Vorbemerkungen

I. Wider das Vergessen

Es sei doch die Frage erlaubt, warum bedeutende Persönlichkeiten, seien es Wissenschaftler, Schriftsteller, Dichter, Ärzte so schnell vergessen werden. Es liegt fern von jeder Nostalgie, sich der Alten zu erinnern, zu erkennen, was sie an Wertvollem hinterlassen haben. Es gebietet die Achtung vor dem Leben und der Leistung , vor Persönlichkeit, Werk und Vermächtnis. 
Wie schnell wird auch heute z. B. ein geachteter Hochschullehrer, wenn er im Alter von 65 Jahren pensioniert wird, auch vergessen, weil es ein Junger, Neuer besser machen will. Massenhaft wurden fähige Wissenschaftler und Hochschullehrer "abgewickelt" und so der Vergessenheit anheim gegeben. Es kamen dafür Jüngere , die waren keinesfalls nicht immer auch Bessere. Alle gesellschaftlichen Systeme der Vergangenheit und Gegenwart in Deutschland haben abgewickelt. Den Begriff Abwicklung findet man übrigens zuerst bei dem großen Philosophen J.G. Fichte und zwar im heute gebräuchlichen Wortsinne. Andere fallen der Vergessenheit anheim, weil die gesellschaftliche Entwicklung immer schneller verläuft, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und eben auch die Menschen von "Intensivierung" und heute auch von "Globalisierung" befallen sind. Es ist wie eine Seuche! Viele deutsche Dichter wurden im Gedächtnis des Volkes erhalten weil sie Eingang in Lesebücher gefunden haben und dadurch über Generationen das Interesse an Ihnen wachgehalten wurde. Leopold Schefer fand zwar in viele Anthologien Eingang (Beispiel: "Gellertbuch"). In Schullesebücher wurde er jedoch niemals aufgenommen. War doch die Kirche über Jahrhunderte Zensurbehörde. Damit verlor er sich aus dem Bewußtsein des Volkes.
Große Meister anderer Länder werden erst garnicht zur Kenntnis genommen. Zahlreiche Beispiele könnten dafür angeführt werden. Welch gewaltiges kulturelles und Wissenschaftliches Potential hat Russland!!! Wer nimmt es zur Kenntnis???
 
Wer kennt die . . . Zeitgenossen . . . Leopold Schefers noch?
 
In Deutschland wurden Bücher verbrannt, um Dichter, Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler sytematisch der Vergessenheit anheimzugeben.
Es sei an die Bücherverbrennung auf der Wartburg am 19. Oktober 1817 erinnert! [ Hans Ferdinand Maßmann !]
Heinrich Heine 1821 dazu: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." [Almansor. Eine Tragödie 1821]

1933 - Brandjahr deutscher Literatur  . . . . . . . 

 Wenig später wurden auch Menschen verbrannt . . . . . . . 
" Wer Bücher verbrennt , verbrennt auch Menschen".
Und ich beklage, daß ein Deutscher Dichter vergessen wurde, der in dem deutschen Provinzstädtchen Muskau fast sein ganzes Leben verbracht hat. Ich möchte sagen sträflich - fahrlässig unterdrückt und vergessen. "Vergessen" als erste Stufe von Kulturlosigkeit,
Dissoziation von "moderner" Zivilisation und Kultur: "Zivilisation frißt Kultur . . . "
im 20. Jahrhundert ! ! ! "Schefer" im Schriftstellerlexikon der DDR nicht zu finden; und  im 21. Jahrhundert . . .
 
Kulturgut ist wert erhalten zu werden. Das gebietet Achtung, wenn nicht auch Ehrfurcht. Das gebieten Ethik und Moral. Wie oft hört man am Grabe von den Meistern: "Sein Erbe werden wir in ehrendem Gedenken behalten." Ich möchte behaupten, daß so etwas oder Änliches auch am Grabe von Leopold Schefer gesagt wurde. ....Aber die Zeit ging bis heute über alles hinweg. Ein schmuckloser Grab- oder Gedenkstein als Denkstätte ist geblieben - keine Gedenkstätte, kein Museum... Das Haus steht noch... aber...
 
Für die Literaturwissenschaft wurde der Dichter Leopold Schefer durch die Fleißarbeit von Bettina Clausen (Hamburg) und Lars Clausen (Kiel)  dem Vergessen entrissen (Großen Dank!). In der gesellschaftlichen Praxis wird Schefer heute bestenfalls als Sonderling, als Exot empfunden. Er steht, im Gegensatz zu Hermann Pückler-Muskau, im Abseits.
 
