Leopold Schefer
Der Kuss des Engels

 

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 bullet1 Das Colosseum

 

S. 56

Civita Lavinia, Weihnachten 1825.

        Am Morgen lag die Villa daniedergebrannt. Man hatte einen jungen Menschen ergriffen, der sich verdächtig gezeigt und die Brandstätte angelacht!
        Zufällig sah ich ihn führen. Ich fiel in eine Krankheit, von der ich erst nach langer Zeit mich erholte. Ich verschaffte mir Eintritt in seinen Kerker — es war Tobias. Denn seit ich geschrieben, Beatrice lebe, hatte er keine Mühe gespart, sie zu finden, und weniger gemäßigt als ich, hatte er ihrem Verführer, wie er meinte, vergolten. Himmlische Sterne aber müssen selber vom Firmamente fallen. Niemand zieht sie herab — und ein guter Mensch ist mehr als ein Stern! Tobias that mir herzlich leid. Der Schaden war zu ersetzen, die Villa kauft’ ich, für aufgebaut, ihrem Vermiether ab. Gegen eine bedeutende Caution, die ich erlegte und opferte, ward er auf freien Fuß gestellt, da ihm nichts zu beweisen war.
        Und von ihm erfuhr ich dagegen: daß Rosaliens Mutter gestorben, gleich an dem Abend des Tages meiner Entfernung; und zwar vor Freude, daß ihre Tochter, die ein verständiger Arzt in die warme Erde begraben bis an das Kinn, wieder lebendig geworden. Denn ihr Leib habe zwar keine sichtbare Spuren einer Berührung vom Blitze gezeigt, doch das Gold an den Teppichen sei ganz veilchenfarben erschienen; und es sei ein wunderlicher Anblick gewesen, als der Kopf des blassen Mädchens die Augen bewegt, aus der Erde geseufzt, dann geredet; und als die Mutter zu ihm gekniet, ihn umfaßt und geküßt und neben ihm todt hingesunken, der Mädchenkopf dann geweint und gestöhnt und gezittert habe!

 

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        So war denn Rosalia nun bei der Santola, seiner Mutter. Tobias aber ist jener angenehme Jüngling, der Beatrice’s Bildniß beinahe auf Händen bis zu Euch getragen. Denn ich hatte es nun für mich behalten und that wohl, ihn zu entfernen.
        Ich selber zog nun nach dem überaus schön gelegenen ruhigen Civita Lavinia, um an keinem Orte zu sein, der mir schmerzlich war, und doch jeden auch wiederum in der Nähe zu wissen und, wann ich wollte, zu sehen, wo ich glücklich gewesen, je nachdem nun das Gefühl der Gegenwart oder die Erinnerung in mir herrschte. Denn diese Macht und diesen Wechsel behalten sich die himmlischen Kräfte im Menschen vor, um ihn treu zu leiten, wenn sie vorher auch das Handeln zu seiner Bewährung ihm überlassen.
        Beatrice’s Mutter, die ich eines Tages in Ariccia besuchte, bat mich, die Tochter ihr wieder zurückzuführen, ohne Aufsehen, ohne Gewalt; denn da ich wisse, daß sie lebe, werd’ ich auch wissen, wo und wie!
        Diese Worte trafen mich tief und erweckten mich bitter aus der fast schuldigen Betäubung und Gleichgültigkeit, in die ich versunken! Doch es war mehr die Abspannung aller meiner, selbst der edelsten Kräfte, da ihr Geist: die Liebe im Herzen mir auch wie vom Feuer des Blitzes darnieder geschlagen war.
        Wie ich nun die Umstände und Beatrice’s Zustand erwog, so sah ich wohl: gewiß hatte sie immer gewünscht, Rosalia lebe! In ihrer Erniedrigung, in ihrem Elend war das ihr einziger Gedanke, der Schlüssel dazu.  Sie athmete gleichsam nur noch von der Liebe zu ihr, von der Reue um sie, und um ihren Unfall abzubüßen, der doch bloß in Rosaliens Vorstellungen gegründet schien: daß das Himmlische auf Erden sei.

