Leopold Schefer
Der Kuss des Engels

 
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 bullet1 Der junge Tobias und der Engel

 

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Civita Lavinia, Weihnachten 1825.

        Die Santola freute sich unser; selbst der Sohn vom Hause, ein angenehmer Jüngling und von Beatrice’s schönem Wesen in stillem Herzen erfüllt, und nur zu bange, zu scheu vor ihr, brachte uns seinen Glückwunsch in heut ihm von der Lippe strömendem Lobe derselben dar, wozu er Thränen vergoß.
        Den nächsten Sonntag, ein wundervoller ruhiger, echt italienischer Tag, wie der Himmel, gleichsam mitfühlend, dem uralten Lande mit schweigender Milde schenkt, wandelten wir nach Ariccia — nach dem Jawort der Mutter.
        Selige Wanderung! wie oft standen wir vor Entzücken, wie oft setzten wir uns auf die grünen Matten, seitabwärts vom Wege, unter die

 

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hohen Bäume mit buntem purpurnem Laub, wie sie der Herbst dem Frühling zum Trotz köstlich und wunderlich schmückt! ja wie ermüdet vom Gange, hielten wir uns mit den Armen umfangen, ruhten, mit dem Kopf an einander geschmiegt, träumten und schliefen ein, vor nichts als geahnter und schon über uns ausgegossener Wonne.
        Wir erwachten und wußten nicht, ob wir mehr auf der Erde waren. Sie schien sich zu besinnen, ob ich ein Jüngling sei; ich: ob sie ein Mädchen sei, — denn in unserem Herzen wohnte nur ruhige Liebe, in unseren Augen ruhte nur die ewige Bläue des Himmels, und wir empfanden keine Sehnsucht nach Menschen, nach Neuem und Altem, da wir nichts bedurften als uns — und uns hatten, Lippe an Lippe, Locken in Locken.
        Aber die tiefe, die alte Stimme der Seele, die immer leis sich regende Erinnerung: Menschen zu sein, der Anblick der gewohnten Erde, ja der Zug der Wolken erhob uns und hieß uns weiter wandeln. —
        Welche Mutter sieht nicht gern ihr Kind beglückt! wie Viele lassen ihm sogar das nach, was sich nicht ziemt, und lassen es ungemerkt ihm angedeihen, aus mißverstandener und übereilender Liebe. — Wie hätte Beatrice’s Mutter nicht eingewilligt, ihr geliebtes Mädchen ferner und fortan erst recht glücklich werden zu lassen, und endlich mit den Jahren so sehr, wie sie es war: eine wohlgerathene Tochter an Den zu verschenken, der sie liebt. —
        „Weißt Du noch, Beatrice,“ sprach sie lächelnd, „als Du klein warst, und ich Dir sagte: wenn Du groß und schön wirst — schenk’ ich Dich weg! und Du batest und weintest: „liebe Mutter, schenke mich nicht weg! ich will ja mein Leben lang klein bleiben, um immer bei Dir zu sein!“ — Bittest Du heute nun nicht selber darum: schenke mich weg?
 

 
 

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siehe, das ist nun der Mann, den ich meinte! und Du weinst wieder, aber ich denke, nicht darum.  Nun weine mir nicht! das ist der Weg der Menschen. Meine Mutter schenkte mich weg, ward alt und schläft nun in Ruhe; und ich werde alt — und Du wirst Deine Tochter dahinlassen und in Ruhe schlafen; und schäme Dich nicht, einst auch glücklich zu sein nach meinem Tode; denn ich war lange glücklich vor Deiner Geburt, ohne Dich zu kennen und zu sehen. Rechne dann mit mir ab, mein Kind! und lächle mich an! Gedenken können wir wohl an solchem wichtigen Tage des Allen! wer wird denn immer sein Herz verschließen und allein tragen, was er ja doch empfindet! was ihm stockt und den Sinn nur dumpf macht. Lieber Alles vom Herzen gesagt, geweint, gelacht und ein Fest daraus gemacht, nachdem es nun ist. Ist doch Alles von Gott geordnet, wir können nur Alles erleben. Das Leben selber ist schon erdacht und wird alle Tage fertig für Tausende. Ich freue mich, daß wir so weit sind! und mir ist wohl, recht wohl!"
        Dieser guten Rede zu folgen, machten wir denn ein Fest aus unserem neuen Stande, der schönen Zwischenzeit, wo die Mädchen noch mit uns reden, und schon die Frauen, wo keins noch von uns scheidet, uns noch nicht willkommen heißt, und doch aus Aller Augen: Fülle von Freude unter Lächeln über uns strahlt, und das in Worten uns sagt, was Himmel und Erde uns nicht zu sagen vermögen, oder lieber: es sagen aus „der Menschen sterblichem Munde“.  Kein Verdacht belauscht uns dann mehr, und alles vorher Getadelte, ja Unselige geht durch ein einziges Wort — das uns an das Gesetz der Natur geknüpft — in ein Stillgebilligtes und ein Seliges über! — Wenn Du, o Freund, einmal vielleicht über dem grünen See von Genzano auf dem

