Leopold Schefer
Der Kuss des Engels

 
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 bullet1 Das wunderliche Menschenherz

 

S. 49

Civita Lavinia, Weihnachten 1825.

        Beatrice glaubt’ ich zu Hause zu finden. Sie war nicht da. Ich mochte besorgt, beklommen und wunderlich aussehen, — die Santola fragte, und endlich erst konnt’ ich ihr sagen, zu Rosalia zu gehen!
        Sie kam wieder. Sie schwieg. Darin klagte sie nach und nach, leis und immer lauter und länger, wie eine junge Nachtigall zum ersten Mal beginnt zu schlagen. Auch mir waren die Schmerzen neu. Wo aber Beatrice suchen, nachdem wir thöricht bis um Mitternacht auf sie geharrt, in der Meinung, sie sei bei einer vertrauten Freundin.
        Wo die Nacht nur erlaubte, suchten wir sie, selbst in dem Weinberg. Wir riefen laut; es hallte einsam und ängstlich wieder, und an des Echos wie geisterhaften und weiseren Stimme als der eines Menschen, hörte ich und empfand ich erst meinen Schmerz ganz deutlich! „Beatrice“ hallte es vom Fels und im Hain, und Fels und Hain riefen mit mir und klagten mit mir. Die Natur schien wach geworden aus ihrem Schlafe, bestürzt wie wir Menschen um Sie! Schreckliche Nacht!
        Aber auch am Morgen kam sie nicht wieder! am Mittag nicht. Nachfragen waren vergebens, Nachforschen und Suchen im Nahen und Fernen desgleichen.
        So blieb es bis gegen Abend. Da brachte ein Hirt das blaue Gewand des Engels, welches sie von sich geworfen auf den Höhen im Hain nach Castell Gandolfo zu.
        Nun war meines Bleibens nicht mehr in Velletri.  Ich machte mich auf, ich suchte und scheute, zu finden. Tage vergingen; ich berührte zu Zeiten wieder die Straße, ich forschte von Leuten, die eben aus Velletri kamen, ob sie noch nicht zurückgekehrt? — ich ging zu ihrer Mutter nach Ariccia, die sich verwunderte, mich ohne sie zu sehen! Also auch hier war sie nicht. Sie vermuthete Unglück, denn Jemand wie Beatrice, oder ihr Geist, habe bei Lichtanzünden zum Fenster herein gesehen. —

 

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Ich vermochte kein Wort ihr zu sagen, ich gab vor, ich gehe auf einige Tage nach Rom, und der Vorwand bewog mich, wirklich dahin zu gehen.
        Die Welt ist nicht schön, wenn man traurig ist, und der Weg ist voll Dornen, den man mit Thränen bethaut. So war mir nun dieser schöne heilige Weg.
        In Rom nun blieb ich, bis mir nach Monden erst ein treuer, ausgeschickter Bote aus Ariccia berichtete: die Mutter wisse nichts von meiner schönen Braut und beweine ihre Tochter und schelte sie auch und bitte ihr wieder es ab. „Sie hat doch Gefühl und ein weiches Herz.“
        Darauf besucht’ ich sie selber und verweilte, bis wir uns ausgeredet, satt geklagt und anfingen, die Schmerzen bis auf dieselben Worte zu wiederholen. Dann schieden wir als Freunde, und Keines sahe das Andere an, weil Jedes empfand, was es litt, und dem Andern dieselben Schmerzen so gern und ungern zutraute.
        Wie könnt’ ich in Rom das „kelternde Mädchen“ ausführen? Und was wäre mir Andres gelungen, was hätt’ ich Andres auf der Leinwand gesehen, als meine verlorne Beatrice? So entmüßigte ich mich denn, besuchte Freunde, besuchte Gemälde und verstand nun so manches — und doch nur erst als Bräutigam — schon viel besser, in doppeltem Sinn.
        So lebt’ ich Monate lang, die offene Welt verwünschend wie ein Labyrinth, und die leuchtende Sonne, als mache sie Nacht oder dennoch nicht den wahren Tag um uns Menschen. Wissen ist Tag der Seele! wähnt’ ich. Aber ach, es ist nur das Ueberschauen des Inhalts der menschlichen Brust, die Rechenprobe unsrer Gefühle, der Probirstein unseres Glücks.
Denn wiederum lange Zeit nachher trat ich in das Studium, eines

 

