Notiz aus „Freihafen“ 1838

Muskauer Zustände 1838



So will ich denn auch in den Freihafen einlaufen mit meinem kleinen Briefbote und mein Schiff- und Log-Buch vorlegen. Ich habe freilich nur einen kleinen Kutter — eigentlich mehr für’s Freibeuterhandwerk geschickt — auch hab ich nur kleine Ladung und weiß nicht einmal, ob es auch richtiges Kaufmannsgut sein wird und gäng und gebe ist im Handel.

Ich komme aber von einem gar seltsamen Eilande — Muskau ist mitten im Sandmeere der Lausitz ein Binnenland, eine Oase, als wenn im wüsten Arabien ein Phönix sein Nest gebaut hätte — vielleicht ist’s auch ein Greif.

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Jedes gute Stückchen guten Landes beinahe musste erst aufgefahren werden, und der große Park ist wie ein großer Zuckerkuchen — unten ein dicker, sandiger, dürrer Semmelteig — und darüber nur eine dünne, saftige, süße, wohlschmeckende Kruste; — oder auch wie der Marmor Berlins, wo eine dünne Marmorschale wie ein dünnes Seidenkleid die groben wollnen Gewänder der unteren Backstein-oder Holzwände verschleiert.

Muskau liegt, wie das kleine schöne Kapri neben Italien — so von Berlin getrennt durch das Sandmeer der Lausitz und Mark. Aber von diesem Kapri aus ergehn, wie weiland von den römischen — zwar nicht die Heischungen eines Blut — und Gewalt-Herrschers Tiberius — aber es sitzen da still waltend zwei, drei — oder mehre andre Fürsten im großen deutsche Reiche des Geistes, die von hier aus mit ihren Bekanntmachungen das genannte Reich erfreuen — Friedensfürsten, aber keine spanischen — obwohl vielleicht in spanischen Schlössern. —

Die Berliner wundern sich, dass Männer wie Leopold Schefer , Seidel, hier nicht blos gedeihen und wachsen — sondern auch grünen und blühen und süße Frucht haben und sich freuen am eignen Wuchern — darüber, sag’ ich wundern sich die Berliner, und begreifen kaum, wie einer ihre langen, graden Straßen (die krummen nebenbei) und ihre großen acht- und vier- und kein-eckigen Plätze nicht vorziehen sollte einem Städtchen, wo kaum ein und ein halber Platz und so viel Häuser sind, als in Berlin Straßen.

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Aber in kleinen Nestern sitzt sich’s warm, und Singvögel sind selten groß und bauen sich gern kleine, trauliche Nester — legt auch manchmal der Teufel sein Gukukei hinein — Hofvögel dagegen, die größer sind — als wie Hühner, Enten, Gänse — bauen freilich auch größre Nester, — aber wie oft brüten sie? Laufen sie nicht vom Neste, kaum dass sie das Ei gelegt, ohne zu brüten?

In Muskau sitzt ja einer der schönsten und liebevollsten Sänger Deutschlands — ein recht starker Sprosser in diesem Zauberhaine.

Gleich wenn Ihr von Berlin nach Muskau hineinkommt, seht Ihr rechts einen Gasthof, dann Scheunen, dann ein halbes Haus, wieder Scheunen — und dann auf Etwas, was man Berg nennt, ein niedliches Häuslein mit gothischen Fenstern, die sehr groß sind — es ist ein kleiner Erdzwerg mit großen Augen — eine großartige Kleinigkeit. Beinahe scheint’s wie irgend ein Pfefferkuchenhäuschen irgend eines deutschen Ammen- und Volksmärchens — so traulich und süß und würzig.

Wenn Sommer ist, so schaut sich’s von da gar hübsch in ein Gärtchen hinein, das auf Abstufungen mit seine Bäumchen und Blumen und Gemüsen sich um das Häuslein herumlegt, wie die Außenblätter um den sonderbar schönen Kelch und Heerd irgend einer Wunderblume. Das ist natürlich Leopold Schefers’s Wohnung — und darin sitzt dieser Blumengeist, elfartig, zaubervoll, sinnig, neckisch, lieblich, mitunter fast koboldartig, wenn er aus seinem Kelche herauschimpft und neckt — er ist immerhin von den Geistern, die mehr wissen als Erddinge. Es ist
Der die ganze Stimme der Natur
Heraushört, dem wird sie zur Harmonie.
Hier nah vor meinen Füßen weint ein Kind –
Und rings im Grünen singen hundert Vögel;
Dort morschet eine altbejahrte Eiche –
Und drunter nicken junge Blütenbäume
Sich freundlich zu; dort schallen Grabgesänge
Vom Schlafgemach der Todten – und vom Walde
Her seh’ ich eine lust'ge Hochzeit schweben; . . . usw.


