Leopold Schefer

(*30. Juli 1784 - †16. Februar 1862)

Der Kuss des Engels

Der Waldbrand


Quebec, am 1. März 1826.

Der Flüchtling aber ist schon elend, dadurch, daß er sein Vaterland dahinten lassen mußte, wenn er es sonst auch nicht war. Er wäre nicht geflohen, hätte er Reichthum genug besessen, um zu allem Elend – behüte mich Gott – zu lachen, und sich eine Art Hausfreiheit und Hausleben zu gründen. Nun kommt er hierher – und nun ist der erste, der heimlich ihn treibende, leitende Wunsch: großen Besitz, großes Vermögen zu haben! Nur dadurch glaubt’ er erst hier sein Geschlecht gesichert, das aus ihm erstehen soll. Er will nicht der Letzte des alten Geschlechtes sein, sondern gleichsam sein neuer Gründer, ein Saatkorn, das endlich sein wahres Klima gefunden zu endlosem – Wucher!

Nun lebte drei Tagereisen von uns ein Franzose, Mr. Saint-Real, ein Freund von mir, weil ich einst bei einem Besuche sein Kind aus dem Wasser gerettet, das nach schwimmenden Lilien sich über das Ufer gedehnt. Er besaß ein herrliches Wohnhaus, große Gärten voll Obstbäume, reiche Gefilde rund und um sein Haus weit umher, Wald, Feld, Seen, kurz ein Fürstenthum – um das Wort hier zu mißbrauchen – der Sache nach. Sein Töchterchen aber war später dennoch gestorben! Und in seinem Schmerz sich zu zerstreuen, besuchte er uns! Da lief meine kleine Tochter Alaska dem freundlichen Manne entgegen. Er hob sie empor, er drückte sie an sich, er sank auf einen Sitz mit ihr hin, er weinte – sahe das Kind an und weinte, das Kind war betreten, es trocknete ihm die Thränen, es seufzte schwer und schlang seine kleinen Arme um seinen Hals.

Eoo fühlte das tiefste Mitleid mit ihm. Sie sah mich an, als wenn ich unser Mädchen verloren, und hob die schönen Augen zum Himmel, ihm dankend, daß wir es glücklich besaßen!

Da ergriff der Freund jeden von uns an einer Hand und bat: »das Kind müßt’ ihr mir lassen! Mein Weib ist schon todt.«

Was konnten wir sagen? Das Wort: »mein Weib ist schon todt!« stürzte Eoo in den bittersten Jammer – um mich! als sei sie mir gestorben; und sie trug ihn still auf den Freund über, auf dessen gramblassem weinenden Angesicht er stand!

Und o Himmel, Eoo gebar mir in diesen Tagen einen Knaben, und die ganze mütterliche Liebe und Zärtlichkeit fiel, wie der Sonne ganze Kraft durch eine beschränkende Wolkenlücke, jetzt auf das holde Neugeborene hernieder! Sie sah es nur immer an. Es war aller mütterlichen Sorgfalt so ganz, so gar bedürftig, sie glaubte alle Liebe jetzt für den Säugling allein zu brauchen; ja, wie sie ihr Leben im zweifelhaften Falle für ihn gegeben, so war ich ihr selbst in diesen Tagen – nicht Alles, nur der Vater; aber sie die Mutter! und ach, die Mutter nur durch das Kind, um des Kindes willen! Die kleine Tochter Alaska war gleichsam mündig gesprochen; wie früher schon von der Brust, nun auch vom Schooße verdrängt; und das kleine Ding war still betreten, ja eifersüchtig, so sorglos zurück gesetzt, und flüchtete sich auf des Vaters Schooß, oder an die Brust des fremden Vaters, der in ihr alle Freude wiederzufinden glaubte, oder doch den Traum derselben wirklich genoß!

Unser neues Glück that ihm weh; er wollte nach Hause. Aber er drang nun in mich um das Kind! Ach, jetzt hätte ich sollen über die segenschwere Frühlingsgewitterzeit der mütterlichen Liebe meiner Eoo hinwegsehen und ihm das Mädchen nicht geben, dessen sie jetzt nicht so zu bedürfen schien wie zuvor! Ich überraschte sie mit der Bitte. Sie erröthete zwar, sie verneinte es, zitternd mit schnell bewegtem Haupt – da schlug ihr Okki die Augen auf, und begehrte seinen Morgentrank an ihrer Brust! Sie drückte ihn sanft mit der Linken an, sie umschlang mit der Rechten die arme kleine Alaska, die in kleinen Reisekleidern schon fertig angezogen sich an sie schmiegte, nicht wußte, was sie that, als sie der Mutter die Hand küßte; nicht wußte, was ihr geschah, als Eoo sie, mit wie erzürnter flacher Hand vor die Stirn schlug, vor heiligem Mißmuth, daß sie von ihr gehen könne! und so ging denn das holde unwissende Kind von der Mutter, ach nur auf ein Augenblickchen! wie es meinte; von einer engbegränzten Neugierde gelockt – nur die Lämmer des neuen Vaters zu sehen! Und Er eilte so, als raub’ er sie mir, und als schlafe die Mutter und ich wie beraubte Chinesen, denen die Räuber durch Opiumrauch von der Decke herab Reglosigkeit und Trunkenheit in das Zimmer geblasen, und die dann betäubt selbst ruhig und lächelnd zusehen, wie ihnen vor Augen der beste Schatz geraubt wird! So regten wir keine Hand. So eilt’ er mit unserem Schatze davon!

Ich aber habe Dir gestanden, was mich überwältigte, nicht zu widerstehen: Mein Kind als reiche Erbin zu sehen! Sie wohlerzogen zu sehen! Denn der Freund war brav, gelehrt und edel. Er wollte durch ein in Quebec niedergelegtes Testament Alaska zu seiner Erbin einsetzen – und er war schon bei Jahren, und er war kränklich! Das sah ich damals; denn ich hatte die Augen des Bösen, oder doch des Leichtsinnigen – ich empfand es wie im Schlummer – ich mocht’ es nicht denken! Kurz, der Mensch, selbst der Vater wird durch Begierden – abscheulich, widerspricht seinem wahrsten Bestreben selbst und hebt sein schönstes Glück auf. Du wirst die Folgen sehen – von Unnatur! Die Tochter war fort! Aber wie zur Strafe starb unser kleiner Okki – unser Schutzgeist! denn das bedeutet der Name. Mit seinem Verlust war Eoo’s Liebe gebrochen, und die Mutter langte von dem kleinen Grabe zurück nach ihrem gebliebenen Kinde, das ihr im Herzen nun wundersam wiederum auferstanden war, und so bald! so begehrt! – Und es war fort! Sie war wie kinderlos, und sie war es durch mich.

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