Leopold Schefer

(*30. Juli 1784 - †16. Februar 1862)

Der Kuss des Engels

Der Waldbrand


Quebec, am 1. März 1826.

Sehr geliebter Bruder!

Bruder! – so nenn’ ich Dich noch – nach fünfzehn Jahren Trennung – und nenn’ ich Dich hier, in tausend Meilen Entfernung. Ich dachte wohl sonst in meiner Einsamkeit, nun muß’ ich Dich erst recht Bruder nennen, mit Dir wie mit einem Nahen, Lebendigen leben, ja als den Nächsten im Herzen Dich tragen, und Deine Gestalt durch feurige Liebe an jedem Morgen lebendig und rege, freundlich und wiederliebend mir aufglühen, mir frisch erhalten und aufschaffen, wie eine Hyazinthe, die ich als Zwiebel von deinem Fenster mit mir herüber nahm und durch mühsame Pflege zu einer immerwährenden Blume so fortgesetzt.
– Aber, o Bruder! Wirken ist Leben! Wir leben nur denen, auf welche wir wirken; und die auf uns wirken, die leben uns nur. Und so umschweben uns auf der Erde viel Millionen Lebendiger zwar, doch nur wie Todte! Es ist uns nur tröstlich, zu wissen: sie wohnen und wandeln mit uns und genießen wie wir das heilige Leben und sehen den Mond und die Sonne; und darum sind uns Mond und Sonne, die Tag und Nacht in ihre Gärten, ihre Wohnungen, ja in ihre Augen leuchten, wieder so unaussprechlich lieb, hold, freundlich und gewärtig! Gute Menschheit, geheimnißvoller Verband der Sterblichen, erquickende Nähe der Ferne! Aber wie wir Menschen sind, lebt uns doch der Entfernte nicht, sein Leben schließt sich uns mit der Stunde zu, sein Herz, sein Wandel, sein Sinnen und Streben bleibt uns verschlossen, seitdem wir ihm zum letzten Male ins Auge sahen! Seine strebende leibhafte Gestalt ist uns nur ein farbiges flüsterndes Schattengebild, seitdem wir im Händedruck zum letzten Mal die wohlthuende heilige Wärme seines Daseins empfanden. So bin ich Entfernter Dir – hin! hinüber! Du mir zurück! ewig dahinten! Und nur einbilden kann ich mir noch, wie Du wohl lebst – was Du am Morgen thust – wie Du die Nacht schlummerst – wenn es so ist – ich rathe es nur, doch ich weiß es nicht. Und nur jenes nun feste, unwandelbare Gebild, das Du in jenen Tagen warst, die über unsern Kinderspielen, über unsern Jünglingswanderungen verloschen – das bist Du mir noch, und bleibst Du mir fort. Wie in einem wahreren Reiche des Traumes weck ich Dein – Traumbild auf und rede und lebe mit ihm – im Traum. Denn damit der Mensch ganz dem Tag’ und der Gegenwart gehöre, deshalb verschattet ihm die Natur sein früheres Leben, wie sie dem Neugebornen sein ganzes früheres Dasein in die innere Tiefe versenkt und gewiß ihm da geheim bewahrt! O wie viel schlummert dort! – und eine gegenwärtige kleine Lust überbietet alle vorigen hohen Freuden! und ein gegenwärtiger Schmerz verdrängt alles frühere Leid! Um den heut Begrabenen weinen wir neue Thränen und denken des Lieben nur noch wie im Traum, auf dessen begrüntem Hügel wir stehen, indeß wir den Frischentrissenen bang und wie betäubt versenken sehen! Auch das ist gut, ja es ist schön, damit jedes Gefühl sein volles Recht in uns erlange, daß wir es Jedem zollen, sei dieß Recht nun Mit-Leid. oder Mit-Freude.

Und so bitt’ ich Dich heut, zolle mir Dein – Mit-Leid! Du wirst es nachempfinden können, auch wenn Du Dir nur einbildest: das traurige Geschick habe Den betroffen, den eine Mutter mit Dir sonst oft zugleich umarmte! Denke, es habe den Freund, den Bruder betroffen, den eben, der Dir nun – fehlt!

