Juli        
XXX.       

Du hast mich hier herausgesandt, o Vater,
Und hier nun steh' ich unter deinen Wolken,
Dort deinem schönen Himmel gegenüber,
Mild angeblitzt von deiner großen Sonne,
Recht mitten drin in deinen Wundern allen
Auf deiner feierlich geschmückten Erde!
Jeglich Geheimniß deiner Künstlerseele,
All' die verborgen-offenbare Schönheit
Der großen und der kleinen Götterwerke,
Die du mit Inbrunst, heißer Liebe voll
Gebildet, schließet mir mein Auge auf,
Mein Ohr, mein Geist von deinem hohen Geiste!
Und Seligkeit-berauscht noch faß' ich kaum,
Daß du bist, daß ich bin, und wie beglückt!
Daß ich dich fühle in der warmen Brust,
Daß ich dich liebe in der vollen Seele,
Daß ich ein Mensch bin, noch vor dir, und hier
Wie hochgestellter — rings über deine Kinder,
Die kleinen Blumen mit dem Funken Thau
Im Auge — mehr als Wolken, Fels und Fluß,
Mehr als die Sonne dort im himmlisch Blauen
durch deine Klarheit in der Menschenstirn,
Durch die Gefühlsflammengluth aus deiner,
Durch die Gedankenwonnefluth aus deiner!
Und was hast du mir alles zugetheilt!
Mir alles anvertraut, daß leis mir schaudert,
Die Göttergaben in der Menschenhand!
Du hast mir Macht gegeben über Geister,
Die mir zu dienen angewiesen sind —
Gewalt, selbst über deine besten Kinder;
Nicht nur die Rose, die ich brechen kann,
Nicht nur über Blumen, d'rauf ich wandeln mag —
Ich kann den Menschen, wenn ich will und möchte,
Zerstören, fast von dieser Erde schicken!
Ich kann die Seele, die mich liebt, kränken,
Daß sie die schöne himmlische Gestalt
Durch Gram inwendig leis zu Staub verwandelt
Und weinend heim an deine Brust sich rettet;
Selbst ganze Städte kann ich mit der Fackel
Von deines heili'gen Feuers Gluth vertilgen,
Vergiften ihre Kinder aus dem Brunnen,
Und niemand wehrt mir — Niemand wüßt' es ja
Als ich und du! Ich kann mich selbst mir opfern
Und deine Hallen sprengen vor der Zeit!
Und du, du mußt, ob auch mit Widerwillen,
Du mußt das Grab mir öffnen und die Hallen
Der Todten, aller Seligkeiten voll,
Und noch den Becher der Unsterblichen
Mir reichen — auch mit abgewandten Antlitz!
Doch ich vergeh', vergeh' vor dem Gedanken
Daß du dein Antlitz je mir wenden könntest!
O neige dich zu mir! das himmlischschöne
Das reine Antlitz neige stets zu mir:
Und was auf Erden, was bei Menschen dir
Sich gleicht — vergieb, vergieb das blinde Wort —
Was dir von fern nur ähnelt wie dein Schatten,
Das will ich ehren! lieben so wie dich:
Sei du es in Gestalt der Kinder nun,
Sei du es in Gestalt der schönen Jungfrau
Sei du es in Gestalt des Silbergreises
Sei du es in Gestalt der Schwalbenmutter,
Die ihre Jungen flügg' im Neste füttert,
Sei du es in Gestalt der Lerche droben
Der bunten Taube, die mit Aemsgkeit
Sich goldne Körner pickt, selbst nicht mein Schatten
Soll sie von ihrem stillen Werk verscheuchen!
Sei du es in Gestalt der eignen Kinder —
Ich will sie auf den Händen tragen, kostbar
Als hätt' ich dich so klein, so hold, so eigen!
Sei du es in Gestalt des Regenstromes,
Der aus den Wolken ab zur Erde perlt,
Wenn hoch es donnert, rotleuchtend blitzest —
Ich will dem heil'gen Wasser aus den Wolken
Ein Gräbchen schaufeln, daß es munter rinne,
Wo du es hingesandt! — Ja, das auch höre:
Sei du's in meiner eigenen Gestalt,
Sei du's in meinem Geist und meinem Denken —
Ich will mich selber ehren, meinen Leib
So ehren als Gebild vom heil'gen Staube,
Von heiligem Gebein aus deinem Urstoff,
Und meinem Geist wie Licht von deinem Urlicht,
Daß dich zu ehren meine Ehre sei,
Daß mich zu freuen deine Freude sei,
Daß dein zu sein mir ewig Leben sei!