bullet2 Jakob Böhm's Verklärung



„Am heil'gen Osterabend, da die Hirten
  Schon alle heimgetrieben, hütet' ich
  Nur noch allein; die Abendlerchen schwirrten,
  In Feld und Büschen regte Fühling sich,
  Die Tauben in der Krone*) Felsen girrten,
  Ich aber saß und weinte bitterlich;
  Gestorben waren mir die theuren Herzen,
  Ich hatte nichts als mich und meine Schmerzen.

„Und dieses Buch. Und las ich in dem Buch,
  So kam gewöhnlich auch der alte Mann,
  Der einstens, daß er mir den Geist versuche,
  Mich in den Berg geführt, wo Silber rann.
  Nun frug er mich aufs Neue, was ich suche? —
  Die Todten such' ich! hub ich traurig an.
  Und willst du mir nicht deine Leiden sagen? —
  Er frug so sanft, da mußt' ich ihm sie klagen!

„Es ist umsonst! die Elemente nagen
  An meines liebsten Lebens schönster Pracht;
  Die Sonnen wandeln ohne mich zu fragen,
  So Frühling wird's, und Winter, Tag und Nacht,
  Die Sterne seh' ich auf und ab sich wagen,
  Spottglänzend düstrem Zorn und eitler Macht —
  O daß nicht, was mich quält, ich müßte, sollte!
  Sey'n auch die Todten todt! wenn ich's nur wollte!

„Es ist umsonst dein Leid, mein Geist; es stellen
  Verlornes Glück nicht Träume wieder her;
  Nur einmal wogt was lebt auf hohen Wellen,
  Dann mischt und wühlt's der Wind in grundlos Meer;
  Du leuchtest bang hinab es aufzuhellen,
  Versunken bleibts, es bleibt der Busen schwer.
  O wäre mit dem Leben jener Stunden
  Auch der Erinnrung Bild zugleich verschwunden!

„Mir ist, als könnte' ich alles noch bereiten!
  Als säß' ich noch, als Kind, im Traum von Glück;
  Wie nur aus einer Phantasie der Zeiten
  Die nicht gelang, mißfallend meinem Blick,
  Zerstört in Nebelduft die Wirklichkeiten,
  Ruf' ich den Geist in seine Welt zurück:
  Von allem, was so wie das Kind vergangen,
  Fühl ich mich neu, wie noch das Kind umfangen.

„Und heiß' ich nun den Geist ein Andres sinnen,
  So will er gern dem Traum gehorsam seyn:
  Wohl fängt er fröhlich an sich einzuspinnen —
  Doch laufen schwarze Fäden bald mit ein!
  Es fällt ihm ein sein eigenes Beginnen,
  Sein Netz bespiegelt heut'ger Sonne Schein,
  In Luft gehängt verwirrt sich sein Gewebe —
  Und nüchtern seh' ich weinend: wo ich lebe! —

„Nun sprich: Wo lebst du denn?“ — so frug der Alte;
  Wer täte denn der Treue goldne Saat? — 
  Denn als die Zeit kam, daß die Welt erschallte,
  D a  s a ß e n   a l l e   G e i s t e r   w i r   z u   R a t h,
  Und gaben ihr: daß sie sich selbst verwalte;
  Mein Wort auch ward zu Welt und Werk und That.
  Und sollt' ich nun mein eignes Wort vergessen?
  Das hieß' den Bund gebrochen, und vermessen!“

„Fest in der Weisheit goldne reine Schale
  Ward einst die ganze schöne Welt erbaut,
  Und nach dem unvergänglich klaren Male
  Mit scharfer Richtung, gleichend hingeschaut;
  Was wohnt und wirkt in diesem Himmelssaale
  Von  e i n e m  Götterfrieden wird's bethaut;
  Es kann ihm Abgewognes nur begegnen,
  Der blinde Sinn vermag's nur nicht zu segnen.“

„Es ist nur alles, und nichts ist gewesen.
  E s  g i e b t  n i c h t  einen  T o d t e n!  fort den Wahn!      
  Still schwebt ihr sicheres verklärtes Wesen
  Nicht hinter dir, es flieget dir voran!
  Und wie der alten Jahre Kraft und Wesen
  Sich jetzt im neuen Lenz hervorgethan,
  So ist die Vorwelt in das Heut verwoben,
  In ewger Gegenwart dir aufgehoben.“

„Sieh, heut noch ist die ganze Welt im Werden,
  Denn Lebenskraft ist auch die Schaffenskaft;
  Die Sonn' umsingen tanzend ihre Erden,
  Heut fällt sie, wenn sie sich nicht selbst errafft!
  Das eigne Mark ernährt der Sterne Heerden,
  Die Welt ist's die fortan sich selber schafft;
  Wie aus der ersten Nacht, mit gleichen Mächten,
  Entreißt sie sich noch heut des Chaos Nächten.“

„Und wie der Sonne nie die Tag' entschweben,
  Denn sie ist selbst erst andern Tag und Licht,
  So steh' ich Mittelsonne brütend Leben
  und das Vergangene verging — mir nicht:
  Es glänzte nur von meines Glanzes Weben,
  Fest bleibt mir Ruhendem es im Gesicht.
  Was schwebt und scheint und flieht — um mich ja kreist es —
  Das ruht im ew'gen Strahle meines Geistes.“

„Welch Unglück jemal kann der Mensch erleiden?
  Der Mensch, ein Geist der innersten Natur,
  Kann jemals sich der Geist vom Geiste scheiden!
  Was kränkte doch den Ewigsten nur!
  Und will er nun auch Leib und Erde meiden,
  Er wandelt fort auf seiner eignen Spur,
  Und hinter ihm die Windeln bleiben liegen,
  Durch seine Welt kann er nach Willkür fliegen.“