Bei Pückler regelt heute alles der Markt: "Pücklereis", "Fürst Pückler-Wellness-Kur", Pücklerbüsten aus Gips und Bronce, groß und klein..., Pückler-Museum mit Shop Pücklerbücher,„Fürstliches Wochenende“, "Fürst-Pückler-Thermen" „Fürst-Pückler-Wellness-Woche“, ...Machbuba...       Gastspiel des Theaters Görlitz in Bad Muskau: "Der tolle Pückler" in Bad Muskau (13.-17.8.2008 und 20.-24.8.2008 jeweils ab 20.30 Uhr . . .)       Fürst Pückler Schokolade      
Und nun auch ein Video über den Fürsten:
Alles ist darauf aus, aus oder mit dem Fürsten Pückler und aus seinem Namen und auch seinen Parks möglichst viel monetären Gewinn zu schlagen.
 
Kein Wunder, daß Schefer weiter im Abseits steht. Für Leopold Schefer ist eben mehr zu tun. War er bereits zu Lebzeiten nicht korrumpierbar, so ist er es heute schon garnicht. Versuche, ihn als Touristenmagnet zu vermarkten, schlugen bisher fehl. Er fordert auch heute geradezu heraus, daß mit ihm und seinem Erbe ehrlich und aufrichtig umgegangen wird. Er muß so vermittelt werden wie er tatsächlich war und ist, moralisch-ethisch höchst integer. Verallgemeinerungen aus seinem Werk sind aus heutiger Sichtweise möglich, auch angebracht, notwendig und ich denke auch zulässig.

„Dies ist ein Schriftsteller von viel Bedeutsamkeit und nicht so berühmt als er es verdient. Das mag daher kommen, weil nichts an ihm ist, was viel Geräusch macht, wie ein tiefes Bergwasser, was unter der Erde fortsickert, und dessen schöne Kühle und Tiefe nur einzelne rüstige Wanderer auffinden, welche sich's nicht verdrießen lassen, in stiller, unbekannter Gegend auf Entdeckungen auszugehn.“
Heinrich Laube 1835
[Moderne Charaktristiken von Heinrich Laube, Zweiter Band,
Mannheim, C. Löwenthals Verlagsbuchhandlung 1835]

Ich durfte am 30. Juli 2006 die Veranstaltungen zu seinem 222. Geburtstag in Bad Muskau erleben. Mein Eindruck: "Hier wurde ein "Denkmal" für Leopold Schefer gesetzt. Leopold Schefer wird wieder wahrgenommen; er hat uns noch viel zu sagen! Das ist aber ein eigenes Thema." 


II. Leopold Schefer,
In der Kritik des 19. Jahrhunderts


Es sei erlaubt, die Meinung des Literaturhistorikers und Dramaturgen Heinrich Laube, der in Muskau seine "Festungshaft" verbrachte, über Leopold Schefer zu zitieren:

Erstens
Aus „Moderne Charakteristiken von Heinrich Laube, Zweiter Band, Seiten 320 bis 329 Mannheim C. Löwenthals Verlagsbuchhandlung 1835“
Zitatanfang:
„Man empfindet in seiner Nähe den warmen Odem jener unergründlich tiefen, unbeschreiblich zarten Menschenliebe, die bei überschwenglichem Reichthume genügsam und glücklich ist mit einer einzigen Blüthe, einem einzigen Blatte. . . . .
Es ist die liebenswürdigste Liebe in ihm, die Liebe ohne Namen, die Liebe an sich, die nicht liebt, weil sie den Gegenstand schön findet, sondern weil er überhaupt für sie existirt, die Alles liebt, weil Alles liebenswerth ist. . . . .“ Zitatende:

