Leopold Schefer
Der Kuss des Engels

 
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 bullet1 Der Kerker

 

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Civita Lavinia, Weihnachten 1825.

        Ostern war spät im Jahre gefallen, ob das Frühjahr gleich hier nicht viel schöner ist als das ganze Jahr, so umfing uns Wandernde doch Frühlingsfrische, begegneten wir neu und kräftig grünenden Bäumen, und ein reiner blauer Himmel umwölbte uns. Den andern Tag unserer Reise machten wir Mittag in La Ariccia. Rosalia schien hier bekannt, sie sahe sich aber doch nach dem andern Thore um. Daß aber auch wir hier bemerkt worden waren, bezeugte ein immer größerer Auflauf vor dem Hause, worin wir eingekehrt. Einige Weiber kamen auf einige Augenblicke herein, sahen uns an und enteilten wieder — schweigend. Das hatte zu bedeuten! Nach einiger Zeit aber traten Sbirren zu mir und ergriffen mich, um mich fortzuführen.   Ich frug sie nur, in welcher Qualität sie mich verhafteten? und Einer von ihnen trotzte: „Das wissen wir nicht! Wir sind wir!“ Ein Anderer aber belehrte ihn: „Das wissen wir wohl, aber kein Verhafteter braucht das zu wissen.“  Ein Dritter aber, voll süßen Weines, sagte mir frei: „als Mädchenräuber!“  — Das beruhigte mich, wenn es weiter nichts war, und kein anderer Verdacht, in dieser für Manchen bedenklichen Zeit, auf mir haftete. Ich verließ Geld, um Rosalia wohl indeß zu bewirthen, die mich weinend scheiden sah und furchtsam, wie Mädchen sind, sich verbarg und für ihren Freund nun zitterte. Das liebe Kind!  — Dann folgt’ ich den Sbirren in ein Gefängniß, das in der uralten Stadtmauer befindlich, vielleicht so alt, wie sie selber war.
Sie schlossen hinter mir zu, und ich saß an dem schönsten Orte der Welt im Finstern, im herrlichsten Frühling mit Steinen allein. Ich lachte, ich freute mich fast. Ich war doch lieber lebendig in diesem unerwüstlichen Gemäuer und war ich selbst, als Simon Mago in seinem Grabe wenige Schritte von mir! oder als der Todte Borgognone, der in der hiesigen Kirche die Assumtion gemalt; ja lieber als Archiloos, der seine Stadt

 

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Herminia hier erbaut und ein halbes Jahrtausend vor dem trojanischen Kriege schon todt war! Der Gedanke beschäftigte mich: ob es besser sei, ein Lebendiger zu sein, selber Einer, der Nichts in Kopf und Herzen hat — oder ein Todter, und große Thaten gethan, unschätzbare Werke geschaffen zu haben? und ich entschied mich, lieber ein großer, nützlicher Todter zu sein, als ein unnützer — Sterblicher, und beschloß, mich sogleich in mein Grab zu legen, wenn ich Raphael gewesen und nur das Bild in den Stanzen gemalt, wo der Engel den Apostel aus dem Kerker erlöst, wo Licht von dem himmlischen Boten ausstrahlt, der keinen Schatten hat im grellen Glanz der Fackel, noch im Schein des Mondes, der durch das Kerkergitter bricht, indeß diese drei verschiedenen Lichter einen geheimen zauberhaften Streit unter einander um die, und in den Schatten der übrigen Menschen führen! Und so legt’ ich mich hin, um mit dem Todten zu tauschen, wenn er wieder aufstehen wolle, ja wenn ich auch namenlos, werklos nur sterben sollte oder könnte, damit der verehrte Genius aller Maler wieder aufstehe, lebe und male! Ich freute mich, daß ich meine Kunst höher schätze als mein Leben, und selber mein Malen. Der Künstler, der den größten Werth auf seine sieben Werke legt, der hat die Welt, der hat die Kunst noch nicht empfunden, noch nicht — erfahren, der also ist ein Stümper ohne Weihe, dem die Darstellung lieber ist als das Dargestellte, das ihn ja erst zum Künstler schafft, ihm Stoff, Gehalt und Leben giebt.
        So schlief ich ein. Ich war unschuldig, und was ich nicht gethan, was mir nur geschieht, das hat mich nie bekümmert. Ich hatte gefehlt — gefehlt aus zu kindischer Nachsicht mit dem frommen Mädchen, das ich nicht auf die Folter der Fragen gespannt, nicht den Gerichten gemeldet und übergeben, und eine thörichte Wanderung mit ihm angetreten!

