Leopold Schefer
Der Kuss des Engels

 
 
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 bullet1 Der Patitio

 

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Civita Lavinia, Weihnachten 1825.

        Ich konnte lange nicht schlafen und bedachte, welchen Schatz ich erworben, ach nein! nur kennen gelernt! welches zarte, fromme Gemüth, das in der jetzigen kalten nüchternen Welt warm wie in seinem Herzen lebt; unter den flüchtigen immer wechselnden Gestalten der Erde — nur in seiner Phantasie verweilt, die durch nichts überwältigt, noch gelöst werden kann! eine treue Seele, die keine Zeit kennt, der keine Jahrtausende verflossen sind; ein unerfahrenes Mädchen, wie man sagt, dem das Herz den Schleier ewiger Gegenwart über Himmel und Erde und Sonne und Blumen geworfen — das selbst nicht daran dachte, daß sie Rosalie heiße, welche Sprache sie rede, denn sie war gekommen, wie sie mir sagte, gekommen — den Heiland begraben zu sehen. Ich lächelte erst, dann weint ich innerlich über mich selbst. Was weiß ich und die Menschen gegen das liebe Kind, was frommt uns das Wissen, was malen und meißeln wir, als um zu täuschen mit unserem schönen Schein;

 

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und ist es uns gelungen, glaubt unserem Kunstwerk Jemand, und sei es ein Kind: so lächeln wir, und einem Erwachsenen lachen wir klug ins Gesicht. Wir bilden uns Etwas darauf ein, daß Alles nichts ist, nicht einmal Täuschung. Und wie hebt denn die Liebe an? nicht mit Abschließen, Ausschließen, und stiller Seligkeit durch den und mit dem Geliebten allein, allein! Ach, daß das ewig so bliebe! denn wie hört die Liebe auf? — durch Hereinbruch eines Zweiten, durch ein Zerstücken unseres Wesens, und wir sind klug, aber unselig; wir sind nicht mehr geliebt, aber dafür – lieben wir auch nicht mehr. Würdige Rache! Ewig ist, was gewesen ist, aber daß das Ewige ist, und nur das, die Ueberzeugung können wir nicht erlangen, geschweige festhalten, und alle Welt und wir Künstler brauchen sie nöthig, wie das tägliche Brot, sonst sterben unsere Werke Hungers! und wer lebt und Lebendiges schaut, wer liebt, der lebt nur von Lichtblicken derselben, die nicht so selten sind, zum Glücke der Menschen, aber sie ziehen sich lieber zurück in die kalten Schatten.
        Die holde Schwärmerin hatte mich angesteckt, ihre Erscheinung mich eingenommen, ihr ganzes Wesen das meine, halbe zu Nichte gemacht und Sinn und Herz mir überwältigt. Auch sie war nicht glücklich, was man so sahe an ihr; aber gegen ihre Leiden hätte ich alle meine Freuden dahingegeben, wie einen Kranz künstlicher geruchloser Immortellen gegen einen Frühling voll natürlicher, ambrosischduftender Veilchen und Hyazinthen. Das fühlt’ ich, und war ich bereit. Die von den Thürmen der Stadt jetzt nicht von Glocken verkündeten, nur mit hölzernen Klappern und Schnurren herabpolternden Stunden schlugen schwer an mein Herz, und ich versprach mir: Rosalia in ihrem schönen Gefühle so

 

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glücklich zu machen, wie Rom es zu werden der Ort ist, der Alles bewahrt und enthält, sichtbar und antastbar, wessen das liebliche Wesen bedurfte, und was schon manchen Pilger entzückt. Ich wollte das wenigstens sehen. Sie sagte mir nicht am Morgen, woher sie sei; sie lächelte nur, als ich sie frug, ob ihre Mutter oder ihr Vater um ihre Pilgerschaft wüßten? ob Jene nicht in Sorgen um sie wären? oder sie um Jene? — Sie schien dann einen Augenblick gleichsam zu erwachen, sie that einige Schritte nach der Thür; aber dann legte sie den Finger auf den Mund, stand und kam dann sanft zurück und sahe mit flehenden Augen mich an. — Ihre Aeltern wußten gewiß nicht um sie! Aber sie schwieg. Ich wollte also die besuchtesten Orte mit ihr betreten, um sie zu zeigen, wenn Jemand nach ihr gekommen. Ein Freund sagte mir: ihrer Kleidung nach sei sie aus der Gegend von Albano oder Genzano; und da ich nach Velletri den Sommer über in Villeggiatura zu gehen bereit war, und das schon in diesen Tagen: so führte ich sie dann mit! Dadurch war ich beruhigt. In der Kathedrale von Messina in dem linken Seitenschiff ist freilich die großartigste, eine ganze Halle füllende Griechische Madonna, hingezaubert durch bloße Umrisse — aber da waren wir leider jetzt nicht; und in Rom ist keine Himmlischere, über alles Menschliche, Weibische, Irdische weit Erhabenere, als die in der unterirdischen Kirche von Sanct Peter. Selbst Jene in der Kirche — auf der Tribüne — von St. Maria in Cosmedin, ein wahrer Schmuck der Welt, bei der Verfolgung der Bilder geflüchtet und gerettet aus Griechenland, kommt Jener nicht gleich, und alle Andern sind vielleicht unaussprechlich schön, reizend, jungfräulichmütterlich — aber so göttlich doch nicht! wie  Niemand  einen  Christus  gemalt  hat, als  Leonardo da Vinci, 

 

