Lieber Leser, laß hier erst den Schriftsteller und Literturhistoriker Ferdinand Gustav Kühne zu Wort kommen, ehe du über
Leopold Schefer's Laienbrevier urteilst:


Ferdinand Gustav Kühne
und Leopold Schefer 1835

http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_K%C3%BChne


Ferdinand Gustav Kühne in
Literarischer Zodiacus —
Journal für Zeit und Leben, Wissenschaft und Kunst.
Redigiert von Dr. Th. Mundt in Berlin.
1835 Januar bis Februar.
— Leipzig, Gebrüder Reichenbach.
Kapitel Bücherschau von Dr. F. G. Kühne Seiten 166 bis 167  



Dr. phil. Ferdinand Gustav Kühne
 (* 27. Dezember 1806 in Magdeburg; † 22. April 1888 in Dresden)
 war Schriftsteller und Literaturkritiker.

3. Laienbervier. Von Leopold Schefer. Erstes Halbjahr*)
Berlin, Veit und Compagnie 1834, 304 S. 8.


Es giebt keinen moderneren Dichter, in dessen Produktionen sich so wenig Faustische Elemente zur Darstellung, oder nur zur Ahnung bringen, als Leopold Schefer. Die dunklen Mächte, die den Kampf des Lebens in ihm und seinen Dichtungen erzeugen, sind die Miseren des äußeren Daseins, das Unglück, das von draußen her über die liebe Menschheit hereinbricht, niemals Nachtgestalten, die aus dem inneren Menschen dämonenhaft heraussteigen und die Welt verwüsten. Schefers Muse sitzt wie ein himmlischer Käfer mit keuschen, silbernen Flügeln auf der Lotusblume, als die ihm die Welt erscheint. Sanft wiegt sich der Kelch auf den Wassern der Liebe Gottes, und der Käfer im stillen Blätterversteck singt und summt, oft räthselhaft genug, vom heiligen Traum des Lebens. In solcher Seligkeit des innern Schauens, die ihn oft zu einem poetischen Schuster Jacob Böhm macht, sind die Gedichte des Laienbreviers hingehaucht, für jeden Tag im ersten Halbjahr ein Carmen voll des stillsten Andacht des einsiedlerischen Dichterkreises. Wie ein Mensch, der in der Frühe des keuschen Morgens auf weitem Felde sich unter Blumen lagert und die Augen zudrückt, um den wehenden Athem der Natur in Ganzen und Großen zu fühlen und die Hymnen der frühen Lerche, das Schweben der Luft, das Leuchten der Sonne und das Flüstern und Säuseln im All der Welt wie ein einziges Gebet der Schöpfung zu vernehmen, so hat sich Schefer hier einmal recht satt geschwelgt und sein Glaubensbekenntniß vollauf niederlegen wollen. Auch in seinen oft so formlosen Novellen besingt er in jeder Menschengestalt, die er schildern möchte, die ganze Menschheit; Alles, was er schrieb, ist ein Lobgedicht auf die heilige Gotteswelt in der Menschenbrust. Die Ecken, die Spitzen und Felsen des Lebens mag er nicht sehen, die Dämonen des Gemüths ruft er nicht auf, er könnte sie auch nicht beschwören; mit geschlossenen Augen träumt er einen ewigen Friedenstraum, Alles ist für ihn ausgeglichen, die Versöhnung fühlt er aus Allem heraus, den in Allem spürt er den Gott. Er predigt im Laienbrevier eine Lichtreligion ohne Ahriman, er ist der seligste Pantheist, er sitzt verloren in einer Traumwelt, aber sicher wie im Schooße Abrahams. Sein Gemüth ist ein christlich-idyllisches Arkadien, in einem modern-indischen Paradise geboren. Desto mehr Nordländerhaftes hat sein Talent; in Styl, Form und Gestaltung liegt viel Gebrochenes, Verzetteltes, Harmonisches. Sein Gemüth ist ewig maisonnig, seine formelle Hand bringt aber unbehäbige Novemberschauer in seine Lebensbilder. Selten gab ein echter Dichter so viel und so wenig zu gleicher Zeit. — Im Laienbrevier könnte man für die graue Eintönigkeit der fünffüßigen Jamben die Sonnenwärme des Reimes herbeiwünschen, allein die Gedichte tragen einmal den Charakter einsiedlerischer Refrexionsgebete zu tief in sich, um hier der Forn zu geben, was dem Inhalte widerstrebt. Wir sind hier in einer gothischen Halle, wir beten gothisch-christlich, wenn auch die süßesten Naturstimmen des Lebens von der Lippe unseres indischen Priesters tönen. 


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