 

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Und das Meiste hatte vielleicht der natürliche Schmerz um +ihren Verlust gethan, denn das Kind war so schön, so hold, und hatte auch Beatrice so lieb!
        Rosalia aber, als sie erfuhr, daß Beatrice um ihretwillen leide (denn sie war in den Jahren ihrer Entwickelung täglich verständiger geworden, besonders in Herzensangelegenheiten), hatte sie keine Ruhe und trieb nach Rom.
        Ich erfüllte ihr also den Wunsch, theils um ihr selbst den schönsten Trost zu gewähren: zu trösten; theils um Beatrice auf einmal ihrem Zustande froh zu entreißen, wenn sie mit Augen sehe: Rosalia lebe wirklich! der Blitz habe sie scheintodt gemacht; das Gold sei veilchenblau gefärbt! und sie — sie leide nun ferner umsonst, wie sie bisher umsonst gelitten. Und so vermag denn selbst der Gram, die Schande, der Tod – eine Thorheit zu sein. Nur die Reue nicht, empfand ich für sie! und das Unglück nicht, empfand ich für mich! Und war sie nicht errettet, so war sie beschwichtigt! denn gerade die zartesten, schönsten Gemüther geben am liebsten das ganze Leben auf und wollen es wegwerfen, als etwas Verächtliches, wenn ihnen Eines mißlungen, wenn sie eine Last auf ihre freie, nur rein, goldenrein sich glücklich fühlende Brust nun unerträglich auf sich nehmen sollen! Aber sie erholen sich auch, sie richten sich auf, wenn die Last abfällt; die Thränen trocknen, die Wunden heilen, das, Antlitz lächelt wieder, und das Herz in der Brust, die manchen Seufzer ausgepreßt, schlägt endlich wieder ruhig; sie wandeln menschlich unter, gleich ihnen, nicht engelreinen Menschen, zwar stiller, abgesonderter: sie wähnen sich nie so glücklich, aber sie sind darum vielleicht sogar besser, und fortan treuer, ja unverletzbar.
        So trat ich denn eines Abends, leider zu plötzlich, mit Rosalia vor Beatrice. Der Fußweg führte uns durch das Colossäum.

 

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        Es war gegen Weihnachten und um die Zeit der Abendandacht. Eine Menge Menschen aus allerlei Volk standen mit entblößten Häuptern um das, in dem ungeheuren verödeten Raume in der Mitte aufgerichtete, rothe Kreuz und sangen. Die Hirten der Gegend, — die Pifferajiwelche um diese Zeit Rom besuchen, um vor den Thüren ihre Lieder zu blasen, führten die Melodie zu den frommen Gesängen auf ihren Schalmeien. Lange Züge lustgewandelter Mädchen und Jungfrauen aus den Conservatorien hatten einen weiten Kreis umher geschlossen.
        Beatrice saß abgesondert und ferner an einer der dreizehn Capellen. Daß ihr Damo, der seine Gesundheit in Italien hergestellt, — nach dem alljährigen stationären seine hohe treue Frau täuschenden, ja erfreuenden Zeitungsausdruck über ihn — nach Hause gereist war und sie verlassen, wußt’ ich. Aber sie war blaß und krank; sie saß und sang und betete nicht, aber sie hatte ein kleines Kind auf dem Schooße, dem sie, so klein es war, die Händchen faltete, um wie zu beten für sie!
        Wir standen unvermuthet vor ihr, selbst überrascht.
        Als sie nun Rosalien gewahrte, blieb sie plötzlich, wie zu Marmor geworden, in ihrer Stellung. Sie erkannte sie, sie mußte sie erkennen, sie war unverkennbar. Aehnliche Kleider, nur längeres Haar, mit demselben Silberpfeile aufgesteckt; röthere Wangen, jungfräulicheres Wesen, aber dieselbe und noch größere, jetzt unaussprechliche Milde und Freundlichkeit in ihrem Blick. Beatrice blieb ruhig, bis sie sich faßte, bis sie sahe: die vor ihr Stehende sei kein Geist — sie sei Rosalia. Dann ward sie roth, wie mit Purpur übergossen; anstatt Freude, Entzücken, trat Zorn, ja Wuth auf ihr Antlitz, und sie erhob sich wie eine Wahnsinnige, ihre Hand griff nach einem Steine, aber die Bebende vermochte ihn nicht zu erheben; sie ergriff ihr Kind, und es war zweifelhaft, ob sie es gegen die Mauer oder gegen Rosalia schleudern wolle.