Zweitens
Aus „Geschichte der deutschen Literatur, von Dr. Heinrich L a u b e ; vierter Band; Stuttgart, Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung; 1840“
Zitatanfang:
[159]
"Die wohltuende Form Königs vermißt man hier. Nicht weil man der Arbeit Flüchtigkeit ansähe, weil man Mangel an Sinn dafür entdecke. Schefer ist sorgfältig, und kennt die feinste Bedeutung aller Form. Aber die Fähigkeit geht ihm ab. Seine Novellen sind so in feine Staubfäden hinein vorausgezählt und gewogen, ehe sie in die Schrift treten, wie es nur bei Jean Paul gewesen sein kann. Aber es giebt einen Reichthum, ja es giebt eine Ordnung, welche genau und untadelhaft ist, und doch nicht schön. Wäre selbst alles innere Gebäude einer Schefer'schen Novelle einmal so gediehen, daß Verhältniß an Verhältniß sich glatt und schön schlöße, die Wiedergabe davon im Style würde drüber täuschen. Das pantheistische Herz ist ihm so geschäftig, daß er keinem Blümchen vorübergehen kann, ohne es, wohl oder übel, in das eben Nöthige aufzunehmen. Dies zerbröckelt in Tausendfaltigkeit seinen Ausdruck, und da er gar keines Schwunges musikalischer Rede mächtig ist, so entbehrt sein Ausdruck alles Fortdranges, und zerfällt für denjenigen, der nicht den Autor schon liebgewonnen hat, der nicht schon weiß, daß hinter dieser zuerst entgegentretenden Atomistik die große, wohlbedachte Form eines edlen Menschen ruht. Darum kehren so viele Leser dieses Autors schon auf den ersten Stationen des Buches um, darum ist selbst bei Wohlwollenden der Wunsch so häufig, diese Bücher möchten ihrer trefflichen Gedanken halber noch einmal geschrieben und in einen guten Styl gebracht werden.
    Eins könnte Schefer. Er könnte sich in den Vers nöthigen, und dadurch eine Gewalt erzwingen, die ihm für alle Prosa versagt ist. Seine Prosa ist ununterbrochen eine gnomische Lyrik, Aber nirgends eine Darstellung, nirgends eine Erzählung, nirgends eine Entwicklung. Daher das unbesiegliche Mißverhältniß, da sie sich immer episch bietet. Daher die unzweifelhafte Gewalt, die sie auf einmal ausübte, da sie sich im „Laienbrevier“ in Versen bot. Auch dieser Vers eilt immer noch in die bescheidene Tonlosigkeit, welche diesem Autor eigen ist.
Geschichte der deutschen Literatur, von Dr. Heinrich L a u b e ; vierter Band; Stuttgart, Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung; 1840
Seite 159.


[160]

