Leopold Schefer

bullet2   Kleine lyrische Werke     

Kleine lyrische Werke von Leopold Schefer.
Zweite Ausgabe. Frankfurt am Main,
Druck und Verlag von Ludwig Brönner 1828.
392 Seiten, 178 Gedichte
Seite  227

Frühlingslied in Tivoli

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Hier lagert euch im Kreise
In's allerneuste Grüne,
Im Schatten der Ruine,
Hier säuselt es so frisch!
Hier lebt auf ält'ste Weise:
Die Diener sind die Hände,
Die Mauern Blüthenwände,
Die Erde ist der Tisch.

Spät in Elysiums Auen,
Wohin die Mumie wollte
Im Munde mit dem Golde,
O seht, da sind nun wir!
So überblüht zu schauen,
So voller Gnüg' und Frieden —
Der Hain der Hesperiden,
O seht, das ist er hier!

Doch haben wir, die Gäste,
Auf diesen grünen Höhen
Uns lange nicht gesehen,
Wohl hundertausend Jahr!
Am feierlichen Feste
Laßt Alte mit den Neuen
Sich hier zusammen freuen
Und manches lebe Paar.

Der Wasserfall, die Wiesen
Die gar so heitren Höhen,
Wenn wir sie recht besehen,
So ist's die Erde noch!
Sie ist's nach allem diesen:
So lebe denn die Alte,
Die ewig neu gestalte,
Die Erde lebe hoch!

Und schön ist sie, wie immer,
Erst recht mit diesen Resten,
Bestreift von Blüthenästen,
So rührend, so allein!
Die alt-ehrwürd'gen Trümmer
Mit Ephen reich behangen,
Mit 'Himmelglanz umfangen —
Kann etwas schöner sein?

Und dort blickt, die Holde,
Dort um die alte Säule
Schon eine ganze Weile
Mit lieblichem Gesicht
So hell im Abendgolde —
Ich gäb' die jungen Glieder,
Um frische Tempel nicht
Um zehn Sibyllen nicht!

Wen je ein Aug' entzückte,
Um wen in stillen Nächten
Ein Arm mit Liebesmächten
Sich wand ein Diadem;
Wen je ein Freund beglückte,
Der werf in's Glas die Blume
Und trink' dem Alterthume
Ein dankbar Requiem!

Ihr aber holt Geweihten,
Aus aschenstillen Tagen
Die Lieder und die Sagen,
Holt alles Schön' herauf!
Verjüngt die alten Zeiten,
Erfüllt der Vorwelt Träume,
Und stahlt als Herrn der Räume
Gleich Frühlingssternen auf!

So blüht, nach dem Gewitter,
Wie neue Rosen schwellen
Auf alten Rosenstellen —
Die Erd' ist euch bereit!
Vor eurer Brust die Zither,
Beschwebt mit reinem Flügel
Die überbunten Hügel,
Sie sind nun euch geweiht.

Nun lagert sich die Sonne
Zu uns herab in Blüthen,
Die lang schon vor ihr glühten,
O seht, sie kommt, sie blinkt!
Nur immer näher, Sonne,
Hier, herein! erfülle
Mit deinem Glanz die Stille!
Ach nein, — sie geht, sie sinkt.

So sinke sanft denn nieder
Und laß und hier gewöhnen
An dein fortew'ges Tönen,
An solchem neuen Ort!
Komm' morgen früher wieder,
Und schenke deinen Söhnen
Den Segen alles Schönen,
Und durch und Allen fort!

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Tivoli
Horat



Das Trinklied oder das Genie auf Reisen  

Schefer erzählte von sich:
  . . . in Rom, an der Tafel des „Lepre“, wo er unbekannt speiste, wirkliche Wunderthaten von sich erzählen hörte — bis er sich dem edlen Erzähler, zu großem Jubel der Gesellschaft, auf einmal vorstellen ließ.  Da wurde denn ein „Künstlerlied“ von ihm gefordert und er schrieb auf einem Fensterbrettchen das allerliebste Tivoli - Trinklied.    nach oben
Wilhelm von Lüdemann, Freund Leopold Schefer's - 1859