Lieber Leser, laß hier erst den Schriftsteller und Literturhistoriker Theodor Mundt zu Wort kommen, ehe du über Leopold Schefer's Laienbrevier urteilst:

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Theodor Mundt
und Leopold Schefer 1834





Theodor Mundt in
No 17 /
Jahrbücher für Wissenschaftliche Kritik /
Juli 1834/
Seiten 135-136
XXIV
Laienbrevier. Von Leopold Schefer.
Erstes Halbjahr. Berlin, Veit und Comp. 1834
 



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Nachdem das Lehrgedicht seit vielen Jahren in Deutschland verschollen oder vielmehr an der berüchtigten Langenweile seiner Natur allmählich hingestorben, ist es interessant, zu sehen, wie jetzt ein wirklicher Dichter, ohne Nachtheil der poetischen Interessen, und mit der Freiheit seiner Begeisterung, diesen brachgelegenden Acker der didaktischen Poesie wieder zu bebauen unternimmt. Während die wässrige Verstandesphilosophie der meisten Lehrdichter des vorigen Jahrhunderts, wie sie sich in dem philisterhaften Auftakt des Alexandriners endlos breit machte, eher dazu geeignet war, die gesammte Lebensweisheit dem Leser zu verleiden, un statt des- sen lieber ganz reflexionslos in den Tag hineinzuleben, hat es Leopold Schefer in diesem Laienbrevier — einer Reihe geordneter Lebensansichten auf jeden Tag im Jahre — verstanden, den Lehrton jener Lebensweisheit mit der Poesie zu einer Einheit zu verschmelzen, oder vielmehr aus der didaktischen Poesielosigkeit eine wahre Poesie der Lebensweisheit zu schaffen. Er hat einen neuen Ton des Lehgedichts darin angeschlagen, wenn er auch die an dieser Gattung, wie es scheint, unüberwindliche Monotonie der Form und Darstellung nicht abzuwehren vermochte. Der eigenthümliche Charakter dieses Dichters, von dem Aus er auch in seinen Novellen das Trefflichste leistet, ist ein Tiefes, beschauliches Gemüth, die still sinnende Contemplation Eines reichen Herzens, das, durch innere uns äußere Erfahrungen vielfältig gereift und gebildet, jetzt in einer gewissen behaglichen Zurückgezogenheit von der Welt, festgesiedelt innerhalb seiner selbstgezogenen Grenzen, von hier einen Standort, zu Umblicken und Betrachtungen gewonnen hat. In diesem „Laienbrevier“ hat der Dichter die Summe seiner Lebenserfahrungen zusammengestellt, aber er zeigt sie uns nur als bereits gewonnene Resultate, in ihrer Harmonie und Ausgeglichenheit mit sich selbst, ohne in die Conflikte, die Anlässe und die Bewegungen hineinblicken zu lassen, durch welche sie in ihm und aus seinem Widerstand gegen die Verhältnisse hervorgegangen. Daher ist die Ausdrucksweise als Spruch, als Gnome vorherrschend, und diese gnomische Art der Dichtung scheint den Naturell Schefers ganz besonders zuzusagen. Aber für den Reiz des Lesens wäre zu wünschen gewesen, dass der Dichter in die bloß spruchweise Mittheilung seiner oft so herrlichen Gedanken, da er sie eben meistentheils doch zu ausführlichen Gedichten versponnen hat, auch ein etwas dialektisches Element hätte eintreten lassen. Um die dem Spruch eigene Wirkung hervor zubringen, sind diese Gedichte indeß nicht immer kurz und


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epigrammarisch gedrängt genug, da der Kunst des Angelus Silesius, in zwei Zeilen die beiden Pole diese großen Weltgedanken entscheidend, und mit der Schnelle eines Blitzes zusammenzufassen, hier nicht angestrebt wurde. Statt dieser epigrammatischen Kürze ist Schefer vielmehr in eine liebenswürdige Redseligkeit ausgegangen, und führt uns besonders gern auf die kleinen Lieblingsplätzchen seines Sinnens und Philosophierens hin, an denen wir uns noch, unter grünen Laubgehängen, duftigen Frühlingsbüschen, Lerchenschlag, und dem gutmüthig vergnügten Gesicht eines Kleinstädters, das uns von ungefähr an der Straße begegnet, seine anmuthige Gesellschaft keinen Augenblick verdrießen lassen. Indem jedoch der Dichter, wie bereits gesagt, nur die gewonnenen und beruhigten Ergebnisse seiner inneren Lebenskämpfe, nichts aber mehr von und aus seinen Kämpfen selbst darstellt, so hängt damit auch der hervorgehobene Mangel an beweglicher Dialektik des Gedankens von selbst zusammen. Es werden nur lauter positive Sätze ausgesprochen, eine prästabilirte Harmonie schwebt über der ganzen Lebensansicht des Dichters, die Tugend herrscht in Frieden über der verklärten Erde, ein frommer Purismus uns Sauberkeitsgeist hat sich schnell und leuchtend über Formen und Gestalten des Lebens gebreitet und alle Negativen des Daseins werden als überwunden zurückgestellt oder unberührt gelassen, wenn man auch nicht immer einsieht, wie sie überwunden werden konnten. Wenn diese ununterbrochnene Kette positiver Sätze den Leser doch ermüdet, so ist dies nicht Schuld Leopold Schefers, sondern diese muß, wie billig, der Menschlichkeit des Lesers selbst, die nicht lauter Positivitäten zu ertragen vermag, zugeschoben werden. Unter Schefers reinem poetischen Himmel nimmt sich ein Tugendidealismus herrlich genug aus, obwohl er unter dem Dunstkreis des wirklichen Lebens als unmächtig sich erweist. Doch würde, glauben wir, auch die poetische Wirkung dieser Gedichte gewonnen haben, hätte der Verfasser zugleich in die andere Seite des Lebens mehr hinübergegriffen, die Conflicte und die Unruhe gezeigt, aus denen er seine Ruhe gewonnen, einige Dämonen und Ungeheuer in dies fortwährende Blüthengewimmel losgelassen,einige kräftigende Donnerschläge zur Variation in dies ununterbrochene Nachtigallensingen hineingesendet, mit einem Wort, hätte er auch die Schlange in dem Paradiese gezeigt.
         Die ganze Weltansicht dieses Dichters ist aber auf einen poetischen Optimismus gebaut, der ihm alle Erscheinungen mit einem ewigen Sonnenglanz überkleidet, die Contraste mildert und die Gegesätze von von vorn herein verschmilzt. Dieser Optimismus führt zu einer solchen Heiligsprechung der Erde, wie sie in dem „Laienbrevier“ gewissermaßen zum Moralprinzip, zum Sittengesetz erhoben worden ist. Die kindliche Gläubigkeit des Dichters, der das Tiefste zu schauen vergönnt ist, hat in ihrem abgegränzten Stillleben das ihr gemäße Glück gefunden, nichts ist unbedeutend und beziehungslos für sie, an das Kleinste, das in ihrem Kreise sich ereignet, weiß sie das Höchste


