Der Journalist und Schriftsteller Heinz E. Halter machte in den Monatsheften für Literatur Kunst und Wissenschaft in Heft 1, vom 1.Juli 1933 - Zehnter Jahrgang - auf Leopold Schefer aufmerksam:          „Ein vergessener Dichter deutscher Romantik“

Leopold Schefer

Ein vergessener Dichter deutscher Romantik.

von Heinz E. Halter
1933

Im Jahre 1834 erschien in Berlin unter dem Namen „Laienbrevier“ eine Sammlung von Gedichten und Sinnsprüchen , die den Erfolg von Rückerts „Weisheiten der Brahmanen“ in kurzer Zeit in des Schatten stellen sollte.  Der Verfasser war einer der eigenartigsten Köpfe der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Leopold S c h e f e r, seines Zeichens Generalinspekteur und Verwalter der Besitztümer des Fürsten Hermann Pückler zu Muskau. Diese amtliche Stellung in Hofstaat jenes Lebenskünstlers voll bizarrer Launen und Einfälle kennzeichnet zugleich seinen Rang der Dichtkunst: eigenartig, voller Lebensfreude, von innigem Naturbewußtsein durchdrungen, überall, in Mensch und Tier, in Pflanze und Stein das Walten des Weltschöpfers suchend.
In dieser Umgebung, der längere Zeit auch Heinrich  L a u b e,  der jungdeutsche Dichter und spätere Burgtheaterdirektor, angehörte, im Verkehr und Briefwechsel mit den namhaftesten Geistern seiner Zeit, mit Varnhagen von Ense und Henriette Herz, konnte sich kein Schema-Talent bilden, hier mußte etwas durchaus Eigenwilliges und Einzigartiges heranwachsen.
Vier Jahre vor dem Laienbrevier waren jene aufsehenerregenden Briefe eines Verstorbenen erschienen, die wie kaum ein anderes Werk der Weltliteratur den Kontinent in Atem hielten. Dem Inhalt nach nichts anderes als Reiseschilderungen aus England, Frankreich, Holland und Deutschland, zeichneten diese Briefe mit einem so ausgsprochenen Wissen um letzte Einzelheiten die Sitten und die — Unsitten der höchsten Gesellschaftskreise, daß jeder Kenner sofort erkannte: Der Verfasser mußte dem Adel nahestehen, wenn nicht sogar seinen Spitzen angehören. Nach langem Suchen und Raten wurde der Missetäter entdeckt: Fürst Hermann Pückler, der Besitzer der damals souveränen „Freien und Standesherrschaft“ Muskau in der Oberlausitz. Kein Wunder, daß die Teilnahme der literarischen Welt sich dem stillen Städchen, und seiner Hofhaltung zuwandte, und daß damit auch Leopold Schefers bis dahin recht weltabgewandte und verinnerlichte Dichtkunst neue Impulse erhielt.



     Schefer wurde am 30. Juli 1784 in einem kleinen Häuschen am Markt in Muskau geboren, wo sein Vater Arzt war, der die Tochter eines Geistlichen geheiratet hatte. Als Kind schon wurde er des jungen Pückler Kamerad, bis er 1799 das damals als Pflanzstätte klassischer Bildung bekannte Gymnasium zu Bautzen bezog. Das Studium der alten Dichtkunst, besonders der Werke Homers, sollte für seine geistige Entwicklung von ausschlaggebender Bedeutung sein. Aus dieser Zeit datieren auch seine ersten dichterischen Versuche: Gedichte, kleine Novellen, Sinnsprüche, bescheidene Sachen, meist aus dem Umkreis seiner Umgebung, der Schule und der Kameradschaft entnommen. Allein schon 1804 mußte er auf Wunsch seiner kränkelnden Mutter, die den zärtlich geliebten Sohn um sich haben wollte, die Schule verlassen.   Er kehrte nach Muskau zurück, das er mit Ausnahme einiger Reisen nie wieder verlassen hat.
     Eigentlich war es ein völlig unromantisches, von großen Ereignissen unberührtes Leben, das dem Dichter beschert war. Aber es zog ihn nicht in die große Welt; mit eisernem Fleiß suchte er die Lücken seines Wissens auszufüllen. Die Beschäftigung mit seinen Büchern, das Brüten über philosophischen Problemen erfüllte seinen Tag vollauf.   Als 1808 seine Mutter starb, erschien ihm das Leben ohne Wert. Jahrelang konnte er den Verlust nicht überwinden. „Die Erde lockt mich nicht mehr; der Sternenhimmel hat keine Bedeutung mehr; alles in der Vergangenheit Errungene scheint verloren“, so klagte er damals.
       Im Jahre 1811 trat das große Ereignis in sein Leben: aus dem freundschaftlichen Verkehr mit dem jungen Standesherrn wurde ein amtliches Verhältnis. Pückler übertrug ihm die Leitung seine gesamte Vermögensverwaltung. Kein leichtes Amt bei den zahllosen Anfordeungen, die Lebenstil, Reislust und vor allem der Aufwand für Pücklers gewaltige Parkschöpfung an die Kassen der Herrschaft stellten! Aber Schefer hat sein ungewohntes Amt mit großer Treue und viel Geschick ausgefüllt und wesentlich zur Ordnung der zerütteten Finanzen beigetragen. Als täglicher Gast im Schloß Muskau ward er Teilhaber jenes genialen Treibens, das oft an die klassische Epoche Weimars unter Karl August erinnert.