 

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Aber doch keine thörichte, keine vergebliche! Ich hatte sie schon Bekannten zugeführt, vielleicht ihren Aeltern!  War also mein Gang ein Irrgang? eine Thorheit des Herzens? Mit nichten! Ich freute mich und bedauerte nur, nicht Zeuge der Freude von Vater und Mutter zu sein: die liebe Pilgerin wieder ans Herz zu drücken! Die Frühlingsluft hatte mich müde gemacht und mit ihren neugemischten schöpferischen Kräften bezaubert, daß ich so festen Schlaf schlief, wie den des Turnus und des Aeneas zusammen genommen!
        Doch als ich erwachte, glaubt’ ich zu träumen! die Wände meines Kerkers waren vergoldet; sie leuchteten, wärmten und glänzten mich an mit Rosenglut; bärtige Männer schienen mir bis in den Himmel zu ragen, in dessen Schimmer sie standen, und nahe vor mir neigte ein Engel sich über mich mit lächelndem Gesicht und hielt den Athem an. – Alle Morgen ein solches Erwachen, und das Leben ist alle Tage schön! Die Jungfrau hatte geharrt, bis ich munter würde, sie schien desgleichen über mich verwundert, auch mein Gesicht mußte leuchten, denn ich konnte kaum die Augen aufschlagen, so blendete mich die Morgensonne, die zu dem geöffneten Kerker herein ihren zitternden Lichtstrom wälzte!
Auch Rosalia begrüßte mich. —
        „Macht dem Volke keine Freude mehr — sprach ein Weib, das schön gewesen und noch in ihrer Haltung ausgezeichnet war, mit sonorer Stimme zu mir — sondern geht gleich von hier aus Eure Straße. Ich geb’ Euch meine Tochter, meine Beatrice, mit nach Velletri zu Rosaliens Mutter, die gestern Morgen erst bei uns war und uns den Verlust des Kindes geklagt; denn meine Schwester, die auch in Velletri wohnt, ist die Santola (Pathe) der Rosalia. So sind wir geistige

 

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Verwandte, Freunde und Bekannte. Aber das Kind lügt nicht, es hat uns Alles aufrichtig gesagt und die Angst abgebeten, und weil es sich noch fürchtet, soll eben Beatrice mit Euch gehen zur Mutter, einer armen Wittwe, die ohne ihr Kind nun ganz arm, ganz verlassen war. Doch die neue Freude macht das alte Leid vergessen, das ja nun vergeblich ist! So geht denn in Gottes Namen! Mit Euch lass’ ich die Tochter gehen, so weit sie will. Gestern wohl hatte ich Ursache, anders von Euch zu denken! Denn ein schönes junges Mädchen ist freilich ein großer Schatz, das wissen wir Alle! In Herzenssachen ist Niemand ehrlich, und ein Gärtner läßt sich die Mühe nicht dauern, bei Zeiten eine edle junge Rebe zu legen, die ihm die nächsten Jahre erst Trauben bringt. Es wäre viel besser und sicherer, wenn Jeder sein Weib als Kind heirathen könnte, um es sich erst zum Weibe zu ziehen und Liebe in seine Brust zu pflanzen, wie ein Vater es thut, der deßwegen mit seinem Kinde weit rechtschaffener lebt, als Mancher mit seinem Weibe. Wir sind nicht undankbar! Darum gab ich der Mutter den Trost, ihre Rosalia würde ein gutes Weib werden und einen glücklichen Mann machen, wenn es der Räuber auch nicht verdiente! Jetzt geht nur, geht; Beatrice zupft mich! Aber man muß doch immer gleich Alles sagen, was man denkt, sonst weiß man bald selber nicht mehr, was man gedacht hat und schon gesagt!“ —
         Sie reichte mir die Hand, mein Geld und meine Mappe. Sie hatte das Alles besorgt, Alles gut gemacht, wie sie es veranlaßt. Ich mußte lächeln und sah in ihrem Gesicht, wie sehr der Anblick eines ehrlichen Mannes eine unehrliche That beschönigt, ja ich glaube, sie hätte sogar mich dann noch entschuldigt, auch wenn ich schuldig gewesen; so war sie voll Freude.  Die Sbirren streckten die Hände aus, der erste nach Schließgeld, der zweite nach Schlafgeld, der dritte nach einem

 

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Morgentrunkgeld; und als ich ihnen das reichlich gegeben, verließen sie mich mit einem freundlichen: „Auf Wiedersehen.“ Beatrice’s Mutter bat mich, den groben Gruß nicht übel zu nehmen, und sahe uns lange nach. So wanderten wir; die Mädchen voran, ich, an den schönen Gestalten mich weidend, hinterdrein, ja ich mußte oft stehen bleiben, so beklomm mir Beatrice’s Wuchs und Gang die Brust, und der silberne Pfeil in dem Haare auf ihrem in der Sonne schimmernden Haupte durchbohrte mein Herz; der volle milchweiße Nacken zwang mich, die Augen halb zu schließen, ich seufzte unwillkürlich, und nach und nach hingen Thränen an meinen Wimpern und rollten gefüllt zur Erde. Sie wandte sich oft um, zu sehen, wo ich bleibe? und nun gewahrt’ ich die rosige Wange, das edle Profil, die weiße Stirn des geneigten Köpfchens, die frischen, wie stolzen Lippen und den Blick des seitwärts spähenden schüchternen und doch schelmischen Auges. So wanderten wir durch den schönen Wald, beschattet von warmen, lebendigen Schatten, vorüber an St. Maria di Galloro mit dem jetzt leeren Kloster der Mönche von Valombrosa, vor dem ich stehen blieb. Auf dem schönen Platze am fließenden, mit Marmor gefaßten Brunnen erwarteten mich Beide. Ich nahte ihr lächelnd, die Blicke wie zu einem glänzenden Leitstern auf sie gewandt, und auch sie sah mir entgegen mit Lächeln im Antlitz.
        Du wirst mir zutrauen, daß ich mich wohl auf Schönheit verstehe, denn wir Maler leben mit Leib und Seele ja nur von ihr; keine Abweichung, keine Eigenheit entgeht uns, denn so haben wir schauen gelernt an den von heißen seligen Gemüthern schon aufgefaßten hingezauberten Formen; so haben die Gemälde uns die Natur dann selbst noch schärfer anzuschauen gelehrt, zu finden, zu kennen und