Du hast mir einmal aus Deinem Lüneburg einen verzweifelt kurzen Brief geschrieben: auf der ersten Seite zwölf Zeilen, die andern alle leer! Wie oft hab’ ich ihn umgewendet, um nicht zu glauben, Du seist doch wirklich nicht recht klug! Indeß hielten die zwölf Zeilen zwölf Jahre wider. Euer europäischer Zustand ist verjährt und weltbekannt, und man darf nur Rom oder London, Wien oder Berlin nennen, um gleich zu wissen, wo und woran man ist! Dagegen hast Du von mir denken können, wie jene alte nachsichtige Mutter von ihrem Sohne, der in der Fremde gestorben sein sollte, und die ihn entschuldigte und sagte: So schlecht ist mein Sohn ja nimmer! Das wenigstens hätt’ er mir gewiß geschrieben! – Ich will jetzt auch so schlecht nicht sein und Dir melden – wie ich nicht umgekommen bin! – Doch wahrlich, seit der Sündfluth ist ein so großes Elend auf Erden nicht gewesen! Ach, die Natur kann ewig neu sein im Schönen, und neu im Schrecken! Ihr denkt: es ist Alles in ihr schon so in der Ordnung, und so wird sie sich ableben wie ein altes Weib. Aber! – Wo konnte so etwas geschehen als in der jungen Welt? Denn hier ist das Land des Neuen und Großen! des Werdenden! Nicht des Gewordenen und des Vergehenden – wie bei Euch!
Doch ich muß nachholen!
Als nach der, Napoleon’s Zauber lösenden, Schlacht bei Aspern – die der, darum nie genug zu würdigende, biedre, altdeutsche Held Erzherzog Karl gewann – unser kleines muthathmendes Häufchen braunschweiger Husaren gleichsam von der Pfanne gebrannt, Allarm- und Nothschüsse that – in nasses Pulver, – als Deutschland noch nicht sich entzündete, noch nicht losging – und Wir, wie ein Kirschkern zwischen zwei Fingern gedrängt, durch Deutschland fliehen, fast fliegen mußten, die Nordsee, die Schiffe und England zu erreichen, da kam ich verwundet dort an. Doch nicht so unheilbar, um nicht lieber ein ruhiges militärisches Amt zu bekleiden – und sei’s in Ganada, als 100 Guineen Pension mit Ingrimm zu verzehren, daß ich mit Tausenden umsonst geblutet, wie es damals schien! Denn wir hatten das Ausholen der Weltuhr für das Saufen des Schlages genommen, sie verhört und schon gesagt: »Seine Stunde ist kommen!« Was in uns entschlossen und entschieden war, das sollte gleich fertig da draußen in der Welt stehen! Indeß horcht die Natur erst, ob wir’s auch Alle redlich wollen, und dann erst läßt sie den Kindern ein Weilchen den Willen. Ein Weilchen! Wie ihr nun seht! Denn sie horcht, ob Ihr das Weitere auch nun Alle ernstlich wollt.

Ich ging also in die bessere Welt als Milizcapitain eines Kirchspiels in Unter-Canada. Diese Art Dörfer heißen verlorene, nämlich, als wenn ein Kind des Mikromegas die Kirche, die Häuser und Hürden, durch den unermeßlichen Wald hinwandelnd, aus seiner geöffneten Schachtel nach und nach hier verloren hätte. Und so stehen denn die Häuser alle allein, jedes mit seinem Garten, seinen Aeckern und Wiesen, jedes wohl 1000 Schritt von dem andern, getrennt durch Wald, und nur verbunden durch einen Fluß oder Weg – wie ein armes Mädchen einige wenige Perlen recht weit auseinander auf einen Faden Seide reiht! An mich kamen die Befehle der Regierung durch den Milizobersten. Du kannst Dir das Schwierige der Polizei denken! So ein Dorf ließe sich kaum durch Luftballons bequem regieren! und wenn Sonne, Mond und Kometen etwa dergleichen sind, so läßt sich Einiges von der göttlichen Weltregierung entfernter Maßen begreifen!

Mir fehlte, außer meinem Hunde, ein freundliches Wesen, das mich empfing, wenn ich nach Hause kam. Tausend Dinge fehlten, des Morgens, des Mittags und, um nicht mehr zu sagen: des Abends! Mir fehlte die Gegenwart; mir fehlte die Zukunft, das heißt: ein Kind, oder Kinder, kurz mir fehlte ein Weib! wenn ich jetzt hier dauern und im Alter noch hier glücklich sein wollte.

Nun ist es gewiß die entschiedenste Thorheit, ein Weib zu begehren, das uns ganz gleich sei an Sinn, Bildung, Kenntnissen, Richtung; denn die Erfüllung dieses Begehrens ist durch die Natur dem Manne unmöglich gemacht und geht auf Männer, auf Freunde. Das Weib soll alles Das sein, was der Mann nicht ist; eine Frau soll grade alles Das nur haben, was der Mann nicht hat; er soll sich mit ihr, sie durch ihn ergänzen, damit Ein Mensch daraus werde! Und eine mit mir ganz disparate Frau hätt’ ich gewiß bei uns unter den Engeln in Lüneburg gefunden – aber alle die Engel waren nicht hier! Indessen schien es doch gut: wenn ein inneres Band uns Gatten knüpfte, so daß wir gleich die Ehe beginnen konnten in einem Sinne, mit ähnlichem Streben – wenn unsere Stimmung uns durch dieselbe Vorzeit, die in unserm Gemüthe wiederklang, gegeben war. Am liebsten hätt’ ich also ein Weib genommen, das, auch vom Vaterlande losgerissen, hierher verschlagen war wie ich! Aber zu ihrem Glück gab es keine solche Unglückliche hier.

Nach dieser also schien mir ein Wesen das beste, das, aus den Urvölkern dieser Gegend entsprossen, unsern Kindern Gedeihen und guten Bestand versprach, wenn sie wie fremde Aepfel auf dem – gutgemachten Quittenstrauch wuchsen, dem diese Erde seine mütterliche war!