Den Adel und den Hofratstitel, die Pückler ihm nach Weimarer Vorbild verschaffen wollte, lehnte er allerdings ab, weil er, wie er ausrief, seine Seele nur für Ewiges offen wissen wollte !

      Der Dienst des Fürsten führte ihn auf Geschäftsreisen nach Wien und Ungarn,  später nach England, wo er im Interesse der damals im Entstehen begriffenen Muskauer Parkschöpfung sechsunddreißig große Parkanlagen eingehend studierte.   Die Reiselust verließ ihn nicht mehr.   Aus den Wäldern Schlesiens sehnte er sich nach der Sonne Italiens und dem blauen Himmel über Hellas, der Stätte jener klassischen Dichtkunst, die ihn schon in der Schulzeit so mächtig ergriffen hatte. Pückler, auch im Schenken so großzügig wie im eigenen Lebensgenuß, gab die Mittel zu der großen Weltreise, die ihn von 1816 bis 1820 von der Heimat fernhielt.   Wien, Italien, Griechenland, die jonischen Inseln, Konstantinopel und die Küste Kleinaseiens — das waren die Stationen dieser „Lebensuniversität“, wie er sie später einmal nannte.   In Wien ging er mit Fleiß an die Ausbildung seiner musikalischen Begabung, die durch den Verkehr mit dem Kapellmeister Heidenreich und dem Komponisten Salieri wesentlich gefördert wurde.   Die Musik zu der Oper  „Sakuntala“ war das Ergebnis dieser Studien.
       Nach seiner Rückkehr im Jahre 1820 gründete er in Muskau einen Hausstand. Sein Haus, das er mit seiner zärtlich geliebten Frau Johanna Friederike bewohnte, zog alle die Geistesaristokraten an, die den wegen der dort herrschenden Freiheit der Rede weit bekannten Muskauer Hof aufsuchten.    Heinrich Laube schildert in seinen Erinnerungen Schefers Wesen folgendermaßen: „Er hatte sich am Ende des Städtchens ein orginelles Häuschen gebaut, welches man für eine Kapelle halten konnte, etwa für eine griechische.   Es stand in einem kleinen Gemüsegarten, und er hauste da wie ein bescheidener Bürger mit seiner Familie, welche ganz kleinbürgerlich geartet war.   Alles an ihm, Schrift wie Wesen, erinnerte an Jean Paul, an einen Brahminen, welcher geduldig Sonnenschein und Regen, Gedeihen und Vernichten hinnimmt, als Gaben der Weisheit. Sie sorgt am besten für alles, auch für das, was ihm nicht gefällt.  Jedenfalls lernt er fortwähren und wenn er der Weisheit zuschreitet, so kann er sich hochbeglückt nennen.   Er war von kleiner Gestalt und sah sehr schlicht aus.   Ein rötliches Antlitz, ein ziemlich kahles Haupt, eine ruhige, immer sinnige Sprechweise kennzeichneten ihn.    Große Toleranz für alle Meinungen war ihm eigen.   Er wußte aber auch jede Meinung so zu deuten und weiter zu führen, daß sie zum Guten gehören oder doch wenigsten zum Guten leiten konnte.“
      Im hohen Alter von 78 Jahren starb er am 13. Februar 1862 in Muskau.

