als Sklaven aus der Fremde, und auf ihre süßen treuen zarten kindlichen Gefühle und Neigungen gar keine Rücksicht nehmen? – Und wenn Ich – wenn Eoo, die Mutter, des Töchterchens Liebe gesehen – könnt’ ich sie dann zurücklassen? – Ich selber konnte nur schließen, daß das liebliche Mädchen, das uns, den Fremden entgegengeeilt und sie freundlich-sinnend betrachtete – unser Kind sei! Ich glaubte, nur ein Kind von drei Jahren an Alter, Größe und Wesen wiederzufinden, und sah überrascht, ja mit Bewunderung ein Mädchen von dreizehn Jahren, fein, herzlich, schon geschmückt und schon erröthend. Was – wie viel süße Wechsel, wie viel holde Verwandlungen hatte ich da verloren! Ich mußte Eoo ansehen. Sie merkte das wohl, aber sie sahe nur auf das – Kind. Ihr Busen hob sich, sie holte Athem lang und tief, um sich still zu beschwichtigen. Und sie verschwieg. –

Und so mußt’ ich im Hause mit ansehen, wie sich die eigene Tochter mit ihrer Mutter wie mit einer Fremden unterhielt und sie umherführte wie irgend ein anderes Weib; oder den kleinen Bruder auf dem Schooß wiegte, ohne ihn mehr als – ein Kind zu lieben! Ich mußte sehen, wie sie groß geworden war ohne uns. Denn Eoo stöberte aus einem Schranke noch aufgehobene zerspielte Puppen auf! Sie war allein. Ich beschlich sie und sah, wie sie unbändige Thränen über die kleinen stillen Engelsgesichter weinte, und schlich so leise wieder fort. – Ich merkte, wie sie gern noch Alles heimlich an dem erwachsenen Mädchen nachthat, was sie andere Mütter hatte sehen an ihren Kindern alle schönen Verwandlungen durch, bis in Alaska’s Jahre, thun. Ja, als ihre Tochter einst neben Okki im Grase kniete und die Haare ihr aufgegangen, kniete sie zu ihr hin, flocht es ihr wieder, wand es um das gesenkte Köpfchen und küßte sie dann in den Nacken! Es ging in dem mütterlichen und kindlichen Boden, warm anquellend, rasch hervorgelockt von verborgener und ungekannter Liebe – wie von einer in Wolken verschleierten Sonne – und schnell emportreibend, eine neue Freundschaft auf, knospete, blühte bald und betäubte mich durch ihren geheimnißvollen Glanz und Duft! Und so gab mir wider Willen mein Weib zu bedenken: daß Liebe bewahren nicht Liebe üben sei! Daß Mütter die Kinder nicht aus Nöthigung, sondern aus eigenem reinen Bedürfniß lieben und warten und pflegen. Daß ihre Mühe und Sorge ihr Glück ist, ihr Leben! Daß, wenn eine reiche Mutter ihr Kind von einer Fremden in abgelegener Kinderstube erziehen läßt, sie sich selbst um das heiligste Mutterglück beraubt, und nur um – leer, hohl und frei zu sein, um Freuden einzutauschen, welche die ärmste, aber wirkliche Mutter nicht entbehrt und entbehren nicht kann noch mag! Und wer die Freuden verschmäht, die ihm als Naturwesen heilig und selig gegeben sind, was kann der in der ganzen reichen Welt noch Anderes erlangen, als – was ihn nicht selig macht, ja oft unselig, gewiß aber immer das Geringere, Schlechte! Ich mußte empfinden: Wer sein Kind einem Andern dahin läßt, als Gott, oder dem eigenen Leben desselben, der ist sein eigener Kinderräuber, ein Liebemörder. Denn wenn auch Er aus Verblendung ungeliebt so hin zu leben vermag, darf er dem Kinde die Liebe, das Lieben rauben? Ach, und was es lernen, gewinnen und werden mag in fremdem Hause – die Liebe erzieht allein am zartesten, sichersten, frömmsten. Sie kräftigt und stärkt für die Leiden des Lebens, sie erweckt und beseelt für alle Freuden; sie trägt und erhält schwebend in eigener Fülle und Sonnenklarheit über allen Zuständen und Wechseln des Menschen auf Erden; sie ist die reichste, die genügendste Mitgift für sie! Und Wer vermag solche Liebe ins Herz des Kindes zu senken als Vater und Mutter! Lehren können Andre, aber das Herz belehren durch Liebe, erfüllen mit Liebe, die ein wahrer ätherischer Stoff ist, himmlischer als Wärme und Sonnenstrahl, das kann kein Erzieher, weil Er ja so nicht lieben kann! Er bildet Talente aus, den Verstand, das Wissen – nicht so das Herz und die Seele! Liebe nur gießt Liebe ins Herz. Und nur Eltern sind so reich daran, sie stündlich, unermüdlich darein überzuströmen, darin aufzufachen, schon im kürzesten Morgen- und Abendgebet! Ja ein Dieb als Vater, eine Ehebrecherin als Mutter haben noch tausendfache Vorzüge für Kinder an sich. Sie werden noch dringender lehren und warnen! Denn sie sind Eltern! und was sie selber nun dulden: Schuld und Unglück, das sollen einst ihre Kinder nicht dulden, nein, rein und glücklich sein und bleiben. Und ahnen die Kinder der Eltern Leben, so weinen sie nur – und lieben doch! und was ist nöthiger im Herzen zu haben als Liebe? Durch sie wird wahrer Gehorsam ins Herz gepflanzt, selbst Duldung des Härtesten, sogar ohne Vorbild und lebendes Beispiel. Und was erhält die Millionen Menschen doch alle so ruhig? Was läßt die ärmsten Holzschläger im Walde den Reichen nicht tödten, der mit goldenen Steigbügeln zu ihnen reitet und die Gerte über sie schwingt? Was erhält den Essenkehrer ehrlich, und die Magd, die saure Arbeit verrichtet am Silberschrank? den Tagelöhner, der mit seinen paar Groschen in der Hand forteilt aus dem Pallast, seelenvergnügt, sie seinem Weibe und seinen Kindern zu bringen – was macht ihn zufrieden, als die Liebe zu den Seinen, die er als Kind gelernt, die Ehrlichkeit gegen sie, die er nun aller Welt angedeihen läßt und alle Welt mit denselben Augen ansieht, die auf Weib und Kindern geweilt, wie die Augen seiner Eltern auf ihm! – Was macht ihn zufrieden als das Kennen und Tragen eines inneren Gutes, die Milde und ihre Gewöhnung, ihre jahrelange selige Last! Sie beugt den Menschen vor Gott, dem Geber der Liebe, und erhebt ihn über die Menschen, die sie ihm alle nicht rauben können.