Wie überwältigend zeigt sich hier schon die grundgute, ja religiös-liebenswürdige Seele Schefers!
    Es ist hier ein Beispiel, wie trügerisch der äußere Unterschied sei, wenn dem bloßen Verse die Poesie zugetheilt wird. Schefer bedarf des Verses für den Zusammenhalt überfließender Materialien, die eben darum überfließen und ohne Halt und Form sind, weil sie aus rastloser, nach Poesie unstet suchender Prosa stammen. Schefer ist ein Gipfel, ein üppig bewachsener Gipfel unserer Prosazeit, und er würde dieser Prosa gehörig verbleiben, wenn jener Rath zum Verse sich bereits glänzend an ihm bewährt hätte. Der Vers ist ein Hilfsmittel für die nächste Form; die einige Form einer ganzen Welt, welche Poesie zu nennen ist, kann davon noch weit entfernt sein. Wer möchte in Byron jene einige Poesie finden, die hier gemeint ist, und doch ist dort Alles Vers, und so Vieles stattlicher Vers, ja so Manches poetischer Vers! Wie mächtig würde Schefer mit seiner ergiebigen Phantasie, stünde ihm nur der äußerliche Vers Byrons zu Gebote. Aber um die Täuschung hervorzubringen, als sei die Gabe poetischer Blicke und Ausdrücke schon volle Poesie, bedarf es eben solcher Phantasie eines Musikalischen Rhythmus. Und den besitzt Schefer nicht, obwohl er selbst musikalischer Komponist ist. An der Harmonie des Weltalls zweifelt auch in der aufgelösesten Zeit nur die Frivolotät, und entsprechende Beispiele davon in der Einzelnheit gewinnt sich der begabte Mensch in jeder Periode, — aber die volle Melodie auszudrücken, ist nur einer poetischen Periode vergönnt. Und so ist Schefer voll harmonischer Empfindung und Wissenschaft, aber die melodische Ordnung dafür findet er nicht, und wahrscheinlich wird es in seiner musikalischen Komposition nicht anders sein. Mancher mit einem viel kleineren Vorrate ist ihm darin voraus, denn die Armuth ist leichter fertig als Reichthum. Und bei allgemeiner Schatzung wird ein solcher doch tief unter Schefer zu stehen kommen. Lassen wir einmal Forderungen an Form bei Seite, wie unschätzbar hat Schefer beigesteuert für unseren Poetischen Aufbau seit etwas 1825, wo seine Novellen zum ersten Male in einer gesammelten Folge erschienen, wo „Palmerio“, „die Deportirten“, „die Osternacht“,„die Düvecke“ vor uns traten! Wie zart dringt er in die Herzen, wer kann sich einer genialeren Entdeckung im Eheleben rühmen,
Geschichte der deutschen Literatur, von Dr. Heinrich L a u b e ; vierter Band; Stuttgart, Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung; 1840 Seite 160
[161]
als sie in Schefers „Künsterehe“, der Ehe Albrecht Dürers, lebendig wird? Wie kennt er den Orient, wie kennt er die Innenseite des blßen Sinnenlebens, wie kennt er den kleinen Bürger, wie kennt er das Unglück in dessen Unscheinbarkeit"
Es sind viele Punkte, wodurch Schefer ein Vertreter der jungen Literatur ist. Zunächst ist es jener Freisinn, welcher von Goethe stammt und welchen das politisch beschränkte Urtheil so gerne mißkennt, jener Freisinn, Nichts, aber nicht das Geringste poetischer Theilnahme für unwerth zu erachten. Und Schefer hat — soll man's Ruhe, Geduld, Bildung nennen? — er hat die gleichmäßig sanfte Ausdauer eines liebvollen Herzen für Alles, für Alles. Was zu seinem Unglücke in der Form beiträgt, ist ein seltener Schatz seines Herzens. Es ist etwas Engelhaftes; und wenn er um seiner Form halber oft nicht die T h e i l n a h m e findet, die er verdient, er findet um jener Eigenschaft willen oft genug und mit gutem Rechte eine V e r e h r u n g , die über das gewöhnliche Verhältnis zwischen Leser und Autor hiausreicht. Wirklich zeigt sich an Schefer durchgehend jenes Etwas, was man nur bei einem Religionsstifter erwartet. Im Punkte der Religion ist nun oft davon die Rede, Schefer verlasse das Christenthum, gebe sich pantheistischem Glauben hin. Die evangelische Kirchenzeitung hat ihn, wie dies ihr Geschäft ist, als Ketzer vorgeführt, aber als einen Ketzer, der die beste Anlage habe zu einem guten Christen. Und das ist es. Allerdings gehört er zu jener großen Reihe denkgläubiger und denkender Männer, die von Spinoza herab der jüdisch plastischen Vorstellung eines Gott-Vaters nicht anhängen, denen eine tiefere Beweglichkeit für das höchste Wesen nöthig scheint, als eine solche in jener abfertigenden Plastik ausgedrückt. Man erledigt sich gern dieser Erscheinung mit dem weiten Namen Pantheismus, als ob so ein Verschiedenartiges damit bezeichnet, und als ob mit dieser Bezeichnung etwas abgethan wäre. Man beschuldigt eben so neuerdings Hegel des Pantheismus, und man wird dergleichen noch oft thun können, ohne daß hiemit mehr als ein Schall verursacht würde. Die Voraussetzung ist doch eine armselige, daß alles besondere Wesen später Einsicht längst eingeschlossen sei in frühere Eintheilung. Damit wäre aller Fortschritt vernichtet.     Die dogmatischen Eigenheiten Schefers zu benennen wäre
Geschichte der deutschen Literatur, von Dr. Heinrich L a u b e ; vierter Band; Stuttgart, Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung; 1840 Seite 161.
[162]
die schwierigste Aufgabe. Sein Herz ist noch täglich seines Geistes und sein Geist ist noch täglich seines Herzens gewärtig. Alles fließ noch in ihm, und deßhalb ist er leicht und vereinigt mit aller jungen Literatur, deßhalb ist ihm alle scharfe Grenze, ist ihm alle Form so fern, deßhalb umarmen sich allerlei dogmatische Wiedersprüche in ihm, und das folgende Wort hebt oft das vorhergehende auf, wie dies im Laienbreviere von Seite zu Seite ersichtlich ist. Diese lyrische Weiblichkeit, welche allem Schefer schon überwiegend inwohnt, empfängt und gebiert wie eine fruchtbare Flur unaufhörlich, ohne Sorge darob, ob das erwachsende kraut sich gegenseitig aufheben würde, wenn es zu einer gemeinsamen Wirkung vereinigt sein sollte. Die Mannes-Bestimmtheit, welche ordnet und regiert, ist nirgends in ihm. So wendet sich alledings das Laienbrevier hinweg von verlorenem Paradise, von Erbsünde, von stellvertretendem Tode, von strafendem Weltgerichte, kurz von all den Punkten, welche die Aufklärung aus den christlichen Dogmen gelöst. Eine sehr gewandte Dialektik, die ihm durch philosophische Studien eigen, entringt sich selbstständig aller bloßen Nachfolge, wie sie ein positive Religion heischt, ja in einer der neuesten Novellen, in der sehr merkwürdigen Novelle „der Gekreuzigte“ gibt er einen Pendant zu Christi Lehr-und Leidensgeschichte, und die Absicht verbirgt sich nicht, daß hier Anderes nicht minder würdig auf- und abgetreten sei. Kurz, er zeigt sich hundertfach zu der Polemik gegen positives Christenthum gehörig, und die evangelische Kirschenzeitung hat ganz recht, ihn ob solcher Abneigung gegen religiöse Positivität mit dem Fürsten Pückler-Muskau, und dem verstobenen Muskauer Prediger Petrik, einen gewandten und scharfen Geistlichen der Aufklärung, in ein Trifolium zu vereinigen, was außer der Kirche sei. Aber aller Athem Schefers ist doch christlich. Jene weibliche, duldende Liebe, womit die Christuslehre ein überständiges, männliches Alterthum brach, sie ist in ihm Alles in Allem. Erwartet die Spekulation der Weltalter, als eine dritte Poesie der gebildeten Menschheit, eine vorherrschend männliche Potenz, und findet sie selbige in einem Zeitalter der Revolutionen angekündigt, so mögen Schefers mit kleinen Liebesblümchen bepflanzen Wege, welche die christliche Weiblichkeit breiter fortführen, sie mögen an Grenzem eines neuen Reichs geleiten, in so fern
Geschichte der deutschen Literatur, von Dr. Heinrich L a u b e ; vierter Band; Stuttgart, Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung; 1840 Seite 162.
[163]
durch sie die weibliche Welt vollständiger ermessen wird; Schefer selbst wird vom Standpunkte solcher Spekulation in zweiten Weltalter, im Weltalter vorbereitender Liebe verbleiben. Kommt aber ein Weltalter neuer Kraft, was den Gewinn alter Schönheit und Kraft mittelalterlicher Weichheit in sich trägt, dann wird es der Schefer'schen Seele dankbar verpflichtet sein, und was jetzt in Schefer wegen mangelnder Formhaftigkeit reizlos erscheint, das wird dann mit seiner innerlichen Fülle als eine strotzende That menschlichen Vermögens erscheinen.