 

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uralten hohen Thurme stehst und hinab in den Spiegel der taurischen Diana schauest, wenn sie als Vollmond jetzt entgöttert vorüber schwebt, und der fühllose See noch seine Pflicht erfüllt und ihr, wie einer Todten Bildniß geheimnißvoll und unergründlich und immer noch reizend wiederstrahlt, wenn es Dich lockt, hinunter zu sinken; — oder wenn Dich der Hain von Nemi umsäuselt, und der Hauch vom Himmel wie ein Geist ihn durchzieht, und die Blätter bewegt — wenn Du auf dem hohen Berge über Castell Gandolfo, wo Jupiter thronte im Tempel Latiums, jetzt neben dem kleinen Kirchlein bei dem Eremiten verweilst, gedenke an uns! gedenke an uns, wie ich jetzt selber unsrer gedenke, Beatrice’s und mein. —
        Endlich gingen wir wieder nach Velletri. Es war Weinlese, und schon auf dem Wege, in den Weiden vor der Stadt, hörten wir frohe Gesänge und wendeten uns in unseren Weinberg. Beatrice kelterte – wenn Du ein schönes Mädchen mit sauberen Marmorfüßchen, bloßen Armen und Nacken und rosigen Wangen in Eifer, mit lächelnder Mühe und mühsamem Lächeln, keltern gesehen hast, lieber voller Mond! Zu dem langen Gebäude, voll großer Fässer mit Most, schien durch das offene Thor die Sonne herein, brütete gleichsam über den großen Tonnen wie über Eiern, worin, wie Amor einst in der Rose, jetzt Bachus schlafend reifte. Ihr goldner Strahl umwebte sie; Tausende kleiner Fliegen schwirrten berauscht in dem Lichtstrahl wie flimmernder geflügelter Staub, und Beatrice leuchtete in dem Glanz. –   Ich saß und zeichnete sie, während lustige Gäste aus der Stadt, vom Moste berauscht, um ein leeres kleines Fäßchen auf der Erde vor ihnen, tanzten und sangen, Einer nach dem Andern mit jauchzender Geberde es umkreiste und anrief:

Tu mi facesti,
Tu mi facesti
Ubriacon’!
Ubriacon’!

 

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Darauf zogen wir nach Hause.  Auf der Hauptstraße aber waren wir genöthigt, an die Seite zu treten, denn Trompeten verkündeten einen Aufzug in Fiocchi. Prächtig gekleidete Diener schritten voraus, jubelndes, Blumen und Lorbeerblätter streuendes und werfendes Volk verhüllte den Anblick des Zuges. Eine Trommel war hindurch zu hören. Jetzt nahten vier weiße Pferde in Prunkgeschirr, ein Staatswagen rückte langsam näher, Diener standen hinten im Ueberflusse darauf, Alles hob sich auf die Zehen, um zu sehen, wer darin sitze, und so gewahrten wir dann ein weiß gekleidetes Mädchen, glühend vor geweinten Thränen, mit dem Tuche die Augen sich trocknend, im Haare einen kostbaren Kranz wie eine Krone, und der Herold rief: Eccovi l’imperatrice della Fede Romana! und ich erfuhr in flüchtigen Worten von Beatrice, daß, um die Jugend anzufeuern und zu belohnen durch Ehre und lautes Lob und freudige Anerkennung, das Mädchen, welches unter Allen am besten bestanden in dem Religionsexamen in der Kathedrale, so belohnt werde, wie ich gesehen, so gepriesen und Kaiserin des Römischen Glaubens genannt, wie ich gehört.
        Ich freute mich, aber ich erstaunte — und doch kam es mir ganz natürlich vor, daß es Rosalia war, die von den vier weißen Rossen gezogen ward; sie sahe uns an, sie grüßte uns nicht; sie kannte uns nicht vor Sättigung mit stillem Entzücken. So fuhren sie hin durch alle Straßen der Stadt; die Trompete schmetterte; der Herold rief, die Menge segnete sie und strömte nach.
        „Wir sehen sie bei ihrer Mutter,“ sprach Beatrice. „Das liebe Kind!

