Leopold Schefer
Der Kuss des Engels

 
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 bullet1 Villeggiatura

 

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Civita Lavinia, Weihnachten 1825.

        So lebt’ ich denn nun bei der Santola, bequem und, was die Lage, die Aussicht betraf, entzückend. In der Ferne das Meer — im Meere die drei kleinen Eilande: das Triregno di Nettuno — links nach Neapel hinab: Monte Circello — rechts Civita Lavinia, das die Hier gebaut, und rund umher Gärten, Haine und Weinberge. Auch die Santola besaß einen Weinberg; dort und im Hause gab es Geschäfte, und Beatrice war wie gerufen jetzt zu ihr gekommen, denn sie ward krank, und Sabbatelli — ihr Mann — bewegte seine Schwägerin in Ariccia: die Tochter ihm zum Beistand, der Schwester zur Pflegerin, und somit mir zur täglichen Freude der Augen, zur Wonne des Herzens, zur Fülle der Liebe zu lassen.  —  Und die Italienerinnen gestehen Nichts zu, keinen Finger, kein Haar — oder gewähren Dir Alles, nur um Dich ganz zu überzeugen: sie lieben Dich! sie seien werth, daß Du sie liebst, um Dir an ihrem, schönen Herzen, dem Reichthum all’ ihrer bezaubernden Herrlichkeit, nicht den kleinsten Zweifel zu lassen, bis Du verstummst, überwältigt von der Macht ihres ganzen Wesens, daß Du selbst nicht einmal über die Lippen zu bringen vermagst, es nur fühlst in dem zuckenden Herzen: das Weib ist der schönste Juwel der Erde, ja, wie die vermenschlichte wonnebegabte Erde selbst. Dann sind sie zufrieden, nicht stolz, nein: sanft und selbstvergessen, wie Eine der Göttinnen, mit Liebreiz umgürtet, Dir hold wie ein Kind! —
 

 

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        Beatrice war vielleicht — denn ich weiß es nicht — gleich jenen Beseligenden Allen. Aber, mein Freund, ich war ich. Es giebt Menschen, die fast ohne Ahnung eines Göttlichen sind, die in der Natur wie in einem großen wohleingerichteten Gasthaus leben für ihr Geld, für ihren Rang, ihre Schönheit, ihre Talente, und die aus Nichts, selbst aus dem Götterbilde, dem Menschen, dem Weibe, der Jungfrau Nichts machen, als was diese selbst aus sich machen. Das ist nun bei Vielen leider nicht viel, und diese eigene Geringschätzung, oder doch nicht Ehrung bis zu ihrem wahren hohen Werthe ist der Jammer der Zeit, der Quell alles Elendes von Innen und Außen, das die Menschen dann doch verwundert und unwillig dulden! Wie dem nun sei, ich preise den glücklich, der Viel aus der Welt macht, und mehr noch aus einem Geschöpf, und das Meiste aus dem, das er liebt.  
Denn die Liebe ist eben die Kraft einer reinen Seele, das Göttliche in dem Göttlichen wahrzunehmen und so zu verehren.
O große Kunst! o schweres Bemühen! und doch so Vielen unmöglich — die nicht lieben.  Ich aber liebte. Nun war ich erhoben, geborgen; nun war es Beatrice mit mir. Das sei Dir gesagt, damit Du sie in den Tagen, die Du nun bald mit ihr erleben sollst, nicht lieblos beurtheilst, nicht mich, sondern sie treueverstehend und liebevoll, wie sie es verdient, das heißt ja nur menschlich, als ein Weib! –
        Ich malte Beatricen in ihrer freien Zeit an den schönen Morgen, den blühenden Abenden, oder des Sonntags in dem Zimmer bei gedämpftem Tagesglanz. Schön will Jede sein, Jede ein paar Tage länger eine Sterbliche scheinen, als der Tod und die Erde gewähren. Ihr Portrait war in erster Glut vollendet, und sie selbst sahe nun erst recht: wer sie war! Sie hatte sonst immer reiche Mädchen beneidet um ihr