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berühmten Bildhauers, und unter den Neuesten, was bis in die vollendende Hand des Meisters gearbeitet war, erblickte ich eine unübertreffliche Göttergestalt. — Ich verschweige wie billig: von welcher Göttin, und in welcher Attitüde, um den Meister und Beatrice nicht zu verrathen an die Welt. Denn sie war es! als Marmor, kalt und seellos fand ich sie wieder! Sie sahe mich an ohne Augensterne, ihre Haare waren, wie vor Gram, weiß geworden, von ihren Wangen und Lippen war die Farbe der Rosen gewichen, und sie stand reglos in der belebten Welt, eine schöne Todte. Und doch lag in ihren Zügen die Trauer und Reue der Magdalena, glücklich und unglücklich hier festgehalten, wie ein Nebel als Reif auf eine Lilie gefroren, von keiner Sonne wegzuthauen! — Ich, ihr Geliebter, hatte nur Kopf, Nacken und Arme an ihr gekannt, und vor dem fremden Manne — wohlerwogen: dem ungeliebten, dem fremden Manne
— war von jedem ihrer Reize der Schleier gefallen, und ich biß auf die Lippen, welche Götterpracht ich verloren, nie erworben, wie sie hier als öffentliches Geheimniß — jedem Beschauer entgegen strahlte und ihn bannte.  Und wenn ich, damals Beatricen gegenüber, im reifenden Entschluß, sie zum Weibe zu nehmen, aus noch nicht weichendem Angedenken an so manches schöne Geschöpf außer ihr, mir heimlich mit falscher Weisheit nachgelassen und ferner bedungen hatte: meine nöthigen Studien nach der – Natur zu machen; so empfand ich jetzt die — Sünde dabei, da ich meine Geliebte so studirt sah! sie, mein künftiges Weib, oder dereinst meine Tochter von ihr — so der Herr gewollt; — und durch dieses ihr Marmorbild wurden mir alle Göttinnen in allen Sälen, in allen Kammern von Rom und der ganzen Welt verhaßt, ja verächtlich, aus meinem jetzt heißen, alles andre niederschlagenden

 

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sittlichen Gefühl; denn so waren alle jene Modelle, wie jetzt mir Beatrice erschien! Und wenn es dem Künstler an sich auch erlaubt wäre, schöne Natur also zu brauchen, so wird doch keine schöne Natur, keine reine Seele mit ihrem nacketen Leibe ihm Rede stehen, weil sie es nicht darf; und um ihres Innern***** willen, wenn er kein Barbar ist, darf er dann nicht. —
        Welchen Kampf mußte dieser Schritt Beatricen gekostet haben! oder vielmehr — keinen! nur ihr reines schuldloses Herz, das sie für schuldig hielt, ja ihre Lippe für mit Mord befleckt, obwohl ihre Hand ohne Blut war. Schreck, Vorwurf, Verdammung der Menschen, jedes allein, und alle zusammen hatten aus überspannter Sehnsucht, schuldlos zu sein, sie in erster Reue dazu vermocht: nun das ganze Leben, ihre gebeugte Seele, ihren schönen Leib nicht zu achten, und selbst ihren willenlosen Fehler nun so zu büßen, wie sie als Jungfrau ihn am schmerzlichsten zu büßen glaubte, durch das größte Opfer eines Weibes — die Schamhaftigkeit. —
        Meine Seele weinte, und nur einen Trost flüsterte mir die zur marmornen Göttin entweihete Beatrice zu: daß sie ja eben Reinheit und Schamhaftigkeit durch diese ihre Buße am Höchsten gehalten, durch dieses ihr Opfer noch übermenschlich, ja göttlich hoch stelle! Und nun erblickte ich sie, gewandlos wie sie war, doch in undurchdringliche Schleier gehüllt, übermenschlich und göttlicherhaben, und ihre Marmorgestalt schien mir eine lilienweiße Flamme.
        So erwog ich in mir das wunderliche Menschenherz. Ich beklagte die Treue, die sie als Weib mir bewiesen – ich beweinte die Seligkeit, die sie als Mutter genossen — und mich und ihre Kinder dadurch beseligt haben würde! — „haben würde!“ Ach, welche herzzerreißenden und zugleich seelenversöhnenden Worte – haben würde!