Schefers dichterisches Schaffen war von ungeheurer Fruchtbarkeit.   Lyrische Gedichte, Sinnsprüche,  religiöse Dichtungen,  Elegien, Epen, nicht weniger als vierundsiebzig Novellen — die Ernte eines reichen Lebens. Das meiste ist heute verschollen und vergessen. obwohl zum Beispiel Rudolf von Gottschall seine Klagelieder für die großartigsten Elegien hält, die die neuere deutsch Lyrik zu verzeichnen hat, voller Tiefe der Empfindung und aus einem gewaltigen Schwung der Phantasie geboren.   Am klarsten kommt sein Wesen zum Ausdruck in seinen Sinnsprüchen.   Die Schönheit des Lebens und die Freuden dieser Welt, Tugend und Sittlichkeit im edelsten Sinne besingt er in Schwungvollen, geistreichen Versen.   Die Novellen leiden oft an einer gewissen Breite und Redseligkeit, aber die Kraft seiner Naturschilderungen ist auch heute selten übertroffen worden.   In seiner schönsten Novelle  „Die göttliche Komödie in Rom“ (1843) hat er dem großen Pantheisten Giordano Bruno ein unsterbliches Denkmal gesetzt.
       Sein Haupwerk aber, das „Laienbrevier“, verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.  Jedem Tag des Jahres ist eine sinnige Betrachtung gewidmet.   Geduld, Hoffen und Verzeihen, Liebe zum Mitmenschen zur Natur, zur Welt um uns — das sind die Quellen dieser oft hinreißenden Lyrik.   Einer der Biographen, Adolph Kohut, schreibt über den Gehalt des  „Laienbrevier“ : „Nichts in der Natur ist dem Dichter gleichgültig, unbedeutend und beziehungslos.  Sein sinniges und poetsches Gemüt weiß an das Kleinste im Weltall das Höchste anzuknüpfen, an jedem Rosenstrauch am Wege entzündet sich sein Andacht, mit jedem Vogel steht er in Sympathie.   Wie ein roter Faden zieht sich durch seine Ergüsse der Gedanken, daß man in allen Lagen des Lebens zunächst bedacht sein müsse, Mensch zu bleiben, und daß der Mensch seine höchste und innigste Freude nur im Genusse der Natur suchen müsse.“
       So ist das  „Laienbrevier“,  das dem Dichter manchen Strauß und kritische Auseinandersetzungen mit der evangelischen Kirche eintrug. Ein Bekenntnis der edlen und reinen Menschenliebe, die auch dem Bösen hilfreich begegnet.
 Das 22. Gedicht zeigt am deutlichsten diese Ethik des Dichters:

So oft du eine That zu thun gedenkst,
Schau erst zu jenem blauen Himmel auf,
Und sprich: "Das will ich thun! O schau es du,
Und segn' es du, der still da droben herrschet!"
Und kannst du das nicht sagen, thu es nicht
Aus schnödem Trotz, aus eitler Menschenmacht,
Weil schweigend er dich Alles lässet thun.
Denn wisse, was du auch gethan, du thust
Es auf Zeitlebens in Erinnerung;
Die gute That klingt hell den Himmel an
Wie eine Glocke, ja er wird zum Spiegel,
In dem du anschauend selig dich erblickst;
Du wähnst dann droben in dem blauen Himmel
Zu wohnen! Oder ahn'st: es wohn' in dir,
Herabgesenkt, des Himmels stiller Geist!
 

Mit den Zeilen, die am 31. Dezember das Jahr beschließen sollen, sei auch diese kurze Betrachtung über einen Dichter abgeschlossen, der seinerzeit viel gab und auch uns noch manches sein kann:

"Sei göttlich! denn du bist im Haus Gottes!
"Sei gut! sonst bist du abscheuwerth und elend!
"Ein Jedes ist mit Freuden, was es ist:
"O Mensch, so sei mit Freuden auch ein Mensch!"

 

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Artikel redigiert: Horst Georg Padelt, Januar 2009


Die Arbeit von Heinz E. Halter über Leopold Schefer war eine der letzten Huldigungen des Dichters und dessen Werk durch einen Muskau-Kenner,
bevor die braune Diktatur Deutschland ins Unglück stürzte,