 

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        Aber auch dieß vollbrachte sie nicht, denn sie sank auf die Kniee und saß so, das Kind vor sich auf dem Schooße, und schöpfte Athem mit tiefen, heftigen Zügen, daß ihre Brust wogte. Sie fror wie im heftigsten  Winter und klapperte mit den weißen, schönen Zähnen in dem blassen Munde.
        Was in ihr vorging, was ihr das Herz zerriß, war nur zu errathen; ich konnte es mir denken aus dem, was ich wußte, und was ich nun sah. Anstatt Rosalia an ihre Brust zu drücken, stieß sie die ängstlich um sie Weinende, sich ihr Hingebende, von sich. Beatrice hatte Rosalia um Vergebung zu bitten — aber Beatrice vergab nun Rosalia nicht, hielt die Hand derselben und biß ihr auf die zarten Finger, was diese geduldig geschehen ließ. Beatrice hatte die Todte geliebt, weil sie — ihretwegen gestorben, und die Auferstandene, die Lebende haßte sie nun und verwünschte sie, nannte sie laut: dämonisch – aus der Hölle emporgestiegen — weil sie empfand und klar an dem Kinde vor Augen sah, in welches Verderben sie sich thöricht, vergeblich, sündlich gestürzt; und was sie als Buße sich aufgelegt, das war jetzt ihr Todesurtheil, ihre Verdammniß.
        Die Glut, die wieder auf ihre bleichen Wangen getreten, machte sie wieder jungfräulich und schön, so schön, wie sie nie gewesen! ihre Augen suchten den Himmel und zagten vor ihm, und in ihrem Gesicht war ein Ausdruck, wie ich nie an dem schönsten Weibe gesehen. Sie schien den Tod zu wünschen — aber mit Thränen; das Leben zu lieben — aber mit Abscheu. Sie sah mich unaussprechlich rührend an. Ihre Haare hatten sich aufgelöst, und reiche, schwarze Flechten gaben dem marmorgleichen Gesicht den herrlichsten Hintergrund.

 
 

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        Ich hatte für mich kein Wort in meiner Seele; ihr Zustand machte mich fühllos. — „Sie hat Dir vergeben! Vielleicht hat der Blitz Dich betäubt, wie sie“ — sprach ich zu ihr. — „Ich habe Dir nichts zu vergeben — ich lebe!“ schluchzte Rosalia und kniete zu ihr.
        Beatrice nahm das Kind, hielt es weit von sich ab und ihr hin. „Da sieh’, Rosalia,“ sprach sie — „ich kann nun Dir nicht vergeben. Mache das Kind ungeboren, schaffe mich rein, wie bis zur Stunde, da Du unter meinem Kusse starbst, und ich will Dir danken! Jetzt aber, jetzt weiche aus meinen Augen! mache den Tod mir nicht schwer! — “
        Sie lehnte sich hin und kehrte ihr Antlitz gegen die Mauer. Sie hatte richtig empfunden — sie winkte weg mit der Hand. Da fiel ein Strahl der untergehenden Sonne durch eine Lücke der Massen auf ihr Gesicht. Es verwandelte sich und schien stillschweigend zu sagen: „Seht, Gott ist mir gnädig — seine Sonne scheint mich an!“ — Nie war ein Sonnenstrahl wirksamer, bedeutender. Ihr Herz war gebrochen, aber ihre Seele faßte Zutrauen. Und unter den Abendgesängen und Liedern der Hirten aus ihrer Heimath schlummerte sie ein. Sie schlug noch einmal die Augen auf, der Blick begehrte nach mir — nach Rosalia, sie sah sie mildlächelnd an, sie legte ihre Hand in Rosaliens Hand zur Versöhnung, sie legte die andere in meine, aber zu einem Drucke derselben war sie zu schwach; noch ein schwerer Athemzug — und der schöne Engel küßte sie — sie war verschieden.
         Und das verlassene Kind war mein.

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        Das ist nun das Kind, worüber der Fremde berichtet hat. Das war die Braut, die er bei mir gesehen, das war der Grund, warum ich sie nicht zum Weibe genommen. Und nun mögen die Schwestern ihre Thränen trocknen, wenn sie können; nun mögen sie sich in Acht nehmen, mir Abbitte zu thun — nun sollen auch sie sich satt an der schönen, schönen Rosalia sehen — denn im Frühlinge komm' ich zu Dir und zur Mutter und — bringe sie mit. Und Du selber sollst zu Beatricens Entschuldigung sagen: ob sogar ein junger Mann noch leben möchte, wenn Rosalia unter seinen Küssen gestorben! oder ob er sterben möchte, wenn sie für ihn nur lebte!

— — Mir, — ach!
Jedes Glück entfloh mir lange!
Jeder Gram zog lang ins Herz!
Nur die Liebe blieb mir bange,
Und mir blieb der Schönheit Schmerz

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