Denn freilich möchte’ ich immer weiter abschreiben aus seinem „Gebetbüchlein“ — so nannte er mir’s selbst, — Es ist alles grade so, wie er’s hier hingeschrieben, er hat die Natur abgeschrieben — ihm gleich liegt Kirchhof und Straße; und er sitzt warm in der Natur auf seinem Nestlein und brütet und singt in die Sonnenwelt hinaus für seine Brut,

„Geht fleißig um mit seinen Kindern, hat
Sie Tag und Nacht um sich und liebet sie,
Und lässt sich lieben einzig schöne Jahre.“

Seine Kinder solltet ihr sehen! — Die Bildlein von ihnen liegen in seinem Gebetbüchlein als Heiligenbilderchen — er hat sie ja abgemalt in allen seinen lieben Kinderschilderungen. Ebenso die Mutter. Sie waltet schlicht und still darinnen und hat ihren großen Kinder- und ihren kleinen Viehstand. —

Die Muskauer nennen Schefer ihren Einsiedler — er ist ein Zweisiedler mit seinem Weibe. Die Muskauer denken, der Einsiedler solle zu ihnen kommen und etwa betteln — sie sind nicht rechtgläubig (katholisch), sonst wüssten sie, daß Einsiedler von jeher ihr Glöcklein wohl allein geläutet und fromme Beichtkinder und Verehrer ( die sie und ihnen verehrten) zu sich beschieden haben —

Die Muskauer sind ein glückliches Völklein — und haben sie nicht Alles? Ich meine, sie haben nicht einen Fürsten, einen Hof, ein Schloß, Schlossgarten, Schauspiel, Bad, Hofbeamte, Schriftsteller, Dichter und Buchbinder — ja sogar ein Berlin — nämlich eine Stadt Berlin, den Gasthof? — haben sie in Muskau nicht ein Rathhaus, 1-1/2 Kirchen — übrigens auch Trümmer von Pflaster — die ihr grünbehartes Haupt aus dem Strome der Zeit und Vergangenheit — wie alte Karpfen — hervorstrecken? — Die Muskauer Schloßgasse ist doch wenigstens so lang, als ein Durchgang des Berliner Schlosses — und nun können wir eigentlich gleich in den Garten eintreten — — . . .

. . . Geehrtester Herr, ich muß aber hier um Entschuldigung bitten; ich hab’ es nun freilich wie weiland die spanischen und andere Amerikafahrer, und habe als Ballast und Rückfracht von dem seltsamen Eilande meinen Kiel mit Sandelholz, Mahagoni u. dgl. Gefüllt. Als ich aber meine dazu aufgespeicherten Vorräthe musterte, fand ich mit Schrecken — daß Sie mir einen zu kleinen Schiffraum gestattet — so dass ich vieles zurücklassen musste. Jetzt nun, da ich auspackte, zeigt es sich, dass es grade das Holz ist (materia) gewesen ist, das im Muskauer Garten steht — das hab ich über Bord werfen müssen und so blieb in meinem Briefschiffe nichts übrig vom Parke.

Auch stößt uns, wenn wir zum Gartenthore einrücken, gleich das Amthaus auf. Da wohnt nun Jemand, von dem sich freilich auch Manche — wenn auch nicht grade Berliner, — gewundert haben, dass er hier wohnt — so abgeschieden von der eleganten Welt. — Aber es ist wenig zu verwundern, dass er sich hierher gesetzt hat; mehr, dass sie ihn hierher gesetzt haben.

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Nun hängt er hier wie ein ausländischer Vogel unter den einheimischen des Gartens, wie im Käfig; und er kann hier nun freilich nicht mehr grad aufsteigen mit seinem Sange, wie eine Lerche — aber sie haben ihm doch auch oben eine weiche Decke gemacht, dass er sich nicht gleich den Kopf einstößt, wenn er’s versucht. Auch heben sie sein Weibchen zu ihm gelassen und seinen Jungen, — wenn’s nicht ein Mädchen ist.

