Lieber Leser, laß hier erst den Schriftsteller und Philosophen Friedrich Wilhelm Carovè zu Wort kommen, ehe du über
Leopold Schefer's Laienbrevier urteilst:


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Friedrich Wilhelm Carové
und Leopold Schefer 1838



Friedrich Wilhelm Carové in
N e o r a m a, Erster Theil, Seiten 89 bis 96; 
Kapitel 5. Litteraturbriefe an eine Freundin.
Leipzig, 1838
Verlag von Otto Wigand.
  



Dr. phil. Friedrich Wilhelm Carové
(* 20. Juni 1789 in Koblenz; † 18. März 1852  in  Heidelberg)
 Schriftsteller und Philosoph.


In der Einleitung zu  Kapitel 5. ' Litteraturbriefe an eine Freundin '
schreibt Friedrich Wilhelm  Carovè :

        „Sie wünschen, liebe Freundin! ich möge von Zeit zu Zeit Ihnen Kunde geben von den Schriften, die ich in Ruhe - oder Feierstunden zur Hand nehme, um meinen von Grübeln und Nachgraben ermüdeten Geist zu erfrischen oder, wie man zu sagen pflegt, abzuspannen. Und Sie wünschen solcherlei Mittheilungen, weil Sie wissen, wie von ganzem Herzen ich dazu berereit bin, und wie es meine größte Freude ist, Ihre Wünsche zu erfüllen . . . . . . .“

9. Leopold Schefer's Laienbrevier.
Berlin, Veit und Compagnie 1835, 2 Bde.

       „Ja liebe Freundin! auch der Sänger unsers Laienbrevier schwingt die Palme des Friedens, und möchte jene selige Eintracht, die so lange nur in dem Wandel der Gestirne wahrzunehmen war, auch in den Herzen, im Geiste der Menschen wieder hervorrufen. Und dieses Streben gerade ist es, durch welches, —  mehr als durch eigentlich künstlerische Vollendung seiner Werke, unser Dichter nur durch einen Hinblick auf die Geschichte der Menschheit selbst und ihrer Poesie wahrhaft gewürdigt werden kann.
      Als im urweltlichen Morgenlande die nahverwandten, göttlichen Geschlechter der   K u r u s   und   P a n d u s   um die Erbfolg stritten, trat in Menschengestalt der höchste Gott zwischen sie und erinnerte daran, wie Alles in Ihm urstände, von Ihm lebe und in Ihm zurückgehe, und   B h a g a v a d  -  G i t a   heißt sein unsterblicher Friedensgesang.“

Nun beginnt  F. W. Carové mit einer Blumenlese in Leopold Schefer's Laienbrevier [aus christologischer Sicht]:

„Nur die Menscheit ist d e r Mensch“

Juli, XII.

Und sie „soll ein Mensch sein,“

Wie Christus „als Er. Der Sohn Gottes. Gott

„Wer Einem ein Glas Wasser reicht, der hat
Es Gott gereicht. Wer's ihm verweigert, hat
Gott dürsten lassen, — der nach Liebe dürstet.“

April, XXI.

Und „wie viele Male ließe sich
Noch C h r i s t u s kreuzigen, um nur noch Einen,
Den letzten Menschen, den verlorenen Sohn,
zu retten, seine Seel' und seinen Leib!
D'rum spreche keiner nur den Namen Christus,
Der nicht versuchen will, auch so zu leben, —
Und Jedem Jegliches so hinzugeben!“

Dezember, VIII.

Sieh'st du aber „G ö t t e r k i r c h e n zerfallen,“
so klag nicht;
Denn der sie einschmilzt, ehret Dich; und Dir
Und Sich errichtet er das   n e u e   Werk.“

August, XXX.

So folgte auf die Verbote Mosis erst die Bergpredigt
—  und mit ihr erst
— „Thun sich der Liebe Pforten auf;
Denn von dem Berge bis in jede Hütte —
In jedes Herz — in jedes reine Grautbett —
In jedes Wort — ist wieder weit, weit, weit.
Dann fangen erst der   L i e b e  Tiefen an,
Die unaussprechlichen, und nach dem Schaffen
Der Liebe — dann kommt erst  d a s   L e b e n   selbst,
Das Menschenwürdige, das Reine, Schöne,
Das Himmelfrohe auf der alten Erde.