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zu knüpfen, und an jedem Rosenstrauch am Wege verrichtet sie ihre Andacht, mit jedem steht sie in Sympathie. Aus diesem gegenseitigen Natur- und Gemüthsleben quellen die eigenthümlichsten Betrachtungen des Verfassers des Laienbreviers hervor, und hierin bewährt er auch in diesem Buche seine innige Wahlverwandschaft mit Jean Paul, mit dem er die Sympathien in der Anschauung, wennauchnicht alle Mittel der Darstellung gleich mächtig theilt. Für die Einführung seiner Gerdanken hat er es jedoch diesmal zu sehr an einer interessanten äußeren Einrahmung, wodurch der Inhalt reizender in die Vorstellung heraustrete, fehlen lassen, und insofern macht sich noch ein alter Uebestand aller didaktischen Poesie in der Reizlosigkeit der Form geltend. Auch kann es Wunder nehmen, dass der Verfasser sich hier noch den Vortheil entgehen lässt, diesen Gedichten, die doch gewissermaßen poetische Doppelgänger der Kalendertage sind, einen eigenthümlichen Bezug auf die bestimmten und individuell charakterisierten Tage im Jahr zu geben und dadurch farbigere Schattierungen zu verbreiten. Aber statt dessen ist der Dichter in seinem Absehen von allen äußeren Farben und Formen so weit gegangen, sogar die Abtheilung der Monate nur als zufällig zu nehmen, denn in den auf den Monat Januar fallenden Gedichten ist z. B. genau ebenso viel von der grünen Natur, von Blüthenbäumen und schlagenden Nachtigallen die Rede, als im Monat Juni dieselbe Decoration Stoff zu den Bildern und Gleichnissen hergeben muß. Aber dies ist der glückliche Optimismus dieses Dichters, dass er das ganze Jahr hindurch Sommer auf Erden hat. Den Winter scheint er in seinem poetischen Kalender gar nicht zu kennen, da er wenigstens den Januar und Februar in deinem Laienbrevier so ganz ohne alle Anzeichen ihres gewöhnlichen Klimas verstreichen ließ. Doch könnte man mit ihm rechten wollen, dass er die poetische Seite des Winters, wie überhaupt die Poesie des Wechsels in den Jahreszeiten, völlig ignoriert hat. Vielleicht holt er wenigstens das Eine noch im Dezember nach, der im zweiten Halbjahr dieses Breviers, um das wir uns bald älter zu werden wünschen, erwartet wird. Obwohl in dem bereits gelieferten Halbjahr die Anschauungswelt dieses Gedankenkreises fas ausgeschöpft scheint, so ist der trefflich Dichter doch reich genug, um auch für die Fortsetzung dieser Gedichte, wenn er nur einigermaßen Thema und Ton freier zu wenden und auch äußerlich zu vermannigfachen versteht, schönere Erwartungen zu hegen. Daß er für sein Werk eher Ueberfluß an Gedanken, als Mangel daran haben mag, entnehmen wir schon au dem Umstande, dass er sich zu dem Jahr seines Laienbrevier ein Schaltjahr erwählte, wo er sich noch einen Tag mehr im Jahre sorgen musste, denn sein üppig warmer Februar zählt gerade neunundzwanzig Gedichte — Die Verlagshandlung hat dem Buche ein Register angehänget, wie man es hinter Gesangbücher zu finden pflegt, indem sie mit Recht auf andächtige Leser rechnete.



Th. Mundt            


Die Antwort Leopold Schefers auf diese Rezension von Theodor Mund ist im Laienbrevier bereits enthalten. Der aufmerksame Leser findet sie im April - XXV.