 

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ja so war sie, sie hat es verdient! Ich erinnere mich noch, wenn ich sie als kleines Mädchen mit ihrem Hütchen auf dem Kopfe hinaus ins Grüne führte, und der Wind vom Himmel wehte, und sie glaubte: die Engel wollten sie im bloßen Köpfchen sehen, oder ihr schönes Hütchen haben! Sie lachte dann, so klein an der Erde laufend, laut und entzückt, hielt ihr Strohhütchen mit beiden Händchen schelmisch und doch gutmüthig fest, oder band es los und ließ es dem Hauche, in den Blumen damit zu wehen; und sahe bald hinauf, bald hinab, und zürnte auf die verbergenden Wolken! — Wie selig muß sie jetzt sein! Du kennst sie.“
        Es war aber jetzt nicht möglich, vor Andrang Begrüßender und Zuschauender in das Zimmer zu kommen.  Wir beredeten, also mit Beatrice ein Anderes –: Wir besuchen sie auf den Abend als der junge Tobias und sein Engel! selbst das Hündchen darf nicht fehlen! Sie kennt uns nicht, wir nehmen die feinen, feinen und gar so schönen Wachsmasken vor, die Kleider sind da, so begrüßen wir sie und bringen Geschenke.
        Wir stritten uns nur, wer von uns den Engel vorstellen solle; sie wäre mir lieb gewesen als der junge Tobias, ich ihr als der Engel. Aber die Santola entschied: ihr Sohn solle für allen Dank seiner stillen Leiden der junge Tobias sein! und so war denn Beatrice der Engel.
        Es ist zu natürlich, und keine Eselsbrücke des Künstlers, nach lebendigen Bildern (Tableaux) zu malen, oder doch zu entwerfen, anzuordnen, zu berichtigen, und sei es auch nur einen Faltenwurf, Lichter, Reflexe und Schatten. Der Landschafter thut es ja auch; ja, er geht genau zu derselbigen Stunde des Morgens oder des Abends wieder an denselbigen Ort um weiter nach seinem wahrhaft lebendigen Bilde zu malen. Die Natur ist ja das Kleid der Ideen; bin Ich nicht Ihr

 

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Geist? soll ich meine Ideen nicht in ihre gewählten Schöpfungen kleiden? Und so lag Alles bereit für ein im Geiste schon fertiges Bild, selbst die wunderschön und zart gearbeiteten Wachsmasken, nach meinen Zeichnungen ausgeführt. –
        Es ward finster; die Geschwisterkinder verkleideten sich, sie gingen, ich folgte zugleich, und ich vermag es nicht zu beschreiben, was ich empfand: das jungfräuliche Wesen als Engel zu sehen! Giebt es denn in der ganzen Welt etwas Reizenderes, als ein schönes Mädchen in schöner Maske? Sind das noch Augen, oder ist es himmlisches geheimnißvolles Feuer, was Dich aus den offenen dunkeln Wölbungen anglänzt und blinkt! Und das Herz und seine Schläge, die Deine Hand fühlt — was ist das! und das Lispeln hinter den unbewegten Rosenlippen — woher raunt es Dir doch! — Sie wandelten, und wenn Blitze die Straße erleuchteten, wenn ich die himmlische Gestalt sah, plötzlich erscheinend, plötzlich verschwunden, fühlt’ ich nach ihrer Hand, welche die meine drückte; ja ich hielt sie im Gange auf, preßte sie umschlingend an meine Brust, suchte ihre Lippen, und sie neigten sich aus Gewohnheit und in der umgebenden Nacht den meinen zum Kusse; aber wie waren sie herb und kühl und von großen, aus den Gewitterwolken fallenden Tropfen benetzt! — Unverstandene Schauer! selige Nacht! —
        Vor den erleuchteten Fenstern blieben wir stehen. Wir sahen im Hintergrunde des Zimmers den von den kunstgesinnten, ein jedes Fest geschwind, leicht und schön schmückenden Italienern aufgerichteten und mit Goldstoffe behangenen Thron, und unter dem Baldachin saß die erhobene und gefeierte Rosalia. Andere Kinder umgaben die Stufen. Mädchen brachten ihr allerhand Geschenke, hielten sie noch auf den