Dezember, XXV.

Und — „die Menschheit —
Schon auf dem Weg zur Freiheit, weil sie reiner
Und edler denkt, und wahrer schaut und lebt —
Ist auf dem Weg ins  Reich der Schönheit, das
Auf Erden einst erblüht; denn Leibesschönheit
Ist nur der Abdruck inn'rer Seelenschönheit.“

Februar, X.

„Nur einen Feind noch hat der Mensch auf Erden,
Den Größten, — seinen Ersten und den Letzten!
— Es ist des Menschen Bruder  .  .  .  der Mensch.
Und diese Feindschaft löset nur das Wort:
„Ein   J e d e r   ist des Gottes Kind, und   G o t t
Giebt ihm,“ — und „giebst du Menschen, giebst du Gott!“

August, IX.

—  D'rum lern' den Einen Spruch:
„Sei göttlich; denn du bist im Haus des Gottes!
Sei gut, sonst bist du  abscheuwert und elend!
Ein Jedes sei mit Freude, was es ist;
O, Mensch, sei mit Freude auch ein Mensch!“

Dezember, XXXI.

„Die Erd' ist nur ein Ruheplatz des Geistes,
Der in dem All mit heil'ger Liebe schwebt;
Um Gottes Willen also lebe göttlich,
Und ruhig, liebevoll, in Seligkeit.“

November, XXVI.

Denn „wer schon jetzt im hellen Licht der Sonne
Das Große denkt, das Heilige empfindet,
Dem ist die Sonne, ist die Zeit entschwunden,
Und göttlich steht er in der alten Nacht,
Im Zauberglanz der großen Geister alle,
Im warmen, frischen Urquell selbst des Gottes.“

Februar, XXIII.

„Gedanken sterben nicht. Bist du Gedanke
Geworden, Gönnen, Lieben, — sage,   b i s t  du
Dann nicht der Geist, an den die Welt sich hält,
Die Menschheit, und — auch dort der Abendstern?“ 

Februar, XXV.

„Willst aber Du schon hier ein Wunderbares,
Ein Göttliches besitzen, wie der Mensch
Nur Etwas je besitzen kann, so bilde
Dir ein, nein, siehe, glaube, sage laut:
„Die ganze Welt gehört dem Gotte, was ich
In   m e i n e n   Händen halte, das ist alles
Aus   s e i n e n   Händen.“

März, XVI.

Und „ist der sanfte Geist in dich gezogen,
Der aus der Sonne schweigend großer Arbeit,
Aus Erd' und Lenz, aus Mond- und Sternennacht
Zu deiner Seele spricht, — dann ruhst auch du,
Vollbringst das Gute und erschaffst das Schöne
Und gehst so still auf deinem Erdenwege,
Als wäre deine Seel' aus Mondenlicht,
Als wärst du Eins mit jenem stillen Geist.“

Januar, XV.

So erkenne den „der Gottheit Geist,
— Der eben waltet, der auch  d a s   nur
Mit selbstbeschränkter Allmacht erst hervorbringt
Was er vollenden will, und diesen Willen
Gemäß nur   k a n n.  Erkennst du diesen Geist,
Dann rechne du da draußen überall
Auf ihn, und drinnen in der eignen Brust!
Und wisse klar: er rechnet auch auf dich.“

Februar, XVIII.

„Und hast du lang das Gute ausgeübt,
Dann hast du selbst in dir den Gott erfahren; —
Du trägst des Vaters Bild, das in dir leuchtet, —
Dann über die Gestirne hoch hinauf, —
Und knüpfst die schöne Welt ind dich an Ihn;
Du leitest Alles von ihm her und führest
Auch Alles wiederum zu ihm zurück.
Er war es, der dich selbst in dir gefunden!

Januar, XXVIII.

„So hält ein Knabe wohl der Rosse Zügel —
Und glaubet seinen Vater stolz zu fahren, —
Indeß Er hinter ihm die Zügel hält,
Dem Kind unmerklich, — daß es fröhlich fahre

August, V.