    Schefer ist in dem Niederlausitzer Städchen Muskau 1784 geboren, hat die Bautzener Schule besucht, und dann, nach mancherlei Unterbrechung, sich in Wien medicinischen und musikalischem Studium zugewendet. Obwohl nicht reich bemittelt, folgte er doch von frühauff freier Neigung, und hatte nicht sowohl ein Amt als ein beschauliches Leben im Auge. Gedichte und Musikalien komponierte er zeitig, ging dann nach Italien, nach Griechenland, nach Kleinasien, und kehrte durchdrungen von südlicher Beschaulichkeit 1820 in die Heimat zurück. Was er im Auslande geschrieben, meist Trauerspiele, ist theils ungedruckt, theils unwichtig geblieben. Schon 1813 war ein Band Gedichte von ihm mit dem Namen des Grafen Pückler erschienen, so schlaff in der Form und so durchzittert von einzelnen wunderlichen Blicken, daß der spätere Verfasser des Laienbreviers wie in der Hülfe darin zu sehen ist. Schefer fand erst einen schriftstellerischen Halt in de Ehe. Das Weib, die Mutter, das Kind sind der Ein- und Ausgang seines poetischen Gedankens. Hier liegt seine Größe und seine Beschränktheit. In der Freundschaft mit dem Fürsten Pückler hatte er mancherlei Reize eines unternehmenden Leben gesehen, hatte praktische Thätigkeit geübt, war aber gern in die engen Grenzen der Familie zurück gekehrt, wo unter kleiner Beziehung sich die Fäden der Welt, die er weit und breit gesehen, ausspinnen ließen, wo unter patriachalischer Gewohnheit der ferne Himmel und das Lamm im Garten genügende Veranlassung wurden für ein gedanken- und bildervolles Wesen. So lebt er noch, jetzt vorzugsweise musikalischer Arbeit hingegeben.
    Man hat ihn wohl einen Nachahmer Jean Pauls genannt, aber ganz zu Unrecht. Die kleine Welt, stets in jähe Verbindung
Geschichte der deutschen Literatur, von Dr. Heinrich L a u b e ; vierter Band; Stuttgart, Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung; 1840 Seite 163.
[164]
gesetzt mit der größten, der damit zusammenhängende ungleiche Styl konnten wohl dem ersten Anblicke nach einen solchen Vergleich wecken. Aber in der That ist die größte Verschiedenheit da. Jean Paul ist humoristisch, witzig, in der mißlungensten Form berechnet, im gutmüthigsten Ausdrucke scharf. Schefer ist überall sanft, ja im Wesentlichen naiv, er ist verschwimmend, selbst im Zorne begütigend, er hat nirgends einen Zahn, feine Verwandtschaft ist da, aber sie beruht auf viel feineren Wurzeln als der plane Vergleich zu bezeichnen gemeint ist, und könnte ergiebiger Stoff für eine ausführlichen Behandlung werden. . . . . . . . .