 

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Händen, oder hatten sie schon hingestellt und hingebreitet, von welcher Art sie nun waren. Selbst Leute aus den Vignen waren zugegen und zeigten ihren Kindern das also geehrte Mädchen, das halb müde, halb krank, bald blaß, bald roth im Glanze der Kerzen, von Gefühlen betäubt, über dem Allen erhoben da saß. Desto mehr sprach und weinte die Mutter, empfing und dankte, oder saß in Gedanken, während das dünne Wachsstöckchen, das sie wie im Traume hielt, ihr bis auf die Hand eingebrannt war und sie weckte — daß sie lachte.
        Es fiel heftiger Regen. Wir eilten hinein. Es donnerte, es zuckte ein Blitz, es schlug in der Nähe ein, alle bekreuzten sich, fuhren aus einander — da trat der Engel ein!  Tobias folgte, und selbst das Hündchen fehlte nicht.
        Rosalia sah starr auf den Engel. Furcht trieb sie hinunter, Scheu hielt sie oben. Und so schloß sie leicht die Augen, und die Thränen flossen leis unter den Augenliedern hervor. Die Mutter erkannte mich, drückte mir die Hände und erzählte mir, während Beatrice sich Rosalia näherte. Und ob dem Mädchen gleich das braune Hündchen bekannt war, das jetzt zu ihr hinlief, und sich an ihren Knieen aufrichtete und sie ansah: so wagte sie doch nicht, es anzurühren, als sei es das wirkliche und leibhafte Hündchen des jungen Tobias; ja sie erschrak und ward blaß, als es aus Ungeduld bellte. „Der junge Tobias“ schwieg also weislich, entweder weil er ihr nichts zu sagen wußte in seinem Charakter, oder weil er die Wirkung ihrer Erscheinung auf die, heut schon ohne sie ganz verwandelte, Rosalia vor Augen sah. Denn sie kniete jetzt vor dem Engel hin, mehr um sich vor ihm zu verbergen, als seine Nähe zu spüren, die wie ein Feuer ihr Glut auf die erblaßten Wangen trieb. Selbst die ihr bekannte Stimme der Beatrice

 
 

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bestätigte ihr, nun mit süßer Täuschung an die gegenwärtige schöne Gestalt geknüpft, die unbekannte Erscheinung des Engels.
        Ich hörte jetzt auf die Mutter.
        Wenn ich als kleines Mädchen schlief und träumte, fuhr sie fort, kam immer ein anderes Kind, ein Engel, der mich küßte, auf meinem Schooße saß, im Kosen mich überbeugte in die Blumen und zuletzt mir immer meinen silbernen Pfeil, wie die Mädchen hier zu Lande tragen, aus dem Haargeflecht zog und mir sanft in das Herz stieß. Aber es that nicht weh, und ich sehnte mich jedes Zubettegehen ordentlich nach dem Kinde, nach dem silbernen Pfeil in die Brust, denn das Sterben unter seinem Anblick, und das Verbluten war so süß, so selig; aus dem Pfeile stieg ein Strahl und reichte bis an die Sonne, und mir war, als flösse ihr Licht in meine Brust, so warm und so heilig! — Und als ich erwachsen, mich einem Manne ergeben und sein ward im Tempel, als ich darauf ein Mädchen geboren, und mir mein Mann es brachte, erschrak ich und schrie laut vor Furcht und Freude, denn es war der kleine Engel aus meinen Träumen! Ich wagte mein Kind nicht anzusehen, ich dachte: es kenne mich, wie ich es kannte; und ob es mich gleich im Traume mit dem Pfeile hundert Mal getödtet, so lag es doch so unschuldig vor mir, so neu sich umblickend in dem kleinen Zimmer! Ich hatte das Kind! ich lebte nun wachend im Traume und setzte ihm manchmal scherzend den Pfeil aus meinem Haar auf die kleine Brust, und wenig fehlte, ich hätt’ es getödtet, so wenig glaubt’ ich, es könne von der tiefsten Wunde sterben, wie ich nicht davon gestorben; ich wünschte es so selig zu machen, wie ich war, wenn ich unter seinem Lächeln starb; ich wünschte es, wie mich, mit der Sonne zu verbinden, daß der Himmelssstrahl in seine Brust zöge
 