        Diese kleine Blumenlese, auf welche mich zu beschränken ich mir Gewalt anthun muß, wird hoffentlich genügen, um Sie, meine theure Freundin!  zu überzeugen, daß ich nicht durch unsere gemeinsame, tief-gewurzelte Liebe und Verehrung für unseren  Leopold  mich habe bestimmen lassen, dem neuesten Werke seiner Muse eins so hohe Stelle im großen Dichtergarten der Menschheit einzuräumen.  Und doch habe ich bei Auswahl jener Blumen nur diejenigen gepflückt, die unter vielen, theils anmutigeren, theils großartigeren Dichtungen*), mir die geeignetsten schienen, Sie auf die höhere, ich möchte sagen weltgeschichtliche Bedeut-samkeit der Laienbrevier aufmerksam zu machen.

     Der   Geist der  Humanität , der, erst im vorigen Jahrhundert erwacht, in   Herder  zu  Wort  gekommen, ist in  Schefer  seiner selbst bewußt geworden, und hat sich in seinem tiefsten Grunde als Divinität [Göttlichkeit, göttliches Wesen]   erfaßt, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu durchleuchten und zu verklären. Es ist eine Rückwendung und Einkehr in den Ursprung nach dem furchtbarsten, verzweifelnden Schmerze ewig unversönlicher Zerspaltung und Verfeindung der Weltwesen; aber es ist keine Rückkehr, die sich von dem Gegensatze abwendet, sondern ein solche, die seine Nothwendigkeit anerkennt, — um der höchsten Seligkeit der Wiedervereinigung willen.  Der Gegensatz, sagt uns der Dichter:

„ Der Gegensatz gehört zum Menschendasein,
Um uns mit allen Wesen zu verbinden,
Und ihres Wesens theilhaft uns zu machen.
S o   l e b e n   w i r   i m   S i n n   d e r   g a n z e n   W e l t. “
[ Februar, XX. ]

        So ist denn auch bei unsers weltpriesterlichen Sängers Rückkehr in das urälteste Bewußtsein der   A l l - E i n i g k e i t   keine der wesentlichen Vermittelungen vergessen oder übergangen, durch welche das Bedürfniß des allgemeinen Weltfriedens sich erst erzeugt, durch welche alleib ihm ge-nügt werden kann.

Wie einem kindlichen   B r a m i n e n   ist unser Dichter

„Der Geist des schönen Alls geworden“
[Januar, I.]
Das „heilig ist und einig, durch und durch.“
[***]
Und   B e t e n  ist ihm: „in das All sich betten,
So wie die Schalbe fliegt zum Nest.“
[***]
„Ungeduldig“ aber soll der Mensch nicht sein, denn —
—  —  —  „Alles wird noch Alles.“
[***]

         Nicht minder ist der Geist des wahren Griechentums ihm geworden, wenn er das irdische Dasein   s c h ö n   gestalten und den Mensche durch f r e i e   Uebung seiner Kräfte zum inneren Einklange und zum Vollgenusse der Gegenwart führen möchte; wenn er uns daran erinnert, daß  

„Wahrer Freude Mutter ist
B e s o n n e n h e i t   —   das Götteraug' im Menschen —
Das Alles klar schaut, alles klare liebt;“
[Juli, XXIX.]
Das „sich Beschränken macht den Meister — und den Menschen.“
[April, XX.]

         Wollen Sie dann auch sehen, wie tief und rein er  Christi Geist in sich aufgenommen und zur lichtesten Blüthe schöner, heiliger Menschlichkeit entfaltet, dann lesen Sie, wie schön er sagt:

„Ein heil'ges Wesen ist, wer diesen Aether
Einathmet! — Keiner ist verachtet,
Den Allvater für sein Kind erkennt,
Wer Ihn darf Vater nennen, und das hört er
Von allen gern!“
[Januar, XXVI.]

 Du,  sieh in jedem
Menschen — „den   G ö t t e r s o h n , den Götterhaften,“
[April, VIII.]

Und „sei der Feinde wahrster Freund! —
Es bittet dich ein Gott in deiner Brust:
Lass' nicht von deinen Brüdern ab, mein Kind!“
[März, XXX.]

„Laß keinen Sklaven sein, sonst bist du's mit;
Laß keinen schlecht sein, sonst verdirbt er dich,“
[April, VI.]

Jeder thue froh das Seine; denn —
— „Alle thun ein unerläßlich Werk.“
[April, XX.]

