Vorlesung des Schriftstellers und Philosophen
 Friedrich Wilhelm Carovè  über die
"Schöne Litteratur des Jahres 1835":
[gehalten am 8. Januar 1836 im Museum zu Frankfurt am Main]


http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Carov%C3%A9

Friedrich Wilhelm Carové
und Leopold Schefer 1836



Friedrich Wilhelm Carové in
N e o r a m a, Erster Theil, Seiten 100 bis 101; 
Kapitel 6. Blick auf die schöne Litteratur des Jahres 1835.
Leipzig, 1838
Verlag von Otto Wigand.
  



Dr. phil. Friedrich Wilhelm Carové
(* 20. Juni 1789 in Koblenz; † 18. März 1852  in  Heidelberg)
 Schriftsteller und Philosoph.

Blick auf die schöne Litteratur des Jahres 1835

In seiner romantisierend schwärmerischen Art referiert Friedrich Wilhelm Carové über Leopold Schefer, indem er einen Vergleich zieht mit dem Werk: „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ von Bettina von Arnim, welches sie dem Fürsten Pückler widmete.
Zitatanfang:
. . . so dürfen deutsche Männer stolz sein auf das L a i e n b r e v i e r  unseres Leopold Schefer.
     Die Liebe, die  d o r t  wie ein Springquell aus der Tiefe eines weiblichen Herzens empor zu der Sonne steigt, — senket   h i e r ,  wie ein goldener Regen herab.   D o r t  drängt sich Blüthe auf Blüthe in bunter Pracht, und die glühenden schmachtenden Blumensterne verhauchen ihre Sehnsucht in berauschenden Düften, und die Düfte zerfließen in ätherisches Licht.  H i e r sind es lichte Gedanken, die wie duftige Liebesperlen vom Himmel niederthauen, um in die Herzen der Menschen sich einzusenken, und sie zu verklären zu Ebenbildern der himmlischen Sterne.  B e t t i n e   ist stets ein Kind geblieben, auch als ihr Herz in tausend Liebesblüthen sich erschlossen, auch als ihr Geist sich in das Reich der Ideale aufgeschwungen.
Aber als  M a n n  ist  L e o p o l d   S c h e f e r  mit höchster Freiheit — wieder ein Kind geworden;  des Geistes Macht und Reife vereinend mit des Kindes frommem Sinne und unschuldsvoller Unbefangangenheit! So spielt er heiter mit den Blumen und horcht auf ihre leise Liebessprache.  Die Bienen, die Käfer und Lerchen sind freundliche Genossen ihm beim großen Abendmahle der Liebe, und gern lauscht er ihren Reden. Der Morgen- und der Abendstern und Sonne und Mond sind ihm nicht ferne und nicht fremd; sie sind ja Kinder Gottes, wie er selbst, und jauchzen wie er, dem Allmächtigen zu. Und immerdar der kindliche Dichter sich mag wenden, in der Armuth Hütte, in dem Palast der Reichen, — überall ist er zu Haus und fühlt sich heimisch, und freut sich mit den Frohen, und leidet mit den Leidenden, und weiht die Freude, weiht den Schmerz, umd tröpfelt Liebes-balsam auf jede Wunde. Ja selbst dem Bösen, tief gesunkenen reicht er die Bruderhand, erweckt den schlummernden Gottesfunken in seiner Brust, und lockt und zieht mit liebender Gewalt den selbstisch Abgeschiedenen wieder hinein in die große, die heilige Gemeinschaft die Lebens und des Liebens. Denn nicht bloß auf Jenseits lautet ihm die Verheißung eines schönen beseligenden Daseins. Wie ein Kind findet er und bildet er hier schon Paradiese, und wie ein Mann dringt er ein in Geheimnisse des Daseins, löst mit sicherer Hand die tiefsten Räthsel des Daseins, und erweckt und befestigt die Zuversicht des ewigen Lebens, die er, „niedertauchend in des Vaters Ewigkeit,“  als die köstliche darbringt. So findet er in Allem des Göttlichen Spur, weil  „der Geist des schönen „All's“ ihm geworden,“  der ihn Alles in Gott zu schauen gelehrt.  Wie dem B r a m i n e n   ist ihm heilig die allschaffende, allverwandelne   W e l t s e e l e ,  wie dem Christen ist Geduld ihm  „die seeligste der Tugenden“  und    s e l b s t a u f o p f e r n d e    L i e b e   das Allerheiligste selbst;  —  wie dem erleuchtetsten Sohne der Humanität ist ihm   F r e i h e i t  in allen Sphären des Daseins die unerläßliche Bedingung alles göttlich-menschlichen Strebens und Wirkens und Genießens! —

      Fürwahr, eines Jahres rascher Umlauf, der solche Blüthen erschlossen, der solche Früchte gezeitigt, —  ist im Tempel der Musen als ein g l ü c k l i c h e r   zu feiern, und ein Volk, dessen Herz von solchen Liebesworten überfließt, dessen Geist einen so erhabenen Aufschwung genommen, es hat nichts von den stürmischen Wogen zu befürchten, die von Westen her an seinen Ufern branden.
Zitatende.
Im weiteren Verlaufe seiner Vorlesung kritisiert er die "giftigen Pfeile leidenschaftlichen Spottes" von   B ö r n e   und   H e i n e   vom Auslande her auf „unsere Nation“.
Alles in Allem  —  wie stets  —  eine wiederspruchsvolle Zeit.
Leopold Schefer lieben  — Heinrich Heine hassen, wer versteht das heute?