– Und unsere Tochter hatte ein Fremder erzogen! –
Erst am Abschiedsmorgen gab sich Eoo der Tochter, schon ferne von ihr, zu erkennen. »Das war Deine Mutter! mein Kind!« rief sie zurück und hielt die Fingerspitze aufs Herz.

Die Tochter wankte mit bebenden Knieen ihr nach; der Mutter nach! Aber die Füße versagten ihr allen Dienst; sie war blaß wie ein Engel, und mit ausgestreckten Armen sank sie nach vorwärts, mit Brust und mit Angesicht in die Blumen.

Eoo’s Augen leuchteten. Ihr Gesicht war finster und ernst. – »Fort!« sprach sie nun hastig, »nun fort!« und drängte, zu fliehen.

Aber Okki streckte die Hände nach Alaska. Zu schwach, ihn zu halten, ließ ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.
Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und saß knieend auf ihren Fersen und seufzte: »Du bist meine Mutter wohl nicht?« – Okki wand seine Händchen um ihren Hals, die Mutter flog hinzu – der Vater zu Mutter und Kind, drückte die Geschwister aneinander, die Kinder an die Mutter, die Mutter, von den Kindern umfaßt, an die Brust – und wir blieben noch bis in den Mai!

Der Frühling war schön. Die Pfirsiche blühten rosig um unser Haus, die Apfelbäume prachtvoll, wie mit Rubinen geschmückt, im Baumgarten. Unsere Bienen trugen bis in die Nacht. Sie hatten nicht weit zu den blühenden Fichten, die wie eine grüne pallasthohe Wand den eingezäunten Acker umragten. Wir wohnten in einem endlosen Naturpark, den Ein unermeßliches hohes zusammenhängendes Walddach bedeckte. Und wenn ich am Saume des Waldmantels stand und einen Zweig faßte, so tauchte der letzte Zweig des letzten Baumes am Waldrand drüben ins stille Meer! So verschränkte sich Zweig in Zweig, und ein Eichhörnchen hatte nicht den kleinsten Sprung zu thun und konnte auf dem grünen Waldmeer hinlaufen wie eine Spinne über ein dichtgewebtes Kleefeld.

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