 

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Bild, das sie gleichsam verkläre, und jetzt erstaunte sie über sich selbst, und aus einem jungfräulichen Uebermuth küßte sie zu meinem Danke — die Lippen des Bildes. Du kannst glauben, daß dieses nun um sie und über ihr schwebende ätherische Wesen, ihre in das Reich der Kunst erhobene verklärte Gestalt, einen zauberischen Einfluß auf sie ausübte, eine Kraft: sie gelassener in ihren Bewegungen, stiller in ihrer Freude, noch viel sauberer in ihrem so schon so sauberen Anzug, sorgfältiger im Flechten und Winden ihres Haares zu machen, sie ward vornehmer, sinniger dadurch, weil sie Sinn dafür hatte: schön zu sein.
        Mit Hinzufügung einiges Weiblichen im Charakter vergönnte mir ihre edle Gestalt, sie auch als Juno zu malen „Juno todt und zu Grabe getragen in Argos — wo die Pyramide noch heut zu sehen ist.“ Mit solcher Liebe und Andacht, mit solchen wonnigen Thränen hatt’ ich noch kein Bild gemalt. Ich träumte davon, sie träumte davon, und sie meinte eines Morgens, das bedeute ihr selber den Tod.  Besser gefiel sie sich als Aphrodite, verwundet zum Olymp jagend aus dem Gewühl der Sterblichen. — Du wunderst Dich, Du bezweifelst den Fleiß in der Ausführung, daß ich drei große Bilder in einem Sommer nenne! — Wenig und schlecht! Viel und gut! so heißt es mit Wahrheit beim Künstler, der einer ist. Auch meine Arbeit wäre viel besser gewesen — ich sage damit noch nicht gut — wenn ich noch rascher gemalt in einem Ergusse des Geistes. Wie oft fürchtete ich während der Arbeit zu sterben; und wahrlich, der hat noch nie die wahre Begeisterung empfunden, der nicht so lange nur noch zu leben wünscht, bis er dieses, nur dieses letzte Werk vollendet! der dann nicht gern sterben will,

 

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wenn es so sein muß.   Und der Künstler verfällt in neue Todesfurcht mit jedem neuen Werke, das aus ihm ins Leben treten soll und als ein Göttliches ihn anschauert in seiner Sterblichkeit. Ein Werk, das ohne diese Furcht vor dem Tode gemacht wird, ist nicht von Oben empfangen, — sie ist der, den andern Menschen geheime, Probirstein für den Künstler.
        Rosalia war aber nicht zu bewegen — zu einem Bilde zu werden, wie sie sagte; und als ich sie heimlich gemalt, als sie sich sah, weinte sie, glühend vor Scham, und vermied das Haus. Sie empfand zu viel Ehrfurcht vor solchen Erscheinungen, wie ihr Bilder waren; das ging aus ihrem Wesen hervor.
        Ich hätte, wie billig, von diesen Arbeiten geschwiegen, nach meiner Art, oder die Wahrheit zu sagen: nach meines Vaters Lehre, der einzigen, deren ich mich erinnere: Nie vor Anderen mein Werk zu tadeln. Da ich nun immer selbst am wenigsten damit zufrieden bin, so bleibt mir nur Schweigen übrig.  — Du siehst, ich bin ein folgsamer Sohn, obgleich der Vater lange todt ist. Aber ich hatte die Bilder nach Rom zu einem Freunde gesandt, um sie sogar – zu verkaufen an bedeutende Fremde im Vaterlande; und das alles nur – entschuldige den Liebenden, Eitlen auf seiner Geliebten Schönheit: um Beatrice öffentlich sehen, bewundern zu lassen, und doch verhüllt, verborgen, indeß sie allein und einzig die Meine blieb — wie hinter dem Bilde, in der seligen unbekannten Ferne, in der wir uns sahen und liebten. Ich wähnte, sie werde gleichsam dadurch erst, wenn sie in der Welt der Künstler und Liebhaber, in den gefüllten Sälen der Großen in gebildeten Städten der Heimath aufgehe, auftrete, wie die Morgensonne mir auf dem heitern Apenin.  Thörichter Wahn! Ist nicht Alles vor und nach der Kunst sein eigen? lebt es nicht sich selbst und Andern und stirbt? Und doch ist