 

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— und es lächelte auch! – Heute, heut’ erinnere ich mich an den Pfeil, und ich möchte sterben vor Freude!
        . . . . .Jetzt muß ich scheiden! sprach der Engel zu Rosalia.
        Wohin denn ziehst Du? fragte Rosalie leis.
        In den Himmel, sprach er.
        In den Himmel! wiederholte sie bewundernd.
        Willst Du mit mir kommen? fragte er wieder.
        Mit Dir! –
        Mit mir! — nun so küsse mich, daß Du mein bist! —
        Der Engel nahte sich.
Rosalie bebte und wandte ihr Gesicht zurück. Er aber schlang einen Arm um sie, um sie sanft an sich zu ziehen, und sie erhob ihr Gesicht und sah in das fremde wunderschöne, unbewegte Antlitz, in das Feuer der leuchtenden Augen. Und er neigte sich zu ihr, und ihre Lippen berührten die seinen. Aber in diesem Augenblick donnerte es laut, ein zweiter Schlag fiel, wie ganz in der Nähe, wie in das Haus, wie über den Engel und sie, denn rosiger Feuerglanz schwebte im Zimmer, daß man die brennenden Kerzen nicht sah, und nun rollte der Donner schmetternd und dröhnend nach, und die Erde schütterte, das Feuer verzuckte, die Kerzen waren wieder sichtbar, aber Beatrice hielt die von heiliger Scheu und entzündeter Sehnsucht innerlich selig und hold überwältigte Rosalia todt in den Armen.
        Beatrice wußte, sie vermuthete das nicht und hielt sie noch lange! Darin sah sie das bleiche Gesicht und fühlte die unbewegte starre Gestalt, die ihr immer schwerer, entsetzlicher ward, während ihr selbst vor Erschrecken die Kräfte versagten — und sie lehnte das todte Kind zurück an die Stufen, auf die goldenen Decken.
        Die Anwesenden murmelten, ja sie murrten; nur Einige hielten das,
 

 

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was sie gesehen, für Bezauberung, für Himmelsgewalt, und irrten am wenigsten. Doch Beatrice riß vor Angst die Maske sich ab; ihr Gesicht war heiß und doch todtenblaß, mit Angstschweiß wie mit seinem Thaue beglänzt, und sie sahe mit schüchternen Augen sich um. Und wahrlich für das erschrockene Herz zur Unzeit stürmten zwei Männer unbesonnen auf sie ein, als ob sie Rosalien ein Leides gethan, als ob sie Schuld sei an dem sonderbaren Gemüth, an dem Feuerglanz des Blitzes und dem Geroll des Donners, und schmähten sie mit harten verdammenden Namen!
        Sie nahm sich dieselben an, sie zog sie sich zu Gemüth, that noch einen Blick auf die Mutter des Kindes, die hülflos da saß, von uns gehalten, die Augen geschlossen, zum Tode verwundet, als habe das Kind ihr den Pfeil in das Herz gestoßen; ja sie lächelte wieder wie im Schlaf in der tiefen Ohnmacht. — Dann schaute der Engel — Beatrice — noch mich lange und mit gepreßter Miene an, während sie sich die höchste Gewalt anthat, und ein inneres Zittern sie durchbebte, und so drückte sie die Hände in die Augen und wankte hinaus in die Nacht und den Sturm.
        Die Mutter schlug die Augen auf, sie beschäftigte uns, das Kind hielt uns zurück, uns Alle fesselte Angst, und erst als sich die Andern satt geschaut, verließen sie alle das Haus, wie die Menschen sich überall heimlich entziehen, wo das Unglück eingezogen, um es daheim — zu erzählen.
        Dann ging auch ich.