Zu dieser Wendung hatte mich ein siebzehnjähriges Mädchen von dem verlöschenden Stamme der Algonkinen gebracht. Sie lebte in unserm Hause und hieß Eoo. Ohne eine Sklavin zu sein, verrichtete sie fast Sklavendienste. Denn jenes Urvolk der Algonkinen, kaum hin und wieder durch einigen Maisbau an die Scholle geknüpft, lebt in den endlosen Wäldern meist von der Jagd, und selbst eine Mutter überläßt, von den Sorgen um Nahrung umhergetrieben, mit schmerzlicher Freude die Kinder an Fremde, um sie nicht zu tödten! Den Vater der Eoo kannt’ ich; denn ich selbst war einst Abgeordneter an die freien Indianer gewesen, und ich hatte ihnen, wegen Erhaltung des Friedens, wollene Decken, Zeuche, Gewehre, Messer, Spiegel, Scheeren, Kessel, Brillen, Töpfe und Rum von Seiten der englischen Regierung schenken müssen. Damit ziehen die armen Kinder ab, als wenn sie uns betrogen!

Eoo’s Reize, ihr liebreiches Wesen leiteten mein Selbstgespräch bei der Eheberathung. Von einem Weibe (dacht’ ich) verlang’ ich vor Allein zuerst: Gesundheit! Ist die Frau gesund – dann ist sie heiter, willig, stets wohlgelaunt, zu allen Freuden und Leiden stark und verheißt dem neuen Zustande Dauer. Ohne Gesundheit sind all’ ihre anderen Gaben – keine!
– Und gesund ist Eoo!

Zweitens sei das Weib zuverlässig in jeder Art. Denn all ihr Gutes wird zum entgegengesetzten Bösen, wenn es mit ihr nicht uns gehört. Bei den Liebenden aber ist Sanftmuth und Duldung und Zuverlässigkeit. – Und wen Eoo liebt, den liebt sie bis in den Tod getreu. –

Drittens fühle und wisse sie, was nöthig und schicklich sei im Hause zu aller Zeit und wolle lernen, es herzustellen (denn jede Jungfrau wird erst als Weib ein Weib).
Dann sorgt sie, daß Alle immer haben, weß sie bedürfen, das liebe Kind in der Wiege, und selbst der Hund an der Kette!
– Und Eoo ist die Seele und das Auge des Hauses!

Viertens habe sie kein eigenes Vermögen, als die drei ersten Güter. Denn – war mein Grund:
– Eoo ist nur so reich als Eva im Paradies!

Fünftens und Letztens erst sei sie meinetwegen auch schön! Das soll mich nicht hindern, ein Mädchen zum Weibe zu nehmen. Aber diese Fünf ist schon in der Eins – der Gesundheit, dem Ebenmaß aller Kräfte, enthalten, und das schönste Gesicht ist nach 365 Tagen dem Mann ein alltägliches; und vielleicht – Andern nicht!

– Aber Eoo war schön. –
So erbaut’ ich denn ein Haus, und sie war mein liebes sanftes Weib Eoo!

Ich war glücklich mit meinem Naturkinde, ja ich empfand eine gewisse Verehrung vor ihr, gleich wie vor der Natur. Denn ich hatte sonst immer gedacht: nur Bildung gebe dem Menschen, dem Weibe den Werth, sie sei Etwas! Hier aber fehlte sie, und dennoch war meine Eoo Alles, was ich nur wünschen konnte vom Weibe! Und so sehr ich die Wirkungen ihrer Liebe empfand, so sah ich doch deutlich, daß in ihrem Herzen noch ein unermeßlicher Schatz, eine Kraft, ein ungenützter ungemünzter Reichthum derselben geborgen lag, den sie und ich in unserem sicher begründeten Zustand, unseren sanft verrinnenden Tagen gar nicht gebrauchen konnten! So rinnt aus einem unerschöpflichen See nur ein kleiner stiller Bach durch die grünenden Wiesen hinab und ernährt nur die Blumen da, wo er fließt, indeß seines Sees Fülle, wie mit einem Spiegel bedeckt, in ruhiger Gnüge glänzt! O wie that dieß Wissen mir wohl, und ich hoffte vom Schicksal und betete: daß sie nie den verborgenen Schatz angreifen dürfe, in keiner Noth!

Der Ehesegen blieb nicht aus. Wir erhielten vom Himmel ein Mädchen, das, nach Eoo’s Mutter, Alaska genannt ward. Als sie drei Jahre alt war – – –

Doch beurtheile mich menschlich! Wer aus Europa hierher kommt, bringt unermeßliche Wünsche mit, aus Verdruß ja Gram und Scham über unermeßlichen Mangel an geistigen und leiblichen Gütern unentbehrlicher Art; ihm steht der ganze Reichthum, das schöne geschmückte Leben schon erworben und fertig vor Augen, Alles, was hier sich entfalten wird – dereinst! wenn Gott auch hier über seine Menschen noch fürder waltet.
Und Er waltet!

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