 

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das der Wahn, der alle jungen Gemüther bedrängt: hinaus zu treten, sich selbst zu zeigen, oder die Gestalten, die Kraft ihres Geistes! das ist der Wahn, der Cäsar in grauen Haaren noch über den Rubicon trieb!
        Zuerst bekam ich von meinem Freunde aus Rom einen Brief über die Bilder, in welchem die Verwunderung vorwaltete: woher mir um des Himmels willen solche Erscheinungen in meine Seele gekommen! das Lob war alles auf das im Bilde dargestellte — überirdisch-schöne Wesen verwandt, ja verschwendet! und doch nicht! — denn ich kannte, ich hatte ja Beatrice! Und aus einer, kaum mir gestandenen, Eifersucht antwortete ich nicht so, wie die Gerechtigkeit gegen meine Natur (das lebendige Modell zu Bildern) von mir forderte: daß kein beschränkter Sterblicher aus seiner — wie ein Nelkenableger abgetrennt von seinem Mutterstocke — blühenden Seele so Hohes, Einziges, Neues und Schönes hervortreiben könne, als die Mutter Natur aus ihrem Geiste voll Reichthum an unerschöpften Gedanken, an Sinn und Zartheit, sie auszudrücken, an tausend Zaubermitteln in ihrer Werkstatt, am bildsamsten, lieblichsten Stoffe sie auszuführen! Das, was die Natur gebildet, nur nachzuempfinden, ist schon ein göttliches Talent; es nachzutäuschen, menschliche Schöpferkraft.
        Dieses bedenkend, fing ich an zu zittern, daß Jemand, der meine Bilder geliebt – gekauft, nun Beatrice sähe!
        Da rollte eines Mittags ein Wagen mit vier Pferden vor meine Thür. Ein Herr stieg aus und übergab mir einen Brief von meinem Freunde in Rom, und eine fast lächerlich große Summe Goldes in schweren Rollen für die Gemälde.
        Ich rieb mir die Stirn.    
       Ich kannte den Herrn! Er war ein sehr reicher Ausländer, den wir
 

 

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seiner geschnürten Gestalt, seiner ihm in das Gesicht hängenden Locken wegen nur den russischen Knes nannten. Er hatte den Grundsatz: keine Grundsätze zu haben, nicht einmal böse, geschweige gute; sondern sich, wie ein Autokrator, in und aus dem unseligen Reiche seines Gehirnes vollständig gehen zu lassen, so weit als die unsichtbaren Mauern des Uebereinkommens, die Vermachstangen fremder Gehege und die gelegten Selbstschüsse der Leidenschaften Anderer die seinen nicht schwerverschiebbar hinderten. Sonst vermied er es, und seine Wildbahn war noch unübersehlich und ermüdend groß; und obschon in den Jahren, wo Andere gesetzt sind, lief er noch immer in seinem Labyrinthe umher, in welches er sich freiwillig verirrt, als in den schönsten Palast.  So glaubte er, als eine wahre Ausnahme, ein freier Mann zu sein, den kein Wahn der Menschen befange, kein Vorurtheil hemme, kein Gewissen dupire. Er fehlte also nicht mit Absicht, da er keine hatte, wie keinen Zweck im Leben, keine Aufgabe im Herzen; er war vielleicht noch daheim in der verborgenen Werkstatt des großen Meisters ein leeres, kaltes Vorbild zu einem Menschen gewesen — denn er war schön — und wie ein Bild der Türken, war er in das Paradies der Welt geschwebt; eine Seele zu verlangen, seinem Meister Vorwürfe zu machen, und ein Gehülfe hatte ihm dann nur Augen und Zunge gegeben, um müßig zwar in der Welt zu genießen, zu sehen, wie schön sie sei, jedoch ohne eine Ahnung von wahrem Leben in sich zu tragen, selbst diese nicht: daß er nicht lebe! Mit einem Worte: er war eine hohle Traumgestalt, die doch schreckt oder entzückt, so wie der Schlafende, dem sie ans Bett gesandt wird, nun träumen soll — dem Wachenden aber nicht einmal ein Gespenst.
        Sein Charakter schloß indeß nicht Vorliebe für gewisse Antiken
 