Auch ist er ein gewaltiger Jäger geworden — wenn auch nicht vor dem Herrn — wie Nimrod. Doch, wer weiß? — Und seine Frau geht eben auch nicht nicht anders aus, als mit dem zierlichen Gewehr auf der Schulter. Uebrigens geht’s Beiden wohl und sie können das künstliche Kanariennest, das man ihnen schon fertig hingegeben, ja auch noch mit eignen goldnen Federn putzen und ausstatten. — Ich meine, sie wohnen recht zierlich und fein, und vornehm und bequem.

Laube kam von Berlin und der große Backenbart hing ihm noch voll von Berliner wohlriechender Seife, mit der man ihn eingeseift hatte. — Manche haben ihn auch am Bart gezupft. Da kann er sich denn freilich noch nicht rein schicken, dass die lieben Muskauer nicht solche savon de Provence oder .dgl. haben — er zieh sich vornehm zurück und ist sich, wie in der Literatur jetzt — so auch in Muskau, selber genug, schreibt eine Literaturgeschichte, kommt alle vier Wochen einmal zu Schefer, schießt Böcke — und wenn das wird vorbei sein, so sagt ein gewisser Mensch, er werde sich auf den Fischfang legen, und unter Andrem habe er schon dem Hrn. Engelmann in Leipzig den Vorschlag gemacht, er solle ihm einige Hundert Krebse schicken —

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Er will diese jungen Europäer auch in der krebsarmen Neißegegend verbreiten. Das geht mich — und manchen Andren — aber eigentlich Alles sehr wenig an, und ich wünsche von Herzen, dass Hrn. Laube in der Versteigerung der Hinterlassenschaft des verstorbnen, durch seinen Herrn rühmlichst bekannten Forstmeisters einige gute Gewehre werden vor den Kauf gekommen sein — dass er sich wehren kann, denn er wird freilich zu viel angefochten sowohl, als angefochten, d.h. angebettelt.

Mehr ein Mann des Volkes — oder vielmehr des Stadtadels von Muskau ist der hiesige Bühnendichter Seidel — ein Fünfzigender, stößig, brünstig — aber immerhin ein Edelhirsch. Freilich wollen ihn die armen Bauern seines Wildschadens wegen nicht recht loben, aber der Fürst hält ihn doch fest und warm. Früher war er, glaub’ ich, Vorsteher des Liebhaberschauspiels, und es soll gut gewesen sein. Leute dazu hat er an den vielen fürstlichen Beamten — dass die Bauern schwarz werden — ich meine vom Kohlebrennen in der großen Heide.

Neulich sind die arabischen Pferde des Fürsten angekommen — schöne prächtige Thiere. Ihr Herr wird vor 1839 schwerlich zurückkehren — wenn ihn, den Schussfesten, nicht etwa gar ein heimlicher aber gewaltiger Herrscher zum Tode verurtheilt und ihm einen schwarzen Fleck auf’s Herz gemalt hat als Ziel — die Pest — Sie haben sehr lange keine Nachricht von ihm —

Übrigens wenn wir nun herausgehn. So nehmen wir schon schnell den Weg durch einen Theil des Parks.

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Er ist seltsam anzuschaun — er liegt da, hier und dort noch mit Schnee belegt — wie ein junges Weib nach der Brautnacht, und dehnt sich wollüstig, die Frucht zu hegen, und schwellen und hervorgrünen zu lassen — Es ist wahr, der Garten streckt sich ordentlich, wie im Schlaftrunke, nachdem ihn die hereinscheinende Sonne aus süßem Träume geweckt. — Die Wasserleitung, an der der gewundene Gang hingeht, ist geschwollen, wie eine lebhaft schlagend Ader — noch wenige Wochen und diese Sträucher haben sich zu Lauben verschlungen für die Liebespärchen der Nachtigallen — und dann kommt nur selber hin und seht Euch das Weitere näher an —

v. Tr.

Aus der Zeitschift „Der Freihafen“ zweites Heft 1838
„Galerie von Unterhaltungsbildern aus Kreisen der Literatur, Gesellschaft und Wissenschaft.“
Altona
Johann Friedrich Hammerich
1838



Muskau

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