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wo Er auf den aufgehobenen zwei Fingern der Linken mit dem Zeigefinger der Rechten die höchsten zwei Gebote erklärt. Alles Andere hat mancher Andere gemalt. Das aber nicht; denn nur das Höchste ist ja das Wahre, oder das Einzigwerthe — wer bescheiden genug ist: damit zufrieden zu sein!  Ich weiß das nicht.
        Diese zeigt ich denn Rosalia. Am Ostermorgen aber die gleichfalls einzige Auferstehung von Raphael auf den Arrazen, wie Christus groß und blaß und lächelnd aus der schwarzen Grabesthür herausschreitet in seine morgenfrische Welt! Dann durchgingen wir die Logen im Vatican, die Zeit der Väter hinauf, zurück bis ins Paradies, bis wo der alte heilige Vater die Welt schafft in Feuerbegeisterung und mit allmächtiger und doch nur gemessener Kraft links den Mond und rechts mit der Hand die Sonne fortstößt auf seine Bahn, auf ihre Stelle! –
        Wie sie das alles sah, wie sie nicht erstaunte, sich nicht verwunderte, sondern nur sah, durch das offene Auge in die offene Seele sog und bewahrte! Ich war wieder ein Kind mit ihr!
        Vielleicht aber war ich zu grausam gegen das gefühlvolle Gemüth der zarten Rosalia, daß ich sie in die Kirche St. Stefano Rotondo führte, einen nie vergessenen Aufenthalt für den, der ein Herz hat! Sie ist aus zwei großen Kreisen von Säulen gebildet; der innere Kreis derselben steht frei, aber die Säulen des äußeren sind mit Mauer verblendet, und Niccolo Pomarancio hat sich erschöpft, alle Martern aller Märtyrer darauf zu malen. Was mag der Mann gefühlt, geträumt und in der Phantasie gelitten haben! Denn Du siehst nun alle Gequälten, alle Qualen — und verstärkt, wachsend durch die Dauer der im Bilde festgehaltenen Leiden! Da brennt das Feuer, und die Zange sprüht und glüht; da

 

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schneiden die Schwerter in den schönen Leib schöner Frauen; da sägen die Sägen im Fleische der Menschen; da fließt das siedende Blei in den Mund; da sticht der Stichel ins Auge des Leidenden, der mit dem andern nach Erbarmen Dich ansieht.
        Unerträglich, geistzerrüttend wäre das! Wenn es nicht wieder durch seine Schrecken alle einen Trost bei sich führte, den: daß zu viel Leid ist! daß eines das andere verdrängt, betäubt, überbietet! und daß das Schrecklichste ohne einen Laut des Schmerzes, ohne eine leise Klage mit frommen Blicken, mit betenden Händen erduldet wird, als schmerze es nicht, und es gäbe eine höhere Wonne und Zuversicht, die alles Irdische verachtet, eine Wonne, die wunderbar in das Herz des Beschauenden übergeht, wenn Männer und Frauen voll Kraft des Glaubens mit seligen Augen den Himmel offen sehen, wo ihnen Engel die Märtyrerkrone entgegenhalten, und Maria und der ewige Sohn nach ihnen die Arme ausbreiten. Das hat der Maler nicht vergessen! Das entschuldigt ihn nicht, das macht ihn zum Künstler im Sinne seiner Zeit. Als aber Rosalia aus dem Tempel hinaus kam, ging sie betäubt und traurig den Tag über, ja sie träumte voll Angst und Thränen die Nacht durch, bis sich am Morgen die Schrecken verzogen, und in ihrem Gemüthe nur die geschaute Treue, der Glaube der Menschen sich tief befestigt, wie sie auch mich ermahnt und aufgefordert: kleinere Uebel des Lebens in unseren Tagen mit desto größerer Geduld zu ertragen — wenn die kleinen Schmerzen, die langen Leiden nicht eben die unausstehlichen sind, und der Mensch zu jeder großen kurzen Sammlung der Kraft zum Leiden oder zum Thun am fähigsten ist — vor allem aber, durch weise Anwendung das wohl zu benutzen, was jene frommen

 

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Menschen uns erst erworben und erhalten und gut gemacht — was die undankbare Welt so gern vergäße. — Für mich aber war ich besonders von Nutzen, gleichsam aus Ahnung in der Kirche gewesen, wie Du bald sehen wirst. Du wunderst Dich vielleicht mit Recht, wie Du meinst, daß Rosalia so ruhig bei mir blieb und nicht nach ihrer Heimath, nach ihren Aeltern verlangte, wahrscheinlich nur selten an sie dachte. Bedenke: sie war in Rom! in Rom, wo Könige ihr Reich und ihren Thron vergessen, der Künstler seine Freunde, sein Vaterland, der Liebende nicht selten seine Geliebte. Darum komme auch Du nicht hierher, wenn Du eine hast, wenn Dir sonst etwas lieb ist; denn Jeder findet hier wohl etwas Besseres, Schöneres, als er sonst wo gesehen! Hier geht ihm das Herz auf, hier öffnet sich sein Auge, und die Meisten wundern sich, wie sie daheim mit so Mittelmäßigem begnügt gelebt, wie es sie habe entzücken können. Was hier in Rom Probe hält, das ist überall gut, wenn nicht auswärts vortrefflich, oft einzig. Und Rosalia war erst einige Tage hier, wo Jahre dazu gehören, das Beste zu sehen, wiederzusehen, und wo denen, die hier geblieben, zuletzt ihr ganzes Leben nicht langt. Und sie war hier, die fromme kleine Pilgerin! Indeß wollt’ ich meine Pflicht erfüllen, so schonend zwar, doch so gut ich vermochte, ob Rosalia gleich schwieg, aus Furcht, ich werde sogleich sie fortführen, sobald sie ihre Heimath und ihre Aeltern verrathen. Vielleicht scheute, ja fürchtete sie sich nun auch heimzukehren.