Begeisterung für's Allgemeine, Unbestimmte hinaus und ein braves Gemüth reichen nicht hin für einen Roman, und wenn sich ein Verehrer Schefers auf diesen berufen wollte, so thäte er ihm sogar sehr Unrecht. Schefer empfinder wahr, und was er gibt und was noch so schwimmend erscheint, das ist erst durch einen feinen Verstand gegangen; die naiven Laute Schefers sind erst entsprungen, nachdem eine gar mannigfache Bildungswelt durch Herz und Geist gezogen war. Hohl ist nicht das Mindeste an ihm.
Geschichte der deutschen Literatur, von Dr. Heinrich L a u b e ; vierter Band; Stuttgart, Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung; 1840 Seite 164.

[165]    f f.


[166]    f f.
Ende des Zitats.

[Heinrich Laube in seinen "Erinnerungen", zitiert bei Clausen, S. 112 ]
Zitatanfang:
„Alles an ihm, Schrift wie Wesen erinnerte an Jean Paul, an einen Brahminen, welcher geduldig Regen, Gedeihen und Vernichten hinnimmt, als Gaben der Weltseele.“
Zitatende.
[d.i. das Fehlurteil Laube's!]
Kommentar Clausen [1985, Seite 112] dazu:

„Einmal abgesehen davon, daß weder Jean Paul noch Leopold Schefer derartige Trottel waren, verbindet beide Dichter nur das scharfe Auge. Jean Paul ist im übrigen, wie kaum ein Zweiter, das literarische Gegenstück zu Schefer. Beide einander gleichzusetzen, hieße ungefähr soviel, wie einen Hochseilartisten nicht von einem (sagen wir) Lotsen unterscheiden zu können. Aber da man, offensichtlich, weder vom Einen noch vom Andern viel verstand, wehrte (und wartete) man Beide gern in einem Zuge ab: Die Geschichte der Jean-Paul-Schefer-Verkupplung ist für die Literaturkritik so recht zum Abgewöhnen.“



III. Leopold Schefer, Lebensweg
Der Dichter Leopold Schefer wurde am 30. Juli 1784 in Muskau /Oberlausitz geboren. Sein Vater war Arzt. Dieser starb 1797 als der Knabe 13 Jahre alt war.
  Auf das geistige Leben der Familie des Doktor Schefer hatte der junge Johann Gottlieb Fichte(geboren 19. Mai 1762 - gestorben 29. Januar 1814)
aus Rammennau bei Bischofswerda, der spätere berühmte Philosoph, durchaus nachhaltigen Einfluß. Dieser schlägt sich nach seinem Studium in Jena mühsam mit Privatunterricht und als Hauslehrer herum   (Zürich, Leipzig, Wolfshain).  Oft ist er bei der Familie des Doktor Schefer zu Gast. Leopold ist noch ein Knäblein. "Um Kinder zu erziehen, muß man erst die Erwachsenen erziehen. . ."
Die erwachsenen Freunde von Leopold Schefer waren:
 Der väterliche Freund Johann Justus Röhde, Hofrat ("Maitre de plaisier", Hauslehrer, Hausdichter, Hofmeister des Hauses Callenberg) ein hochgebildeter Mann; er weckte in dem Knaben die Sehnsucht, die antike Welt, Griechenland und Italien einmal selbst kennenzulernen.
 Der Rektor der Muskauer Schule Andreas Tamm, der sich durch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn auszeichnete. Er war übrigens der erste Lehrer des Hermann von Pückler.
 Der Oberkonsistorialrat Brescius, unter dessen Obhut ihn der sterbende Vater gestellt hatte.
 Die mütterliche Freundin Leopoldine von Glaser
 Enge Kindheits- und Jugendfreundschaft verband ihn mit Hermann von Pückler,           dem Sohn des Grafen Erdmann von Pückler        Hermann von Pückler  .