„Denn nicht ein Muß ist's das den Freien bindet,
  Er hat sich selbst die Ordnung einst gesetzt,
  Wie sie die Erd' und Sonne nun verkündet;
  Ihr strengstes Halten macht ihn hochergetzt
  Es braucht nur, daß der Mensch sich selbt ergründet,
  Der schweigend sich in Thränen selbst verletzt:
  Sieh in Dir das Gesetz, das dich umfangen,
  Dann ist dir deine Allmacht aufgegangen.“

„Und soll die ganze Welt bestehen;
  Es sollen im Vereine, fern, allein,
  Die Sterne sich in sanften Kreisen drehen,
  Die Zukunft schließe mir die Blume ein,
  Was irdisch ist, soll welken und vergehen,
  Das Alterthum, es soll vergangen seyn.
  Daran erkenn' ich meinen ew'gen Willen,
  Daß ihn die Elemente stracks erfüllen.“

„Ich will ja hoffen! und ich will ja lieben —
  Will die Natur als schöne Todte sehn!
  Ich will den Glauben, will das Schauen üben —
  Will die Natur als Braut sehn auferstehn!
  Ich will ja weinen, will mich ja betüben —
  Als Bettler arm auf meiner Erde gehn.
  Wo   I c h   kann gut seyn, ist das Seyn das beste,
  Und heimlich feir' ich sel'ge Götterfeste.“

„Ich will nun: daß mein Haar sich silbern färbe,
  Nachdem es lange braun und blühend war;
  Nun will ich, daß ich Alter, Müder sterbe,
  Wie ich gewollt, daß mich ein Weib gebar;
  Damit ich andres Daseyn mir erwerbe,
  Nachschwebe der mir vorentschwebten Schaar;
  Wie's in dem neuen Kreise wird ergehen,
  Nach meinem Wollen wird mir nur geschehen.“

„So freuet mich die Welt — mein Schmuck — im Stillen,
  Und was auch alles außer mir geschieht,
  Ist mir: als thät' ich alles Selbst erfüllen,
  Und alle Sphären singen nur mein Lied;
  Sie fragen mich nicht mehr um meinen Willen,
  Sie haben ihn! Ich segne sie in Fried'.
  Auf meinen eignen Flügeln hingetragen
  Will ich des Himmel Hallen all' erjagen.“ —

„Und zu der Worte staunendem Beweise,
  Zog er das sternenvolle Himmelblau
  wie einen Vorhang weg, daß ich im Kreise
  Der Geister selbst mich an der Tafel schau'
  Wie sie zu Rathe saßen, und noch leise
  Dort sitzend, wirkten an dem heil'gen Bau —
  Und meine Todten lächelten mir nieder —
  Und leise schloß der Geistersaal sich wieder.“

„Da fühl ich mich als einen andern Hirten,
  Und andre goldne Lämmer hütet' ich!
  O Lust! o Glück, wenn nun die Lerchen schwirrten,
  und regte Frühling um die Gräber sich!
  Und wie die Tauben in den Felsen girrten,
  So saß ich noch und weinte — wonniglich!
  Und daß Euch bleibe das, was mir geblieben,
  Hab ich des Alten Wort Euch aufgeschrieben.“


Leopold Schefer                           

*) Die Landeskrone bei Görlitz    



Kommentar: Gemeint ist der Görlitzer Mystiker und Philosoph Jakob Böhme, der 1575 in Alt Seidenberg bei Görlitz als viertes Kind einer wohlhabende Bauernfamilie geboren wurde.
1599 wurde ihm als Meister das Bürgerrecht verliehen, und er wurde in die Schusterinnung aufgenommen. Im gleichen Jahr wurde er Hausbesitzer in Görlitz.
Böhme erwarb sich eine gewisse soziale Unabhängigkeit mit dem erfolgreichen Handel von Leder und Garn.

Im Jahr 1600 hatte er eine Vision; deren Verarbeitung dauerte  zwölf Jahre.
Erst nach diesen zwölf Jahren war er imstande, sie niederzuschreiben in dem Werk Aurora, oder Morgenröte im Aufgang” (1612).
Es wurde von Karl Ender von Sercha ohne Wissen von Jakob Böhme in Umlauf gebracht. Im Jahr darauf bezeichnete der Oberpfarrer Gregor Richter aus Görlitz den Autor öffentlich als Ketzer. Böhme wurde verhaftet und für kurze Zeit eingekerkert. Es folgten Verhöre durch den Görlitzer Oberpfarrer.

Durch Jakob Böhme's Verklärung ist diesem im Laufe von Jahren der “Grund und Urgrund” der Schöpfung klar geworden. Ausgehend von dieser Verklärung entwickelte Böhme eine mystische Beschreibung der kompletten Schöpfung im Zusammenhang mit auf Paracelsus beruhenden alchemistischen Auffassungen.
In Böhmes natur-mystischem Denken entwickelte sich eine “Natur-Sprache”, die ebenfalls von Paracelsus Signaturlehren beeinflusst wurde. 
Seine Kenntnis der von Jakob Böhme und Paracelsus herkommenden romantischen Naturphilosophie greift Leopold Schefer in dem Gedicht „Jakob Böhm's Verklärung“ in beeinduckender Weise auf. Dies ist genau auch seine "Wellenlänge", wie man in der "Hymne an die Natur" erkennen kann, er selbst ist nämlich naturphilosophischer Denker — Pantheist.
Leopold Schefer überwindet mit diesem Gedicht bereits im ersten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts die bis heute  anhaltende überwiegend christozentrische Interpretation des Mystikers und Philosophen Jakob Böhme. Interessant ist der Bezug des Philosphen Ernst Bloch auf Angelus Silsius und auf Jacob Böhme in seinen Vorlesungen und Büchern!