 

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        Das war nun Alles unwiederbringlich verloren, auch wenn nur durch einen Wahn! Aber der Wahn war, wie hier in ganz Italien und aus ihm umher, als Beweger ins wirkliche Leben geschritten, und hatte in Glück und in Unglück gegriffen. —
        Beatrice war also in Rom — sie lebte, sie hatte sich losgesagt von uns Allen, der Welt zum Raube gegeben, das war kein Zweifel. Ich schrieb an ihre Mutter nach Ariccia: ihre Tochter lebe, damit sie doch diesen Trost habe, der bei den meisten Menschen Alles gilt, doch gewiß nicht bei ihr; darum verschwieg ich ihr den Ort: wo, damit sie nicht komme, sich und sie nun nicht noch elender mache durch ihre Erscheinung.
        Auch ich suchte Beatrice nicht auf. 
       Später fand ich als Bild sie wieder, bei einem unserer sinnigsten, frömmsten deutschen Maler. Ihre Formen mochten bald den Bildhauern nicht mehr genügen, die nur die erste, die höchste Frische derselben gebrauchen können. — Ach! Was zeigte das an! welche Gesunkenheit! Dem Maler genügt zu seinen Bildern — der Umriß, der Schein, das Antlitz. Und wie ich sahe, war das noch wunderschön, fast dürftig an Fleisch und Farbe; das Auge, der Blick, wie in sich selber zurückgezogen und sein Inneres betrachtend, und der Mund zum Weinen rührend und köstlich! — Diese Züge hatten dem Maler behagt, er hatte das schönste Bild in alter Weise daraus geschaffen. Er selbst war bezaubert von der schönen Vittoria! (Beatrice hatte gewiß ihren Namen geändert; das Bild ist nach Deutschland gegangen, und unter jenem Namen wirst Du es kennen.) Ja zum ersten Mal schien er verliebt, aber er schien es nur, er, dem kaum das reinste Geschöpf genügt und ihn

 

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werth ist. Er klagte. Ich schwieg mit Lächeln über die getäuschte Welt, die nur sieht, was die Augen sehen. Ich wußte es besser — und klagte doch auch mit ihm.
        Aber ich sollte sie wiedersehen!
        Es war ein stiller Abend. Alle Künstler waren hinaus auf die Villa des Knes geladen; vielmehr, es war freier Zutritt für sie. Ich durchschlich die schattigen Gänge, ich sahe ein Weib an des wohlbekannten Wirthes Arm, ein Weib im höchsten Putz, die ich an Wuchs und Gang als Beatrice erkannte. Jede Schönheit ist in Rom bald berühmt, über alle und alles geehrt, und das allgemeine Gespräch; und sei sie ein einfaches Landmädchen, sie wird die Königin der Herzen auf — ihre Zeit. Sie war also auch ihm nicht verborgen geblieben, er begriff nicht, was vorgegangen, aber er ergriff Beatrice, wie eine unschätzbare Perle vom stürmischen Meere ihm zugeführt. Das ist ja allein die Kunst der Welt. Aber auch so furchtbar ist der Grund des menschlichen Herzens, daß Jeder sich wohl davor bewahren mag: einen falschen Gedanken, einen unerlaubten Wunsch in sein Herz zu versenken, ja nur willenlos und wider Willen etwas Falsches und Ruchloses anzuschauen! Denn das Leben stürmt in unser Gemüth, die Tiefe kommt herauf, es vermischt sich Altes und Neues, verwandelt sich, wir verwandeln uns — und Beatrice gehörte dem Manne, der ihr zu gering war, ihn zu verwünschen, zu gefahrlos, ihn zu verabscheuen. Ich war elend. Er schien glücklich, aber mit einem Unterschied, wie zwischen Menschen und Menschen. —
       Ich betrat nun nicht die Säle, ich weilte drunten.  Beatrice lehnte sich endlich, vom Tanze glühend, hinaus zu dem Fenster in das Abendkühl – ich stand, sie erkannte mich — sie regte sich nicht. Aber sie senkte ihr Haupt, ich sahe zur Erde — der Kranz von ihrem Haupte fiel herab, er

 
 

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traf mich, wie einst die Rose; doch ob er ihr entfallen, ob sie mir ihn weihend herabgeworfen, das erklärte mir erst ein Lied, das ich spät in der Nacht, von ihrer Stimme zur Mandoline gesungen, hörte, und an den Tod gerichtet schien:

Schöner Jüngling sei willkommen !
Treuer Freund, sei treu gegrüßt !
Alles Leid ist mir entnommen
Wenn dich meine Lippe küßt .

Jedes Glück entfloh mir lange !
Jeder Gram zog lang' ins Herz !
Nur die Liebe blieb mir bange ,
Und mir blieb der Schönheit Schmerz .

O du Erde, frohbetreten ,
O du blaues Himmelshaus ,
Laßt mich still noch einmal beten –
Dann auf ewig wandr’ ich aus .

Jung und schön kommt Alles , munter
Aus dem kaum verhüllten Reich ;
Alt und schmucklos geht’s hinunter ,
Von dem Sonnenfeste bleich .

Schöner Jüngling, neues Leben
Giebt Dein Kuß – o nahe Dich !
Sieh, wie meine Lippen beben ,
Schöner Engel – küsse mich !