 

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anzuerkennen, was da schön ist in ihrem großen mannigfaltigen Reich der Bildungen, in ihrem schönen Menschengeschlecht, alle Stufen und Alter hinab von Kind bis Greis, und diese wieder in allen Zuständen vom Wiegenschlaf bis zum Schlaf im Sarge. Wie jedes Mädchen auch nur Braut werden sollte, um alles zu fühlen, was in dem Herzen eines Weibes Ahnungsvolles und Seliges liegt, so sollte ein Jüngling wenigstens ein Maler werden wollen, damit das Auge seiner Seele aufginge über alles tausendfach Schöne der Welt, in der er wandelt und wandeln soll. Das Antlitz aber, das ich jetzt sah, war eine Urform, ein Vorbild aller Jungfräulichkeit und Weiblichkeit. Und daß dieß Mädchen auf diesen Höhen geboren, genährt und aufgewachsen war – daß sie Beatrice hieß – wie konnte das dem Götterbilde schaden? Wo mußte sie her sein, wo wandeln und athmen! und lagen diese zauberischen Gefilde nicht in der heiligen Welt? nicht mitten in dem schönen Italien? Nun erst sah ich sie zuversichtlicher, mit meiner Phantasie verständigt an, und freute mich ihrer, daß sie hier wandelte und athmete, daß sie mich anlächelte und jetzt aus ihrem rein gespülten hohlen Händchen Wasser aus dem Rohre fing und trank und das Händchen mir nicht entzog, als ich wie mit einem unschätzbaren Becher auch mir damit Wasser schöpfte und daraus trank, bis meine Lippen den rosigen Grund des Händchens berührten und immer noch schlürften, wie küssend; als ich wieder damit schöpfte, und sie das Wasser zwischen den Fingern entgleiten ließ — um mich zu necken! —
         Rosalia sahe das still, und kaum ein leichtes Lächeln flog über ihr Gesicht. Wir konnten kaum los kommen von dem wie bezauberten Orte, denn die Bezauberung lag in uns! In uns, ach, nicht in mir allein. Denn was soll ein Mädchen lieben an einem jungen Manne als die Liebe?

 

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denn die Schönheit, die sie an sich trägt, erweckt sie ihr ja, und sie weiß es! Und Beatrice sah die junge Liebe schon ganz und in voller Blüthe, wie ein Veilchen schon ein Veilchen ist, das kaum aus dem Grün sich gelöst und halb noch in Blättern verbirgt. Ich fühlte die Glut, meine und ihre verstärkt, wie wenn die Sonne in Feuer scheint. Denn das war nicht Maler-Wohlgefallen — das war menschliche, jünglingshafte Begeisterung. O Geheimniß der ersten Stunden der Liebe, leises Aufbrechen, verhülltes Werden, göttliches Entfalten durch wenig Blicke aus Augen in Augen, durch gelispeltes Hauchen aus Seel’ in Seele! Und doch schmelzen sie zwei Wesen zu Einem, fester, ewiger als die Felsen, und das Erz in ihren Adern.
        O hätte der Weg doch unendlich gedauert! Weiß ich doch nicht, wo ich gewandelt! es war nur ein Schweben, ein Seligsein in einem offenen großen Gebäude — voll Licht und Farben, Säuseln und Glanz — das man die Welt heißt! So lag denn die alte Hauptstadt der Volsker, Velletri, auf seiner Höhe vor uns, von mir kaum betrachtet; ich wähnte nicht, in irgend einem der Häuser, das neu überbaute Geburtshaus des Kaisers Octavianus Augustus doch auch zu erblicken; ich spähte nur nach dem Hause, wohin Beatrice zu ihrer Mutter Schwester deutete und führte.
        Mit einer innern Freundschaft und Vertraulichkeit, wie mit Blut und Leben zu dieser Familie gehörig, blieb ich dort und überließ es dem Fürwort Beatricens und der Fürsorge des Weibes, mich darin einzurichten, wie sie vermöchten. Als Beatrice die wiedergefundene Rosalia zu ihrer Mutter führte, dachte ich an keine Freude derselben — ich empfand nur schmerzlich die erste Trennung von ihr; und ich lebte gleichsam indeß, bis sie zurückkam, nur von dem Blick, den sie mir gab und zurückließ, als sie aus der Thür trat, und dann draußen zum offenen Fenster in das Zimmer sah, eine Rose nach mir warf und sagte: „das ist die erste!“