 
 

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und neue reizende Gemälde aus, wie er überhaupt aus Gewohnheit alle Bedingungen erfüllte, um rühmlich in der Gesellschaft zu figuriren. Er hatte die Bilder bei meinem Freunde behandelt, nur den kleinen Finger, nach seiner vornehmen Weise, darauf gegeben — sie waren durch ein Versehen bei dem Freunde verbrannt, — ach, sie waren vom rohen Element unverschont und für Nichts geachtet verbrannt, und dennoch eilte er desto mehr, sie — als durch sein Wort sein Eigenthum geworden — mir zu bezahlen&mbsp;. . . .  und sie neu zu bestellen, indem er noch die Cartons bei mir vermuthete, wie er, mit blinzenden Augen, sagte. Der Freund, selbst ein Maler, entschuldigte sich beinahe kläglich in seinem Briefe; denn er wußte wohl: daß kein Künstler arbeitet und Gold nimmt — um nicht gemalt zu haben, sondern weil er gemalt hat, und daß Keiner seine Werke, um den doppelten Preis sogar nicht, verkaufen würde, wenn es Bedingung wäre, daß sie der Käufer zerstöre, ja nur verletze!
         Ich empfing ihn also doppelt verdrießlich.
       Dreifach aber war er mir unwillkommen, als Beatrice aus Neugier das Glas Wasser ihm brachte, um das er gebeten. Sein Erstaunen mußte sie selbst in Erstaunen — stellen, denn wie er vor ihr stand, stand sie vor ihm, bis sie in Lachen ausbrach, als ihm das Glas aus der nicht mehr beachteten, nicht empfundenen Hand auf den mit gefirnißten rothen Steinen getäfelten Fußboden des Zimmers fiel. Sie winkte mir lächelnd und war verschwunden.
        Er war verlegen. Er schien nicht mehr die Gemälde bestellen zu wollen, sondern ganz etwas Anderes im Geiste zu verarbeiten. —
        „Also das ist sie!“ sprach er. »So hat mein Begleiter doch Recht
 

 

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gehabt: Ihre Bilder wären nach der Natur gemalt; denn so individuell, so bestimmt, so bedingt bis auf das kleinste Härchen vermöge keine Phantasie etwas aus sich hervorzutreiben. Diese Wahrheit ist ein Unglück für mich — weil sie ein Glück ist für Sie. Das ist ja klar! Und aufrichtig gesagt — denn ich ehre Sie — wenn wir andern armen Schelme das liebe Geld und die werthen Güter nicht hätten, nicht so leidlich aussähen und reden könnten wie ein Buch, so möchte ich“ (— wechselte er im Styl —) „als Liebhaber mit keinem Künstler auf die Waage der Liebe treten, besonders wo noch unschuldige Kinder, die das Beste und Schätzbarste am Menschen begehren und sehen, mit ihrem Zünglein den Ausschlag geben. Wenn aber der Künstler zu seinem Talent, seinen Werken zum Ueberfluß auch noch schön ist“ — (er lächelte dazu) „noch Gold hat, von Rang ist — wie ich von Ihnen im Vertrauen gehört: so empfiehlt sich Ihnen billig Ihr Freund und Verehrer!“
         Und so that er auch. Er ging. 
        Unten im Hause war Beatrice beschäftigt, und um mit Ehren noch bei ihr stehen bleiben zu können, ersucht’ er mich nur um die Wiederholung des Portraits.  Ich verweigerte nochmaliges Gold dafür. Mit artiger Wendung wollt’ er es Beatricen, als dem Original „für ein Stündchen Sitzen“ anbieten, aber sie erwiederte fein und stolz: „ich nehme nichts dafür, daß ich bin.“
        Und so rollte der Wagen fort.
        Und doch — war das nun Alles ohne Eindruck, ohne Folgen? – Auch das nicht, wie Nichts in der Welt! da sie eben nichts ist, als eine unübersehliche Masse von Kräften und Schaar von Ursachen.
        Ich malte sie also wieder, meine Beatrice; aber nun mit ganz
 

