Leopold Schefer
Der Kuss des Engels

 
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 bullet1 Der Kuss des Engels

     
 

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Civita Lavinia, Weihnachten 1825.

 Daß ihm die Schönheit begegnet, kann Jeder gewiß sein, der nach Italien, der nur nach Rom geht. Das sag’ ich Dir, Du lieber, schöner, gesunder Freund, Du voller Mond, den Einundzwanzigsten! Daß aber ihm auch die Liebe entgegen kommt, ja daß er nur mühsam sie findet, das ist ein seltenes für den Einheimischen, und erst für den Fremden ein kaum zu erwartendes Glück. Aber, o Freund, daß ihm die Liebe in Gestalt der Schönheit erscheint, aus himmlischen Augen ihn ansieht, mit entzückendem Laut aus rosigem Munde anredet und, wie mit Götterarmen, an eine Götterbrust drückt, dieß überall einzige, köstliche Glück — es war auch hier mir bereitet!
        „Auch hier“ sag’ ich, o Freund, nicht weil ich es sonst schon wo genossen. — Nein, mein Jugendgefährte, Du weißt es! und wie hätte ich es denn hier genossen — wie hätte mich die Liebe gleich dem ersten Frühlingsgewitter mit seinem himmlischen Umflügeln, mit seinen Rosenblitzen, seinem heiligen Murmeln aus uralten Tagen, neu wie ein Kind begrüßt? Wie hätten seine Schauer mir erst alle Blumen aufgeschlossen, seine Blitze ihren duftenden Häuptern Wohlgeruch in Strömen entlockt? Wie hätte ich hier erst die Nachtigall verstanden —

 

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was sie klagt und jubelt, was die Lerche — in den Himmel steigt und singt, auf sonnigen Flügeln sich wiegt, und warum sie wieder in die grüne wallende Saat zur Erde herabsteigt, wenn die Sonne zu Rüste gesunken — und ach, warum sie schweigt und sich verbirgt, die lange, die süße Nacht! Geschieht ja doch nichts zwei Mal in dieser Welt, nichts zwei Mal im Herzen des Menschen! – Ein Traum von Glück und Seligkeit! Ein Erwachen, ein Genießen des Seligsten, und ein Verschwinden — und dann eine süße Trauer das übrige Leben lang! So ist es. Muß denn Alles Genuß sein? Ist denn dieser so über Alles kräftig und schön? Ist denn nicht die Hoffnung, die Bereitung viel länger, viel holder ungewiß, und darum tausendfach reicher? Ist denn die Erinnerung — nur an die Wiederholung des wirklich Genossenen oder Geträumten gebannt und davon zehrend — dennoch nicht eine Gegenwart so gut als die Hoffnung, und selbst der Genuß? Ja in der Stunde der höchsten Schwärmerei, steigt der Geist nicht in die vergangenen Tage und knüpft die ahnenden Träume, die in der Phantasie gesehenen Bilder an die jetzt ihm flirrend und unbegreiflich vor Augen schwebenden? — Ich weiß von nichts als von einer Gegenwart im Geiste, wo Alles vor uns steht leuchtender als das Lebendige, das Vergangene und Künftige, wo selbst das Gegenwärtige uns nur vorhanden und lieb wird, wenn wir Gedanken und Sinn darauf kehren. —
        Ach, ich sage das Alles nicht umsonst, und nicht vergeblich, wie ich mich tröste! Denn jenes Glück — es war mir bereitet, es war! Und daß gerade unter allen Erscheinungen, die der Mensch hat, die schönste – die Liebe ihm zwei Mal nahen sollte, das wäre zu viel Seligkeit für ein sterbliches Herz! das hieße die Schätze des Himmels verschwendet, da

 