Denke doch an das herzliche Verhältnis des Schriftstellers Hermann von Pückler-Muskau  und Heinrich Heine.

Weitere Anmerkungen:
Als Carové diese Vorlesung hielt, reifte in deutschen Landen bereits eine Situation heran, die in die 1848-er Revolution mündete. Offenbar auch ein Kind der Romantik, der romantischen Gefühls- und Denkwelt, verklärte er „seinen Leopold“ mit der blumenreichen Sprache der Romantik. Die meisten Rezensenten verkennen, daß Leopold Schefer sein Werk Laienbrevier bereits 1807/1808 begründete; nach harter Auseinandersetzung mit sich selbst fand er seine Weltsicht. Er war ein Jüngling von 21 Jahren. Noch Jahre — ein Vierteljahrhundert — dauerte es, bis dann im Jahre 1834 das Werk das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Dann erst kamen die Rezensenten mit ihrer eigenen Weltsicht und übten Kritik, jeder aus seiner Weltsicht, jeder aus seiner Wahrnehmung der Zeit, jeder mit bescheidenem Wissen über den Dichter Leopold Schefer. Die zahlreichen Auflagen, die das Werk erlebte, sind nicht allein dem Verleger zu verdanken, der eine Vorliebe für das Laienbrevier hatte. Er gab damals einfach einen Bedarf nach Spiritualität  — eigentlich wie heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert  —  nachdem durch das Napolonische Regiem in Deutschland die Rolle der Kirchen erheblich eingeschränkt wurde und  sich das Streben nach Restauration in den Vordergrund deutscher gesellschaftlicher Entwicklungen stellte und  erhebliche Widersprüche auch in der Denkart der intellektuellen Welt in Erscheinung traten. Da war für viele Menschen das Laienbrevier von Nutzen, die eigene Weltsicht zu finden und zu behalten, — als Buch für das Volk. So eröffnete sich nach 1848 die Zeit des Biedermeier in Deutschland. Obwohl selbst in der Romantik geboren, begleitete das Laienbrevier den Zerfall der Romantik. Es wurde in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zum Werk des deutschen Biedermeier, der Zeit der Restauration und Reaktion — nicht von Schefer beabsichtigt.
Man vergißt bei aller Kritik, was das Schefer'sche Laienbrevier dem nach Spiritualtität dürstenden Menschen gab — was die Kirchen nicht mehr konnten, weil sie zu sehr in ihrer Orthodoxie verharrten und mit der Macht im Lande verstrickt waren.
So ist es eigentlich auch heute — die Menschen gehen nur noch Weihnachten in die Kirche — Die Tempel von heute sind die Wellness- und Fitnes-Zentren, Rehabilitationskliniken und auch Einkaufspaläste. Der Durst nach Spiritualität wird heute zunehmend durch die verschiedensten religiösen Gemeinschaften und durch Sekten und Selbsthilfegruppen gestillt. Anderseits wird durch die moderne Medienwelt die menschliche Selbstwahrnehmung derart beeintächtigt und deformiert, daß für Spiritualität nur noch in Rehabilitationskliniken, in psychotherapeutischen Praxen dafür Raum ist. Selbst Theologen finden heutzutage immer weniger Zeit für „pastorale Psychotherapie“. Diese Aufgabe übernehmen oft Ärzte, wenn sie die Nöte ihrer Patienten erkennen und wenn sie sich dafür Zeit nehmen. —  —  —
Man verkenne keinesfalls, daß Leopold Schefer durchaus sozialkritisch [auch kirchenkritisch] eingestellt  war —  nicht alles waren nur Blumen und „Blüthen“, was er dachte schrieb. Er stand schon mitten im Leben seiner Zeit  [„Blicke ins Leben“]. Er kannte aber auch den Wunsch und Bedarf nach spiritueller Lektüre. Man denke hier an das „Buch des Lebens und der Liebe“. Ein Werk in den Fußstapfen des Laienbreviers, welches in den reiferen Lebensjahren des Dichter entstand und welches erst siebzehn Jahre nach seinem Tode das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

Siehe auch nach bei „http://www.kulturpixel.de/artikel/50_Leopold_Schefer_Muskau_Oberlausitz_Literatur_Biedermeier“