 

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anderem, oft sehr schwerem Herzen, woran meine Liebe zur sogenannten Künstlerfreiheit schuld war; denn nichts Anderes hatte ich zu bedenken. Und unter dem Anschauen ihrer Züge bedacht’ ich meinen durch sie, wie durch eine mildere nahe Sonne, reifenden Entschluß. Der Künstler ist ausgeschlossen durch sein einsames Denken und Arbeiten von den meisten Vergnügungen anderer Menschen. Was sie bewegt, bewegt nicht ihn. Er arbeitet gern, er muß, und galt’ es sein Leben — aber desto mehr mahnt ihn dann der Mensch, der Mann — und er hat nicht Zeit, zu prüfen, zu wählen, nach Allem zu gehen; so lernt er das Edelste nicht kennen, das Herrlichste ihn nicht, und so ergreift er in Hast von der Welt, was ihm am reizendsten scheint: den Wein und die Mädchen. Aber das fördert, erhebt ihn nicht, es zieht ihn herab, ohne ihn fesseln zu können, und beschränkt, verwirrt, verdirbt ihm sein reines Gemüth; denn Ruhe der Seele, volle Gesundheit gehört zu künstlerischem Schaffen; aus Leiden und Noth, aus einem Bewußtsein voll Schmerzen und Sünde ist noch kein göttliches Werk hervorgegangen, nur aus reiner Wonne — der Mutter von Allem, was lebt – und heiligem Ueberschwung der Seele. Aber bedarf er des Sinnlichen und des Menschlichen, vom Glanze des Thaues, vom Schimmer der Seide, der Falte im Gewande und dem Schatten im Schatten an, bis zum Lächeln der Liebe, der Mutterfreude, zum Verständniß der Schönheit und des Lebensgeheimnisses, um von Menschen verstanden und geliebt zu sein; bedarf er einen Halt im Leben, Jemanden, der ihn der menschlichen Sorgen überhebe; bedarf er der Freude am Leben — wo nimmt er das Alles nun her in Einem? Kann er es rauben diesem und jenem Manne oder Weibe? es erwerben in üppig durchschwärmten Nächten? kann er es zusammenstellen wie ein Bild, aus lauter
 

 

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fremden Gesichtern, aus schönen Mädchen wie Engeln, und aus geborgten Kindern? Das ist ein Wahn, den ihm nur eine Erfahrung benehmen könnte, die er verabscheut! In dem Einen, dem Seinen: dem eigenen Weibe, den eigenen Kindern, dem eng zusammengehaltenen Leben liegt für ihn alle Wonne des Alls, und der Schlüssel zu dessen Verständniß, zu allen Freuden und Leiden, zur Unruhe der Lebendigen und zur Ruhe der Todten — wenn, das Herz, das Gefühl des Künstlers zu bilden, zu nähren und reich und voll zu erhalten, sein Kunstquell ist. Statt ein schwebendes Phantom auf Erden zu bleiben, wird er ein Mensch, er hat Jemanden, für den er immer auch ohne Bestellung arbeiten kann, der ihn liebt, ihn lobt, den er glücklich macht durch Werk und Leben, der ihm einst die Augen zudrückt im Tode und ihn redlich beweint. So liegt es denn nur an dem Willen, dem Suchen und Finden. Denn auch für den sonderbarsten Künstler gab’ es ein Weib — aber es sei keine an Streben wie er, sondern die reinste, die einfachste, frömmste Seele in einem schönen, jungen, Aug’ und Herz erquickenden Leibe. An einem solchen Weib ist noch kein wahrer Künstler verkümmert, aber Viele sind untergegangen ohne ein Solches, vor der Zeit und ohne den Ruhm und die Werke, die sie doch schaffen wollten, geschaffen hätten, im Aeußern beglückt wie im Innern. Denn des Künstlers Geist sei noch so reich, so wunderlich, so scheinbar erhaben über die Menschheit: sein Herz soll dennoch voll Liebe sein, und sein Leben der allgemeinen schönen beseligten Menschheit gleich bis auf die größte Kleinigkeit.
Denn der Mensch ist ein Künstler, darum soll der Künstler ein Mensch sein. 
Kann er wo frei und froh sein, so ist es bei den Seinigen; und sein verständiges Weib wird seine Träume nicht für
 