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jede Blüthe nur ein Mal blüht und dadurch zufrieden gestellt und für ihre Lebenszeit erfüllt ist mit Kraft zum Wachsen, Gedeihen und zur Reife, so daß sie vor Fülle zuletzt selbst vom Zweige fällt, wenn die Natur ihr auch nur einen Mai gewährt, und dann die andern Monden in der Reihe, wie sie ihr nöthig sind. Und so bin ich auf Lebenszeit zufrieden. —
        “Auch hier!“ aber sagt’ ich, o Freund! auch hier in Italien soll das heißen, wo die Liebe unvermuthlich selten ist, und die Ehe der Geister eben so selten; wo nur die Schönheit üppig und überall gedeihet, wie die Orange hier drei und vier Mal des Jahres blüht und reift, um die Hitze der Durstenden in diesem heißen Klima zu kühlen; wo die Schönheit als einzige gnügliche Gabe die Menschen glücklich macht, sie in den Kreis des Hauses, zum eigenen Herde bannt, um den ein reizendes Weib und schöne Kinder spielen, wie das in alten Römertagen nie so der Fall war, nie sein konnte, da die Gedanken auswärts schwebten nach Beute, und der Honigkorb daheim fast leer ohne Bienen stand, nur Zellen für Honig von oben bis unten aus. Menschlich geworden ist hier das Volk durch die Verwandlung der Zeit, durch keine Gabe, keinen Raub der Menschen, und glücklich eingekehrt in die Heimath, und nun erst beseligt durch die Schönheit der Welt, für die es nun einzig Augen und Herz hat.
        Was aber diesen Wandel herbeigeführt, was diese schöne Erde verjüngt, ja herrlicher neu geschaffen, und wenn tausend verödete Landschaften wie die Campagna um Rom dagegen sich hinlegten und zeugten — was die kleine Rosalia selig machte, auch meine schöne Beatrice einen einzigen Kuß lang — das machte mich elend, aber nur durch die sonderbare Verknüpfung der Dinge. Denn der Weltstrom rollt nicht mit Wasser oder Staub, sondern mit heiligen Saamenkörnern aus

 

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der Urwelt; er wirft sie nach und nach aus am Ufer, sie gehen auf und sprossen zur ewig blühenden stehenden Laube, an welcher die Zeit dann machtlos vorüberwallt als immergleiche ruhige Erscheinung eines göttlichen Stromes, und selbst die Kinder setzen spielend ihre Kähnchen darauf und schwemmen sie fort und blicken mit den Augen nach, so weit sie nur reichen.
        Meine Mutter verlangt gleichsam Rechenschaft von mir über mein Leben, indem ich mir doch zur Bedingung gemacht: nicht eher etwas von mir hören zu lassen, bis ich einen Namen hätte! nicht eher in den Besitz meines Vermögens zu treten, bis meine Kunst mich reichlich ernährte! Diese Bedingungen erlauben mir nun zu schreiben, ich kann, ja ich muß es sogar, denn meine Schwestern weinen über mich, weil Euch ein Herr mit nach Hause gebracht: Er habe mich lange zu Rom in Gesellschaft eines schönen, engelgleichen Landmädchens gesehen, das ich für meine Braut ausgegeben und doch nicht geheirathet! zuletzt aber hab’ er sogar ein kleines Wiegenkind bei mir gefunden!
        Das ist Alles wahr, aber es ehrt mich, hoff ich; und daraus, daß ich Dich bitte, Du lieber voller Mond, meiner Mutter und meinen Schwestern zu erzählen oder auch vorzulesen, was ich Dir schreibe, wirst du im Voraus abnehmen, wie unschuldig, wie schön und doch wie traurig das sei, was mich betroffen; und wenn meine strengen Schwestern dennoch wieder weinen, so sage ihnen, es würde mich freuen, wenn sie ihre Thränen zwar weinten, aber nicht verstünden, denn der Glückliche versteht den Unglücklichen nicht!
        Und so entwerfe ich Euch aus meinem Tagebuche eine kleine

 

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Geschichte, setze Ueberschriften über die Capitel, der Freund bist Du, und der Liebende bin ich! Und vergiß nicht der wahren Worte:


O selig, selig
In ew’ger Fülle,
In jedem Wechsel
Die Brust, die liebt!



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