Neugier und Wissensdurst konnte er in der Bibliothek des Grafen Callenberg stillen und so seine Denkwelt befügeln. Mit 15 Jahren, im Jahre 1799 besuchte er das Gymnasium in Bautzen.
 Mit dem Sohn des Hofrates Röhde, Alexander Röhde (1783-1805) verband ihn eine tiefe  Freundschaft. Dessen früher Tod in Kolywan (Sibirien) beklagte Schefer in Sprüchen, Gedichten und Liedern.
 Ernst Vogel, der musikliebende Jugendfreund Leopold Schefers,  Sohn des Muskauer Superintendenten  Vogel begleitete ihn auf das Gymnasium in Bautzen.
 Mit Carl Justus Blochmann (1786-1855)  besuchte er das Bautzener Gymnasium.
[Carl Justus Blochmann wurde 1786 in Reichstädt bei Dippoldiswalde geboren. Er war der Begründer des nach ihm benannten Gymnasiums in Dresden, auf welches Leopold Schefer später (1838) seinen Sohn Alexander in Erziehung gab.] 
Dessen Bruder  war der gleichaltrige Rudolf Sigismund Blochmann (1784-1871),
[ Rudolf Sigismund Blochmann wurde 1784 in Reichstädt bei Dippoldiswalde geboren. Der Sohn des Dorfpfarrers begann mit 14 Jahren eine Mechaniker-Lehre in Dresden. Mit dieser Ausbildung holte ihn das Mathematisch-Mechanische Institut unter Leitung der berühmten Ingenieure Georg von Reichenbach und Fraunhofer nach München. 1818 kehrte er als erfahrener Techniker nach Dresden zurück, wo er zum Inspektor des Königlichen Mathematisch-Physikalischen Salons berufen wurde. Am 28. Februar 1825 wurde Blochmann in das Dresdner Schloss bestellt, um das Gasportativ - eine tragbare Gaslaterne - in einer Beleuchtungsdemonstration vorzuführen. Das Ergebnis überzeugte: Er wurde der Begründer der deutschen Gastechnik und der Erbauer der ersten Gaswerke in Deutschland - 1825 führte er dem sächsischem König Friedrich August I. den von ihm entwickelten Mehrflammen-Gasbrenner vor - 1828 konnte er in der Residenzstadt die erste Gasanstalt errichten. Als maßgeblicher Wegbereiter der Dresdener Gasbeleuchtung nahm unter Blochmann das erste Dresdener Gaswerk seinen Betrieb auf. Im April 1828 erhellten 36 Gaslaternen erstmals das Schloss, die Hofkirche und den Platz zwischen Zwinger und Kathedrale. Anlass gab der Geburtstag von König Albert am 23. April 1828. Blochmanns Gasportativ gilt als Urform des Flaschengases. ]

Ein weiterer Freund Schefers  war Carl Ferdinand von Graefe  (1787-1840),

[ Carl Ferdinand von Gräfe, - (geb. 8. März 1787 in Warschau - gest. 4. Juli 1840 in Hannover).
Medizinstudium in Halle und Leipzig.
1807 Privatpraxis in Alexisbad. 1811 Professor der Chirugie in Berlin: Mit 24 Jahren erster ordentlicher Professor der Chirurgie an der neugegründeten Berliner Unversität -- Berühmter Freimaurer -- Direktor am Königlichen Klinikum in der Berliner Ziegelstrasse.-- Superintendent der Militärhospitäler während der Napoleonischen Kriege (1800-1815). Leibarzt Friedrich Wilhelm III. -- GRAEFE, Carl Ferdinand von – "Normen für die Ablösung grösserer Gliedmassen nach Erfahrungsgrundsätzen entworfen", Berlin: Julius Eduard Hitzig, 1812
Carl Ferdinand von Graefe veröffentlichte 1818 das erste Lehrbuch der plastischen Chirurgie in Deutschland: einer der ersten Chirurgen Europas der die über Jahrhunderte vergessene Methode der indischen und italienischen Nasenplastik wieder mit eigenenen Modificationen ausgeführt hat. Pionier der Plastischen Chirurgie. ]