 

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sein Leben halten, und er bedarf es nicht, sich zu erniedrigen unter die Menschheit, um über sie unter die Götter zu schweben. Und wenn ich ihn nicht verachten soll — daß mir Niemand komme und sage: „Mache deine Studien, schaue dich satt an allen schönen Formen; ich verlange vom Manne geringere Züchtigkeit, loseren Anstand, freiere Sitten, gemeinere Gesinnungen als von einem Weibe, das zum Pinsel oder, was Gott verhüte, zu Meißel und Schlägel greift — das Einzige fehlte uns noch.“ — Ich aber ehre mich als so züchtig und zart wie die zarteste Jungfrau, wenn von dem Sinne bei Studien Rede geht. Mehr Stärke aber, haben wir als das Weib, von dem, was wir sehen, nicht hingerissen zu werden, als sei das Mittel, das wir bedürfen, die Sache. Wer gelassen sieht, der bleibt gelassen wie die Sonne; wer fromm mit Natursinn sieht, was auch die Natur gebildet, der wird dadurch nicht ruchlos, und es ist zum Erstaunen, wie viel einem reinen Gemüth erlaubt ist, welche größere Schöpfung ihm billig aufgethan ist! ja die heiligste, geheimste, herrlichste! Also ohne den Reiz, den Wunsch, es zu besitzen, schaue, wessen Dein Auge bedarf zu Deinen Werken, das verdenkt Dir kein Weib, keine Italienerin, und welche sonst vernünftig ist unter diesem Geschlechte.
        Beatrice lächelte zum guten Augenblicke, ohne zu ahnen, was ich dachte.
        Sollte ich nun die Schönheit malen, die rosige schneeige Fülle, den Nacken, die Brust, das Lächeln, das Auge, ohne sie zu lieben? (Vielleicht sollt’ ich nicht.) Denn wenn ich auch bloß Auge war, Lebendiges auf das Malertuch niedertrug, so lispelte es doch immer in mir: o wie schön, wie himmlisch ist das! wie besser, wie herrlicher als dein Bild, deine Bilder — um welche du auf das Herzigste der Erde
 

 

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verzichten willst; — wie belebt! und ach, wie einzig! wie liebevoll — siehe, wie sich ihr Busen hebt, wie ihre Lippe schmachtet, ihr Auge glänzt! Dann fühlt’ ich mein Herz klopfen, die Augen verdunkelten sich mir, ich legte den Malerstock weg, schob die Staffelei zur Seite – und die Sonne des Mondes, das Urbild meines Bildes stand auf, es sprach, es glühte und legte die Hand auf meine; sie war warm, sie bebte!
        Sollte sie es nun nicht sein, die mich beglückte als Menschen, und auch als Maler! die mir das Leben aufschloß und alle seine Geheimnisse? — liebt’ ich sie nicht? und liebte sie mich nicht, war sie nicht rein, einfach und fromm? —
        „Du solltest mein Weib sein!“ sprach ich weich und ohne Gefühl der Erde. Und sie bebte sanft, sahe in ihren Schooß und lispelte nur: „Wann denn? wo denn? Du Lieber!“
        So war unsere Verlobung.