„Ein Engel ist, — der so lebt, — als schaute Gott ihn immer an.“
[März, XXII.]

Und „Geduld ist die seligste der Tugenden, —
Allmälig wird sie dein durch Stillesein
Und Tragen, Lieben, Hoffen und Verzeihen.“
[Januar, XXV.]

„Der Menschheit Qual vergessen, macht so selig, —
Wie Veilchen, Bienen und wie Lerchen sind;
Der   M e n s c h h e i t   schönes Dasein, schönes Ziel
Vor Augen haben und im Herzen tragen,
Das aber macht den Menschen götterhaft.“
[März, XIV.]

Denn „in unsrem Herzen liegt der Werth der Welt;
Wir ziehn durch sie vorüber, wie die Sonne;
So hell wir glänzten und so warm wir strahlten,
S o   v i e l   w i r   B l u m e n   a u s   d e r   E r d e   l o c k t e n
So schön, so freudvoll war unser Tag.“
[Februar, XXVI.]

         Sie sehen, liebe Freundin, welch mächtiger Magnet in diesem Werke verborgen liegt, da ich, kaum mit Gewalt von der ersten Blumenlese ablassend, gleich wieder mich in den reichen Frühling verloren, den unsers Lieblings Muse uns dargeboten. Doch werden Sie, so hoffe ich, meiner Redseligkeit nicht zürnen, denn auch Sie sind ja Rückert's Meinung:

„Das Herz, es braucht ein zweites Herz,
Als wie zween Eimer braucht ein Bronnen;
G e t h e i l t e   W o n n e n   n u r   s i n d   W o n n e n; —
G e t h e i l t e   F r e u d'   i s t   d o p p e l t    F r e u d e.“

Anmerkung des Webmasters:
Man kann sich nur wundern, daß sogar die Evangelische Kirche, — deren Lehramtliche Macht — in Persona des Professor Doktor Hengstenberg,  einem Vertreter einer fundamentalistischen Theologieauffassung [„nur was lutherisch ist gilt“] —gegen das Schefer'sche Laienbrevier aussprach. Entweder haben die Herren, die sich gegen jede Art von theologischen Rationalismus und gegen die pantheistische Weltanschauung sträubten, das Laienbrevier nicht richtig gelesen und sich von irgendwelchen Speichelleckern beraten lassen oder sie litten an maßloser Selbstüberschätzung.
Die rücksichtslose Position von Hengstenberg, dokumentiert in der "Evangelischen Zeitung" von 1836, Nr.91 - 94, ist Ausdruck von Intoleranz und orthodoxer  Religionsauffassung der Evangelischern Kirche.
Um so erfrischender ist die christologische Analyse des Laienbreviers durch Prof. Dr. Carové von 1838 zu lesen. Sie ist eine Bestätigung dessen, was Leopold Schefer der Hengstenbergschen Kritik entgegnete: „Ich habe Hengstenbergs Kritik mit Enthaltsamkeit gelesen. Gott helfe dem Menschen zu seiner Erkenntnis! Ich Ehre Jesum als einen herrlichen, edlen Mann, aber die Sache ist umgekehrt. Kurz, es fehlt der Glaube an Gott, seinen Geist und sein Alleinsein.“
Nun ist es aber der Zensurbehörde in Deutschland, das heißt der Kirche, zu verdanken, daß Leopold Schefer so ganz vergessen wurde  — bis auf den heutigen Tag. Er fand keine Erwähnung in den Lehrplänen der Schulen und Universitäten — bis auf den heutigen Tag.
Aber was suchen heute die Menschen mehr oder weniger verzweifelt? — :
Die Wahrheit, die in der Unmittelbarkeit des Menschen zu  GOTT liegt —  so wie Leopold Schefer durch Selbsterkenntnis die Welt — seine Welt —  sah und lebte. 
Heute gäbe es keinen besseren Diskutanten in der Talkschau von Frau Sandra Maischberger, als Leopold Schefer, wenn es um  GOTT  geht.
Nehmt ihn doch zur Kenntnis !



Siehe auch nach bei „http://www.kulturpixel.de/artikel/50_Leopold_Schefer_Muskau_Oberlausitz_Literatur_Biedermeier“