Im 20. Lebensjahr, am 27. März 1804 kehrte Leopold nach Muskau zurück.
Jetzt geht er vor allem seinen Neigungen, der Musik und Dichtkunst nach.
Er entbrannte in Liebe zu Comtess Agnes von Pückler, der Schwester des jungen Grafen Hermann von Pückler. Die konventionellen Schranken waren unüberwindbar.
Am 7. November 1808 starb Leopolds Mutter.
Im Jahre 1812 ernennt der junge Graf Hermann von Pückler seinen Freund Leopold Schefer zum General-Inspektor der Standesherrschaft Muskau. (Verwaltung von Muskau in „in allen Branchen“.) Mit 27 Jahren wird er praktisch Landesvater der Standesherrschaft Muskau. . .
Im Jahre 1811 erschien auch die erste Gedichtsammlung (200 Gedichte!) von Leopold Schefer. Sie wurde von Graf Hermann von Pückler herausgegeben.
Pückler macht sich aus dem Staube und geht am 15. 12. 1812 nach Berlin, um in russische Dienste gegen Napoleon zu treten. Keiner weiß wann er wiederkommt.
In angestrengtester Arbeit und mit ungeheurem Fleiß bewältigte Schefer diese schwere Aufgabe. Es war die Zeit der französischen Herrschaft in Deutschland.
Im 30. Lebensjahr, am 15. September 1814 reist Schefer nach England
(Frankfurt am Main – Köln – Antwerpen – Dover London)
England ist…. Zitat.
Rundreisen mit Pückler, 36 Parks in England besucht.
Beendigung der Zusammenarbeit (Abhängigkeit) mit Pückler.,
Im Januar 1816, im 32. Lebensjahr, beginnt er seine Reise = Lebensuniversität - (voller Impressionen, die er nachhaltig verarbeitete!):
 
  Hoyerwerda

  Wien

  Baden Baden bei Wien (Heilkur 1816)

  Steiermark

  Triest

  Hellas (1): Patras, Marathon, Kiphissia, Korinth, Mykene, Sparta, Arkadien, Olympia,
     Aigigon,      Delphi, Chaironäa, Athen, Kiphissia, Athen)

  Venedig, Padua, Argua, Venedig

  Ankona, Apenin, Rom (1)

  Östliches Mittelmeer: Alexandria, Kairo, Giseh, Jerusalem, Damaskus, Palmyra, Aydin,
     Smirna,      Cesme.

  Hellas (2): Chios

  Malta, Messina, Palrmo, Neapel, Portici, Rom (2), Velltri, Rom

  Hellas (3): Messina, Hydra, Athen, Kiphissia, Athen, Piräus, Tinos, Chios, Lesbos,
     Tenedos.

  Troja, Konstantinopel

  Hellas (4) Smyrna, Zakynthos, Leukas, Korfu.

  Triest (2), Wien

  Muskau, am 6.12.1819 war er zu Hause.


Muskau ist durch die Arbeiten am Park bereits verwandelt!

Später schreibt er: „Ich habe auch nicht auf der Bank studirt, sondern auf Reisen; Entfernen und Ferne, Verlieren und Finden, Einsamkeit und bevölkerte Städte, entvölkerte Lande und blühende Inseln, vergangene Herrlichkeiten und neues Leben, Tempel und Richtplätze, fremder Schmerz und eigene Freude, eigenes Leid und Anderer Jubel, Tage und Nächte, selbst Hoffen und Träume sind meine Lehrer gewesen; meine Augen und Ohren; zuletzt der Ueberdruß, die Verlassenheit und die Sehnsucht! So kam ich wieder lebendig in die mir lebendig gewordene Heimat, und verstand doch so viel von Menschen und ihren Wünschen . . .“(1834)


Im 37. Lebensjahr, am 6. November 1821 Heiratet er seine Kindheitsfreundin Johanna Friederike Lupke, die Tochter eines Pächters aus Boxberg. …
Schefer baut ein Haus …….1831, er ist bereits 47 Jahre alt...
Jetzt lebte er für sein dichterisches Werk. . . .
Im Jahre 1845 starb seine Frau. Er war 60 Jahre alt:
B. CLAUSEN:“ Zitat…“